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DER SPIEGEL

Jongleur mit fünf Kugeln

Otto von Bismarck schuf ein Geflecht von Bündnissen, um dem neuen Reich Frieden zu sichern - nicht frei von Widersprüchen, aber erfolgreich. Politische Prinzipien hielt er für unnötig.
Berlin warf sich in Schale, die Hauptstadt des neuen Reichs durfte sich als diplomatischer Nabel Europas fühlen: Kaiser Wilhelm I. empfing im September 1872 zwei Kollegen, Österreichs Franz Joseph I. und den russischen Zaren Alexander II.
Sechs Tage lang genoss das gekrönte Trio in der Preußenmetropole militärisches und höfisches Gepränge. Die Monarchen wohnten in den Hoflogen der Oper Unter den Linden einer Aufführung von Charles Gounods "Margarethe" bei, sie bewunderten die wilden Tiere im Zoologischen Garten und nahmen an einem abendlichen Zapfenstreich am Reiterstandbild Friedrichs des Großen teil. Höhepunkte des Dreikaisertreffens waren eine farbenprächtige Militärparade auf dem Tempelhofer Feld und ein opulentes Galabankett im Stadtschloss.
"Zum ersten Mal in der Geschichte", schwärmte Reichskanzler Otto von Bismarck, der die Revue der Majestäten arrangiert hatte, "haben drei Kaiser sich zur Beförderung des Friedens zu Tisch begeben."
Der Kanzler brauchte die Herrscher als Staffage; es sei ihm, erläuterte er Odo Russell, dem englischen Botschafter in Berlin, darauf angekommen, dass "die drei eine liebende Gruppe bilden wie Canovas drei Grazien"; sie sollten "schweigend zusammenstehen und sich bewundern lassen", jedoch "auf keinen Fall reden, so schwierig es auch war, denn alle drei halten sich für größere Staatsmänner, als sie sind".
Bismarck ließ, wie dessen Biograf Ernst Engelberg das Ereignis kommentiert, "seine Puppen, die hohen Majestäten, auf der weltpolitischen Schaubühne tanzen".
Die inszenierte Dreieinigkeit folgte nüchternem Kalkül. Seit der Reichsgründung, die im einstigen Prunkschloss französischer Könige in Versailles vollzogen worden war, fürchtete Bismarck, dass das gedemütigte Frankreich für den Verlust Elsass-Lothringens auf Revanche sinnen und sich dafür Verbündete suchen würde. Ihn plagte der in der französischen Diplomatensprache sogenannte cauchemar des coalitions, der Alptraum feindlicher Allianzen, die Frankreich mit anderen europäischen Mächten knüpfen könnte.
Bismarck, der von sich sagte, er sei "Royalist in erster Linie, dann ein Preuße und ein Deutscher", suchte ideologisch gleichgesinnte Bündnispartner gegen "diese Rothäute in Lackstiefeln", wie er die republikanischen Politiker verächtlich titulierte, die Frankreich nach dem Sturz Napoleons III. seit 1870 regierten. Der erste Schritt war folgerichtig ein Schutz- und Trutzbund der schwarzen Adler, des Wappentiers aller drei Kaiserreiche.
Der 1815 auf dem väterlichen Gut Schönhausen in der Altmark bei Magdeburg geborene Otto von Bismarck galt als eingefleischter Monarchist. Seine Vorfahren väterlicherseits waren seit Jahrhunderten Rittergutsbesitzer gewesen und hatten im preußischen Heer als Offiziere Karriere gemacht. Seine Mutter entstammte einer Gelehrtenfamilie, sein Großvater Anastasius Ludwig Mencken war Geheimer Kabinettssekretär bei Friedrich dem Großen gewesen.
Dem Preußenkönig Wilhelm hatte sich Bismarck 1862 in der Krise um eine vom Abgeordnetenhaus blockierte Heeresreform mit dem Bekenntnis angedient, ein "kurbrandenburgischer Vasall" zu sein, "der seinen Lehnsherrn in Gefahr sieht". Es gelte, um die Entscheidung zwischen "königlichem Regiment oder Parlamentsherrschaft" zu kämpfen - woraufhin der Regent seine Abdankungsabsicht revidierte und Bismarck als preußischen Ministerpräsidenten berief.
