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DER SPIEGEL

Weimarer Lebenswelten

Der Sozialstaat entwickelte sich, aber alte Klassen blieben erhalten.
Im siebten Jahr der Republik, als ihr erster Präsident Friedrich Ebert starb, war die deutsche Gesellschaft tief gespalten. 45 Prozent der Erwerbstätigen waren Arbeiter, die meisten von ihnen links orientiert, viele lebten in armseligen Verhältnissen wie in jener Elendsunterkunft (vorige Seite) im Inflationsjahr 1923. Daneben standen die Mittelschichten, die Hauptklientel des Liberalismus, aber auch der Deutschnationalen. Als es nach der Währungsreform aufwärtsging, feierte man gern etwas großzügiger, wie diese Kölner Familie 1924 Silberhochzeit (vorige Seite).
Die alte Oberschicht aus Großagrariern, Wirtschafts- und Bildungsbürgertum, Beamten und Offizierskorps hatte ihren politischen Einfluss 1918/19 mit der Revolution weitgehend verloren, gewann ihn aber unter dem erzkonservativen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zurück, der 1925 auf Ebert folgte. Sie verachtete die politischen Aufsteiger in Parlament und Regierung. Selbstbewusst zeigte sie ihren Reichtum und ihre Dominanz wie bei dem Ausflug ins Grüne (1932). Der Badewagen war in Mode, wer es sich leisten konnte, machte Sommerurlaub am Ost- oder Nordseestrand (um 1932). "Die deutsche Gesellschaft der Weimarer Jahre war eine Klassengesellschaft, auch wenn sich eine Mehrheit der Deutschen gegen diesen Begriff verwahrt haben würde", bilanziert der Historiker Heinrich August Winkler. Aber gleichzeitig bildete sich "eine neue konsum- und freizeitorientierte Massenkultur heraus, die Klassen- und Milieukulturen gewissermaßen unterspülte".

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2014
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