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DER TOD IST DIE HEIMAT EINES VERSTÖRTEN ICH

Wolfgang Schmidbauer, 62, ist Verfasser zahlreicher Bücher und praktiziert in München als Psychoanalytiker. Bei Rowohlt erschien soeben sein neues Buch "Der Mensch als Bombe", dessen Thema die Motive von Selbstmordattentätern sind. SPIEGEL: Herr Schmidbauer, was treibt einen Menschen dazu, sich in die Luft zu sprengen und dabei möglichst viele Menschen mit in den Tod zu reißen? Schmidbauer: Zunächst einmal: Attentate wie die des 11. September sind etwas Neues. Man muss sie vor dem Hintergrund der heutigen technischen Möglichkeiten sehen. Wir haben Explosivstoffe entwickelt, und diesen enormen Machtgewinn hat die Psyche nicht wirklich verkraftet. Wenn andere Bedingungen dazukommen, entstehen diese Akte: Jemand sucht die Erfüllung des Lebens in der explosiven Auflösung. SPIEGEL: Der eigene Tod als Erlösungsphantasie? Schmidbauer: Es ist wie bei einem Tunnel, den man von zwei Seiten baut. Auf der einen Seite sind heute enorme technische Möglichkeiten da. Auf der anderen haben wir die Prozesse medialer Durchdringung der Welt. Das heißt, die Geltungsbedürfnisse der Menschen haben sich universalisiert. Dadurch haben sich aber auch die Kränkungsmöglichlichkeiten extrem gesteigert. Es handelt sich um enorm gekränkte Menschen, die nur verstehen kann, wer versucht, in die Struktur ihrer Kränkung einzudringen. SPIEGEL: Was steckt hinter dieser aggressiven Todessehnsucht? Von Gatterburg, Angela

Schmidbauer: Die Täter empfinden ein starkes Gefühl von Aussichtslosigkeit, sie sehen keine Chance, ihre eigene Existenz mit den von ihnen geschätzten kulturellen Werten zu gestalten. Und ich denke, sie strafen sich unbewusst auch selbst, weil sie zu schwach sind, um ihre Ideen umzusetzen. Sie verwechseln die Aufmerksamkeit, die ihre Tat auslöst, mit einer Durchsetzung ihrer Ideen. Das ist höchst gefährlich, aber das passiert in der Medienwelt eben schnell: Wir halten Fiktionen für Realität.

SPIEGEL: In Ihrem Buch sprechen Sie von einem Aufstand der Gekränkten und meinen damit das vor allem in der arabischen Welt verbreitete Gefühl kultureller Erniedrigung. Aber zur kollektiven Kränkung muss doch individuelle Opferbereitschaft kommen?

Schmidbauer: Der Mensch kann nur ein bestimmtes Maß an Kränkungen verarbeiten, wenn es zu viel wird, bricht die Psyche zusammen, und er explodiert.

SPIEGEL: Inwieweit trifft diese These auf die Attentäter des 11. September zu?

Schmidbauer: Bei Mohammed Atta zum Beispiel war es wohl auch ein kulturelles Motiv, er hat sich ja intensiv mit Architektur und Städteplanung beschäftigt und sicher begriffen, wie wenig Chancen seine Kultur, an der sein Herz hing, gegen die Verwestlichung hat. Und dann kommt es zu dieser Idee: Ich muss was ändern. Wenn das nicht gelingt, erhöht sich der innere Druck stetig.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt dabei die religiöse Prägung? Werden in muslimischen Ländern junge Männer nicht abgerichtet zum "Märtyrerakt"?

Schmidbauer: Natürlich indoktrinieren bestimmte Gruppen in massiver Form. Aber die Täter sind fast immer Freiwillige, die eine extreme Form der Selbstverwirklichung suchen und sich über ihre eigenen religiösen Traditionen hinwegsetzen. Ich bedaure sehr, dass die vielen islamischen Stimmen gegen solche Aktionen wenig Gehör finden. Terrorismus ist ein modernes Phänomen, es hat mit religiösen Traditionen nichts zu tun, auch wenn er diese noch so im Munde führt oder wenn sie ihm - wie gegenwärtig in Palästina - aus propagandistischen Gründen unterstellt werden.

SPIEGEL: Viele geplante Selbstmordanschläge scheitern aber nur, weil die Täter von den Israelis rechtzeitig gefasst werden. Schätzungen zufolge übertrifft die Zahl verhinderter Selbstmordattentäter die der erfolgreichen um ein Vielfaches.

Schmidbauer: In Palästina tobt auch eine Propagandaschlacht. Aus meiner Sicht können und werden die arabischen Völker, wenn man ihnen günstige Bedingungen anbietet, die Selbstmordattentate von sich aus abstellen; alle Maßnahmen, welche Gefühle der Beschämung und der Aussichtslosigkeit wecken oder intensivieren, werden auch die Gefahren solcher narzisstischen Explosionen steigern. Auch besteht ein Unterschied zwischen dem, was tatsächlich emotional in Familien passiert, und dem, was als pathetische Darstellung nach außen gebracht wird. Das religiöse Element und der Fanatismus werden in der Außendarstellung oft überzeichnet.

SPIEGEL: Den Tätern wird das Paradies, das sie als Märtyrer mit all seinen Jungfrauen erwartet, in leuchtenden Farben ausgemalt, ihre Familien werden nach der Tat materiell und moralisch belohnt. Ist das nicht eher Missbrauch von Religion als Fehlentwicklung der Moderne?

Schmidbauer: Ich würde sagen, der Missbrauch von Religionen oder Mythen ist das zentrale Mittel, mit dem in der Moderne Politik gemacht wird. In krassen Fehlentwicklungen wie zum Beispiel dem Faschismus, dem Nationalsozialismus, dem islamischen Fundamentalismus ist das nur besonders deutlich. Die Geschichte mit den Jungfrauen im Paradies ist übrigens eher ein Stück israelische Propaganda als ein ernst zu nehmendes Motiv - den Tätern scheinen oft die seelischen Voraussetzungen für ein befriedigendes erotisches Leben zu fehlen. Und was die finanziellen Anreize betrifft, so sind sie nur in einer extrem verarmten Kultur als Nebenmotiv vorstellbar: Wer sonst nichts zum Familienunterhalt beitragen kann, tut dann das.

SPIEGEL: Auch junge Frauen opfern sich.

Schmidbauer: Das zeigt, dass es ein Phänomen der Moderne ist und kein Phänomen, das eine patriarchalisch-religiöse Tradition spiegelt. Jemand will einen unauslöschlichen Eindruck auf die Welt machen. Und er oder sie weiß dabei um die weltweite Medienaufmerksamkeit. Das gigantische Medienecho ruft sicher immer wieder Nachahmer auf den Plan. Seit man aufgehört hat, jeden Suizid auf S-Bahn-Gleisen zu vermelden, und die Presse über Schülerselbstmorde schweigt, ist die Zahl der Nachahmer stark gesunken. Diese Alternative hat man leider bei einem Terrorakt nicht.

SPIEGEL: Sie schreiben in Ihrem Buch: "Jeder Mensch ist potenziell eine Bombe" und stellen einen Zusammenhang her zwischen terroristischen Attentätern und dem Amokläufer in Erfurt.

Schmidbauer: Vergleichbar ist dieses Empfinden: "Ich halte das nicht mehr aus. Ich bringe mich um. Und dann nehme ich die mit, die an allem schuld sind." Ein normaler Mensch kann sich das Ausmaß an innerem Elend, Einsamkeit und Angst nicht vorstellen, die in den Menschen leben, die Kränkungen nicht verarbeiten können. Der Tod ist die Heimat eines verstörten Ichs.

INTERVIEW: ANGELA GATTERBURG

SPIEGEL SPECIAL 3/2003
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