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DER SPIEGEL

Der große Showdown

Nach einer raschen Folge militärischer Rückschläge der „Achsenmächte“ lud US-Präsident Roosevelt zur Konferenz von Casablanca. Dort erklärte er die „bedingungslose Kapitulation“ Deutschlands zum Kriegsziel.
Noch nie war ein amtierender US-Präsident mit dem Flugzeug gereist, der Geheimdienst hielt es für ein zu gefährliches Transportmittel. Noch riskanter als Fliegen wäre freilich eine Atlantik-Überquerung per Schiff gewesen - deutsche U-Boote machten den Ozean unsicher. Für den durch Kinderlähmung gehandicapten Franklin D. Roosevelt bedeutete die Passage eine besondere Strapaze.
Doch Roosevelt wollte unbedingt diesen Konferenzort: Casablanca. Die marokkanische Metropole sollte einen Wendepunkt des Krieges markieren. Hier plante der amerikanische Präsident mit seinem Verbündeten, dem britischen Premier Winston Churchill, die Weichen für die weitere Kriegs- und auch schon für die Nachkriegszeit zu stellen.
Erst Anfang November 1942 waren alliierte Truppen im nordwestlichen Afrika gelandet. Sie hatten die Armee der mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regierung, die über die französischen Kolonien Marokko und Algerien geherrscht hatte, geschlagen. Von hier aus sollte der Krieg, den Hitler in die Welt getragen hatte, nun auf das europäische Festland zurückkehren.
Zur Einstimmung hatte sich Roosevelt zwischen Weihnachten und Neujahr den soeben angelaufenen Film "Casablanca" mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman angesehen.
Am Morgen des 11. Januar 1943 bestiegen Roosevelt und seine Entourage in Miami zwei viermotorige Flugboote vom Typ Boeing 314s; die U. S. Navy hatte die seinerzeit größten kommerziellen Fluggeräte von Pan American gechartert. Damit flog die Regierungsdelegation, mit Zwischenstopp in Trinidad, entlang der südamerikanischen Küste und auf der kürzesten Atlantikroute zur britischen Kolonie Gambia in Westafrika. Den letzten Teil der Strecke legten Roosevelt und seine Begleiter in einem C-54-Transportflugzeug der U. S. Army zurück. Am Abend des 14. Januar traf Roosevelt in Casablanca ein.
Der britische Premier Churchill, der tags zuvor angekommen war, begrüßte seinen Waffenbruder am Tagungsort, dem luxuriösen Anfa-Hotel. Eine knappe Stunde nach Roosevelts Eintreffen begann die Konferenz mit einem Candle-Light-Dinner.
Als Roosevelt aus Washington abreiste, hatte er noch gehofft, dass auch Sowjetführer Josef Stalin oder wenigstens Außenminister Wjatscheslaw Molotow nach Casablanca kämen. Aber der Kreml entsandte nicht mal einen Beobachter. Stalin begründete sein Fernbleiben damit, dass er mitten in der Schlacht um Stalingrad sein Land nicht verlassen könne.
Die Konferenz dauerte 13 Tage. Am 24. Januar wurden 50 Journalisten zu einer Pressekonferenz mit den beiden Regierungschefs eingeladen. Sie bestürmten Roosevelt mit Fragen, wie er sich die künftige Deutschlandpolitik vorstelle. Da gab der Präsident die Parole aus: Von nun an gebe es nur noch ein Kriegsziel - die "bedingungslose Kapitulation" der "Achsenmächte" Deutschland, Italien und Japan.
Churchill zeigte sich überrumpelt. Doch in Wirklichkeit war die scheinbar spontane Aktion Roosevelts das Ergebnis von mehr als einjährigen gemeinsamen Überlegungen Washingtons und Londons.
Hitlers Achsenmächte, die noch ein Jahr zuvor im Zenit ihrer Okkupationserfolge gestanden und sich, jedenfalls geografisch, der Weltherrschaft genähert hatten, waren in jüngster Zeit entscheidend geschwächt worden:
‣ Die Überlegenheit der Japaner im See-Luft-Krieg war Anfang Juni 1942 in der Schlacht bei den Midway-Inseln gebrochen worden.