Zwischen Bismarck und dem 18 Jahre älteren Wilhelm I. entwickelte sich ein Vater-Sohn-Verhältnis. "Mein größtes Glück ist es ja, mit Ihnen zu leben und immer fest einverstanden zu sein", versicherte der Kaiser, wenn der Kanzler wieder mal mit Rücktritt drohte, um seinen Willen durchzusetzen. Bisweilen klagte Wilhelm freilich auch, es sei "nicht leicht, unter diesem Kanzler Kaiser zu sein".
Blutsbande - Wilhelm I. war ein Onkel des russischen Zaren - förderten einen Pakt, der im Jahr nach dem Berliner Dreikaisertreffen zwischen denselben Beteiligten geschlossen wurde, um "den gegenwärtig in Europa herrschenden Friedenszustand zu befestigen". Die unverbindlichen Absichtserklärungen der drei Majestäten boten Deutschland indes keine Sicherheit, zumal Russland gegenüber Österreich und dessen Ambitionen auf dem slawischen Balkan argwöhnisch blieb.
Deshalb wollte Bismarck Frankreich innerhalb der europäischen Staatengemeinschaft weiter isolieren und als potentiellen Aggressor an den Pranger stellen. Den Vorwand bot ihm ein französisches Militärgesetz vom März 1875, das die mobilisierbare Truppenstärke aufstockte. In der freikonservativen, regierungsnahen Berliner "Post" erschien, offenkundig von Bismarck lanciert, ein Leitartikel ("Ist der Krieg in Sicht?"), der die Möglichkeit eines deutschen Präventivschlags andeutete.
Der Schuss ging jedoch nach hinten los: Einmütig tadelten London und St. Petersburg den plumpen Versuch, Frankreich als Kriegstreiber hinzustellen, und versicherten Paris ihres Beistands.
Bismarck zog aus der Schlappe seine Lehre: Statt Kriegsgefahr an die Wand zu malen, präsentierte er sich von nun an als europäischer Friedensstifter.
Die Grundlinien seiner Bündnisphilosophie skizzierte Bismarck während eines Kuraufenthalts in Bad Kissingen im Juni 1877 in einem Gespräch mit seinem Sohn Herbert, der ihm als Privatsekretär diente. Sein Bild von Deutschland, so Bismarck laut diesen "Kissinger Diktat" genannten Aufzeichnungen, sei "nicht das irgendeines Ländererwerbes, sondern das einer politischen Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden".
Dieser Richtschnur entsprach es auch, Feindseligkeiten zwischen anderen Mächten zu schüren, um sie an einer Kooperation zu Lasten Deutschlands zu hindern. Diese Rivalitäten, meinte Bismarck, seien an die europäische Peripherie, namentlich auf den Balkan und in den Vorderen Orient zu lenken. Zu einem großen Krieg sollten sie nicht eskalieren, wohl aber die Mächte beschäftigt und untereinander koalitionsunfähig halten. Direkt beteiligen dürfe sich das Deutsche Reich an den Streitigkeiten der anderen nicht.
Zum ersten Mal kam dieses Konzept zum Tragen, als 1875 die slawischen Völker auf dem Balkan gegen das Joch des Osmanenreichs aufbegehrten. Nachdem Russland in einem Krieg gegen die Türkei obsiegt und Anfang 1878 im Frieden von San Stefano eine Neuordnung auf dem Balkan diktiert hatte, protestierten Österreich-Ungarn und Großbritannien, die ihre zuvor mit Russland abgesteckten Interessensphären verletzt sahen. Der regionale Konflikt drohte zu einem europäischen Krieg zu eskalieren, eine britische Flotte war bereits im Marmarameer aufgekreuzt. Die explosive Lage bot Bismarck Gelegenheit, sich als Schlichter zu profilieren.
