Schrift:
Ansicht Home:
SPECIAL GESCHICHTE

DER NATIONALSTAAT ENTSTEHTDER STAATS-MANN

Zahlreiche Zeitgenossen verehrten Otto von Bismarck als nationalen Heros. Dabei übersahen sie, dass es dem Reichskanzler zeitlebens um die Interessen der preußischen Monarchie ging.

LOTHAR GALL
Der Historiker, Jahrgang 1936, lehrte bis 2005 an der Goethe-Universität Frankfurt. Sein Buch "Bismarck. Der weiße Revolutionär" gilt als Standardwerk.

Otto von Bismarck 1815 bis 1898
1832 bis 1835 Jura-Studium in Göttingen und Berlin
1849 bis 1852 Abgeordneter des Preußischen Landtags
1851 bis 1859 Preußischer Gesandter bei der Bundesversammlung in Frankfurt
1859 bis 1862 Preußischer Gesandter in St. Petersburg
1867 bis 1871 Kanzler und seit 1870 zugleich Außenminister des Norddeutschen Bundes
1862 bis 1872, 1873 bis 1890 Preußischer Ministerpräsident
seit 1871 zugleich Kanzler und Außenminister des neugegründeten Deutschen Reichs
1890 bis 1898 Alterssitz in Friedrichsruh
Als Begründer des deutschen Nationalstaats, als Führer zur nationalen Einheit der Deutschen, als Mann, der die nationale Wiedergeburt der Deutschen bewirkt habe, ja, als der nationale Heros par excellence ist Otto von Bismarck nach 1871 immer wieder gefeiert worden. Er galt vielerorts als förmliche Verkörperung des nationalen Gedankens in Deutschland und im Weiteren auf der anderen Seite als jemand, der über den nationalen Gedanken den Weg in die Abgründe des 20. Jahrhunderts gebahnt habe. Sicher hat Bismarck den nationalen Gedanken vor allem nach 1871, nach der Reichsgründung, immer wieder im Munde geführt und beschworen, vor allem auch in der Auseinandersetzung mit seinen inneren und äußeren Gegnern, die er summarisch gern, seine Person in gewisser Weise mit dem Reich gleichsetzend, als "Reichsfeinde" bezeichnete. Aber war er wirklich ein "nationaler Mann", ein Mann, für den der nationale Gedanke wie dann für so viele seiner Zeitgenossen den höchsten und letzten Wert repräsentierte, wie das beispielsweise bei Max Weber der Fall war?
Geboren wurde er 1815, dem Jahr des Wiener Kongresses, als Sohn eines kleinen brandenburgisch-preußischen Adligen. Er wuchs auf im Geist und als entschiedener Verteidiger der Ideenwelt der Restaurationszeit. Politisch stand er früh im Lager der Verteidiger der alten Ordnung, deren Vertreter gleichzeitig stets, im Prinzip streng monarchisch gesinnt, ein leises Misstrauen gegenüber den jeweils herrschenden Monarchen hegten. Ihr Verdacht ging dahin, Europas Könige und Kaiser könnten zur Steigerung ihrer Macht zu einem Ausgleich mit den neu herandrängenden populären, in manchem mit den Ideen der Französischen Revolution sympathisierenden Kräften bereit sein. Das Banner jener neuen Kräfte aber war europaweit der nationale Gedanke. Mit ihm suchten sie die alte Ordnung in Politik und Gesellschaft aus den Angeln zu heben. Dementsprechend waren die Verteidiger dieser Ordnung, bis zur Revolution von 1848 und darüber hinaus, entschieden antinational eingestellt und bekämpften alle nationalen Kräfte als politische Gegner.
Das galt auch für den jungen Bismarck, der 1848 als entschiedener Gegner der Revolution und der sie tragenden Kräfte hervortrat und emporkam. Dann freilich änderte er, geleitet von unbändigem politischem Ehrgeiz, insofern seine Haltung, als er vom Lager seiner bisherigen konservativen politischen Freunde, die nach wie vor für die Wiederherstellung des monarchischen Ständestaats eintraten, in das der unbedingten Anhänger des monarchischen Machtstaats überwechselte. Dessen Wortführer propagierten immer unverhohlener den Gedanken, dass dieser Staat im Interesse der eigenen Machtsteigerung außen- wie innenpolitisch zu den unterschiedlichsten Bündnissen und Koalitionen bereit sein müsse. Und niemand hat diesen Gedanken seit den 1850er Jahren offener und direkter ausgesprochen als Bismarck.
