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DER SPIEGEL

Diva mit Kriegsnarben

Sie war so berühmt wie heute Madonna und verführerischer als Greta Garbo. Als US-Soldatin bot Marlene Dietrich sogar Hitler die Stirn.
"Ich bin, Gott sei Dank, Berlinerin." Das abgewandelte Kennedy-Bekenntnis stellte "la Dietrich" ihren Memoiren vorweg. Sie schrieb sie auf Französisch, denn diese Berlinerin gehörte der Welt: Pariser Wohnsitz, amerikanischer Pass, Ehrenauszeichnungen der USA, Frankreichs, Belgiens und Israels wegen ihres Einsatzes gegen Hitler. Als sie im Nachkriegsdeutschland bei Gastspielen bespuckt wurde, kehrte sie der Heimat den Rücken.
Doch im Herzen blieb sie Berlinerin, Kind einer Stadt, die in den Zwanzigern "allem voraus" war, wie sie fand. "Es gab alles, was Menschen begehrten, in der Kunst. Die großen Theater von Max Reinhardt, große Film-Studios, große Filme. Es gab die schönsten Lokale, auch schwule Lokale. Berlin war eine Großstadt - produktiv und reich an Ideen, ... reich an Idealen und zugleich praktisch, eine nie erreichte Kombination!"
Maria Magdalena Dietrich, geboren 1901, stammte aus preußisch-bürgerlichen Verhältnissen. Der Vater, ein Polizist, starb früh, doch die Mutter boxte ihre zwei Töchter allen Weltkriegsnöten zum Trotz ganz allein durchs Gymnasium.
Marlene wollte Geigerin werden; an der Musikhochschule in Weimar übte sie fünf Stunden täglich. Dorthin wurde die 17-Jährige wegen ihrer "Schlafzimmeraugen" verbannt: Ein junger Studienrat hatte so offen auf ihre Blicke reagiert, dass er entlassen wurde.
Zurück in Berlin, engagierte ein Stummfilmorchester die 20-Jährige. Doch nach vier Wochen flog sie raus - ihre Beine brachten die übrigen Musiker aus dem Takt. Konsequent begann die junge Frau, aus ihrer Wirkung Kapital zu schlagen. Als "Girl vom Kurfürstendamm" zeigte sie bald in Revuen Bein. Tagsüber nahm sie Schauspielunterricht an der Max-Reinhardt-Schule; abends hetzte sie als Nebendarstellerin von Bühne zu Bühne.
Politik interessierte sie nicht. "Wie alle jungen Mädchen wusste ich wenig über die Ereignisse, die sich außerhalb des engen Rahmens meiner kleinen Welt zutrugen." Mit 21 heiratete sie den Produktionsassistenten Rudolf Sieber und bekam ein Kind. Der Hausfrau-und-Mutter-Rolle entledigte sie sich rasch. Zwar hielt die Ehe bis zu Siebers Tod 1976: als Partnerschaft, in der beide andere Bettgenossen hatten; sie selbst auch mal weibliche.
1929 sah Josef von Sternberg, 35-jähriges Regietalent aus Hollywood, Dietrich in einer Revue. Er war hingerissen. Diese Frau hatte alles, wonach er fahndete: Schönheit, Sinnlichkeit und eine Stimme, die zwischen Whisky und Wein oszillierte. Und sie parlierte Englisch.
Bei Sternbergs Probeaufnahmen steht die junge Schauspielerin lässig am Klavier, raucht und fängt an zu singen, "You're the Cream in my Coffee". Plötzlich verengen sich die Augen, und sie faucht den unbegabten Klavierspieler an: "Mensch! Was fällt dir ein? Zu dem Dreck soll ich singen? Ja, auf dem Waschtrog! Vastehste? Dussel!"
Das war der rotzige Sound der "Lola", des Stars im "Blauen Engel", den Sternberg suchte. Den amerikanischen Bossen bei Paramount verkaufte Sternberg die bis dato Unbekannte als "Garbo-ähnliche Schönheit". Greta Garbo war bei der Konkurrenz unter Vertrag.
Während der Film in Deutschland zum Kassenschlager avancierte, war die Hauptdarstellerin bereits auf dem Schiff nach Amerika. Hollywood rief. Schon mit dem ersten US-Film, "Morocco" (1930), wurde Marlene Dietrich zum Weltstar wie heute Madonna. Sie holte die Tochter nach, ließ sich in Los Angeles nieder, mit Bodyguards, Rolls-Royce - und einer nicht abreißenden Schar von Liebhabern, darunter Gary Cooper und Erich Maria Remarque.
Früh begriff sie, was in Deutschland geschah. Viele Filmleute waren Juden, auch Josef von Sternberg. Deutschlands verfemte Künstler strömten ins Exil. Ihr Mann setzte sich nach Paris ab.
Dietrich war die bestbezahlte Filmschauspielerin ihrer Zeit. Sie half den Flüchtlingen aus Nazi-Deutschland mit Geld, bekochte sie, suchte Arbeit für sie. 1937 beantragte sie die US-Staatsbürgerschaft. Bis zur Anerkennung musste sie den deutschen Pass verlängern lassen, in Paris. Goebbels schickte eigens den Leiter des Deutschen Theaters nach Frankreich: Er sollte die berühmteste Blondine Preußens "heim ins Reich" holen. Schlagartig begann die deutsche Presse, ihre Hetze über die angeblich zweifelhafte "arische" Abstammung des abtrünnigen Stars einzustellen.
