Stalins Heimspiel
Es ist kalt, und im Hinterland der sowjetischen Schwarzmeerküste liegt noch Schnee, als US-Präsident Franklin D. Roosevelt am 3. Februar 1945 auf der Halbinsel Krim landet. Ihm folgt, samt Havanna-Zigarre in Hammerstilgröße schon auf der Gangway, Großbritanniens Premier Winston Churchill.
Wer am Flugfeld fehlt, ist der Gastgeber: Josef Stalin.
Stalin, Oberbefehlshaber der Roten Armee und Erbwalter der bolschewistischen Weltrevolution. Er, der diesen ersten Gipfel der drei Weltkriegsalliierten auf sowjetischem Boden durchgesetzt hat. Und nun, da es endlich so weit ist, schickt er seinen Außenminister Wjatscheslaw Molotow zum Flughafen, um selbst im Jussupow-Palais nahe Jalta zu bleiben, mit Blick aufs Meer.
Eine kalkulierte Flegelei Stalins. Von der ersten Minute an will er beim Gipfeltreffen der "Großen Drei" auf der Krim, das als Konferenz von Jalta in die Geschichte eingehen wird, klargestellt sehen, wer sich hier auf wen zuzubewegen hat.
Roosevelt hatte den schnauzbärtigen Sowjetführer schon im Sommer 1944 zu einem weiteren Dreiergipfel aufgefordert, nach Teheran im November 1943. Doch Stalin zierte sich lange. Lehnte nacheinander Malta, Zypern, Italien und Griechenland als Konferenzschauplätze ab. Und während die Zeit verging, rückte die Rote Armee weiter auf Berlin vor.
Mitte Dezember 1944 schließlich schlug Stalin Jalta, den Nobelkurort der Zarenzeit, als Konferenzort vor - eine mit Palmen und Zypressen bestandene Oase inmitten der kriegszerstörten Ruinenlandschaft der Krim. Der durch Kinderlähmung behinderte, sichtbar hinfällige Roosevelt, in Washington gerade für eine vierte Amtszeit gewählt, sollte erstmals mit eigenen Augen sehen, was die Nazis angerichtet hatten.
Bis zum Frühjahr 1944 erteilte noch die Wehrmacht Befehle auf der Krim. Bis dahin träumten Nazi-Ideologen vom "deutschen Gibraltar" am Schwarzen Meer, von Kraft-durch-Freude-Touristen an der Küste "Tauriens" und davon, dass aus Simferopol und Sewastopol dem Willen Hitlers gemäß Gotenburg und Theoderichhafen werde.
Jetzt aber, am 3. Februar 1945, ist nicht nur die Krim wieder in sowjetischer Hand. Die Rote Armee steht schon am Oder-Ufer, 70 Kilometer vor Berlin. Auch von Westen her rücken die Alliierten vor, sie haben das Rhein-Ufer im Blick. Das Kriegsende ist nah, eine Nachkriegsordnung vonnöten.
In 35 Tagen erstellt der sowjetische Geheimdienst NKWD auf der zerstörten Schwarzmeer-Halbinsel die Infrastruktur für das Treffen der mächtigsten Führer der Welt. Der hagere, Pincenez tragende Innenminister und Geheimdienstchef Lawrentij Berija - "unser Himmler", wie Stalin anlässlich eines Dinners später scherzen wird - leitet das "Operation Tal" getaufte Kommandounternehmen höchstpersönlich.
Aufwendige Renovierungsarbeiten an Hotels und Palästen im 350 Kilometer entfernten Odessa werden begonnen - um potentielle Attentäter aus dem Lager der Deutschen und ihrer Verbündeten auf eine falsche Fährte zu locken. Gleichzeitig setzen sich vier Regimenter des Geheimdiensts in Bewegung Richtung Krim, dazu Hunderte von Sicherheitskräften. Aus den Moskauer Nobelhotels National, Moskwa und Metropol werden Personal und erlesene Möbel an die Schwarzmeerküste verfrachtet.