Konkret hieß das für ihn, dass er, in Beschwörung einer Gestalt wie der Friedrichs des Großen, rückhaltlos für die Behauptung und wenn möglich Erweiterung der Macht des preußischen Staats und seines obersten Repräsentanten, des preußischen Monarchen, eintrat. Dafür war er zu unterschiedlichen, die Zeitgenossen oft aufs höchste verwirrenden Bündnissen bereit, zunächst als preußischer Gesandter bei der Bundesversammlung in Frankfurt am Main und dann, nach Zwischenspielen als Gesandter in St. Petersburg und in Paris, als preußischer Ministerpräsident und Außenminister, der im Verfassungskonflikt zwischen dem Monarchen und dem Parlament berufen worden war. Schon in den 1850er Jahren hatte er sich entschieden gegen die Position seiner Freunde gewandt, die dafür eintraten, das Frankreich Napoleons III. wegen dessen - verbalem - Bekenntnis zu den Prinzipien der Französischen Revolution aus ideologischen Gründen außenpolitisch zu isolieren. Die Beziehungen zu auswärtigen Mächten dürften, so erklärte er seinem politischen Ziehvater Leopold von Gerlach gegenüber, nicht von Ideologien, sondern allein von der nüchternen Einschätzung der eigenen Interessen, der Interessen des preußischen Staats, bestimmt werden. So zähle für ihn Frankreich, "ohne Rücksicht auf die jeweilige Person an seiner Spitze, nur als ein Stein, und zwar ein unvermeidlicher in dem Schachspiel der Politik, ein Spiel, in welchem ich nur meinem Könige und meinem Land zu dienen Beruf habe". Und er ging, sehr grundsätzlich argumentierend, noch einen Schritt weiter: "Sympathien und Antipathien in Betreff auswärtiger Mächte und Personen vermag ich vor meinem Pflichtgefühl im auswärtigen Dienst meines Landes nicht zu rechtfertigen, weder an mir noch an anderen; es ist darin der Embryo der Untreue gegen den Herrn oder das Land, dem man dient." Allein bestimmt von den antipolnischen Interessen des preußischen Staats und nicht, wie die Hochkonservativen, aus ideologischen Gründen, schlug Bismarck sich 1863, nunmehr preußischer Ministerpräsident und Außenminister, auf die Seite der Interventionspolitik des Zarenreichs - in schroffem Gegensatz zu allen liberalen Kräften in Europa, die mit der polnischen Unabhängigkeitsbewegung teilweise leidenschaftlich sympathisierten.
Und was Bismarck hier als für ihn Zeit seines Lebens bindendes Prinzip für die Außenpolitik, für ganz von der jeweiligen Situation abhängige außenpolitische Bündnisse formulierte und praktizierte, das galt für ihn auch für die Innenpolitik. So hat er kurz nach seinem Amtsantritt, von den liberalen und nationalen Kräften erbittert bekämpft, geheime Verbindungen zu dem Führer der entstehenden Arbeiterbewegung, zu Ferdinand Lassalle aufgenommen und mit ihm in langen Gesprächen die Möglichkeit eines künftigen Zusammengehens und Zusammenwirkens erörtert - so etwas auch nur ins Auge zu fassen schien sowohl von konservativer wie von liberaler Seite undenkbar.
Allein Machtbehauptung und mögliche Machterweiterung des monarchischen preußischen Staats waren sein Interesse, und dazu gehörte auch, dass Bismarck schon früh ein Zusammengehen mit der, nach dem Niederschlagen der 1848er Revolution wieder erstarkten nationalen Bewegung ins Auge fasste. Auch dies war wie alle anderen jeweils von der Zeit und von den Umständen abhängigen Bündnisse als ein bloßes Zweckbündnis konzipiert, das auch wieder aufgegeben oder in seiner Zielsetzung grundsätzlich verändert werden konnte. Die Erwartungen und das Pathos, die sich mit dem nationalen Gedanken verbanden und sehr verschiedenartige politische und soziale Gruppen vereinigten, hat er nie geteilt. Sein oberster und letzter Bezugspunkt war und blieb der preußische Machtstaat, dem er freilich eine Gestalt und innere Struktur gab, die mit dem Preußen bei seinem Amtsantritt im Herbst 1862 so wenig zu tun hatte wie mit dem, was die Geschichte Preußens, die ganz unterschiedliche Traditionen vereinigte, in vielen ihren Abschnitten sehr wesentlich bestimmt hatte.
