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SPECIAL GESCHICHTE

DER NATIONALSTAAT ENTSTEHTDIE SPANISCHE OFFERTE

Im Sommer 1870 heizt Bismarck die Spannungen mit Frankreich an. Ein Krieg soll die deutsche Einheit bringen.
Am Kurhaus flattert die große Königsflagge, als Wilhelm I. am 20. Juni 1870 in Bad Ems eintrifft. Passanten begrüßen den 73 Jahre alten preußischen Herrscher mit Blumen, und auch sonst deutet alles auf eine vergnügliche Sommerfrische hin. Die besten Hotels am Platze sind ausgebucht, im Kurpark und auf der Promenade lustwandeln allerlei Berühmtheiten oder solche, die sich dafür halten. "Nichts fröhlicher, nichts friedlicher als die Mittsommerzeit der 70er Saison im schönen Ems", beschreibt Theodor Fontane die Stimmung jener Ferientage.
Doch die Beschaulichkeit trügt. Hinter den Kulissen ringen Frankreich und Preußen um ihre Stellung im europäischen Machtgefüge. Kriegsgefahr liegt in der Luft.
Am 8. Juli nimmt Vincent Graf von Benedetti im Hotel "Stadt Brüssel" Quartier. Der französische Botschafter in Preußen ist von seiner Regierung nach Bad Ems geschickt worden, um mit Wilhelm I. über die Thronfolge in Madrid zu sprechen.
Dort ist zwei Jahre zuvor die Bourbonen-Königin Isabella II. durch einen Putsch spanischer Militärs gestürzt worden. Seither suchen die Generäle einen geeigneten Nachfolger. Nach einigem Hin und Her erklärt sich am 19. Juni 1870 Leopold, Erbprinz aus dem Hause Hohenzollern-Sigmaringen, zur Übernahme des vakanten Postens bereit.
Für Frankreich ist das ein Affront: Ein süddeutscher Prinz, verwandt mit dem preußischen Königshaus, als Ersatz für eine Herrscherin aus der französischen Bourbonenlinie. Das aufstrebende Preußen, so fürchtet man in Paris, ist im Begriff, die Grande Nation einzukreisen. Vor dem Parlament spricht der französische Außenminister, Herzog Antoine von Gramont, ein Vertreter der antipreußischen napoleonischen Rechten, von der bedrohten Ehre seines Landes und davon, dass Frankreich es nicht hinnehmen könne, wenn mit einem Hohenzollern auf dem iberischen Thron das europäische Gleichgewicht gefährdet werde. Eilends wird Botschafter Benedetti zu dem kurenden Preußenkönig geschickt, um bei ihm die Rücknahme der Kandidatur Leopolds zu erwirken.
Wilhelm I. ist sich der Brisanz der spanischen Nachfolgeregelung bewusst und hat der Bewerbung ohnehin nur widerwillig zugestimmt. Ebenso zögerlich ist der Erbprinz selbst. Allenfalls aus "höherem Staatsinteresse", so Leopolds Vater, Fürst Karl Anton, in einem Brief an Wilhelm I., sei sein Sohn bereit, dieses "Opfer" zu bringen.
Dass Leopold das spanische Angebot schließlich doch offiziell annimmt, ist vor allem Otto von Bismarck zuzuschreiben. Der preußische Ministerpräsident hat die Zögernden - vom Erbprinzen bis zum Monarchen - immer wieder zur Zustimmung gedrängt. Von "politischer Nötigung" ist im Briefwechsel zwischen Vater und Sohn Hohenzollern-Sigmaringen sogar die Rede.
Tatsächlich ist Bismarck, als die Offerte aus Madrid vorliegt, entschlossen, die spanische Karte zu spielen. Die Spannungen mit Paris, die dadurch ausgelöst werden, kommen ihm sehr gelegen.
"Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut", hat er Anfang der sechziger Jahre vor preußischen Abgeordneten verkündet. Kriege hält der spätere Reichskanzler für ein geeignetes Mittel, wenn die europäische Ordnung auf andere Art nicht in seinem Sinne zu bestimmen ist.
Wie gut das gelingen kann, zeigt 1866 ein Waffengang gegen Österreich. Am 3. Juli schlagen preußische Truppen die österreichische Armee bei Königgrätz. Mit der Vormachtstellung der Habsburger Monarchie in Mitteleuropa ist es danach vorbei, Preußen beschert der Sieg die unumschränkte Herrschaft über Norddeutschland.
Für Bismarck ist damit jedoch nur ein Etappenziel erreicht. Nun gilt es, auch Bayern, Baden und Württemberg unter preußische Führung zu bringen und den kleindeutschen Nationalstaat zu vollenden.
Mit Duldung Napoleons III. ist dieses Vorhaben allerdings kaum zu erreichen. Der französische Kaiser beobachtet ohnehin schon argwöhnisch, wie Berlin nach dem Sieg von Königgrätz im Konzert der europäischen Mächte an Einfluss gewonnen hat.
