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SCHÜLER-PROBLEME

Ein Joint für die große Pause

Eine neue Drogenwelle bedroht die deutschen Schulen: Immer mehr Jugendliche und sogar Kinder rauchen Cannabis - bis zum Totalabsturz. Seit hochgezüchtetes Power-Kraut konsumiert wird, steigt die Zahl von Schwerstabhängigen mit lebenslangen Psychoschäden. Von Fröhlingsdorf, Michael Leurs, Rainer Meyer, Cordula Neumann, Conny Schmidt, Caroline Ulrich, Andreas

Lange hatte der blond gelockte Oberschüler aus Böblingen gar nicht begriffen, was mit ihm los ist. Na ja, er kiffe, schilderte der 18-Jährige seinem ehemaligen Lehrer Andreas Wiest, dem er vertraut und den er um Hilfe bat, aber das sei "ja nicht so schlimm". Nur sei er morgens zu lasch, um aus dem Bett zu kommen, also gehe er oft gar nicht erst zur Schule. Die Noten seien total im Keller.

Dem Jungen, fürchten die, die ihm helfen wollen, ist womöglich gar nicht mehr zu helfen. Erst 18 - und fast schon ohne Chance im Leben. So sehen neue Drogenkarrieren in Deutschland aus.

Bastian* war zwölf, da drückte ihm in der Raucherecke auf dem Schulhof einer der Großen den ersten Joint in die Hand. Am Anfang war es nur schön, das Gelb der Blumen war gelber als sonst, und er genoss die Energie, die er fühlte. Erst wurde Marihuana fester Bestandteil des Alltags, irgendwann wurde es der Alltag. Heute raucht Bastian den ersten Joint nach dem Aufstehen. Einen Entzug hat er hinter sich. Zwei Wochen Entgiftung, und als das vorbei war, hat er gleich wieder gekifft. Alles für die Katz.

Eigentlich will er studieren, irgendwas mit Wirtschaft. Und dann armen Ländern helfen. Aber er liegt auf dem Bett, tagaus, tagein, den Schulabschluss hat er auf-

geschoben. "Ich komme nicht hoch, und diese Antriebslosigkeit hasse ich an mir. Ich verabscheue mich, sonst würde ich nicht kiffen." Also raucht er weiter.

Die Eltern, Aufsteiger voller guter Vorsätze - drei Kinder, drei Autos, teure Reisen -, sind ratlos. Die Mutter, Hausfrau mit Universitätsabschluss, grübelt darüber, was sie hätte tun können, damit "die Kinder selbständiger geworden wären". Der Vater ist verzweifelt: "Bei dem Kind brennen die Sicherungen durch, und wir können es nicht aufhalten."

Entsetzt beobachten Eltern und Therapeuten ganz neue Suchtkarrieren von Jugendlichen, die immer früher einsteigen und sich mit Haschisch und Marihuana

jahrelang zudröhnen, bis nichts mehr geht. Erst ist es Spaß, dann muss es regelmäßig ein Joint vor der ersten Schulstunde sein. Schließlich ziehen die jungen Abhängigen nach jedem Pausenklingeln an der Haschpfeife, um die nächste Unterrichtseinheit zu überstehen. Als Suchtexperten in diesem Frühjahr Hamburger Schüler ab 14 Jahren befragten, gaben 13,4 Prozent an, auf Klassenfahrten gekifft zu haben. Knapp 7 Prozent benebelten sich vor dem Unterricht oder in der Pause.

"In den siebten und achten Klassen ist das zurzeit wie eine Seuche, die um sich greift", klagt der Pädagoge Thomas Isensee, 61, von der Martin-Buber-Gesamtschule in Berlin-Spandau. "Da ist man als Lehrer platt, wenn man feststellt: Es ist ein Massenphänomen."

Die neue Klientel - Dauerkiffer, die mit 12, 13 Jahren angefangen haben und mit 17 schon tief unten angekommen sind - beschäftigt jetzt die Psychiater und Therapeuten von Schleswig bis Tübingen. Rund 15 000 Kiffer wenden sich heute jährlich an Drogenberatungsstellen, gut fünfmal so viele wie noch vor zehn Jahren. Diese Welle zwingt zur Korrektur etlicher Irrtümer in Sachen Drogensucht.

Der größte: Cannabis, die angeblich so harmlose Modedroge dieses Jahrzehnts, ist weitaus gefährlicher als noch zu seligen Hippie-Zeiten - sie ist heute etwa fünfmal so wirksam. Das potente Kraut, geraucht als Marihuana aus den Blütenständen oder als Haschisch aus dem Harz der Hanfpflanze, kann krank machen und im schlimmsten Fall Karriere und Leben zerstören.

Der wichtigste: Gehascht wird nicht nur in Privatcliquen, bei Partys oder in Discos. Tatort ist immer häufiger der Schulhof. In den Raucherecken wird die Zigarette erstmals mit dem Joint getauscht, hier wird die Grenze zwischen den Cliquen der coolen Kiffer und der vermeintlich langweiligen Abstinenzler gezogen, hier entscheidet sich, wer in ist und wer draußen bleiben muss. Der Gruppendruck ist immens.

Auf dem Schulhof wird auch besprochen, wer wo Drogen kauft. Mitschüler bringen Rationen für ihre Freunde mit und verkaufen sie auf dem Schulgelände - zu taschengeldkompatiblen Preisen. Selbst in der tiefsten Provinz gibt es keine drogenfreien Schulhöfe mehr.