Es war ein Staat, der, gelenkt und bestimmt von einer starken und unabhängigen Bürokratie mit einem Monarchen an der Spitze, über der Gesellschaft und ihren oft gegensätzlichen, sich ständig verändernden, angeblich zu keiner eigenen Willensbildung fähigen Interessen stand, so wie ihn Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der aus Württemberg stammende, ab 1818 in Berlin lehrende preußische "Staatsphilosoph", theoretisch begründet und gerechtfertigt hatte. Hegel abstrahierte dabei weitgehend von allen historischen Bedingungen und konzentrierte sich ganz auf die dahinterstehende Idee der Staatsräson, von der sich eine von der Gesellschaft ganz unabhängige Bürokratie leiten lasse. Davon war Bismarck weit entfernt. Er sah sehr genau, wie stark und vielfach dann auch bestimmend der Druck gesellschaftlicher Kräfte und Interessen auf den Staat jeweils war. Aber an der Staatsidee als solcher hielt er fest, und sein ganzes Bemühen zielte darauf, eine Ordnung zu schaffen und zu erhalten, in der sich die gesellschaftlichen Kräfte und Interessen gegenseitig neutralisierten und so dem Staat, der staatlichen Exekutive - und damit letztlich ihm selbst - ein größtmöglicher Handlungsspielraum eröffnet wurde. In schroffem Gegensatz dazu stand die Idee, das hat er von früh auf erkannt und sich stets bewusst gemacht, dass die Nation, die Gesellschaft als solche einen eigenen Willen zu entwickeln in der Lage sei und den Staat, die staatlichen Organe dann zu dessen Ausführung veranlassen könne. Von daher war und blieb er ein entschiedener Gegner eines von hier aus begründeten nationalen Gedankens und der daran geknüpften praktischen Schlussfolgerungen.
Bismarck war freilich politisch viel zu klug, das offen auszusprechen. Und als sich im Weiteren der nationale Gedanke seinerseits mehr und mehr von der ursprünglich aufs engste mit ihm verbundenen Idee der Volkssouveränität löste und zur bloßen Formel für die Einheit des Volkes wurde, hat er seinerseits immer öfter die nationale Idee zur Beschwörung und Stärkung der - wesentlich von ihm errichteten und durchgesetzten - etablierten Ordnung verwendet. Aber auch dann blieb seine innere Distanz zu der Idee bis zuletzt erhalten.
Er war und blieb geprägt von dem Gedanken, den Leopold von Ranke, der Historiograf des preußischen Staates, vor 1848, in der Epoche der Restaurationszeit, auf den Begriff gebracht hatte: Das Jahrhundert werde jenseits aller aktuellen Streitfragen und Konflikte bestimmt von zwei einander schroff gegenüberstehenden, Völker und Regierungen spaltenden Prinzipien, nämlich dem monarchischen Prinzip auf der einen und dem Prinzip der Volkssouveränität auf der anderen Seite. Von dieser Idee hat sich Bismarck Zeit seines Lebens bestimmen lassen.
Die darauf gründende innere Distanz zur nationalen Idee, hinter der er immer das Prinzip und die davon abgeleiteten Forderungen der Volkssouveränität wirken sah, lässt sich an vielen seiner Äußerungen und vor allem auch an seinem praktischen Handeln ablesen. So beschwor er Anfang Mai 1859, inzwischen aus Frankfurt am Main nach St. Petersburg "verbannt", auf dem Höhepunkt des militärischen Konflikts zwischen Österreich und Frankreich über die piemontesische Frage, die Möglichkeit einer territorialen Erweiterung Preußens mit den Worten, die "gegenwärtige Lage" habe "wieder einmal das große Los für uns im Topf, falls wir den Krieg Oestreichs mit Frankreich sich scharf einfressen lassen, und dann mit unserer ganzen Armee nach Süden aufbrechen, die Gränzpfähle im Tornister mitnehmen und sie entweder am Bodensee oder da, wo das protestantische Bekenntnis aufhört vorzuwiegen, wieder einschlagen". Von Deutschland oder von einer deutschen Nation und deren Wünschen war hier mit keinem Wort die Rede, und das galt auch generell bis 1866.