Am 29. Januar schließlich fährt unter höchster Geheimhaltung ein Zug aus der Hauptstadt nach Simferopol ab - mit Berija in Waggon 5, Molotow in Waggon 6 und dem von notorischer Flugangst gepeinigten Stalin in Waggon 7. Die Spitzen der sowjetischen Delegation sind ausgerüstet mit Dossiers über die westlichen Unterhändler, auf die sie treffen sollen.
Der mit der Faktensammlung beauftragte Generalleutnant Pawel Sudoplatow, Chef einer Sonderabteilung beim NKWD, bringt die Quintessenz der Jalta-Dossiers später auf einen Nenner - den Sowjets sei klar gewesen, dass weder Amerikaner noch Briten ein schlüssiges Programm für eine Nachkriegsordnung in Osteuropa hatten: "Sie verfolgten lediglich das Ziel, die Regierungschefs Polens und der Tschechoslowakei wiedereinzusetzen, die sich im Londoner Exil befanden."
Stalin ist zur gleichen Zeit schon weiter. Seine Truppen stehen im Februar 1945 in Polen, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Sowjetfreundliche Exilanten aus der Tschechoslowakei sind in Stellung gebracht für die Zeit nach dem Krieg. Eine flexible Haltung gegenüber den Alliierten in einzelnen Punkten wie der Westbindung Griechenlands, so die Moskauer Strategie vor Jalta, empfehle sich mit Blick auf die Ausweitung der eigenen Einflusssphäre in Europa und den Aufstieg der Sowjetunion zur Weltmacht.
Diesem Ziel lässt Stalin alles unterordnen. Den Hunderten Delegierten aus dem Westen soll es an nichts fehlen im Proletarierparadies. Damit die 140 Kilometer vom Flughafen Saki nach Jalta, auf verwüsteten Straßen gut fünf Stunden Fahrt, nicht das Verhandlungsklima belasten, wird für den genussgesteuerten Briten-Premier Churchill schon auf halber Strecke Champagner und Kaviar angerichtet. Churchills Tochter Sarah protokolliert zufrieden, wie sich ihr Vater angesichts schwer beladener Tische für die sowjetische Welt erwärmt.
Zehntausend Portionen Kaviar à 50 Gramm, reichlich Champagner zum Frühstück, 5000 Flaschen Wein, 5132 Flaschen Wodka, 2190 Flaschen Cognac und 6300 Flaschen Bier, so bilanzieren die kommunistischen Quartiermeister, entschädigen die Abgesandten aus drei Ländern binnen der nächsten acht Tage für die Aufgabe, zu Gericht sitzen zu müssen über die Schicksale ganzer Länder und die künftigen Siedlungsgrenzen ganzer Völker.
Churchill grollt und grantelt zwar bisweilen noch im abgelegenen Woronzow-Palais westlich von Jalta unter chinesischen Reisstrohtapeten. Bis mittags um zwei im Bett arbeitend, respektive "brunchend", wie die Chronisten vermerken, beginnt er dennoch bald zu würdigen, dass schon zur Tea-Time die Londoner Tageszeitungen eintreffen. Und, vor allem, dass nach einer dahingebrummten Klage, ein Gin ohne Zitrone sei kein Gin, am nächsten Tag kommentarlos ein Limonenbäumchen im Salon aufgestellt wird.
Die Quartiere der Gäste sind flächendeckend verwanzt. In der Regel weiß Stalin schon zum Frühstück, was seine Gesprächspartner am Nachmittag fordern werden. Das System der Abhöranlagen koordiniert Berijas Sohn Sergo, der zwischendrin bei Stalin sogar nachzufragen wagt, ob es nicht klüger wäre, die westlichen Staatsoberhäupter weniger massiv durch Lauschangriffe zu brüskieren.
Stalin aber hält nichts von falscher Bescheidenheit, jetzt, da es um die Verteilung der Kriegsbeute geht. Um die Frage, welche Gesellschaftsordnung in welchem Teil der Welt sich nach dem Großen Vaterländischen Krieg durchsetzen wird.
Stalin hat ein Heimspiel auf der Krim, und das nutzt er. Wie schon in Teheran 1943, beim letzten Dreiergipfel, als er Roosevelt überredete, auf dem Gelände der sowjetischen Botschaft zu nächtigen. Oder im Oktober 1944 in Moskau, als zwar Roosevelt sich vertreten ließ, nicht aber Churchill, der sich dem Charme und den Getränkevorräten des Kremlherrn aussetzte.