‣ Der britische Befehlshaber Bernard Montgomery hatte im November bei al-Alamein die Stellungen von General Erwin Rommel durchbrochen; das Afrikakorps des legendären "Wüstenfuchses" musste sich zurückziehen.
‣ Drei Wochen später hatte die Rote Armee den Ring um Stalingrad geschlossen und die deutsche 6. Armee sowie befreundete Einheiten mit rund 250 000 Mann eingekesselt.
Selten hatte ein Aggressor eine solche Abfolge militärischer Desaster erlebt. Und Roosevelt reagierte sofort. Seine Verlautbarung stellte klar: Ein Verhandlungsfrieden mit Deutschland war von nun an nicht mehr möglich.
Propagandaminister Joseph Goeb-bels schlachtete die Formel von der "bedingungslosen Kapitulation" für seine Zwecke sogleich aus und ließ behaupten: "Roosevelt verlangt Vernichtung des deutschen Volkes." Damit mobilisierte er den Durchhaltewillen seiner Landsleute. Mit einer demagogischen Rede am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast rief er den "totalen Krieg" aus und erntete tosende Begeisterung.
Die alliierte Forderung nach Unterwerfung erschwerte Versuche der Widerstandsgruppen in Deutschland, Unterstützer zu gewinnen. Viele der militärischen Befehlshaber waren nur für einen Staatsstreich zu motivieren, wenn ein von Hitler befreites Deutschland souverän hätte bleiben können - das war jetzt illusorisch geworden. Auch eine Regierung aus Nazi-Gegnern hätte bedingungslos kapitulieren müssen.
Roosevelt und Churchill waren sich einig, den strategischen Bombenkrieg zu intensivieren, um die immer noch wachsende deutsche Rüstungsindustrie zu schwächen und die Kriegsmoral der Bevölkerung durch Luftangriffe auf deutsche Großstädte zu zerstören. Zugleich sollten die Offensiven im Pazifik verstärkt werden, um eine Entscheidung gegen Japan zu erzwingen.
Beschlossen wurde in Casablanca auch, die Invasion in Nordfrankreich auf das Frühjahr 1944 zu verschieben und die Kriegsanstrengungen der Westalliierten zunächst auf das Mittelmeer zu konzentrieren. Churchill beharrte darauf, erst Italien anzugreifen, da der römische Faschistenführer Benito Mussolini - Rivale Großbritanniens im Mittelmeer und in Afrika - so zur Kapitulation gezwungen werden könne. Damit würden auch die Stützpunkte der alliierten Bomberflotten näher an Deutschland heranrücken.
So kennzeichnet die Konferenz von Casablanca den Anfang vom Ende des Nazi-Reichs. Sie half, die Kräfte der Alliierten zu bündeln. Der große Showdown begann.
Anfang Februar 1943 räumten die Japaner die heftig umkämpfte Salomon-Insel Guadalcanal - ein Wendepunkt im pazifischen Krieg. Einen Tag später ergaben sich die Reste der 6. Armee in Stalingrad. Und am 13. Mai kapitulierten in Nordafrika die letzten deutsch-italienischen Einheiten im sogenannten Brückenkopf Tunesien.
Im Juli 1943 landeten die Alliierten auf Sizilien, zwei Monate später auf dem italienischen Festland. Am 3. September schloss der Nachfolger des gestürzten "Duce" Mussolini, Pietro Badoglio, mit Briten und Amerikanern Waffenstillstand. Stück um Stück drängten die Alliierten die in Italien eingefallene Wehrmacht nordwärts zurück.
Nun war es für die Oberfeldherrn Churchill und Roosevelt an der Zeit, auch mit Stalin den entscheidenden Schlag gegen Hitler zu beschließen. Doch wie wenig die drei außer dem Kampf gegen den gemeinsamen Feind verband, zeigte sich schon im Vorfeld des avisierten Gipfeltreffens. Um den Tagungsort entbrannte ein regelrechter Psycho-Krieg, den Stalin schließlich für sich entschied. Roosevelt hatte für Kairo votiert, Churchill für Habanija nahe Bagdad, auch Ankara und Asmara in Eritrea waren im Gespräch, selbst ein Treffen auf einem Kreuzer im Mittelmeer wurde erwogen.