Und auch danach spielte das nationale Prinzip in seinen Äußerungen kaum eine Rolle. Den eigentlichen Prozess der deutschen Einigung 1870/71 legte er sehr bewusst als ein "Bündnis der Fürsten und Freien Städte" an, das, nominal mit einem "deutschen Kaiser" an der Spitze, als der kollektive Träger der gesamtstaatlichen Souveränität erschien. Auch der Name "Reich" war ihm insofern willkommen, als er den Unterschied zu einer wesentlich von einem gemeinsamen nationalen Willen getragenen und herbeigeführten Einigung - mitsamt deren machtpolitischen Konsequenzen - deutlich machte und stattdessen die Gemeinsamkeit einzelstaatlicher Souveräne betonte, wie sie der deutschen historischen Entwicklung entspreche.
Bezeichnenderweise hat er sich auch im Weiteren nachhaltig gegen die symbolische Verkörperung der Nation und damit zugleich ihres angeblichen Willens zur Wehr gesetzt: Als Denkmalspläne entworfen und in der öffentlichen Diskussion vor allem auf Seiten des Bürgertums auf breite Zustimmung stießen, die die Gestalt der Germania als eine solche symbolische Verkörperung der Nation und ihres Einheitswillens in den Mittelpunkt rückten, da hat er sich gegen jede Beteiligung des Reichs und seiner Person an der Verwirklichung solche Pläne gewandt und ist etwa der Einweihung des Niederwalddenkmals im Rheingau bewusst ferngeblieben. Das Reich als von der Nation getragener und dann auch zunehmend bestimmter Nationalstaat - diesem Gedanken stand er im Prinzip durchaus fern. Und wenn er ihn auch gelegentlich innen- wie außenpolitisch propagandistisch benutzte, um politische Gegner zu bekämpfen, so wenn er von "uns Deutschen" sprach und gleichzeitig dabei seine politischen Gegner im sozialistischen und im katholischen Lager, dann auch im Lager der Linksliberalen ausklammerte - eine übergreifende, integrierende Einheit mit eigenem Willen war damit nie gemeint.
Diese Einheit wurde für ihn nur vom Staat, vom monarchisch regierten Staat verkörpert, sei es von dem in seiner Souveränität auch nach 1871 wesentlich fortbestehenden einzelnen deutschen Staat, sei es von der im Reich verbundenen Gemeinschaft dieser Staaten. Noch im Alter erklärte er in einem Gespräch dezidiert: "Es genügte, wenn die Könige von Bayern, Württemberg, Sachsen und so weiter so viel von ihren Rechten abtraten, als gerade nötig war, um das Deutsche Reich unter Berücksichtigung der berechtigten Überlieferungen und Forderungen zu begründen. Anders wäre es nicht gegangen, anders wollte ich es auch nicht." Mit anderen Worten, die Verschmelzung der historisch gewachsenen Teile, genauer gesagt: Staaten Deutschlands zu einer einheitlichen Nation mit einem eigenen und am Ende mehr und mehr dominierenden einheitlichen Willen war ihm von seiner monarchisch-obrigkeitsstaatlich geprägten und bestimmten Staatsidee her Zeit seines Lebens zutiefst suspekt.
Von daher geht eine schon unter den Zeitgenossen weitverbreitete, einen guten Teil seines politischen Prestiges und seiner Wirkung auf die Massen ausmachende Deutung seiner Person und seines Werks, die ihn nicht nur als einen der Schöpfer, sondern als einen der Hauptträger und Repräsentanten des Nationalstaatsgedankens in Deutschland ausmacht, in entscheidenden Punkten in die Irre.
Man kann ihn im Gegenteil als einen Mann bezeichnen, der alle mit der nationalen Idee ursprünglich verbundenen und aus ihr entwickelten Ziele von früh auf nachdrücklich bekämpfte. In ihr sah er eine Kraft, die dem überlieferten Staatsgedanken, der im aufgeklärten Absolutismus eines Friedrich des Großen in Preußen einen Höhepunkt erreichte, schrittweise seine Basis zu entziehen drohte und den Staat am Ende der Gesellschaft und den in ihr wirkenden, ständig schwankenden und höchst diffusen Kräften und Stimmungen ausliefern und so schließlich in seiner bisherigen Form zerstören würde. F

Bundesversammlung
Heute wählt die Bundesversammlung alle fünf Jahre den Bundespräsidenten. Im Deutschen Bund zwischen 1815 und 1866 hingegen war sie eine Art Kongress, in den alle Mitgliedstaaten Gesandte schickten; diese entschieden - weisungsgebunden - vor allem in militärischen und auswärtigen Angelegenheiten. Die Bundesversammlung wurde auch Bundestag genannt, ständiger Sitz war Frankfurt.
Von Lothar Gall

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 1/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung