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SPECIAL GESCHICHTE

ABSCHIED VON PREUSSENTIGER DES NATIONALISMUS

Die Kaiserproklamation 1871 im Spiegelsaal von Versailles war der Schlusspunkt einer Entwicklung, die mit der Revolution 1848/49 begonnen hatte. Der Pakt mit der Nationalbewegung hatte es Bismarck unmöglich gemacht, ein Großpreußen zu gründen. Von Harald Biermann
Am Anfang war die Revolution. Die Ereignisse der Jahre 1848/49 haben die politische Landschaft in Deutschland grundlegend verändert. Eine Rückkehr zu den Verhältnissen vor der Revolution war jedenfalls vollkommen ausgeschlossen. Weite Kreise der deutschen Bevölkerung waren erstmals direkt mit politischem Handeln, ja mit Politik überhaupt, in Kontakt gekommen; der Nationalismus hatte breiteste Schichten der Gesellschaft ergriffen.
Zudem hatte sich während der Revolution gezeigt, dass die Einheit Deutschlands nicht im Einvernehmen zwischen den beiden Großmächten im Deutschen Bund - Österreich und Preußen - vereinbart werden konnte. Der Dualismus sollte bis 1866 die deutschen Geschicke prägen.
Eine weitere Tatsache kann aus der Rückschau kaum überschätzt werden. Die Revolution schleuderte eine ganze Reihe von Männern - damals waren es tatsächlich nur Männer - auf die politische Bühne, die ohne diese grundstürzenden Ereignisse vielleicht niemals ein politisches Amt oder eine öffentliche Laufbahn in Erwägung gezogen hätten. Dies gilt übrigens sowohl auf der Seite der Revolutionäre als auch auf Seiten der Verteidiger der alten Ordnung.
Otto von Bismarck (1815 bis 1898) erfuhr dieses rauschhafte Beschleunigungserlebnis am eigenen Leibe. Ohne die vielfachen Verwerfungen im preußischen Staat, ohne die schwere Erschütterung der Hohenzollern-Monarchie, kurzum: ohne die Revolution wäre die Karriere dieses "Außenseiters" (Lothar Gall) völlig anders verlaufen. Mit hohem Grad an historischer Wahrscheinlichkeit hätte es den "Eisernen Kanzler" wohl überhaupt nicht gegeben.
Die Revolution gab Bismarck nicht nur eine Bühne, um sich als erzkonservativer Kämpfer für die preußische Krone zu profilieren, sondern sie bot ihm auch politisches Anschauungsmaterial erster Güte. In Berlin, Frankfurt am Main und Wien, aber auch in St. Petersburg, in Paris und London wurde in dieser bewegten Zeit hoch gespielt. Der rasche Wechsel der Konstellationen in der Innen- wie der Außenpolitik war das genaue Gegenteil des "Metternichschen Systems der Regungslosigkeit" (Hermann Baumgarten), das die Politik in Deutschland über Jahrzehnte geprägt hatte.
Nachdem Österreich und Preußen die ersten Stürme erfolgreich überstanden hatten, kamen auch in Wien und Berlin durchaus revolutionäre Gedanken auf. Die Regierungen der beiden Vormächte setzten auf die aktive Umgestaltung Deutschlands. Während die Hofburg plante, in Mitteleuropa ein 70-Millionen-Reich zu errichten, in dem die österreichische Herrschaft ebenso festgeschrieben werden sollte wie das Herabsinken Preußens zu einem Mittelstaat, propagierte der preußische König Friedrich Wilhelm IV. (1795 bis 1861) einen Unionsplan, der letztlich auf das Herausdrängen Habsburgs aus den deutschen Angelegenheiten zielte.
Im Herbst 1850 - also nach dem Scheitern der Revolution - spitzte sich die Lage dramatisch zu. Es drohte Krieg. Preußische Truppen schossen bereits auf bayerische Einheiten, die sich in Übereinstimmung mit Österreich den Berliner Plänen entgegengestellt hatten. Friedrich Wilhelm IV. musste nun erkennen, dass ihn sein Unionsplan in die Isolation getrieben hatte. Mit der Unterzeichnung der Punktuation von Olmütz am 29. November 1850 begrub der Monarch den Versuch einer kleindeutschen Einigung. Preußen musste klein beigeben. Dieses Einknicken vor außenpolitischem Druck hat die auf Berlin ausgerichtete Nationalbewegung dem König nie verziehen. Auch in konservativen Kreisen sprach man fortan mit Verachtung von der "Schmach von Olmütz".
Anders jedoch Otto von Bismarck. Am 3. Dezember 1850 ergriff er im Preußischen Abgeordnetenhaus das Wort, um die Beerdigung der Unionspolitik nicht nur zu rechtfertigen, sondern auch zu preisen. In seiner ersten großen außenpolitischen Rede plädierte Bismarck mit kühler Rationalität für eine konsequente preußische Interessenpolitik: "Die einzig gesunde Grundlage eines großen Staates, und dadurch unterscheidet er sich wesentlich von einem kleinen Staate, ist der staatliche Egoismus und nicht die Romantik, und es ist eines großen Staates nicht würdig, für eine Sache zu streiten, die nicht seinem eigenen Interesse angehört." Er geißelte die Unionspolitik als "ein zwitterhaftes Produkt furchtsamer Herrschaft und zahmer Revolution" und erklärte, dass es in dieser Situation eigentlich nur einen wahren Kriegsgrund geben dürfe, nämlich die seit 1815 Preußen vorenthaltene Parität mit Österreich im Deutschen Bund. Für dieses Ziel, so Bismarck, hätte sich ein Krieg gelohnt, nicht für die Chimäre einer fehlgeleiteten Unionspolitik.
Von der postulierten Gleichberechtigung war Preußen allerdings in diesen Monaten weiter entfernt denn je. Auf den Dresdner Konferenzen von Dezember 1850 bis Mai 1851 scheiterten alle Versuche, den Deutschen Bund in die eine wie in die andere Richtung zu verändern. Er blieb, wie er seit 1815 gewesen war. Der Bundestag, die Delegiertenversammlung der Mitgliedstaaten, tagte seit Juni 1851 wieder vollzählig in Frankfurt am Main.
Zur allgemeinen Überraschung wurde Otto von Bismarck zum preußischen Gesandten beim Bundestag in Frankfurt ernannt. Die Wahl war letztlich auf diesen "diplomatischen Autodidakten" (Heinrich Lutz) gefallen, um das arg ramponierte Verhältnis zu Österreich wieder zu kitten. Doch Bismarck blieb sich treu. Es ging ihm noch immer um Parität mit Habsburg. Als indes Fortschritte in dieser Sache ausblieben, machte er sich daran, die österreichische Präsidialmacht in eine Vielzahl von diplomatischen Scharmützel zu verstricken. Er führte einen regelrechten Kleinkrieg gegen seine österreichischen Kollegen, die ihn wiederum mit Spott und Verachtung straften.
Gleichwohl funktionierte der Deutsche Bund in diesen Jahren, denn den siegreichen Dynastien ging es nun gemeinsam darum, die rechtlichen und politischen Überbleibsel der Revolution von 1848/49 auszumerzen. "Das Ziel war die Entliberalisierung und Entdemokratisierung der Landesverfassungen mit Hilfe der Bundesgewalt" (Ernst Rudolf Huber).
Die beiden Großmächte wirkten Hand in Hand, um die Grundrechte zu beschneiden. Der Deutsche Bund war das Instrument dieser Disziplinierungsmaßnahmen, die vor Eingriffen in die innere Verfasstheit kleinerer Mitgliedstaaten nicht haltmachten. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Liberalen den Deutschen Bund mehr und mehr verabscheuten, ja lernten, ihn zu hassen. Sie sahen in ihm nur noch den Unterdrückungsapparat, der gegen das aufstrebende Bürgertum gerichtet war.
Obwohl in der Geschichtswissenschaft lange Zeit die Auffassung vorgeherrscht hat, dass die fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts gleichsam eine verlorene Dekade gewesen seien, wissen die Historiker heute ein differenzierteres Bild zu zeichnen. Selbstverständlich darf aus der Rückschau nicht übersehen werden, dass die Revolution mit einer vernichtenden Niederlage für die sogenannte Bewegungspartei - also für die liberale Mehrheit sowie für die demokratische Minderheit - geendet hatte.