Obwohl Stalin am stärksten unter Zeitdruck stand - seine Soldaten kämpften auf breiter Front allein gegen die deutschen Truppen -, taktierte er nervenstark und beharrte auf dem von ihm vorgeschlagenen Konferenzort Teheran, wo sowjetische Späher in großer Zahl vertreten waren. Weiter, behauptete der Marschall, könne er sich als oberster Kriegsherr nicht von Moskau entfernen. Vom sowjetischen Baku flog Stalin schließlich, begleitet von 27 Jagdflugzeugen, nach Teheran.
Doch er hatte wohl auch eine List im Sinn. Noch vor Eröffnung der Konferenz am Nachmittag des 28. November 1943 konnte Stalin unter Hinweis auf angebliche Attentatspläne deutscher Agenten in der iranischen Hauptstadt den US-Präsidenten dazu bewegen, sich im Gästehaus der sowjetischen Botschaft einzuquartieren, in direkter Nachbarschaft der britischen Vertretung. Die amerikanische Botschaft, hatte der Marschall gewarnt, sei zu entlegen, das Pendeln für die Konferenzteilnehmer zu gefährlich.
Roosevelt ließ sich darauf ein, möglicherweise geradezu fahrlässig, wohl wissend, dass alle internen Gespräche der amerikanischen Delegation abgehört wurden - manche US-Historiker glauben, er habe sein Entgegenkommen als vertrauensbildende Maßnahme gegenüber Stalin einsetzen wollen, der seinen westlichen Verbündeten zutiefst misstraute. Zu lange schon fühlte er sich von ihnen hingehalten.
Der Sowjetführer wollte seine Armee nicht länger allein den Blutzoll im Kampf gegen Hitler zahlen lassen. In Teheran drängte Stalin auf eine verbindliche Zusage für die Eröffnung einer "zweiten Front" im Westen, die seine Männer entlasten sollte.
Nach drei Tagen hatten sich die obersten Feldherrn am 30. November, Churchills 69. Geburtstag, "über die wichtigsten militärischen Probleme geeinigt", wie Roosevelt verkündete. Die Operation "Overlord", das größte Landungsunternehmen aller Zeiten, sollte spätestens Anfang Juni 1944 in der Normandie beginnen.
Einig waren sich die Alliierten, dass Deutschland auf Dauer geschwächt werden müsse, um den Frieden in Europa für die nächsten Jahrzehnte zu sichern. Deshalb sollte das besiegte Land für längere Zeit besetzt und anschließend in mehrere Staaten aufgeteilt werden.
Die "Großen Drei" stimmten überein, dass Polen auf Kosten Deutschlands entschädigt werden sollte. Stalin schlug am 28. November 1943 als Erster die Grenze an der Oder vor. Der Kremlherrscher wollte aber auch den Ostteil Polens behalten, den ihm Hitler schon 1939 zugestanden hatte und in dem vor allem Ukrainer und Weißrussen lebten.
Doch die westlichen Verbündeten sträubten sich noch. "Ich bin nicht vom Parlament ermächtigt", wehrte Churchill den ungeduldigen Stalin ab, "mich auf bestimmte Grenzlinien festzulegen, wahrscheinlich auch Präsident Roosevelt nicht." Der Brite flüchtete sich ins Philosophische: "Nichts ist endgültig, die Welt ist im Fluss."
Churchill wusste, dass es schwer sein würde, die polnische Exilregierung in London für diese Idee zu gewinnen - was ihm auch nicht gelang. Stalin präferierte ohnehin eine von ihm eingesetz-te "polnische provisorische Regierung". Die hatte keine Probleme wegen der neuen Grenzen.
Prinzipiell war der britische Premier jedoch einverstanden, dass Polen nach Westen wandert, "wie Soldaten, die zwei Schritte nach links aufschließen". Wenn Polen "dabei auf einige deutsche Zehen tritt", meinte Churchill ohne Bedauern, "kann man das nicht ändern".
Er legte drei Streichhölzer nebeneinander auf den Tisch, die Deutschland, Polen und die Sowjetunion symbolisierten. Verrückte er das sowjetische nach Westen, schob er die anderen zwei davor her. "Das amüsierte Stalin", erinnerte sich Churchill später, "und in dieser Stimmung gingen wir einstweilen auseinander."