Das alte Bild von Christiane F. als Prototyp der jugendlichen Rauschgiftsüchtigen stimmt nicht mehr. Die Heroin spritzende "Babynutte" aus "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" prägt jedoch bis heute das Klischee von Abhängigen. Unter Drogensüchtigen stellen sich die meisten Deutschen Kind-Greise vor, die sich am Bahnhof für den nächsten Schuss prostituieren. Deren Zahl ist inzwischen deutlich gesunken.

Der vermeintliche Rückgang der Drogensucht ist aber eher ein Rückzug ins Private. Die neuen jungen Süchtigen vegetieren in ihren Zimmern dahin oder hinter den geschlossenen Türen der Psychiatrien. Immer mehr Jugendliche, so warnt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk, werfen alles ein, was kommt: Ecstasy, Amphetamine, psychoaktive Pilze, darauf noch Alkohol und zu allem den Joint. Wer Pech hat, den quälen nach solchen Exzessen oder auch nur dem häufigen Inhalieren von Cannabis-Rauch Wahnvorstellungen: Auf einmal krabbeln Spinnen im Kopf herum, schneidende Stimmen erteilen absurde Befehle. Dann geht es in die Jugendpsychiatrie, geschlossene Abteilung - oft für mehrere Monate.

Wissenschaftler hegen den Verdacht, dass die Droge, die landläufig als harmloses Naturprodukt gilt, in seltenen Fällen sogar Schizophrenien auslösen kann.

Die Cannabis-Abhängigen sind Opfer eines Irrtums der Gesellschaft geworden: Unverdrossen wird etwa von der Ex-Grünen-Chefin Claudia Roth für die Legalisierung der Droge getrommelt, manche Eltern erinnern sich bei süßlichem Geruch im Kinderzimmer versonnen an ihren eigenen ersten Joint, und die Sprösslinge versichern treuherzig: "Alkohol ist viel gefährlicher."

Tatsächlich sind auch die Probleme mit legalen Drogen massiv gewachsen. Nach einer Studie der Gmünder Ersatzkasse wurden im vergangenen Jahr rund 10 000 Jugendliche meist nach Trinkgelagen in Kliniken behandelt - mehr als doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren.

So bescherte eine Party von 500 Abiturienten aus fünf Gymnasien im nordrheinwestfälischen Düren dem örtlichen Malteser Hilfsdienst einen unvergesslichen Abend: "Wir waren zwar mit einem Krankenwagen und einem Rettungswagen im Dauereinsatz", so Bezirksgeschäftsführer Bernhard Stein, "aber das reichte leider nicht."

In Deutschland, warnt Martin Jung, einer der Chefärzte der Schleswiger Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, werde zu oft toleriert, dass Kinder Drogen nehmen. "Wir als Gesellschaft drücken uns um einen klaren Standpunkt. Dürfen Kinder kiffen oder sich betrinken? Und ab wann müssen sie selbst wissen, was sie tun?"

Hätte Samantha, Grundschülerin aus einem kleinen Dorf in der Nähe der dänischen Grenze, selbst wissen müssen, was sie tat, als sie mit neun den ersten Wodka kippte? Oder als sie mit elf täglich kiffte? "Im Ort war es ganz leicht, an Stoff zu kommen, schließlich kennt man sich ja", sagt sie. Als das Taschengeld nicht reichte, raubte sie Schulkameraden Handys und Anoraks. Auf dem Schulhof verkaufte sie Cannabis an Gleichaltrige. Die Eltern: mit sich selbst beschäftigt, weil der Vater nach einem Unfall im Rollstuhl saß. Die Schulkonferenz: tagte ohne Ergebnis.

Irgendwann probierte Samantha Ecstasy, dann Kokain. Aufgegriffen wurde sie erst, als sie sich Männern anbot, bei den "Ladies Nights" in Flensburger Discotheken, wenn Frauen freien Eintritt haben. In der Hamburger Suchtklinik "Come in" ist das 15-jährige Mädchen nun zum ersten Mal seit fünf Jahren clean.

Claas, 19, ist dagegen erst mit 16 eingestiegen, spät eigentlich. Der hyperaktive Schüler war ein Außenseiter. Bekannte, sagt Claas, hätten ihm dann zugeraunt, dass "Kiffen voll beruhigt". Bald rauchte Claas bis zu sechs Gramm am Tag. Auf dem Weg zum Bus den ersten Joint, im Bus baute er den nächsten. An viel mehr kann er sich nach drei Jahren im Dauernebel nicht erinnern. Seit drei Monaten trainiert er in der Suchtklinik für Jugendliche im niedersächsischen Ahlhorn für ein neues Leben.

Solange aber noch alles halbwegs gut geht, gelten die Kiffer etwas in der Rangordnung auf dem Schulhof. "Erfahrungen mit Drogen", sagt Sozialarbeiterin Barbara K., die an einer Hauptschule im Osten Berlins arbeitet, "gehören hier einfach zum guten Ton." Meist dauere es nicht länger als ein halbes Jahr, bis die Schüler gemerkt hätten, dass es "überhaupt kein Problem ist, das in der Schule zu bekommen". Sie schätzt den Anteil der Cannabis-Raucher unter den Schülern auf mindestens die Hälfte.