Gleichzeitig muss allerdings unterstrichen werden, dass sich vor allem die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen grundlegend wandelten. Die fünfziger Jahre sind mit gutem Grund als erste Gründerzeit bezeichnet worden. Der Aufschwung war mit Händen zu greifen. Und er verbesserte die Lebensbedingungen der Menschen. Der Vorreiter dieser Entwicklung in Deutschland, die wir vereinfachend als industrielle Revolution bezeichnen, war Preußen.
Diese langanhaltende Konjunktur, die eigentlich erst 1873 zu Ende ging, beeinflusste nachhaltig das Lebensgefühl der Menschen. Der liberale Fortschrittsglaube schien Realität zu sein; für seine Anhänger war der Triumph des Liberalismus in der Zukunft eine ausgemachte Sache. Was fehlte zur Glückseligkeit, war die Einheit der Nation.
In diesen äußerlich so ruhigen Jahren formierte sich erneut die deutsche Nationalbewegung. Nachdem die Männer die Enttäuschungen der gescheiterten Revolution verdaut hatten, machten sie sich daran, politische Kontakte zu knüpfen. Sie konnten dabei auf bereits bestehende Beziehungsgeflechte und persönliche Bekanntschaften zurückgreifen, denn selbst in der dunkelsten Periode der sogenannten Reaktion war der nationale "Kommunikationsraum" (Dieter Langewiesche), der während der Revolution gleichsam über Nacht errichtet worden war, nicht kollabiert.
Die führenden Köpfe der deutschen Nationalbewegung standen über alle Landesgrenzen hinweg in engem Kontakt miteinander. Für aufmerksame Beobachter der politischen Entwicklun-gen wie Otto von Bismarck stand außer Frage, dass diese Männer in der Zukunft eine wichtige Rolle spielen würden. Der Nationalismus war schließlich die vorwaltende Tendenz der Zeit - nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa.
Während in der Alten Welt viele Hochkonservative darauf hofften, dass der nationale Spuk irgendwie beendet sei, wussten beweglichere Denker wie zum Beispiel der piemontesische Ministerpräsident Camillo Benso Graf von Cavour (1810 bis 1861), dass er, um seine Ziele zu erlangen, genötigt sein würde, die Nationalbewegung vor den eigenen Karren zu spannen. Die Bestrebungen zur Gründung des Königreichs Italien waren in dieser Hinsicht lebendiger Anschauungsunterricht. Mit Argusaugen schauten die deutsche Nationalbewegung sowie Otto von Bismarck auf die Ereignisse südlich der Alpen.
Der österreichisch-französische Krieg in Oberitalien im Frühjahr 1859 war auch für die weitere Entwicklung im Deutschen Bund eine wichtige Weichenstellung. Zum einen wurde für jeden offensichtlich, dass der Deutsche Bund seine eigentliche Aufgabe - Sicherheit für seine Mitgliedstaaten zu gewährleisten - nicht mehr erfüllen konnte. Zum anderen trat der latent vorhandene Gegensatz zwischen Österreich und Preußen nun für die ganze Welt sichtbar ans Tageslicht: Berlin war dem bedrängten Bundesgenossen nicht zur Hilfe geeilt, und Wien opferte im Vorfrieden von Villafranca weite Teile seiner italienischen Besitzungen, um die Vorherrschaft im Deutschen Bund nicht zu gefährden. Die Zeichen in der deutschen Politik standen jedenfalls auf Sturm.
Auch in der Nationalbewegung hatte es im Vorfeld und auch während des Krieges hitzige Diskussionen über den einzuschlagenden Kurs gegeben. Die überwiegende Mehrheit plädierte für einen Waffengang gegen Frankreich. Ihr schwebte allerdings nicht ein europäischer Normalkrieg vor, wie er seit Jahrhunderten zum Gang der Geschichte gehört hatte. Sie plädierte vielmehr mit Inbrunst für einen "Nationalkrieg" , der nicht nur den westlichen Nachbarn vernichtend besiegen, sondern in einem Zuge auch die deutsche Nation einen sollte. Eine derartige Zuspitzung konnte allerdings durch die tradierte Staatsklugheit in den europäischen Kabinetten abgewendet werden. Alle aufgeregten Debatten verliefen letztlich im Sande.