Stalin scherte sich wenig um die Meinung seiner westlichen Waffenbrüder. Schließlich waren es die Truppen der Roten Armee, die unter großen Opfern die entscheidenden Schlachten des Zweiten Weltkriegs geschlagen hatten, nicht die der westlichen Verbündeten. Der Westen hatte sich entschieden, zuerst die französischen Kolonien in Nordafrika zu befreien, Italien aus der Allianz der "Achsenmächte" herauszubrechen und erst im Juni 1944 an der nordfranzösischen Kanalküste zu landen.
Ende Juli 1944 zeichnete Stalin in eine russische Deutschland-Karte - die erst vor wenigen Jahren im Russischen Staatsarchiv wiederentdeckt wurde - mit blauem Stift die künftigen Grenzen Polens ein. Die heutige Ostgrenze Polens verläuft genau so, wie Stalin sie damals markiert hat. Die polnische Westgrenze stellte sich Stalin indes weiter östlich vor, als sie jetzt besteht: von der Ostsee, zwischen Swinemünde und Stettin, entlang der Oder bis zum Städtchen Ohlau, etwa 30 Kilometer südöstlich von Breslau. Später verschob er die Grenzlinie westwärts erst zur Glatzer Neiße, dann noch weiter zur Lausitzer Neiße.
Es war ein zynisches Kalkül. Stalin kannte die Feindschaft der Polen gegenüber den Sowjets. Im Frühjahr 1940 hatte er fast 22 000 gefangene polnische Soldaten, zumeist Offiziere, in Katyn und anderen Orten bei Smolensk erschießen lassen. Die Deutschen hatten die Massengräber 1943 entdeckt, seither ahnten die Polen, wer die Mörder waren.
Stalin verfolgte beharrlich seine Kriegsziele: die militärische Niederwerfung und Aufteilung Deutschlands, die Zerschlagung der deutschen Industrie sowie das "Zurückdrängen" der deutschen Siedlungsgebiete nach Westen.
Auf die Frage, was mit den Deutschen aus den Polen eingegliederten Gebieten geschehen solle, sagte Stalin im Mai 1944 zu Oskar Lange, einem polnischen Wirtschaftswissenschaftler deutscher Abstammung: "Wir nehmen einen Teil der Deutschen zu uns zur Arbeit. Einen Teil der Deutschen kann man nach Südamerika schicken. Sollen doch die Deutschen Platz machen. Sie sind es ja, die die ganze Welt zwingen, Platz zu machen."
So rigide wie der Sowjetführer wollte auch mancher Amerikaner in der Roosevelt-Administration mit den Deutschen verfahren.
Finanzminister Henry Morgenthau, ein Freund und früherer Nachbar des Präsidenten, gehörte zu den Politikern, die den Aggressor hart abstrafen und ein militärisches Wiedererstarken Deutschlands ein für alle Mal ausschließen wollten. "Fall und Buße" sollten möglichst tief sein. Im State Department dagegen herrschte seiner Ansicht nach ein Appeasement-Geist.
Morgenthaus Plan sah unter anderem eine Deindustrialisierung des besiegten Nazi-Reichs vor: "Deutschlands Weg zum Frieden liegt auf dem Bauernhof", war seine Überzeugung. Für die zu erwartende hohe Arbeitslosigkeit in einem zum Agrarland geschrumpften Deutschland hatte Morgenthau auch eine Lösung parat: Millionen Deutsche sollten in Arbeitsbataillonen zusammengefasst werden, um in ganz Europa die Schäden zu reparieren, die Hitlers Heere angerichtet hatten.
Anfangs unterstützte Roosevelt den Plan. Bei einem Treffen mit Churchill im September 1944 in Quebec erreichte er das Einverständnis des Briten-Premiers zu Morgenthaus Planungen, die "aus Deutschland ein Land von im Wesentlichen landwirtschaftlichem und Weidecharakter" machen sollten.
Doch nachdem Details durchgesickert waren und in der amerikanischen Öffentlichkeit zu einem Aufschrei der Empörung geführt hatten, distanzierte sich der Präsident von seinem Freund: "Henry Morgenthau hat einen Bock geschossen", sagte Roosevelt zu Kriegsminister Henry Stimson. Bereits Ende Oktober 1944 war Morgenthaus Plan Makulatur.