Olli, 16, aus Leipzig zog schon als Viertklässler in der Grundschule an seinem ersten Joint. Ein Mitschüler hatte die Tüte mitgebracht. Drei Jahre später, auf dem Gymnasium, rauchte er schon regelmäßig: Er traf sich mit seinen Kumpels kurz vor acht am Schulhof für den ersten Joint. Den nächsten gab es dann in der großen Pause, in der Raucherecke.

"Heutzutage ist das normal", sagt er. Mindestens ein Drittel seiner Mitschüler habe regelmäßig gekifft. "Das war meine Clique, das waren die coolen Leute." Die Lehrer? Hätten nichts gemerkt, sagt Olli, der es nur bis zur neunten Klasse brachte.

Der 20-jährige Abiturient Sebastian, der in der Nähe der niederländischen Grenze zur Schule gegangen ist, erinnert sich anerkennend an die beiden Mitschüler, die es geschafft hatten, innerhalb von nur zwei Freistunden über die Grenze zu fahren, sich dort Haschisch zu besorgen und anschließend völlig breit wieder im Unterricht zu erscheinen. "Das fanden alle cool."

Eine 16-jährige Gymnasiastin aus Berlin-Lichtenberg sagt, natürlich wüssten Klassenkameraden genau, wer auch in der Schule zum Joint greife: "Man sieht doch, dass die benebelt sind. Die kichern dann rum und brauchen lange, um was zu kapieren."

Was die vier Elftklässler in Jeans und T-Shirts vorhaben, die in der großen Pause vom Schulhof der Berliner Georg-Christoph-Lichtenberg-Oberschule tigern, ist ebenfalls jedem klar: Schnell verschwinden sie Richtung Spielplatz. Mit ein paar professionellen Handgriffen setzt einer die Bong aus blauem Acryl zusammen. Die Jungs heizen reihum mit dem Feuerzeug die Wasserpfeife, nehmen einen tiefen Zug und halten die Luft an, so lange es geht. In den Freistunden seien sie hier manchmal zu zehnt, sagt einer. Es ist 9.59 Uhr, als die Pfeife wieder im Rucksack verschwindet. In einer Minute fängt die Deutschstunde an.

Vor solchen Zuständen verschließen Schulleiter gern die Augen. Im Frühjahr forderte der bayerische Landtagsvizepräsident Peter Paul Gantzer (SPD) sogar Kultusministerin Monika Hohlmeier auf, zu intervenieren. Bayerische Schulleiter, so Gantzer, weigerten sich, bei der Drogenaufklärung mit der Polizei zusammenzuarbeiten, wohl, weil sie um den Ruf ihrer Schulen fürchteten. Und als der Drogenarzt Alexander Diehl, zuständig für eine Spezialambulanz am Mannheimer Institut für Seelische Gesundheit, in Schulen vor Partydrogen warnen wollte, musste er "regelrecht Klinken putzen". Kein Schulleiter habe mit einer Präventivveranstaltung in der Zeitung stehen wollen.

Was ans Licht kommt, wenn jemand mal wirklich hinschaut, erfuhr Dieter Eberhard, Schulleiter der Kepler-Hauptschule in Freudenstadt, in der Provinz im Schwarzwald. Fünftklässler hatten im Herbst 2001 beobachtet, wie ein 14-Jähriger auf der Toilette Marihuana an einen Mitschüler verkaufte. Sie meldeten das dem Schulleiter, und der rief die Polizei. Die Beamten fanden in der Unterhose des Jungdealers sieben Gramm - und zu Hause in dessen Kinderzimmer noch mehr als ein halbes Kilogramm. Der Junge gestand und nannte Namen: Binnen Wochen ermittelte die Polizei gegen 217 Verdächtige. Viele von ihnen waren Schüler, fast alle Lehranstalten des Kreises waren betroffen. Etwa ein Drittel der Schüler, fanden die Ermittler heraus, dealte - um den eigenen Konsum zu finanzieren.

"Das Bild des bösen Dealers, der von außen kommt und dann die Kinder anfixt, stimmt nicht", sagt Kriminaloberrat Torsten Wittke, Leiter des Rauschgiftdezernats am Polizeipräsidium München. Der Schulhof gleicht vielmehr einer geschlossenen Binnenwirtschaft, in der sich marktgerechte, der Kaufkraft der Kunden angepasste Preise bilden. Ein Gramm Gras kostet etwa sechs, eine Tablette Ecstasy fünf Euro.

Direkt vor dem Schulgelände habe sie von Mitschülern schon oft Drogen angeboten bekommen, erzählt eine 14-Jährige aus der achten Klasse der Realschule Unterpfaffenhofen, einer ganz normalen Schule am westlichen Stadtrand von München. Natürlich Hasch, fertige Joints und sogar Koks.

"Man ist für diese Problemlage nicht gerüstet", klagt Gesamtschullehrer Isensee, der sich redlich abmüht, mit seinen Schülern im Gespräch zu bleiben. "Aber wie soll man das machen in einer achten Klasse? Der eine raucht, der andere säuft, der nächste randaliert, und der vierte kifft nun auch noch. Wie viele Elterngespräche wollen Sie führen?"