Der militärische Triumph Napoleons III. (1808 bis 1873) in Oberitalien ließ die deutschen Nationalisten erschaudern. Todesangst und das Gefühl der Machtlosigkeit waren die eigentlichen Motive für die Gründung des Deutschen Nationalvereins im September 1859. Dieser für damalige Verhältnisse straff organisierte Zusammenschluss innerhalb der kleindeutschorientierten Nationalbewegung versammelte auf dem Höhepunkt 24 000 Mitglieder in seinen Reihen. Bis Mitte der sechziger Jahre war der Nationalverein ein politischer Faktor, der weder von seinen politischen Gegenspielern - also beispielsweise dem großdeutschorientierten Reformverein - noch von den herrschenden Dynastien ignoriert werden konnte.
Für Bismarck waren diese Entwicklungen zunächst ohne tiefere Bedeutung, denn er war bereits im März 1859 aus Frankfurt am Main abberufen worden. Das liberal-konservative Kabinett der "Neuen Ära" in Berlin stellte ihn als Gesandten in St. Petersburg kalt. Bismarck war vom Zentrum der deutschen Politik an die Peripherie gedrängt worden. Nicht nur aus diesem Grund blieb er auch weiterhin ein Außenseiter.
Bezeichnenderweise ermöglichte erst die krisenhafte Zuspitzung des Konflikts zwischen Wilhelm I. und dem von Liberalen dominierten Abgeordnetenhaus um eine Heeresreform und den Militäretat Bismarck die Rückkehr auf die Berliner Bühne. Als der König nach dem Scheitern aller Bemühungen im September 1862 seine Abdankung ernsthaft in Betracht zog, war die Zeit reif für Otto von Bismarck. Er kehrte gegenüber dem Monarchen seine Rolle als ergebener Diener der Hohenzollern-Dynastie hervor und versicherte seinem König, dass er zur Not auch ohne parlamentarisch verabschiedetes Budget regieren werde.
Zugleich zeigte Bismarck sich wild entschlossen, das Lieblingskind Wilhelms und gleichzeitig den eigentlichen Kern des Heereskonflikts - die dreijährige Dienstpflicht in der preußischen Armee - gegen alle Widerstände durchzusetzen. Dies war der stürmische Beginn einer nahezu 26 Jahre währenden außergewöhnlichen Zusammenarbeit zwischen dem Monarchen und Otto von Bismarck.
Sofort nach seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten machte sich Bismarck daran, die verfahrene Situation zu entwirren. Er unterbreitete den preußischen Liberalen, die mittlerweile die Zweite Kammer völlig dominierten, ein Kooperationsangebot: In der Budgetkommission des Preußischen Abgeordnetenhauses wies er am 30. September 1862 mit Nachdruck darauf hin, dass "nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse ... die großen Fragen der Zeit entschieden [werden] - das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen -, sondern durch Eisen und Blut".
Bismarck hatte klarsichtig erkannt, dass die preußischen Liberalen durchaus keine Feinde einer gewaltsamen Lösung der deutschen Frage waren. Im Gegenteil: Die Nationalbewegung inner- und außerhalb Preußens setzte sehenden Auges auf den großen Krieg, um in einer europäischen Gesamtkonvulsion die deutsche Nation zu gründen. Diese außenpolitische Aggressivität ist übrigens erst in den letzten Jahren in das Blickfeld der Historiker gerückt.
Womit Bismarck allerdings nicht gerechnet hatte, war die starke ideologische Aufladung der außenpolitischen Ansichten der kleindeutsch-orientierten Liberalen. Stellvertretend für viele abschätzige Urteile über den neuen Ministerpräsidenten steht eine briefliche Äußerung Heinrich von Treitschkes (1834 bis 1896): "Du weißt", schrieb der einflussreiche Historiker in diesen Tagen an einen Freund, "wie leidenschaftlich ich Preußen liebe, höre ich aber einen so flachen Junker, wie diesen Bismarck, von dem 'Eisen' und 'Blut' prahlen, womit er Deutschland unterjochen will, so scheint mir die Gemeinheit nur noch durch die Lächerlichkeit überboten." Bismarcks Annäherungsversuch scheiterte jedenfalls vollständig.
