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DER SPIEGEL

Opiumträume in Charlottengrad

Weltberühmte Autoren, Exzentriker und Revolutionsromantiker machten das „russische Berlin“ zu einer Bühne für Emigranten.
Sie nannten sich "Affenfürst" oder "Ritter mit dem Laufkäferrüssel". Ihr Treffpunkt war ein Berliner Wohnzimmer mit ausgestopften Vögeln, ihr Manifest eine Lachnummer: "Herkunft - ungewiss, Ziele - frei erklärte Anarchie, Absichten - unerforschlich, Mittel - keine". So hieß es dort über die "Große und Freie Affenkammer" - eine karnevaleske Geheimgesellschaft für russische Intellektuelle.
"Affenkanzler" Alexej Remisow, ein kleinwüchsiger Mann mit Bürstentolle und Stupsnase, hatte den Bund bereits 1908 in Russland gegründet. Als Schikanen der sowjetischen Behörden den Schriftsteller 1921 aus dem Land trieben, verlegte er die "Affenkammer" ins Berliner Exil. Vielmehr: in die heimliche Hauptstadt der russischen Emigration.
Hunderttausende Menschen flüchteten ab 1918 aus dem revolutionären Russland in die Vier-Millionen-Stadt an der Spree. Der Dichter Wladislaw Chodassewitsch erhob sie zur "Stiefmutter der russischen Städte". Mit rund 360 000 Emigranten allein in Berlin hatte der Exodus 1923 einen Höhepunkt erreicht. Für die Stadt sprachen das vergleichsweise billige Leben und die Lage als östlichste Weltstadt des Westens.
Mitten in der deutschen Metropole entfaltete sich ein russischer Mikrokosmos - mit Vereinen und Verlagen, Pelzgeschäften und Pensionen, Kneipen und Kabaretts. In Berlin erschienen zwischen 1918 und 1924 über 2100 russische Bücher - mehr als in Moskau oder Petrograd. Ein Verzeichnis von 1923 listet 86 russische Verlage und Buchhandlungen auf. Zudem lieferten Zeitungen den Emigranten ein Stück Heimat auf Papier.
Keine ausländische Stadt, resümiert der Slawist Fritz Mierau, habe im 20. Jahrhundert "für die russische Selbsterkenntnis eine so große Rolle gespielt wie das Berlin der zwanziger Jahre". Von Herbst 1921 bis Ende 1923 war "Charlottengrad" Drehscheibe für Russlands Dichter und Denker. Prominente Literaten wie Maxim Gorki, Marina Zwetajewa, Vladimir Nabokov oder auch Boris Pasternak, dem später der Nobelpreis zuerkannt wurde, machten Station an der Spree.
Das Russki Berlin war zugleich literarischer Schmelztiegel und politischer Hexenkessel. Denn Konflikte auf russischem Boden spalteten auch die Emigranten-Kolonie. Hier trafen "Repräsentanten von Welten aufeinander, die sich in Petersburg nicht einmal aus der Ferne gesehen hätten", schreibt der Historiker Karl Schlögel. "Pogromhetzer von einst lebten ... nun Haus an Haus mit den Opfern von Pogromen, frühere Polizeibeamte trafen auf Revolutionäre, die sie in die Verbannung oder ins Exil geschickt hatten."
Auf den Straßen tummelten sich Aristokraten und Autoren, Staatenlose und Inhaber von Sowjetpässen, Gegner und Anhänger des bolschewistischen Regimes. Der Dichter Wladimir Majakowski propagierte in Berlin mit agitatorischen Versen eine rote Revolution - und besorgte im Kaufhaus des Westens Dessous für russische Damen.
Für Turbulenzen sorgte auch der Schriftsteller Ilja Ehrenburg, nicht nur, weil er die Gattin seines Berliner Verlegers verführte. Nahezu täglich saß der Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie in der "Prager Diele", rauchte Pfeife, schrieb an seinen Romanen und erging sich in Skepsis gegenüber den Deutschen, die ihm zu militaristisch erschienen. Ehrenburg war eine der schillerndsten Figuren der russischen Emigration und ihr sarkastischer Chronist.
"Ich weiß nicht, warum alle diese Leute in Berlin leben!", notierte er 1922 in seinen "Briefen aus dem Café". Sie "lassen sich keine Gelegenheit entgehen, darauf zu schimpfen. Besonders die Russen: Das gilt als guter Stil". Ehrenburg, kein Regimekritiker, stand unter Verdacht, Spitzel der Sowjets zu sein. Tatsächlich mischten sich Agenten unter die Intelligenzija.
Dem Schriftsteller Maxim Gorki saßen gleich mehrere mutmaßliche Spione im Nacken - darunter eine ehemalige Lebensgefährtin. Als er im Herbst 1921 am Bahnhof Zoo einfuhr, scharten sich Reporter um den weltberühmten Russen. Offiziell sollte er hier sein Lungenleiden kurieren. In Wahrheit hatte ihn Lenin zur Ausreise gedrängt - die Bolschewiki ertrugen es nicht, dass der "Sturmvogel der Revolution", wie er nach einem seiner Gedichte genannt wurde, gegen die Verfolgung von Künstlern protestierte. In Deutschland erhielt der gutgläubige Gorki Geldzuwendungen aus Moskau. Nach mehreren Jahren in Italien kehrte er auf Einladung Stalins nach Moskau zurück, propagierte dort den Sozialistischen Realismus und wurde 1936 an der Kreml-Mauer beigesetzt.
Der exzentrische Autor Andrej Bely bestieg 1921 den Zug nach Berlin. Der Professorensohn, der sich mit seinem Roman "Petersburg" einen Namen gemacht hatte, genoss im Berliner Nachtleben ein "Spektrum unendlich verschiedener Tanzlokale - ... anständiger, halb-anständiger, völlig unanständiger". Die Stadt erschien ihm als Ort der Extreme - zwischen "Opiumträumen" und Ordnungswahn.
Andere Autoren litten unter deutscher Bürokratie, habgierigen Vermietern oder der eigenen Armut. Nabokov, der mit seinem Roman "Lolita" Weltruhm erlangen sollte, verdingte sich als Englischlehrer und Tennistrainer. In Berlin erlebte er Schlüsselmomente seiner Biografie. Hier wurde 1922 sein Vater erschossen, hier heiratete er 1925 seine Frau Véra, hier kam 1934 sein Sohn auf die Welt. In Berlin verfasste Nabokov auch den Großteil seiner russischen Romane - sogar in der heimischen Badewanne.
Das Wüten der Nazis hat Nabokov, dessen Frau Jüdin war, vor Ort erlebt. 1937 verließ er - nach 15 Jahren - die Stadt, um nie mehr zurückzukehren.
Wie viele emigrierte Intellektuelle dieser Zeit hatte er kaum Kontakte außerhalb des russischen Milieus. Umso ungewöhnlicher war deshalb eine Initiative des deutschen Schriftstellers Thomas Mann.
Anfang 1923 drohte dem "Affenkanzler" Remisow die Ausweisung. Grund: eine Anzeige seiner Zimmerwirtin wegen Ruhestörung und Sachbeschädigung an Silvester. Dabei hatte ihr Geschirr nicht Remisow zerschlagen, sondern Bely. Mann intervenierte erfolgreich bei den deutschen Behörden und versicherte seinem Kollegen, Berlin könne stolz sein, "einen der ersten Dichter des heutigen Russland in seinen Mauern zu beherbergen". Doch der blieb nicht lange.
Mit der Währungsreform kam die Wende. Für die Russen stiegen die Lebenshaltungskosten, ihre Kolonie schrumpfte. Die Schriftsteller zogen weiter - die meisten nach Paris, manche nach Prag, New York oder zurück in die Sowjetunion. Im Dezember 1923 reiste auch Remisow mitsamt seinen ausgestopften Vögeln von der Spree an die Seine. Berlins russische Welt verschwand wie ein Wanderzirkus, aber die "Affenkammer" versammelte sich wieder - in einem Pariser Wohnzimmer.
Von Carmen Eller

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2012
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