Der bis heute erhaltene Schmierzettel, auf dem der Regierungschef Seiner Majestät des englischen Königs künftige Einflusssphären für die Sowjets nach Art eines Basarhändlers umreißt - Rumänien 90 Prozent, Griechenland 10 Prozent - ist ein so groteskes wie folgenschweres Dokument alliierter Siegergeschichte.
Noch bei der letzten Konferenz im sowjetisch besetzten Potsdam, im Juli 1945, zeigt Stalin Qualitäten als Gastgeber. In Jalta bereits ist er "ganz Süße und Licht" seinen Gästen gegenüber, wie sich Teilnehmer erinnern. Stalin riskiert kein lautes Wort, spricht frei, ohne Notizen, in kurzen Sentenzen und mit georgischem Akzent. Am Uniformfrack trägt der Begründer des bolschewistischen Persönlichkeitskults auf der Krim in demonstrativer Bescheidenheit nur den Orden "Held der Sowjetunion".
Getagt wird im Liwadija-Palast von 1911, in dem die Familie von Zar Nikolai II. die letzten unbeschwerten Sommer in der 300-jährigen Herrschaftsgeschichte der Romanows verbrachte. In jenem Palast, in dem zeitweise während des Russlandfeldzugs der Stab der deutschen 11. Wehrmachtsarmee unter General Erich von Manstein nächtigte und in dem nun der US-Präsident das Holzbett des Zaren belegt.
Roosevelt ist das einzige Staatsoberhaupt unter den Großen Drei. Ihm zu Ehren wird allnachmittäglich zwischen römischen Pilastern, griechischen Säulen und Renaissance-Kaminen im Liwadija-Palast die Zukunft der Welt erörtert. Die drei so unterschiedlichen Verhandlungspartner eint, außer der profanen Schwäche für Tabak (Stalin: Papirossi der Marke Herzegowina Flor; Roosevelt: Camel; Churchill: Havannas) vor allem der gemeinsame Feind: Nazi-Deutschland.
Darüber hinaus herrscht wechselnde Paarbildung, die Westmächte sind sich nicht einig. Zu Churchills Kummer sprechen sich Roosevelt und Stalin gemeinsam gegen Frankreich als Mitglied in der Kontrollkommission für Deutschland aus.
Stalin soll sogar eine Bestrafung Frankreichs wegen Kollaboration mit den Nazis
gefordert und Roosevelt dazu geschwiegen haben.
Der schwerkranke US-Präsident, dessen Vertrauter Harry Hopkins später bezweifelt, ob der Chef "mehr als die Hälfte von dem mitbekam, was am Verhandlungstisch vor sich ging", fraternisiert sichtbar mit dem Sowjetführer. Er nennt ihn einen Anhänger von "Fortschritt und Frieden" und ist sich insgeheim sicher, mit "Uncle Joe", wie er Stalin nennt, fertig zu werden.
Roosevelt geht es in Jalta vor allem um die Gründung der Vereinten Nationen und die Regelung der Machtverhältnisse im künftigen Weltsicherheitsrat. Dazu träumt er von einem Fernen Osten, in dem sich die Hegemonialmächte USA und Sowjetunion den Einfluss teilen. Dazu braucht er Stalins Zusage zum Kriegseintritt gegen Japan.
Stalin will als Gegenleistung dafür die vom Zaren im japanisch-russischen Krieg 1904/05 verlorenen Gebiete zurückhaben - und noch ein wenig mehr. Auf der Samtbank im alten Empfangszimmer Nikolais II. besprechen die Führer der Sowjetunion und der USA am 8. Februar die Details dieser Separatallianz - ohne Churchill.
Eingangs der Konferenz ist die Stimmung des Briten noch euphorisch: "Uns lag die Welt zu Füßen - 25 Millionen Mann gehorchten unseren Befehlen zu Land und zur See." Danach gerät Churchill in Jalta ins Hintertreffen. Roosevelt spöttelt öffentlich über ihn.