Der preußische Ministerpräsident avancierte sogar zur Spottfigur der Liberalen. Innerhalb der Nationalbewegung wurde er als Mann der Heiligen Allianz beschimpft. Von einem solchen 'Krautjunker' erwartete die liberale Öffentlichkeit weniger als nichts. Diese ideologisch motivierte Ablehnung, die sich im weiteren Verlauf des Verfassungskonflikts zu offenem Hass steigern sollte, vernebelte den Liberalen inner- und außerhalb der preußischen Landesgrenzen derartig die Sinne, dass zunächst selbst der große Erfolg des Ministerpräsidenten im Krieg gegen Dänemark im Jahre 1864 nahezu ohne positive Resonanz im liberalen Lager blieb. Sie verharrten gedanklich im innenpolitischen Machtkampf und befürchteten buchstäblich bis zur letzten Sekunde den Ausverkauf nationaler Interessen in den umkämpften Herzogtümern Schleswig, Holstein und Lauenburg durch Bismarck.
Zwar hatte Bismarck zunächst im Zusammenspiel mit Österreich ein überragendes Ziel der deutschen Nationalbewegung erreicht - die drei Herzogtümer aus dänischer Herrschaft loszureißen -, doch schienen sowohl die Art und Weise, wie er dies bewerkstelligt hatte, als auch die weitere Vorgehensweise als ein Rückfall in die Kabinettspolitik des 18. Jahrhunderts. Als der preußische Plan zur Annexion von Schleswig publik wurde, brach in der Öffentlichkeit abermals ein Sturm der Entrüstung los. Länderschacher und Willkürherrschaft waren die gängigsten Vorwürfe.
Bismarck erschien den liberalen Beobachtern als rücksichts- und auch skrupelloser Verfechter preußischer Staatsziele. Dies war er gewiss. Gleichzeitig jedoch war es eine seiner Grundüberzeugungen, dass in der konkreten Situation der sechziger Jahre die preußischen mit den deutschen Interessen zusammenfielen. Diese angenommene Deckungsgleichheit hatte zur Folge, dass Bismarck das Ziel der Zusammenarbeit mit der Nationalbewegung weiter konsequent verfolgen konnte, obwohl alle Avancen bislang brüsk zurückgewiesen worden waren.
Das Bild von Bismarck als zielgerichtet agierender Reichsgründer ist in den letzten Jahrzehnten relativiert worden. Historiker heben mittlerweile verstärkt sowohl auf sein tiefverwurzeltes Preußentum als auch auf seine machtpolitische Beweglichkeit, ja seinen Opportunismus ab. Noch immer streiten sich die Gelehrten. War es vielleicht Bismarcks eigentliches Streben, ein Großpreußen zu gründen? Hatte er die deutsche Einigung unter preußischer Führung als den einzig gangbaren Weg ausgemacht, um dieses Ziel zu erreichen? Letzte Klarheit über diese Fragen werden wir wohl nie erhalten. Eines jedoch ist gewiss: Bismarck betrieb spätestens seit dem Sommer 1865 konsequent die Sprengung des Deutschen Bundes und damit den Ausschluss Habsburgs aus dem deutschen Gesamtzusammenhang.
Der preußisch-österreichische Krieg war eine entscheidende Weichenstellung für die folgenden Jahrzehnte. Der triumphale Sieg der preußischen Armee bei Königgrätz am 3. Juli 1866 veränderte nicht nur die mitteleuropäische Landkarte, sondern bewirkte auch das Ausscheiden Österreichs aus der deutschen Geschichte. Die Jahrhunderte währende Vorherrschaft Habsburgs war beendet. Wien wandte sich nun nach Osten. Der Balkan wurde erneut zum Hauptschauplatz der österreichisch-ungari-schen Großmachtpolitik. Hellsichtige Beobachter erkannten bereits zeitgenössisch den am Horizont heraufziehenden Konflikt mit der anderen Großmacht, die den Balkan ebenfalls im Visier hatte: dem Zarenreich.