Bismarck erbot sich, als "ehrlicher Makler" einen internationalen Kongress in Berlin zu leiten, der am 13. Juni 1878 begann und genau einen Monat dauerte. Tatsächlich konnte am Verhandlungstisch ein großer Krieg verhindert und der Frieden gerettet werden. Bismarck erwarb sich einen Ruf als Meister des diplomatischen Interessenausgleichs. So wurde er unter anderem in der englischen Zeitschrift "Punch" als europäischer Bahnwärter dargestellt, der die Züge der Großmächte vor dem Zusammenstoß bewahrt hatte.
Doch weil der Kongress den Vertrag von San Stefano in allen wesentlichen Punkten revidierte, sah sich Russland um die Früchte seines militärischen Sieges gebracht. In St. Petersburg herrschte tiefe Verbitterung über Bismarck, Deutschlands Verhältnis zum Zarenreich war heillos zerrüttet.
Das Kalkül des "Kissinger Diktates" war nicht aufgegangen. Bismarck selbst bezeichnete später den Berliner Kongress als "die größte Torheit meines politischen Lebens".
Belastet wurde das deutsch-russische Verhältnis überdies durch eine innenpolitische Kehrtwende Bismarcks, die er zur Absicherung seiner Macht vollzog. Zwar konnte der Kanzler nach der Verfassung nur vom Kaiser entlassen werden, aber er brauchte, um Regierungsvorlagen und den Staatshaushalt beschließen zu lassen, parlamentarische Mehrheiten.
Anfangs hatte sich Bismarck vor allem auf die Nationalliberalen, die stärkste Fraktion im Reichstag, gestützt sowie auf die freikonservative Deutsche Reichspartei, deren führende Repräsentanten zumeist Adlige, aber auch großbürgerliche Industrielle und hohe Staatsbeamte waren. Die in mehreren Parteien organisierten Liberalen setzten sich für den Freihandel ein, um die Exporte der aufblühenden deutschen Industrie nicht zu gefährden - andere Staaten hätten sonst ihre Märkte auf dieselbe Weise verteidigt.
Mitte der siebziger Jahre entschloss sich der Kanzler jedoch zum Bruch mit dem Wirtschaftsliberalismus, den er aus Opportunismus gegenüber den Nationalliberalen unterstützt hatte. Die ostelbischen Rittergutsbesitzer, wie Bismarck selber einer war, befürworteten Schutzzölle, um ihre landwirtschaftlichen Produkte gegen ausländische Billigimporte abzusichern. Außerdem strebten die Nationalliberalen eine Stärkung des Parlaments an, was Bismarcks politischen Vorstellungen total zuwiderlief.
Während die nationalliberale Fraktion über den Kurswechsel des Kanzlers auseinanderbrach, errang die 1876 gegründete Deutschkonservative Partei erhebliche Stimmengewinne, nicht zuletzt aufgrund der Macht der Junker, die auf das Wahlverhalten der von ihnen abhängigen Bevölkerung oft Druck ausübten.
Die Einführung von Schutzzöllen auf Getreide und Eisen, die Bismarck 1879 durchsetzte, nutzte vor allem den Gutsbesitzern und der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie. Vertreter der kritischen historischen Sozialwissenschaft sehen darin eine fatale Weichenstellung, die den Weg Deutschlands in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts vorzeichnete. Durch die konservativ-protektionistische Koalition aus Großagrariern und Schwerindustriellen habe das Deutsche Reich einen eigenen Weg eingeschlagen, der von dem der westlichen Demokratien abwich.
So hat etwa der Historiker Hans-Ulrich Wehler das Jahr 1879 als Geburtsstunde eines Machtkartells beschrieben, das die Reichspolitik bis 1918 bestimmt habe. Die Schutzzölle seien eine der zentralen Integrationsklammern dieses Bündnisses von "Rittergut und Hochofen" gewesen und hätten maßgeblich dazu beigetragen, die Herrschaft der privilegierten Eliten auf Kosten der Bevölkerungsmehrheit festzuschreiben.