Der angeschlagene Erbwalter des British Empire betäubt auf Banketten seinen Kummer. Dem "PM scheint es gut zu gehen", notiert Churchills Umfeld nach einem der Gelage, "obwohl er eimerweise kaukasischen Champagner getrunken hat, was die Gesundheit jedes normalen Mannes angreifen würde". Die Wahrheit allerdings ist: Churchill leidet in seiner Rolle als wehrhafter Makler der Länder Mittel- und Südosteuropas unter mangelndem Beistand Roosevelts.
Vor allem um Polen geht es dabei. Der "Bastard des Versailler Vertrags", wie Moskaus Außenminister Molotow giftete, darf von den Sowjets unverändert wenig Freundschaft erwarten. Schon während des Warschauer Aufstands hatte Stalin jede Unterstützung abgelehnt. Er selbst hatte im russisch-polnischen Krieg mit den Truppen des Reitergenerals Budjonny 1920 eine Niederlage an der Weichsel durch Polens Marschall Josef Pilsudski erlitten. In Jalta setzt Stalin alles daran, dass das von ihm eingesetzte Lubliner Marionetten-Regime die Basis für die Machtstruktur der Nachkriegszeit bildet. Churchill müht sich wenig erfolgreich als Sprachrohr der polnischen Exilregierung in London.
Auch in der Frage der neuen Grenzen Polens setzt Stalin sich nach anhaltendem Kuhhandel durch. Der Osten Polens, entlang der Curzon-Linie von 1919, also auch Lemberg, fällt an die Sowjetunion. In der Frage der Westgrenze zeichnet sich ab, dass die Polen mit Niederschlesien bis zur Neiße entschädigt werden sollen, Churchills Warnungen zum Trotz: "Es wäre sehr schade, wenn die polnische Gans so mit deutschem Futter gepäppelt würde, dass sie an Verdauungsproblemen stirbt."
Weil Stalin einwilligt, Griechenland dem Westen zu überantworten, werden die sowjetischen Hegemoniebestrebungen in Bulgarien, Rumänien und der Tschechoslowakei - unausgesprochen - hingenommen. In Rumänien wüten Stalins Emissäre gegenüber der Regierung bereits Tage nach dem Ende der Konferenz.
Den US-Vorschlag von Teheran 1943 allerdings, Deutschland in fünf verschiedene Staaten zu zerschlagen, wollen Roosevelt und Churchill nun nicht mehr umsetzen - in diesem Punkt wirft der Kalte Krieg seine Schatten voraus. Zwar erwägt Churchill noch, Süddeutschland mit Österreich zu vereinigen und glimpflicher davonkommen zu lassen als das kriegslüsterne Preußen. Doch ein Deutschland, das einen soliden Cordon sanitaire im Herzen Europas abgeben könnte, rückt ins Blickfeld.
Stalin fordert von Deutschland 20 Milliarden Dollar an Reparationen, die Hälfte davon für die Sowjetunion. Churchill, auch in dieser Frage Gedächtnis und Anwalt Europas, hebt daraufhin mahnend den Finger und spricht von den schmerzlichen Lehren aus dem Vertrag von Versailles: "Ein Pferd, das einen Wagen ziehen soll, braucht Heu."
Der Forderung vor allem von Armeegeneral Alexej Antonow, dem Vizegeneralstabschef der Sowjetarmee, die Stadt Dresden zu bombardieren, um die Nachschubwege der Wehrmacht lahmzulegen, haben Churchill und sein Stab in Jalta wenig entgegenzusetzen. Schon zwei Tage nach Konferenzende - Churchill schläft, von Stalin mit Kaviardosen und Wodka versorgt, noch an Bord der "Franconia" vor der Krim-Küste - legen britische und amerikanische Bomber Dresden in Schutt und Asche. Zehntausende Zivilisten sterben.
US-Präsident Roosevelt hat auf Jalta mehr das große Ganze im Blick, und außerdem die Atombombe schon beinah in petto - "eine Flinte hinter der Tür", wie es der spätere Außenminister James Byrnes nennen wird. Am 16. Juli 1945, genau 155 Tage nach dem Ende der Konferenz von Jalta, zünden die Amerikaner in Alamogordo erfolgreich den ersten nuklearen Sprengsatz. Sie haben damit die Gewissheit, in Europa auf eigene Faust handeln zu können.
