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DER SPIEGEL

SeitenblickAufbruch ins Kampfgelände

Rechte Intellektuelle befeuerten früh die Ablehnung der Weimarer Demokratie. Auch totalitäre Visionen wurden schon laut.
Das Grauen des Krieges war noch nicht ausgestanden, da erschien im Sommer 1918 in Wien der erste Band eines Werkes, dessen Titel sofort zum düsteren Leitwort avancierte - "Der Untergang des Abendlandes". Viele, die ihre Reichsideale, ihren Nationalstolz, ja ihren Glauben an die große Aufgabe der Kulturnation Deutschland trotz aller Demütigungen nicht aufgeben mochten, fanden in Oswald Spenglers Geschichtsbild das Echo ihrer metaphysischen Verzweiflung.
Als "eine deutsche Philosophie" verkündete Spengler, sehr frei nach Nietzsche, im Grunde die Ergebung in das welthistorische Schicksal. Kulturen existieren wie Pflanzen, zweckfrei, allein ihrem inneren Gesetz folgend; oft endet solch ein Über-Lebewesen als verholztes Gerippe, das nur dank eines brutalen "Cäsarismus" wie ein abgestorbener Baumriese noch jahrhundertelang imperial dastehen kann.
So herbe die Botschaft klang, als Aufruf zu fatalistischem Mut angesichts der "Krisis der Gegenwart" wurde "Der Untergang des Abendlandes" ein Bestseller. Wer Völker und Kulturen nicht bloß als Etappen auf dem Weg zur heilen Gesamtwelt ansah, fand darin suggestive Stichworte. Und schon 1919 wurde Spengler konkreter. In der Thesenschrift "Preußentum und Sozialismus" behauptete er, der "wirkliche, instinktive Sozialismus" sei ein "Ausdruck altpreußischen Wesens". Diese konservativ gedrehte Kollektivstaatsidee müsse man schleunigst "gegen das innere England", für ihn die zersetzend merkantile, liberalistische Global-Zivilisation in Stellung bringen.
"Im Herzen des Volkes ist Weimar gerichtet. Man lacht nicht einmal. Der Abschluss der Verfassung stieß auf absolute Gleichgültigkeit", notierte Spengler kühl. "Der Parlamentarismus wird bei uns immer ein System von Äußerlichkeiten bleiben." Das sprach den vielen Demokratieskeptikern aus der Seele.
Überzeugend klang für sie auch der Appell am Schluss: "Erzieht euch selbst! Werdet Männer! Wir brauchen keine Ideologen mehr, kein Gerede von Bildung und Weltbürgertum und geistiger Mission der Deutschen. Wir brauchen Härte, wir brauchen eine tapfre Skepsis, wir brauchen eine Klasse von sozialistischen Herrennaturen. Noch einmal: Der Sozialismus bedeutet Macht, Macht und immer wieder Macht."
Spenglers Umwertungsversuch appellierte an soldatische Gemeinschaftsinstinkte oberhalb politischer Programme. Das kam an, denn der Deutungshunger war gewaltig. Eingefleischte Monarchisten, wissenschaftsgläubige Rassisten, jugendbewegte Vorkämpfer einer neuen Aristokratie, enthusiastische Leser Nietzsches ("Der Wille zur Macht"), Sinnsucher verschiedenster Couleur bis hin zum kulturbesorgten Bildungsbürger - alle sehnten sich nach weltanschaulichem Halt, nach Leitbildern, die das verstörend bunte Geistesleben neu ordnen und den flüchtig-wirren Alltag überhöhen könnten.
"Schöpferische Erkenntnis", "konservative Revolution" und zahllose andere Slogans wetteiferten miteinander. Besonders wirkungsvoll wurde die 1923 erschienene Schrift "Das dritte Reich". Ihr Autor, der Publizist Arthur Moeller van den Bruck, bot den Lesern Polemik und Thesen zugleich: Damit "deutsche Zerrüttung und Zwieschaft" aufhöre, müsse als Erstes das "Käfigdasein" im Bann der Versailler Verträge beendet werden.