Doch zurück ins Entscheidungsjahr: Der Krieg Preußens gegen Österreich war innerhalb Deutschlands ungemein unpopulär. Als im März 1866 die ersten Gerüchte über die wechselseitigen Kriegsvorbereitungen an die Öffentlichkeit drangen, machte das Wort vom "Bruderkrieg" rasch die Runde. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung konnte sich nicht vorstellen, dass Deutsche auf Deutsche schießen würden. Selbst Bismarcks wagemutiger Vorstoß im Deutschen Bund blieb zunächst ohne positive Resonanz:
Zur allgemeinen Überraschung hatte der preußische Ministerpräsident im Bundestag am 9. April 1866 einen formellen Antrag auf Einrichtung eines deutschen Parlaments gestellt, das - man mochte es kaum für möglich halten - aus allgemeinen und gleichen Wahlen hervorgehen sollte. Diese tollkühne Initiative erschütterte nicht nur das konservative Lager in Preußen nachhaltig, sondern wurde auch von den Vertretern der Nationalbewegung als geradezu typische Verzweiflungstat eines politischen Hasardeurs angesehenen. Bismarcks Werben um die kleindeutschorientierten Liberalen war abermals gescheitert.
Preußen zog also ohne ideellen Flankenschutz und ohne mächtige Verbündete innerhalb des Deutschen Bundes in den Krieg. Gleichwohl war Berlin auf internationalem Parkett alles andere als isoliert. Die überlegene Diplomatie Bismarcks hatte im Vorfeld des Waffengangs sichergestellt, dass die innerdeutsche Auseinandersetzung zunächst nicht unter dem Damoklesschwert einer sofortigen Intervention des Auslands stand. Die Großmächte betrachteten die Entwicklungen in Mitteleuropa zwar mit großer Aufmerksamkeit, doch hatten weder London, noch St. Petersburg oder gar Paris die Stimme erhoben, um einen Krieg innerhalb des Deutschen Bundes zu vereiteln. Die europäischen Kabinette warteten ab.
Der Triumph in Königgrätz sowie der zeitgleiche Siegeszug gegen die deutschen Mittelmächte kamen völlig überraschend. Im In- und Ausland hatten die Beobachter mit einem langen Krieg gerechnet, ja ihn teilweise sogar erhofft. Der französische Kaiser Napoleon III. hatte zum Beispiel darauf gesetzt, dass er einen ausgedehnten Waffengang dazu würde nutzen können, für Frankreich Kompensationsforderungen zu erheben. Das verquere Schlagwort "Revanche pour Sadowa" - also "Rache für Königgrätz" - avancierte in den nächsten Jahren zur Maxime französischer Außenpolitik. Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 hatte in diesem Gefühl der ehrabschneidenden Zurücksetzung eine kräftige Wurzel.
Auch innerhalb Deutschlands hatte niemand mit einem schnellen Sieg Preußens gerechnet. Nach dem Wegfall Österreichs und der Implosion des Deutschen Bundes sahen sich die Mittelmächte gezwungen, ihre Politik völlig neu auszurichten. Erneut erwies sich Bismarck als vorausschauender Sieger: Hatte er schon unter Aufbietung aller seiner Kräfte verhindern können, die Habsburger Monarchie durch einen Triumphzug durch Wien zu demütigen und damit für Jahrzehnte zu einem geschworenen Feind Preußens zu machen, zeigte er sich auch gegenüber den Königreichen Sachsen, Bayern und Württemberg großmütig. Weder verlangte er Herrscherwechsel noch Kontributionen. Diese Nachsicht mit den geschlagenen Feinden war ein wichtiger Faktor bei der Gründung des Deutschen Reichs kaum vier Jahre später.
Anders verfuhr Bismarck dagegen mit dem Königreich Hannover und zum Beispiel auch mit der ehemaligen Reichsstadt Frankfurt am Main. Hier setzte der Ministerpräsident auf das klassische Mittel der Annexion und verlangte zudem hohe Kontributionen. Diese Territorien wurden - ähnlich wie Schleswig und Holstein - vollständig in den preußischen Staat integriert. Mit diesen Zuwächsen avancierte Preußen endgültig zur eindeutigen Vormacht in Deutschland - noch deutlicher war die Vorherrschaft Berlins im neugegründeten Norddeutschen Bund.