Der Hauch dieser Gewissheit liegt schon über Jalta. Auch Stalin ist über das "Manhattan Project" im Bilde. Die Pläne für die amerikanische Bombe liegen ihm vor - nicht zuletzt deshalb, weil sich ab 1942 die Ehefrau des Washingtoner Geheimdienstresidenten Wassilij Sarubin Zugang zum Kreis um Robert Oppenheimer verschafft.
Sarubins Tochter Soja hat die Papiere seit Herbst 1944 in Zimmer 714 der Moskauer Geheimdienstzentrale Lubjanka übersetzt. Nach Jalta wird sie als NKWD-Verbindungsoffizierin zu den Amerikanern geschickt. Dort ahnt Soja Sarubina, eine der letzten Überlebenden der Konferenz, noch nicht, dass ihr eigener Vater und ihre Stiefmutter wichtige Informationen beschafft haben.
Während der Konferenz gilt offiziell das Ziel, eine gemeinsame Weltordnung zu schaffen. Und selbst der hartleibige US-Botschafter in der Sowjetunion, Averell Harriman, räumt im Rückblick auf Jalta ein: "Ich hatte das Gefühl, dass sie (die Sowjets) Für und Wider einer Zusammenarbeit mit uns in der Nachkriegsordnung erwogen und abwogen."
Nach Roosevelts Tod im April 1945 aber, spätestens von jenem Zeitpunkt an, als mit Truman-Doktrin und Marshallplan im Sommer 1947 der Wiederaufbau Europas und der westdeutschen Besatzungszonen begann, führt der von Moskau durch rücksichtslose Besatzungspolitik in Osteuropa längst gepflasterte Weg direkt in den Kalten Krieg. Am 29. August 1949 zündet auch die Sowjetunion ihre erste Atombombe.
Zur Makulatur verkommt damit endgültig, was am Ende der Konferenz von Jalta in der "Erklärung über das befreite Europa" festgehalten und schon im August 1941 in der amerikanisch-britischen Atlantik-Charta gefordert worden war: das Recht aller Völker, "die Regierungsform zu wählen, unter der sie leben wollen".
Die drei baltischen Republiken, dazu halb Polen, der östliche Teil Ostpreußens, die tschechoslowakische Karpato-Ukraine, die rumänischen Provinzen Bessarabien und Nordbukowina sowie Ostgebiete Finnlands gehen nach dem Krieg in der Sowjetunion auf. Weitere 85 Millionen Menschen in formell selbständigen Ländern geraten unter russische Herrschaft: zuerst Polen, dann die bereits besetzten Länder Rumänien und Bulgarien, schließlich Ungarn, die Tschechoslowakei und Albanien. Millionen Flüchtlinge formieren sich in den Nachkriegsjahren zum größten Treck des Jahrhunderts.
Jene Linie von Stettin nach Triest, die Karl Marx schon ein Jahrhundert zuvor als quasi natürliche Grenze Russlands beschrieb, entsteht nach Jalta als Systemscheide und wird mit dem Begriff "Eiserner Vorhang" belegt. "Wir haben jede Prüfung bestanden", zieht Churchill am Ende die Bilanz des Krieges, "und es hat uns alles nichts genutzt."
Stalin, Drahtzieher der großen sowjetischen Säuberungen, denen Millionen zum Opfer fielen, hat damit aus den Fronterfolgen seiner Soldaten größtmögliches Kapital geschlagen. Dass "dieser hervorragende Mann, dessen Ruhm nicht nur in Russland allgegenwärtig ist, sondern auf der ganzen Welt", wie Churchill auf einem Bankett in Jalta noch am 8. Februar sagt, danach die unterworfenen Völker schonen werde, glaubt nicht ein-mal Großbritanniens Premier selbst.
Schon zwölf Tage nach der Unterzeichnung der Erklärung von Jalta denkt Sir Winston laut über die Gefahr nach, Seite an Seite mit seinem Vorgänger Neville Chamberlain als tragische Figur in die Geschichtsbücher einzugehen.
Chamberlain, weil er Hitler freie Hand ließ. Er, Churchill, weil er Stalin zu sehr traute.
WALTER MAYR