Die Wende in der Zollpolitik hatte auch außenpolitische Folgen. Durch die Schutzzölle verteuerte sich das russische Getreide auf dem deutschen Markt und machte es weniger wettbewerbsfähig. Dadurch sanken die Einnahmen, die für die Importe westlicher Investitionsgüter notwendig und Grundlage für die industrielle Modernisierung des Zarenreichs waren.
Bismarck verschlechterte damit die deutsch-russischen Beziehungen und trug, wie der Historiker Heinrich August Winkler urteilt, dadurch "wesentlich zu dem bei, was er nach seinem Sturz 1890 seinen Nachfolgern vorwarf: der Ermöglichung eines Zweifrontenkrieges gegen Frankreich und Russland".
Nachdem das feingesponnene außenpolitische Netz zerrissen war, suchte Bismarck nach neuen Anknüpfungspunkten - und begann wieder in Wien. Angesichts der verwandtschaftlichen Bindung an seinen russischen Neffen sah Wilhelm I. jedoch keinen Grund für ein deutsch-österreichisches Bündnis und war vor allem gegen eines, das sich speziell gegen Russland richtete. Kaiser und Kanzler drohten sich gegenseitig mit Abdankung und Rücktritt, am Ende setzte Bismarck wieder seinen Willen durch.
"Meine ganze moralische Kraft ist gebrochen", schrieb der Kaiser am 2. Oktober 1879 in einem Brief. 13 Tage später unterzeichnete er in Berlin den Zweibund zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn - ein Geheimabkommen, durch das sich das Deutsche Reich und die habsburgische Doppelmonarchie für den Fall eines russischen Angriffs zu gegenseitigem militärischem Beistand verpflichteten.
Den Zweibund mit Österreich-Ungarn betrachtete Bismarck indes nur als Zwischenetappe. Er ging davon aus, dass Russland sich wieder dem Deutschen Reich annähern musste, wollte es nicht vollkommen isoliert bleiben - als Partner für das reaktionäre Regime des Zaren kamen weder das republikanische Frankreich noch England in Betracht, das auf dem Balkan beinahe zum Kriegsgegner geworden wäre.
Bismarcks Rechnung ging auf, Russland bot Deutschland und Österreich ein neues Bündnis an. In dem 1881 geschlossenen und 1884 erneuerten Dreikaiservertrag sicherten sich die Partner wechselseitig wohlwollende Neutralität für den Fall, dass eine der drei Mächte in einen Krieg mit einer vierten Macht verwickelt würde.
Daneben bestand aber immer noch der deutsche Zweibund mit Österreich, dem 1882 heimlich auch Italien beitrat. Rom versprach dem Deutschen Reich Hilfe für den Fall eines unprovozierten französischen Angriffs; bei einem Krieg mit einer anderen europäischen Macht sicherten sich die Partner wohlwollende Neutralität, bei einem Krieg mit mehreren Gegnern Beistand zu.
Vollends undurchschaubar wurde das Geflecht zwischenstaatlicher Abkommen durch den geheimen "Rückversicherungsvertrag" mit Russland im Juni 1887. In einem "ganz geheimen Zusatzprotokoll", das erst 1919 bekanntwurde, sagte Deutschland dem Zaren wohlwollende Neutralität zu, falls seine Truppen die zum Osmanischen Reich gehörenden Meerengen zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer besetzen würden. Um genau dies zu verhindern, hatte Bismarck zuvor eine "Mittelmeerentente" zwischen England, Italien und Österreich-Ungarn gefördert.
Die Inkonsequenz bekümmerte Bismarck nicht, Politik war für ihn ein "flüssiger Aggregatzustand". Ihm kam es allein darauf an, "eine übermächtige Coalition gegen Deutschland" zu verhindern. "Die ganze Politik", sagte er, "beschränkt sich auf diese Formel: zu versuchen, einer von dreien zu sein, solange die Welt regiert wird vom schwankenden Gleichgewicht von fünf Großmächten." Der deutsch-russische Rückversicherungsvertrag, meinte Bismarcks Sohn Herbert, Staatssekretär des Auswärtigen Amts, im Juni 1887 nüchtern, halte "uns im Ernstfall die Russen wohl doch sechs bis acht Wochen länger vom Halse als ohnedem".