Trotzdem war er Wasser auf Goebbels' Propaganda-Mühlen: "Wir haben in den vergangenen Tagen die Feindpläne zur Genüge kennengelernt: den Plan des Juden Morgenthau, dass 80 Millionen Deutsche ihrer Industrie beraubt würden und Deutschland zu einem einzigen Kartoffelfeld gemacht werde."
Dass das durch die geplanten Gebietsabtretungen an Polen verkleinerte Deutschland auch noch die von dort Vertriebenen - "Umsiedler" lautete die später in der DDR übernommene verharmlosende Sprachregelung - aufnehmen müsste, schreckte Churchill nicht. Jetzt, sagte er im Oktober 1944 zu Stalin, werde es für Deutsche in Deutschland genug Lebensraum geben, nachdem die Verbündeten etwa acht Millionen Deutsche vernichtet hätten.
In der amerikanischen Regierung setzte sich unterdessen die Erkenntnis durch, dass die wachsenden Differenzen mit Stalin es erforderten, über Deutschland als einen künftigen Verbündeten bei der Abwehr des Kommunismus nachzudenken. Denn Stalin, der 1941 noch froh gewesen wäre, nur die Grenzen der Sowjetunion gegen den Angreifer Hitler zu sichern, wollte nun einen großen Teil Europas unter seinen Einfluss bringen.
Roosevelt hatte den schnauzbärtigen Sowjetführer schon im Sommer 1944 zu einem weiteren Dreiergipfel aufgefordert. Doch Stalin zierte sich lange, lehnte nacheinander Malta, Zypern, Italien und Griechenland als Konferenzschauplätze ab. Und während die Zeit verging, rückte die Rote Armee weiter auf Berlin vor.
Mitte Dezember 1944 schließlich schlug Stalin Jalta, den Nobelkurort der Zarenzeit, als Konferenzort vor - eine mit Palmen und Zypressen bestandene Oase inmitten der kriegszerstörten Ruinenlandschaft der Krim.
Bis zum Mai 1944 hatte dort noch die Wehrmacht geherrscht, hatten Nazi-Ideologen vom "deutschen Gibraltar" am Schwarzen Meer geträumt, von Kraft-durch-Freude-Touristen an der Küste "Tauriens" und davon, dass aus Simferopol und Sewastopol nach Hitlers Willen Gotenburg und Theoderichhafen werde.
Das Gipfeltreffen von Jalta begann am 4. Februar 1945, einem kalten Wintertag, als der von schwerer Krankheit gezeichnete amerikanische Präsident nach beschwerlicher Reise mit Stalin und Churchill im Liwadija-Palast zusammentraf, einem Prachtbau, den der letzte Zar an der Steilküste der Krim hatte errichten lassen.
Die Rote Armee, überlegen an Panzern und Geschützen, hatte zu diesem Zeitpunkt die Oder stellenweise schon überschritten und zur letzten Großoffensive angesetzt - bis Berlin waren es nur noch rund 70 Kilometer. Dagegen kämpften die westalliierten Truppen, nachdem die deutsche Ardennen-Offensive Ende 1944 sie zurückgeworfen hatte, noch immer mehr als 40 Kilometer westlich des Rheins, mehr als 600 Kilometer von der deutschen Reichshauptstadt entfernt.
In Jalta verhandelten die westlichen Staatsmänner also wie schon früher bei westlich-sowjetischen Gipfeln im Bewusstsein einer mindestens momentanen militärischen Schwäche. Stalins Truppen standen in Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die dortigen Eliten bereits unter dem Druck der sowjetischen Geheimpolizei. Sowjetfreundliche Exilpolitiker aus der Tschechoslowakei hielten sich bereit für die Zeit nach dem Krieg.
Hinzu kam, dass es mit Roosevelts Gesundheit seit einem Jahr steil bergab gegangen war. Infektionskrankheiten schwächten den ohnehin durch Polio behinderten Politiker weiter. Dennoch hatte er sich, um über Hitler zu triumphieren, im November 1944 erfolgreich zur Wiederwahl für eine vierte Amtszeit gestellt - die Begrenzung auf zwei Amtsperioden für US-Präsidenten wurde erst 1947 durch eine Verfassungsergänzung eingeführt.