Echte Demokratie, so Moeller, sei "Anteilnahme eines Volkes an seinem Schicksal"; im Hickhack der Parteien aber gehe unter, dass jede Nation eine "Wertungsgemeinschaft" sei. Am Liberalismus gingen "die Völker zugrunde". "Die Zukunft gehört nicht dem Problematiker, sondern dem Charakter", und: "Wir haben die Wächter zu sein an der Schwelle der Werte" - solche pathetischen Rufe sollten "Streiter für das Endreich" gewinnen, wie immer es genau aussehen mochte.
Gemäßigte Konservative hatten es schwer gegen die aggressive Rhetorik. Vergebens, dass der weitblickende Religions- und Kulturphilosoph Leopold Ziegler 1925 in einem zweibändigen Werk mahnte, sich erst einmal auf das "Das heilige Reich der Deutschen", auf Ursprünge und Traditionen zu besinnen. Auch als der Dichter Hugo von Hofmannsthal 1927 an "Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation" erinnerte, blieb die Resonanz verhalten. Politische Polarisierung und Wirtschaftskrise spielten den antibürgerlichen Aktionisten in die Hände.
Als die Stimmung noch weiter aufgeheizt war, im Notverordnungs-Chaos von 1932, meldete sich dann Ernst Jünger zu Wort. Der ehemals tollkühne Sturmtruppführer, durch ästhetizistische Kriegserinnerungen ("In Stahlgewittern") und stramm nationalistische Prosa zu einem Star der neuen Rechten aufgerückt, wollte Hader und Palaver des Tages diagnostisch überbieten. Sein Buch "Der Arbeiter" entwarf einen planetarischen Führerstaat mit Gleichschaltung aller Kräfte unter dem Motto der "totalen Mobilmachung".
Hatte Spengler schon 1919 getönt, Staaten seien "um des Krieges willen da" und "Ideen, die Blut geworden sind, fordern Blut", so verlangte Jünger nun "Opfer", ja "Blutopfer" für jenes "neue Menschentum", das aus dem "Untergang der Masse und des Individuums" zur neuen "Gestalt" des Arbeiters führen solle. Visionen vom "Anblick nackter, sehr gleichmäßig gezüchteter Körper", vom "Kampfgelände" und selbst vom "totalen Kriege" durchzogen das Werk, das ausdrücklich für die "Zerstörung der Erziehungsarbeit" plädierte, "die das bürgerliche Zeitalter am Menschen geleistet hat". Dazu zählte für Jünger auch die Trockenlegung des "Sumpfes der freien Meinung", dessen Atmosphäre allerdings besser gleich "durch Explosionen gereinigt" werde.
Abschaffung der Privatsphäre, Absage an bürgerliche Werte, an Individualität und Meinungsfreiheit, überhaupt an jede öffentliche Vielfalt zugunsten von "männlichen und unbedingten Wertungen", martialische Leerformeln wie "Stählung der Waffen und Herzen" unter dem dumpfem Gedröhn des Gleichschritts: Mit seiner erbarmungslosen Aufmarschfantasie hatte Jünger die längst auf den Straßen agierenden braunen Bataillone tatsächlich rechts überholt.
Es ist ein schwacher Trost, dass 1932 auch ein Traktat erschien, das eindringlich vor "Bildungsabbau und Kulturhass" warnte und gegen die "goetheferne Konstellation" des Augenblicks zu einem neuen Humanismus aufrief. Das Buch hieß "Deutscher Geist in Gefahr" - doch so nobel sein Autor, der Romanist Ernst Robert Curtius, von maßvoll konservativer Warte aus zu argumentieren versuchte, so rasch war seine Stimme im Lärm der Ultranationalisten verhallt.
Von Johannes Saltzwedel

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2014
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