Wilhelm I. rühmte Bismarck als "Jongleur mit fünf Glaskugeln". Tatsächlich jedoch war die Bündnispolitik des Reichskanzlers, wie Heinrich August Winkler konstatiert, "in sich so widersprüchlich, dass er sie am Ende selbst nicht mehr beherrschte".
Theodor Fontane urteilte über Bismarck, er sei "der größte Prinzipienverächter gewesen, den es je gegeben hat". Seine Grundsätze orientierten sich an der Zweckmäßigkeit. "Wenn ich mit Grundsätzen durchs Leben gehen soll, so komme ich mir vor, als wenn ich durch einen engen Waldweg gehen sollte und müsste eine lange Stange im Mund halten", äußerte Bismarck einmal.
So legte der "eiserne Kanzler", wie er wegen seiner diktatorischen Strenge im Volksmund genannt wurde, auch seinen jahrelangen Konflikt mit der katholischen Kirche bei, als er deren politischen Arm, die Zentrumspartei, ab 1878 zur Mehrheitsbeschaffung im Reichstag zu nutzen gedachte.
Seit der Reichsgründung hatte Bismarck mit zahlreichen Gesetzen und Erlassen versucht, den Einfluss der katholischen Kirche zu brechen, die er zu den "Reichsfeinden" zählte. Der Ursprung des "Kulturkampfes" - ein Begriff, den der Arzt und fortschrittsliberale Abgeordnete Rudolf Virchow geprägt hatte - lag in der Furcht des Kanzlers vor der polnischen Nationalbewegung in Posen und Westpreußen.
Schon 1861 hatte Bismarck seiner Schwester geschrieben: "Haut doch die Polen, dass sie am Leben verzagen." Später verdächtigte er die "katholische Abteilung" im preußischen Kultusministerium, über den Klerus die polnische Sache zu unterstützen, und setzte im Juli 1871 die Auflösung der Abteilung durch.
Bismarck unterstellte die Priesterausbildung, die Besetzung kirchlicher Ämter und die Disziplinargewalt der Kirchenleitung staatlicher Kontrolle; alle Orden, die sich nicht der Krankenpflege widmeten, wurden verboten. Den Sondergesetzen folgten gnadenlose Maßnahmen gegen katholische Amtsträger; viele Bischöfe und Priester wurden eingesperrt oder des Landes verwiesen.
Doch je stärker der staatliche Druck wurde, desto dichter scharten sich die Gläubigen um ihre Hirten. Die Zentrumspartei, die Bismarck hatte vernichten wollen, erfuhr immer größeren Zulauf.
Schließlich handelte der Kanzler mit dem Vatikan einen Kompromiss aus, um den Kulturkampf beizulegen. Von Bismarcks einschlägigen Gesetzen blieben die Zivilehe, die staatliche Schulaufsicht, das Verbot politischer Predigten (der "Kanzelparagraf" galt bis 1953) und das Jesuitenverbot, das bis 1917 bestand; alle anderen Bestimmungen wurden aufgehoben.
Bismarck hatte es eilig, den Kirchenkampf zu beenden, weil er einen anderen Kampf begonnen hatte, der ihm noch viel mehr zu schaffen machte: die Bekämpfung der Sozialistischen Arbeiterpartei von August Bebel und Wilhelm Liebknecht, die 1875 aus der Vereinigung zweier Arbeiterparteien hervorgegangen war (siehe Seite 42).