Und noch etwas spricht dagegen, dass die deutsche Einheit auf friedlichem Wege gelingen kann: Die katholischen Länder jenseits des Mains finden es keineswegs attraktiv, sich der "Säbelherrschaft" der protestantischen "preußischen Ketzer" unterzuordnen. Mit einem Krieg und der damit verbundenen Aufwallung nationaler Gefühle wachsen jedoch die Chancen, diese Skepsis zu vertreiben.
Aus all dem zu schließen, Bismarck habe dem Nachbarland geradewegs den Krieg erklären wollen, wäre falsch. Der gewiefte Machtpolitiker möchte den Gegner so reizen, dass dieser den Waffengang beginnt. Und mit der spanischen Thronfolge bietet sich eine gute Gelegenheit.
Zunächst schickt Paris jedoch keine Soldaten, sondern nur seinen Botschafter zum preußischen König nach Bad Ems. Wilhelm I. ist für die französische Demarche gut präpariert: Die preußische Regierung habe mit der ganzen Sache nichts zu tun, lautet seine seit langem mit Bismarck abgesprochene Verteidigungslinie. Allein aus familiären Gründen sei er eingeweiht worden.
Benedetti glaubt ihm kein Wort, und auch Wilhelm I. weiß insgeheim, dass er die Krise so nicht beilegen kann. Anders als Bismarck beunruhigt ihn die heraufziehende Kriegsgefahr. Deshalb schreibt er Karl Anton im Anschluss an das Treffen, "die Lage" zwischen Frankreich und Preußen sei "mehr wie ernst", Leopold möge den Entschluss, nach Madrid zu gehen, nochmals überdenken.
Im Hause Hohenzollern-Sigmaringen scheint man auf so ein Signal nur gewartet zu haben. "Der Gedanke eines nahen Kriegsfalls" sei ihm unerträglich, antwortet der Fürst, sein Sohn trete die Thronfolge nicht an. Zufrieden glaubt Wilhelm I., den Konflikt beendet zu haben.
Aber die französische Regierung will mehr. Wilhelm I. soll sich nun sogar verpflichten, niemals wieder seine Zustimmung zur Kandidatur eines Hohenzollern für den spanischen Thron zu geben. Auf der Kurpromenade passt Benedetti den Preußenkönig ab, um ihm diese neue Forderung vorzutragen.
So weit aber will auch Wilhelm I. Frankreich nicht entgegenkommen. Am 13. Juli 1870 wird der Vorgang Bismarck in einem ausführlichen Telegramm geschildert - der berühmten Emser Depesche.
Der preußische Ministerpräsident hat zunächst gar nicht mitbekommen, was sich da in Ems und Sigmaringen alles gegen ihn und seine Pläne zusammengebraut hat. Schon vor Wochen ist er auf sein Gut Varzin im fernen Hinterpommern gefahren.
Dort bricht er am 12. Juli in frohgemuter Kriegsstimmung Richtung Berlin auf. Er will die preußische Mobilmachung vorbereiten. Mit der guten Laune ist es jedoch schnell vorbei, als er in der Hauptstadt von Wilhelms Gesprächen mit Benedetti und von Leopolds Entscheidung erfährt. "Mein erster Gedanke war, aus dem Amt zu scheiden", schreibt er in seinen "Gedanken und Erinnerungen".
Dann aber erreicht ihn die Emser Depesche, und alle Rücktrittsgedanken sind wieder verflogen. "Seine Majestät stellt Eurer Exzellenz anheim", heißt es darin, die "neue Forderung Benedettis und ihre Zurückweisung sogleich" zu veröffentlichen.
Bismarck erkennt sofort, welche Chance dieser Satz ihm bietet, Napoleon III. erneut herauszufordern. Umgehend kürzt er den Bericht derart rigoros, dass die Depesche wie eine Absage an jede weitere Verhandlung mit Frankreich klingt.
Die Reaktion in Paris ist wie erwartet. Der Kaiser ist düpiert, auf den Straßen skandieren die Menschen "Nieder mit Bismarck", am 19. Juli 1870 erklärt Frankreich Preußen den Krieg. Der Waffengang, der ein halbes Jahr später zu der Proklamation des Deutschen Reiches im Spiegelsaal des Versailler Schlosses führen wird, beginnt.
Er habe nicht geglaubt, gesteht Bismarck im August 1870 dem preußischen General Albrecht von Stosch, "dass die Franzosen so rasch anbeißen würden". F

Morsezeichen
Dass man 1870 vielerorts Telegramme verschicken kann, ist vor allem Samuel Morse zu verdanken. Der Amerikaner konstruierte um 1835 einen Telegrafen: Durch Tastendruck wird ein Stromkreis geschlossen. Am Empfangsgerät setzt sich dann ein Stift in Bewegung, der - je nach Dauer des Stromflusses - auf einer Papierrolle Punkte oder Striche markiert, die Zeichen des Morsealphabets. 1848 wird die erste deutsche Morse-Telegrafenlinie eröffnet.
Von Karen Andresen

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 1/2007
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