Und überhaupt, die Eltern. Isensee hat an seiner Schule schon so ziemlich alles erlebt: Väter, die, auf den Drogenkonsum der Söhne angesprochen, Verleumdungsanzeige stellten. Einer, selbst Kiffer, hatte dem Sohn die Joints eigenhändig gedreht. Andere versuchten, die Sucht aus ihren Kindern herauszuprügeln.

In jedem Fall bringt es dem Lehrer Ärger, den Verdacht auf Drogen auszusprechen: mit der Schulleitung, dem Schüler, den Eltern. "Die Lehrer brauchen klare Handlungsanweisungen", betont Thomas Bader, Geschäftsführer der Drogenhilfe Tübingen. Weil sie die nicht hätten, würden viele lieber schweigen und die zugedröhnten Kinder an die nächste Instanz entsorgen.

So ist es Thomas S. aus Berlin ergangen. Der schlaksige Junge mit Baggypants und Schirmmütze ist 16, er hat keinen Abschluss, keine Perspektive. Als er aufs Gymnasium kam, nahm er bald Speed, kokste, aß Psychopilze, alles vor seinem 14. Geburtstag. Vor allem aber kiffte er. Wenn er nachmittags Schulaufgaben machen sollte, rauchte er stattdessen eine Tüte und verschob alles Weitere auf den Abend. "Abends war ich dann aber auch fett und hab''s auf morgen verschoben. Und das ist klar: Wenn man nicht lernt, kommen schlechte Noten dabei raus." Ein Gespräch mit den Eltern? "Gab es nicht", sagt Thomas. "Nur halt blaue Briefe." Zweimal wiederholte er eine Klasse, dann flog er von der Schule.

In der Realschule schwänzte er den Unterricht immer häufiger. Einmal informierten die Lehrer die Eltern, dann war nach einem halben Jahr auch dort Schluss. Die Malerlehre dauerte nur zwei Monate: "Abends hab ich mich immer zugeraucht, und morgens hätte ich um halb sechs aufstehen müssen. Da bin ich einfach nicht rausgekommen." Jetzt macht er gar nichts mehr - er kifft nur noch.

Die Drogenberater an der Basis registrierten den neuen Trend als Erste. Leute wie Hans Heuberger, zuständig für die Beratungsstelle Streetworker in Herrenberg bei Stuttgart. "Vor ungefähr acht bis neun Jahren" habe er erste Anzeichen der Cannabis-Welle entdeckt, "die uns heute überrollt". Ihm und seinen Kollegen seien immer häufiger Abhängige mit Krankheitsbildern begegnet, "die wir so nicht gekannt haben". Theo Baumgärtner, Soziologe im Hamburger Büro für Suchtprävention, bestätigt: "Die Droge der Siebziger war Heroin, in den Achtzigern kam Kokain, in den Neunzigern Ecstasy, und in diesem Jahrzehnt ist Cannabis die Droge überhaupt."

Nach einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat mehr als jeder vierte Jugendliche in Deutschland schon illegale Drogen genommen, fast immer Marihuana oder Haschisch. 1993 war es nur jeder sechste. "Extrem" seien die Probleme mit jugendlichen Cannabis-Konsumenten, warnt die Bundesdrogenbeauftragte Caspers-Merk. "Bei keiner Droge gibt es höhere Zuwachsraten."

Dabei stehen die Deutschen mit dem Problem nicht allein: Die Haschwolke wabert über den ganzen Kontinent. Fast überall in Europa stieg der Cannabis-Konsum der 15- und 16-Jährigen in den vergangenen Jahren an, teils rapide. Ebenso wuchs die Zahl der Abhängigen, die um Behandlung baten, wie das Münchner Institut für Therapieforschung ermittelte.

Besondere Sorgen machen den Suchtexperten die so genannten Hardcorekiffer. Nach einer Untersuchung des Drug Research Centre der Universität Frankfurt hat die Hälfte aller Frankfurter Schüler schon einmal Cannabis probiert, ein Fünftel konsumiert aktuell und vier Prozent der Schüler inhalieren den süßlichen Nebel sogar täglich - nach den Kriterien schwedischer Drogenexper-ten würden sie als schwerstabhängig gelten.

Starke Kiffer fangen auch sehr früh an - 17 Prozent der Frankfurter Cannabis-Konsumenten drehen sich den ersten Joint, bevor sie 14 sind, schließlich ist der Stoff selbst für Kinder überall verfügbar. Häufig entwickeln sie dann "harte, ganz neue Konsummuster", sagt Drogenforscher Baumgärtner. "Mit dem Zelebrieren des Joints, wie es früher war, hat das nichts mehr zu tun. Denen geht es nur noch ums Dauerbedröhntsein."

Für die 68er war das Kiffen noch Ausdruck eines Protests gegen die Leistungsgesellschaft, ein politisches oder zumindest doch politisch gemeintes Aufbegehren und damit eine Auseinandersetzung mit der Welt. Die heutigen Konsumenten sind viel jünger und wollen vor allem eins: möglichst schnell aus der Welt flüchten.

Der Hamburger Abiturient Amon Barth schreibt, das Kiffen sei wie "eine Maske, von der man sich verspricht, sie könne all das überdecken, was man nicht sein will. Und all das vollbringen, was man ohne sie nicht erreichen würde" (siehe Seite 74).

Wenn solche Kiffer dann auch noch Alkohol konsumieren oder Ecstasy einwerfen, "stürzen sie schneller ab als mit Heroin", sagt Rainer Thomasius, Leiter der Drogenambulanz am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Dauere es bei Opium-Abhängigen sieben Jahre, bevor sie sich in die Therapiestellen schleppten, tauche die neue Klientel oft schon nach drei Jahren auf. Schule abgebrochen, null Bock auf gar nichts, das Leben ein undurchdringlicher Nebel.

Die Chancenlosigkeit ist auch eine Folge technischen Fortschritts. Das Kraut für den deutschen Markt kommt heute meist aus holländischen Gewächshäusern. Beliebt ist die Sorte "Super Skunk". Die hochgezüchteten Pflanzen werden mit Hilfe von Hochfrequenzlampen, Bewässerungscomputern und Düngemitteln produziert. Sie haben kaum noch etwas gemein mit den Balkonpflanzen der Hippies.

Damals lag der Anteil des berauschenden Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol (THC) in der Pflanze bei 2 bis 3 Prozent. Der Durchschnittsgehalt des Stoffs, der 2003 in Hamburg sichergestellt wurde, betrug dagegen fast das Fünffache, 10,8 Prozent. Marihuana mit einem Wirkstoffgehalt von 20 Prozent ist keine Seltenheit mehr, so Helmut Süßen, Leiter der Abteilung Straßendeal beim Hamburger Rauschgiftdezernat. Der Stoff wirke bei den Pennälern natürlich ganz anders als die Mickerpflanzen aus Papis Studentenzeit. Selbst bestes Haschisch aus Afghanistan - der in den Siebzigern berühmtberüchtigte "Schwarze Afghane" - brachte es auf maximal 8 Prozent.

Damit der Stoff schneller ins Hirn schießt, sind Wasserpfeifen ("Blubber") beliebt, bei denen der Rauch abgekühlt wird. Noch härter wirkt die Bong - eine Art groß geratene Pfeife, mit deren Hilfe konzentrierter Rauch schlagartig in die Lunge gerät. Supermärkte für Kiffer, so genannte Head Shops, bieten ein ganzes Suchtsortiment. Denn der Stoff ist illegal, nicht aber das Zubehör. Im Asia Head Shop am Berliner Alexanderplatz kann die oft minderjährige Kundschaft wählen: Bongs mit vier Mundstücken, ein Totenschädel aus Keramik mit zwei Ansaugstutzen in den Augenhöhlen oder die daumengroße Holzpfeife für 3,90 Euro.

Wem das noch zu teuer ist, der bastelt sich aus einer aufgeschnittenen Plastikflasche und einem Eimer selbst eine Turbopfeife. "Eimerrauchen" heißt das im Schülerjargon. "Die Anflutgeschwindigkeit des Wirkstoffs gibt so einen Kick, dass Konsumenten häufig einfach umkippen", sagt Karin Wied, Ärztin und Psychotherapeutin in der Fachklinik Bokholt in Schleswig-Holstein, in der Cannabis-abhängige Kinder und Jugendliche entgiftet werden.

Wie aber soll angesichts der gesellschaftlichen Akzeptanz, die das Besorgen der Utensilien so einfach macht wie den täglichen Brötchenkauf, ein Problembewusstsein wachsen? Wie sollen Kiffer, die immer jünger einsteigen, entscheiden, ob nun die Befürworter oder die Gegner von Cannabis Recht haben?

Da erklärt etwa der Gesundheitswissenschaftler Dieter Kleiber von der Freien Universität Berlin, Gutachter für die Bundesregierung, die "pharmakologischen und psychosozialen Folgen des Cannabis-Konsums" seien "weit weniger dramatisch als bisher angenommen". Auch die "Annahme, dass der Konsum von Cannabis dabei eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit nach sich zieht, ließ sich nicht beweisen".

In der Jugendkultur ist der Hanfglaube längst etabliert. TV-Ulker Stefan Raab singt "Gebt das Hanf frei", nach einem Zitat des grünen Bundestagsabgeordneten Christian Ströbele, der auf einer Demonstration die Freigabe beschlagnahmter Hanfpflanzen forderte.

Aber egal, ob nun die Hanfparade durch Berlin rollt oder im Film "Lammbock" mit Jungstar Moritz Bleibtreu das Kiffen gleich die Hauptrolle spielt - die rund 15 000 jungen Menschen, die jedes Jahr wegen ihres Kiffens Hilfe suchend in Beratungsstellen kommen, werden einfach vergessen. 5000 von ihnen sind schwere Fälle: Cannabis-Wracks, die bis zu zehn Joints am Tag rauchen, wie Roland Simon vom Münchner Institut für Therapieforschung herausfand.

Die Dunkelziffer der Hilfebedürftigen sei weitaus höher, sagt Simon: "Aus Studien wissen wir, dass nur 14 Prozent der Cannabis-Abhängigen Hilfe in Anspruch nehmen." Für diese Süchtigen ist es auch kein Trost, dass mehr als 90 Prozent der Cannabis-Probierer und sogar die meisten regelmäßigen Kiffer ohne größere Probleme wieder von dem Kraut loskommen.

In Hamburg sorgt seit Februar der Englischlehrer Reinhard Haase von der Ida-Ehre-Gesamtschule für Aufsehen. Er kämpft auf seiner Internet-Seite für die "Legalisierung von Cannabis als Genussmittel". Seine Dienstherrin, die parteilose Schulsenatorin Alexandra Dinges-Dierig, hält aber schon die Debatte für schädlich, "weil sie die Droge verharmlost und zu einer tolerierten Norm macht".

Die scheinbar unausrottbaren Cannabis-Mythen verhindern denn auch das Entstehen eines Unrechtsbewusstseins. Auf der Davidwache an der Reeperbahn, berichtet Helmut Süßen vom Hamburger Rauschgiftdezernat, würden immer wieder "junge Leute mit brennendem Joint aufkreuzen", um etwa einen Diebstahl anzuzeigen.

Dennoch überraschte die Sozialwissenschaftler des Frankfurter Drug Research Centre, in welchem Ausmaß Jugendliche Cannabis verherrlichen. Die Schüler beurteilen das Kraut positiver als Alkohol und Tabak. Es sei vor allem "friedlich", "inspirierend" und "natürlich". Ein derart "unkritischer Umgang", beklagten die Forscher, müsse ja "zum Ausblenden möglicher Konsumrisiken" führen.

Auch unter Drogenberatern setzt sich erst langsam die Erkenntnis durch, dass es nicht ums Aufrechnen geht - Zigaretten bringen jedes Jahr 110 000 Menschen um, Alkohol tötet 40 000 -, sondern um unterschiedliche Gefahren, etwa dass Cannabis nicht direkt tödlich ist, aber schon in jungen Jahren Lebenswege zerstört.

Die tief sitzende Verharmlosung macht eine Prävention schwierig. Was alles probiert wird, zeigt das Beispiel Hamburg, wo:

* sich Senatorin Dinges-Dierig dafür einsetzen will, das Rauchen auf allen Schulhöfen zu verbieten;

* Lehrer in Kursen lernen können, Kiffer frühzeitig zu erkennen und in Gesprächen mit den Cannabis-Rauchern den richtigen Ton zu treffen;

* immer häufiger zur Abschreckung die Kooperation mit der Polizei gesucht wird. So nahmen Drogenfahnder einen dealenden Schüler mitten im Unterricht fest oder harkten als Gärtner verkleidet den Rasen, um dann demonstrativ beim Joint-Handel zuzuschlagen.

Das ist alles schon weitaus konkreter, als es die bisherigen Präventionskampagnen - darunter auch der millionenteure, aber hilflose Appell "Keine Macht den Drogen" - jemals waren. Der Psychologe Michael Klein von der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen nennt all die Versuche "über Jahrzehnte praktizierte Irrungen und Wirrungen, die ein wahnsinniges Geld gekostet haben".

Derzeit soll den Schülern mit "Klasse 2000", dem größten Vorsorgeprojekt für Grundschüler der Republik, Lebenskompetenz vermittelt werden, wie es im schönsten Präventionsdeutsch heißt. Deshalb tingeln nun "Gesundheitsförderer" durch die ersten Klassen.

Für die Experten der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen bleibt die aktuelle Prävention jedoch "ein Flickenteppich aus Feigenblättern".

So werden auch weiterhin ratlose und entsetzte Eltern im kleinen Therapiezimmer von Udo Küstner in der Drogenambulanz des UKE sitzen und nach dem Warum fragen. Meist geben sie der Clique und falschen Freunden die Schuld an der Drogensucht des Sprösslings. Die Wahrheit, die Küstner ihnen dann sagen muss, ist schwerer zu ertragen: "Sicherlich können Jugendliche zufällig an Drogen gekommen sein. Aber sie werden nicht zufällig abhängig."

Damit umschreibt Küstner, dass Sucht meist viele Ursachen hat, darunter etliche, die von den Eltern beeinflusst werden: die Lebensumstände der Jugendlichen, ihre Erziehung und auch psychische Probleme, die nicht erkannt und behandelt wurden. "Bei 80 Prozent der Patienten", glaubt Chefarzt Martin Jung, "liegt der Sucht eine andere psychische oder soziale Störung zu Grunde."

Selbstbewusste Jugendliche, die keine Angst vor dem Leben haben, werden selten drogenabhängig. Wer aus reiner Experimentierfreude oder Partylust kifft, verliert meist schnell den Spaß daran und wendet sich wieder seinen Interessen und Zielen zu - selbst wenn er bis dahin zeitweise mehr oder weniger regelmäßig gehascht hat.

Experten sind sich einig, dass Sucht kein hauptsächlich körperliches Phänomen ist. UKE-Psychiater Thomasius schätzt, dass "bis zu fünf Prozent der aktuellen Cannabis-Konsumenten abhängig sind". Viele leiden dann auch unter Entzugssymptomen wie Schlafstörungen, innerer Unruhe und Schweißausbrüchen. Vor allem aber plagt sie eine unstillbare Gier nach dem Stoff, die sie gegen alle Vorsätze und Vernunft wieder zugreifen lässt. Als abhängig gilt, wer trotz schädlicher Folgen nicht aufhören kann, wer immer mehr Stoff braucht, um noch eine Wirkung zu erzielen, und wer wichtige Dinge einfach vernachlässigt.

Es trifft vor allem die unsicheren oder besonders empfindsamen Kinder, die einsamen oder die unter Druck gesetzten. Die Droge bietet ihnen die Chance, ihre Schwächen zu tarnen und dazugehören zu können. Um jeden Preis.

Die Teenies, sagt die Kindertherapeutin Gisela Beckmann-Többen, versuchten, den bohrenden Schmerz, den Depressionen, Ängste, Hyperaktivität oder Essstörungen verursachten, mit Drogen "zu lindern". Die Flucht in den Rausch sei Ersatz für die Hilfe, die sie in oft "emotional verarmten Familien" nicht fänden.

Deshalb werden in der Drogenambulanz der Hamburger Uni-Klinik die Eltern wenn möglich mittherapiert. Der Psychologe Thomasius ("Es gibt kein seelisches Leid ohne Bindungsstörungen zu Vater und Mutter") legt Wert darauf, die Ursachen der Sucht zu beseitigen, wenn diese erst einmal halbwegs unter Kontrolle ist.

Der familientherapeutische Ansatz ist ungewöhnlich. Oft akzeptieren Psychiatrien keine Abhängigen als Patienten - und Suchtkliniken keine psychisch Kranken. Bei jugendlichen Süchtigen verschwimmen diese Grenzen, und das verhindert häufig eine umfassende Behandlung.

So landete Maximilian*, 21, Anwaltssohn aus Hamburg-Blankenese, erst nach einer Odyssee durch mehrere Psychiatriestationen in der Drogenambulanz. Der junge Mann erlebte seinen ersten Rausch mit 15 auf einem HipHop-Jam an der Schule. Er rauchte Gras aus der Bong, "zwei Köpfe", trank dazu eine halbe Flasche Wodka. Dass er das Bewusstsein verlor - "egal". Dass er danach zur Clique der Coolen gehörte - "das war ''ne wichtige Sache".

Es war sogar unendlich wichtig für einen wie ihn. Weil er als Kind ein bisschen zu dick war, hatte er im Sport lieber durch Schwänzen eine Sechs kassiert, als sich vor den Mitschülern zu blamieren. Als Zwölfjähriger hing er trüben Gedanken nach, geplagt von Selbstzweifeln, die manchmal den Wunsch weckten, sich umzubringen. Dass ihn Depressionen peinigten, begriff keiner in seinem Umfeld. Er selbst merkte mit 15 nur: Kiffen hilft. Es schaltete das Grübeln aus, die "Probleme waren aushaltbarer".

Richtig bergab ging es, als er Kontakt zu einem Nachtclubbesitzer knüpfte, für den er Internet-Seiten programmierte. Bezahlt wurde er mit Zugang zu einer neuen Welt: "Gästelisten, VIP-Bereich, umsonst trinken". Irgendwann schnupfte er Kokain, "durch einen 500-Euro-Schein". Endlich keine Angst mehr, endlich dazugehören, endlich super drauf sein: "Es war der coolste Abend, den ich in meinem Leben erlebt habe."

Als der Rausch nachließ, waren die Depressionen umso schlimmer. Maximilian kiffte dagegen an. Und gegen den lähmenden Kiffernebel kokste er. Bald lag er nur noch auf seiner Matratze.

Irgendwann sah er Figuren an der Wand tanzen. Er landete in der geschlossenen Psychiatrie. Die Therapie: Medikamente, sonst nicht viel. Nach einem Monat war er so deprimiert, dass er sich umbringen wollte. Also - eine neue Station, neue Ärzte. Und Mitpatienten, mit denen er nichts anfangen konnte. "Da waren nur Leute, die sagten, sie seien Ali Baba." In der nächsten Klinik gab es dann statt Gesprächen mit Therapeuten Gymnastik und "Malen nach Zahlen''". Maximilian floh bald zu Gras und Koks zurück.

Erst dann kam er zu Thomasius. Seit vier Monaten ist er clean. Er nimmt ein Antidepressivum. Er macht eine Lehre. Er geht schon wieder aus - ohne Drogen.

Aber vorbei ist es noch lange nicht: Er wird noch einmal für mindestens ein halbes Jahr in die Psychiatrie gehen. Aufholen, was er in sechs Jahren verpasst hat. "Ich muss erwachsenes Verhalten lernen", sagt er. "Ich bin immer noch ein Kind, das schnell an den Lolli will."

Dass die minderjährigen Cannabis-Wracks als Kollateralschäden einer liberalen Gesellschaft in Kauf genommen werden müssen, wollen immer weniger Experten akzeptieren. Erklärtes Ziel aller müsse es sein, sagt Fachmann Baumgärtner, "den Einstieg in die Droge hinauszuzögern. Im Grunde zählt jedes gewonnene halbe Jahr". Dies gelte besonders für das Tabakrauchen, das Experten für die Einstiegsdroge schlechthin halten: Nach einer Studie Baumgärtners, die Ende Juni veröffentlicht wurde, kiffen unter Schülern nur 2 Prozent der Nichtraucher, aber 38,4 Prozent der regelmäßigen Raucher. Deshalb gelten Anti-Rauch-Kampagnen auch als Cannabis-Prävention.

Ein jugendliches Gehirn, das sehr früh mit Rauschmitteln bombardiert wird, so die Erkenntnis, werde regelrecht auf Sucht programmiert. Je später also Kinder eine Droge ausprobieren, umso größer ist die Chance, ohne Sucht davonzukommen. Ob

Jugendliche den ersten Joint "mit 15 oder 18 Jahren rauchen, ist ein gewaltiger Unterschied", sagt Thomasius.