Mit Peitsche und Paternalismus versuchte Bismarck, die durch die Industrialisierung immer größer werdende Arbeiterschaft von der Sozialdemokratie fernzuhalten. "Sozialistengesetze" mit Verboten und Repressalien sollten die Parteiorganisation behindern, ein System von Kranken-, Unfall- und Altersversicherung "in der großen Masse der Besitzlosen die konservative Gesinnung erzeugen, welche das Gefühl der Pensionsberechtigung mit sich bringt". Alles vergebens: Bei den Reichstagswahlen vom Februar 1890, Bismarcks letzten, wurden die roten "Reichsfeinde" zur stärksten Partei.
Ausgerechnet über das Sozialistengesetz zerstritten sich zu Beginn des Jahres 1890 der Kaiser und sein Kanzler. Wilhelm II. hatte 1888 den Thron bestiegen, nachdem sein Vater, Friedrich III., der seine Regentschaft schon todkrank angetreten hatte, nach 99 Tagen gestorben war (siehe Seite 56).
Anders als sein Großvater Wilhelm I., der die Führung der Staatsgeschäfte weitgehend Bismarck überlassen hatte, wollte der bei Amtsantritt erst 29-jährige Wilhelm II. selbst regieren. Am 24. Januar 1890 trugen er und der Kanzler im Kronrat einen lautstarken Streit aus, weil Bismarck dem Reichstag eine knallharte Fassung zur Verlängerung des Sozialistengesetzes vorlegen wollte. Um die Chancen eines Abstimmungserfolgs zu erhöhen, forderte der Kaiser, die Vorschriften abzuschwächen, was Bismarck jedoch ablehnte. Die Teilnehmer der Sitzung gingen, so ein Augenzeuge, "mit dem Gefühl auseinander, dass ein irreparabler Bruch zwischen Kanzler und Souverän erfolgt war".
Der Konflikt kulminierte schließlich am 15. März in der Auseinandersetzung um eine Verlängerung des Rückversicherungsvertrags mit Russland. Anders als Bismarck wollte Wilhelm II., getrieben von kanzler- wie russlandfeindlichen Beratern, das im Juni 1890 auslaufende Abkommen nicht verlängern. Unangemeldet erschien der Kaiser bei Bismarck im Außenministerium, wo es zu einem erregten Wortwechsel kam. Zwei Tage später ließ Wilhelm II. dem Kanzler die Aufforderung überbringen, unverzüglich sein Entlassungsgesuch einzureichen.
Vor Generälen berichtete der Kaiser über sein Zerwürfnis mit Bismarck: Er könne ihn "nicht brauchen", denn er wolle "nicht Order parieren, also muss er fort!". In einem Brief an Kaiser Franz Joseph I. versuchte Wilhelm II., die Entlassung zu rechtfertigen: "Er wollte alles allein machen und herrschen und der Kaiser nicht einmal mitarbeiten dürfen ... Jetzt galt es, den alten Trotzkopf zum Gehorsam zu zwingen oder die Trennung herbeizuführen; denn jetzt hieß es, der Kaiser oder der Kanzler bleibt oben."
Umgekehrt rechnete Bismarck in seinen "Gedanken und Erinnerungen" mit dem Monarchen ab. "Wenn ich jetzt zurückblicke, so nehme ich an, dass der Kaiser während der 21 Monate, da ich sein Kanzler war, seine Neigung, einen ererbten Mentor loszuwerden, nur mit Mühe unterdrückt hat, bis sie explodierte, und eine Trennung, die ich, wenn ich den Wunsch des Kaisers gekannt hätte, mit Schonung aller äußeren Eindrücke eingeleitet haben würde, in einer plötzlichen, für mich verletzenden, ich möchte sagen beleidigenden Weise erzwang."
Der Rückversicherungsvertrag mit Russland wurde nach Bismarcks Sturz nicht erneuert - eine, wie sich zeigen sollte, verhängnisvolle außenpolitische Entscheidung. Denn damit waren die Weichen gestellt für ein militärisches Bündnis zwischen Russland und Frankreich, das Bismarck immer hatte verhindern wollen und das einen künftigen deutsch-russischen Krieg heraufbeschwor. ■
Von Norbert F. Pötzl

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2013
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