In Jalta musste Roosevelt außerhalb der offiziellen Sitzungen die meiste Zeit im Bett verbringen. Sein Vertrauter Harry Hopkins bezweifelte später, dass der Chef "mehr als die Hälfte von dem mitbekam, was am Verhandlungstisch vor sich ging".
Roosevelt schmeichelte auf der Konferenz dem Sowjetführer, den er kumpelhaft "Uncle Joe" nannte. Er brauchte den Georgier noch als Verbündeten im pazifischen Krieg und als Partner für die Gründung der Vereinten Nationen, mit der er noch vor Kriegsende den Weltfrieden sichern wollte.
Die Westmächte erhielten von Stalin die Bestätigung seiner schon in Teheran gegebenen Zusage, drei Monate nach der Kapitulation Deutschlands in den Krieg gegen Japan einzutreten. Dass die Atombombe funktionieren könnte, an denen amerikanische Wissenschaftler unter Hochdruck arbeiteten, wusste der Präsident zu dieser Zeit nicht.
Für die Vereinten Nationen erzielten die "Großen Drei" einen Kompromiss in der Frage der Mitgliedschaft einerseits und des Abstimmungsverfahrens im Sicherheitsrat andererseits. Das bislang nur paraphierte Übereinkommen über die Bildung von Besatzungszonen einschließlich einer Vier-Mächte-Besetzung Berlins und die gemeinsame Verwaltung Deutschlands durch die Siegermächte wurde in aller Form verabschiedet. Frankreich erhielt auf britisches Drängen eine eigene Besatzungszone im Südwesten Deutschlands.
Für Polen blieb es bei der schon in Teheran vereinbarten Westverschiebung. Als Ostgrenze wurde die von Stalin geforderte Curzon-Linie bestätigt. Über den Verlauf der Westgrenze, für die Stalin jetzt zum ersten Mal die Lausitzer Neiße forderte, kam keine Einigung zustande.
Am 1. März 1945 präsentierte Roosevelt beiden Kammern des amerikanischen Parlaments die Ergebnisse von Jalta. Er war jedoch nun so schwach, dass er sich erstmals im Rollstuhl ans Rednerpult fahren lassen musste.
Während Franklin D. Roosevelt seine neue Weltordnung vorstellte, verrannte sich Adolf Hitler in eine Politik der Selbstzerstörung. Wenn die Deutschen versagen und den Krieg verlieren, dann hatten sie nach seiner Ideologie nichts anderes als den Untergang verdient. Hitler erließ den - von Rüstungsminister Albert Speer dann unterlaufenen - "Nero"-Befehl zur Zerstörung der Infrastruktur und der Industrie.
"Alles ist denkbar", hatte Hitler im November 1939 gesagt, "eine Kapitulation niemals! Man soll sich das ja aus dem Kopf schlagen!"

OPERATION "MINCEMEAT"
Kriegslist
Am 30. April 1943 zog ein Fischer vor der südwestspanischen Küste eine Leiche aus dem Wasser. Der Tote trug eine Uniform der britischen Marine, seine Papiere wiesen ihn als Major William Martin aus. An einer Kette um seinen Bauch war eine Aktentasche befestigt. Der Leichenfund erregte auch die Neugier deutscher Geheimdienstagenten, die mit Hilfe spanischer Militärs Zugang zum Inhalt der Aktentasche bekamen. Darin fand sich ein Brief an den britischen General Harold Alexander in Tunesien, aus dem hervorging, dass die Alliierten von Nordafrika aus einen Angriff auf das von deutschen Truppen besetzte Griechenland und Sardinien planten. Daraufhin beorderte Hitler dorthin Verstärkung. Tatsächlich landeten Briten und Amerikaner am 10. Juli 1943 jedoch auf Sizilien - die Deutschen waren auf eine gezielte Desinformation des britischen Geheimdienstes unter dem Codenamen Operation "Mincemeat" (zu deutsch: Hackfleisch) hereingefallen. Der Tote aus dem Meer war ein geistig verwirrter Obdachloser aus London gewesen, der an Rattengift gestorben war.
Von Norbert F. Pötzl

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2010
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