Aber Dietrich kam nicht. 1939 wurde sie endlich Amerikanerin - und begann schon bald, Kriegsanleihen für die Mobilmachung gegen Hitler zu sammeln. In Nachtclubs setzte sie sich Spendern so lange auf den Schoß, bis feststand, dass deren Schecks gedeckt waren. Schließlich bestellte Franklin D. Roosevelt die Diva ins Weiße Haus: Er sei dankbar für ihr Engagement, versicherte der Präsident, doch diese "Prostitutionstaktik" verbiete er ihr.
Am Silvestertag 1943, dem letzten Drehtag von "Kismet", ihrem 19. Hollywoodstreifen, trug die Schauspielerin ihren Besitz zusammen, um ihn zu versteigern. Sie selbst packte den Seesack.
Ihren Einsatz als Entertainerin der Alliierten bezeichnete sie später als "das einzig Wichtige, was ich je getan habe". Sie sang für die GIs, tanzte für sie, tröstete sie. Dem Geheimdienst OSS, Vorläufer der CIA, erschien sie zuverlässig genug, um sie zur Zersetzung des gegnerischen Kampfwillens anzuheuern. In einem Rundfunksender in Nordafrika sollte sie Lieder für die Alliierten singen - und rief ohne jede Vorwarnung auf Deutsch in den Äther: "Jungs! Opfert euch nicht! Der Krieg ist doch Scheiße, Hitler ist ein Idiot." Erst als sie auch "Lili Marleen" auf Deutsch statt auf Englisch anstimmte, entriss ihr der entgeisterte Armeesprecher das Mikrofon.
Kein anderer Künstler hielt es so lange an der Front aus. Als Dietrich im September 1944 mit US-Panzern in Stolberg einrollte, kannte sie Filzläuse, Ruhr und Ratten. Und während der Ardennenoffensive erlitt sie an ihren Händen Erfrierungen. "Der preußische Soldat in ihr kam heraus", sagte ihre Tochter Maria Riva später. In Landsberg am Lech lieferte sich Dietrich eine filmreife Szene mit einem anderen berühmten Offizier: Jean Gabin. Er war ihre größte Liebe. Sie suchte ihn in seinem Panzerbataillon - um ihm einen Kuss zu geben. Es war der 8. Mai 1945, das Kriegsende.
Doch die eigene Familie hielt eine schreckliche Lektion für Hitlers glamouröse Gegnerin bereit. Aus Belsen kam die Nachricht, dort gebe sich eine Frau als ihre Schwester aus. Mit einem Militärflugzeug gelangte Hauptmann Dietrich in die Stadt, in deren KZ Zehntausende den Tod gefunden hatten. Tatsächlich begegnete sie ihrer älteren Schwester Elisabeth. Deren Mann und sie hatten mit der Leitung des Konzentrationslagers zusammengearbeitet. Jetzt fürchtete sie Folgen. Dietrich legte für die braune Verwandtschaft ein gutes Wort ein, mit der Bitte um absolute Diskretion. Danach strich sie ihre Schwester radikal aus ihrem Leben; in ihren Memoiren hat sie sie sogar aus Fotos geschnitten.
Nach dem Krieg, zurück in den USA, erlitt die Offizierin a. D. das Schicksal vieler Veteranen. Sie war orientierungslos und enttäuscht. Bald spielte sie zwar wieder - im "Urteil von Nürnberg" (1961) zu ihrem Unwillen sogar eine Deutsche, die dem US-Richter, Spencer Tracy, sagen muss: "Wir wussten doch von nichts."
Aber erst die Bühne gab ihr wieder Halt und eine Aufgabe. Mit über 50 Jahren begann die Dietrich eine zweite Karriere als Sängerin; mehr als zwanzig Jahre lang füllte sie die Theater der Welt mit ihren Chansons. Niemand konnte dem Krieg so lakonisch-unerbittlich zürnen wie sie mit ihrem rau vorgetragenen "Sag mir, wo die Blumen sind". Im Kunstlicht der Scheinwerfer blieb sie die kühle Schöne mit den hohen Wangenknochen und dem langsamen Augenaufschlag.
Während sie bei einem Auftritt in Deutschland 1960 bespuckt wurde, baten jüdische Zuhörer in Tel Aviv sie sogar um einen Tabubruch: Sie solle, verbotenerweise, deutsche Lieder singen. Das Publikum weinte, als sie die alten Volkslieder anstimmte.
1976 hatte Marlene Dietrich ihre letzte Filmrolle. Sie war krank und trank viel. Ihre Pariser Wohnung verließ sie bis zu ihrem Tod 1992 nicht mehr.
Bis zum Schluss quälte sie der Gedanke, ob sie nicht doch nach Deutschland hätte zurückgehen sollen - um als "Königin der Ufa" das Land aufzurütteln. "Manchmal frage ich mich", grübelte sie, "ob ich vielleicht als einziger Mensch auf der Welt den Krieg hätte verhindern und Millionen von Leben hätte retten können."
Annette Bruhns
Video: Marlene Dietrich - ein Leben für die Bühne
Für Smartphone-Benutzer: Bildcode scannen, etwa mit der App "Scanlife".
http://www.spiegel.de/app52012dietrich
Von Annette Bruhns

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2012
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