Er möchte die "Hasch ist harmlos"- Front mit wissenschaftlichen Analysen aufweichen. Ecstasy, das steht inzwischen fest, schädigt die Synapsen des Gehirns dauerhaft. Selbst fünf Jahre nach der letz-

ten Pille ist das Denken immer noch behindert. Wie das beim heutigen Power-Marihuana sei, sagt Thomasius, "weiß man schlicht noch nicht". Deshalb will er erforschen, ob auch bei notorischen Kiffern die Hirnmasse sichtbar beschädigt wird.

Erste Ergebnisse aus Tierversuchen lassen zumindest für Gehirne von Pubertierenden das Schlimmste befürchten. Bremer Forscher spritzten jugendlichen und erwachsenen Ratten täglich einen THCähnlichen Wirkstoff. Die erwachsenen Tiere verhielten sich normal, die pubertären waren unaufmerksam und antriebslos - Verhaltensweisen, die auch Menschen mit Wahnideen zeigen. Die Jungratten wurden erst wieder normal, als sie ein Neuroleptikum bekamen - eine Medikamentengruppe, die bei Schizophrenie eingesetzt wird.

Der Versuch bestätigt jene Wissenschaftler, die schon heute Cannabis-Konsumenten vor den verheerendsten Folgen warnen, die denkbar sind. "10 bis 20 Prozent der regelmäßigen Konsumenten leiden unter Psychosen", schätzt Professor Martin Hambrecht von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Krankenhaus Elisabethenstift in Darmstadt.

Bei Psychosen treten Wahnvorstellungen auf, meist erst Wochen nach dem Konsum und manchmal monatelang. Sie können wiederkommen, das ganze Leben lang. Als gesichert gilt: Wer in der Jugend viel Haschisch oder Marihuana raucht, hat ein mindestens doppelt so hohes Risiko, später an Schizophrenie zu erkranken. Noch wird allerdings darum gestritten, was Ursache und was Wirkung ist. Greifen psychisch Kranke zu Cannabis, um unbewusst erste Symptome ihres Leidens zu bekämpfen? Oder verursacht das Kraut erst die Krankheit? Eine kürzlich erschienene Studie des Londoner King''s College kommt zu dem Ergebnis, dass acht Prozent aller Schizophrenien durch Cannabis ausbrechen.

Die Jugendlichen setzten "ihre ganze Existenz aufs Spiel", sagt der Schleswiger Kinderpsychiater Martin Jung, und "unglücklicherweise kann man nicht vorhersagen, wen es trifft". 30 Betten seiner Abteilung sind ständig mit psychotischen Kindern belegt. Manche halten ihre Mutter für ein Monster, andere glauben, dass der Fernseher ihnen Befehle gibt. Bei vielen sieht Jung auch "ein erhöhtes Risiko, sich vor einen Zug zu werfen, von einer Brücke oder aus dem Fenster zu springen".

Wie quälend solche Wahnvorstellungen sind, weiß eine Mutter aus Hamburg-Blankenese, die unter dem Pseudonym Lisa Lindberg ein Ratgeberbuch für Eltern geschrieben hat, das auch die Leidensgeschichte ihrer Tochter Krissy erzählt*.

Wer in Deutschland vor Cannabis warne, sagt die Autorin, gelte schnell als "Spießer, der seinen Kindern die schöne Droge nicht gönnt". Auch sie selbst habe wie viele andere Eltern in ihrer Jugend Cannabis probiert und deshalb gegenüber ihrer kiffenden Tochter nachsichtig reagiert. Inzwischen habe sie ihre Einstellung geändert. "Eltern glauben, sie seien verständnisvoll und gingen mit der Zeit, wenn sie Kiffen erlauben. In Wahrheit aber nehmen sie ihren Kindern die Orientierung."

Gern, sagt Lisa Lindberg, hätte sie ihrer Tochter das Martyrium erspart. Das blonde Mädchen hatte drei Jahre beinahe täglich gekifft. Dann kamen die Wahnvorstellungen: Sie glaubte, in ihrem Kopf krabbelten Spinnen herum. Wochenlang verließ sie das Bett nicht, manchmal schrie sie vor Angst. Weil sie die imaginären Spinnen austrocknen wollte, aß und trank sie kaum noch und magerte bis auf die Knochen ab.

Krissys Therapeutin habe sie beruhigt, das sei normal, erzählt die Mutter. Erst als sie Angst um das Leben ihrer Tochter bekam, wandte sie sich an einen Psychiater. Der behandelte Krissy mit Medikamenten, langsam ging es ihr besser. Aber die Wahnvorstellungen und die Angst nahmen die Schülerin weiterhin so mit, dass sie drei Jahre lang die Villa ihrer Eltern nur verließ, um zur Therapie zu gehen und einmal am Tag zum Joggen.

Jetzt ist Krissy 24 und wohnt noch zu Hause. Im Frühjahr hat sie ihr Abitur geschafft. Ein großer Erfolg. Die ersten Klassenkameraden von früher feiern schon Erfolge im Beruf. MICHAEL FRÖHLINGSDORF,

RAINER LEURS, CORDULA MEYER, CONNY NEUMANN, CAROLINE SCHMIDT, ANDREAS ULRICH

* Namen geändert. * In Hamburg. * Lisa Lindberg: "Wenn ohne Joint nichts läuft". Walter Verlag, Düsseldorf; 160 Seiten; 14,90 Euro.

SPIEGEL SPECIAL 3/2004
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