Dieser Zusammenschluss von 23 Mitgliedern erblickte am 1. Juli 1867 das Licht der Welt. Trotz der Betonung föderativer Elemente lastete das preußische Übergewicht schwer auf dem neuen Bundesstaat, dessen Verfassung zwar maßgeblich von Otto von Bismarck beeinflusst worden war, dennoch auch Kompromisscharakter aufwies. Denn die Verfassung war kein Oktroi, sondern wurde im konstituierenden Reichstag des Norddeutschen Bundes beraten und am 16. April 1867 mit 230 zu 53 Stimmen angenommen. Maßgeblich beteiligt an den Beratungen war die nationalliberale Fraktion unter Rudolf von Bennigsen - einem geborenen Hannoveraner, der seit Gründung des Deutschen Nationalvereins im September 1859 dessen Vorsitzender gewesen war. Endlich, so mochte es aus Sicht Bismarcks erscheinen, war es ihm gelungen, seine mit großer Hartnäckigkeit verfolgte Strategie des Zusammenspiels mit der kleindeutschen Nationalbewegung Wirklichkeit werden zu lassen.
Und in der Tat arbeiteten die Nationalliberale Partei, die eine Neugründung des Herbstes 1866 war, und Otto von Bismarck bis 1878/79 eng zusammen. Auch über die Zäsur der Reichsgründung hinweg entwickelte sich aus dieser Kooperation eine der großen Reformphasen der deutschen Geschichte. Bismarck konnte sich auf die nationalliberale Mehrheit im Bundestag und später im Reichstag ebenso verlassen, wie die Parlamentarier gewiss sein konnten, dass Bismarck seine überaus starke Stellung nicht ausnutzen würde, um die Gewichte auf dem politischen Parkett zu verschieben.
Diese Kooperationsstrategie der Nationalliberalen steht auch heute noch unter dem Generalverdacht des Ausverkaufs liberaler Ideen. Nicht wenige Historiker sprachen über lange Jahrzehnte von der liberalen Kapitulation vor dem Macht- und Gewaltmenschen Otto von Bismarck. Betrachtet man die Optionen der handelnden Personen allerdings mit größerer Gelassenheit, dann wird rasch deutlich, dass die Zusammenarbeit mit dem späteren Reichskanzler weder übereilt noch unter Preisgabe liberaler Grundüberzeugungen vollzogen worden ist.
Bismarck hatte nach dem Triumph von 1866 alle Optionen für sich. Die Nationalliberalen waren entschlossen, an der Vollendung der deutschen Einheit aktiv mitzuarbeiten. Gewiss mussten sie Kompromisse machen - doch ist die Fähigkeit zum Kompromiss die eigentliche Voraussetzung für politisches Handeln, die in der deutschen Geschichte nicht eben weit verbreitet war.
Wären die Nationalliberalen, so darf man spekulieren, in ihrer überkommenen Ablehnungshaltung verharrt - wie dies die in der Fortschrittspartei verbliebenen Linksliberalen taten -, dann lässt sich mit einem hohen Grad an Wahrscheinlichkeit feststellen, dass Bismarck ihnen wohl kaum ein weiteres Kooperationsangebot unterbreitet hätte. Die Chance des Jahres 1866 bestand nur für einen kurzen historischen Moment - die Nationalliberalen ergriffen sie beherzt.
Der Norddeutsche Bund war ein lebensfähiges Gebilde. Bismarck hatte diesen Bundesstaat auf Dauer eingerichtet. Die Vertreter der Nationalbewegung wollten sich damit nicht abfinden. Für sie war die Teilung Deutschlands entlang der Mainlinie eine Tragödie, die möglichst rasch beendet werden musste. Erneut setzten sie auf Krieg, um die Einheit zu vollenden. Frankreich unter seinem erratisch agierenden Kaiser war nicht nur der tradierte Erbfeind, sondern auch erklärter Wunschgegner der deutschen Nationalbewegung.
Auf beiden Seiten des Rheins wurde während der Krise um das Großherzogtum Luxemburg im Frühjahr 1867 Kriegsgeheul angestimmt. Die Nationalbewegung sah Luxemburg, das bis 1866 Mitglied des Deutschen Bundes gewesen war, als deutsches Territorium an und wies daher aus tiefer Überzeugung das Ansinnen Napoleons III. zurück, das Großherzogtum als Kompensation für den Machtzuwachs Preußens unter französische Herrschaft zu stellen.
Mit großer Mühe und unter tätiger Vermittlung von Großbritannien konnte schlussendlich ein Waffengang vermieden und ein leidlicher Kompromiss gefunden werden. Was jedoch für jeden offensichtlich geworden war: Die Spannungen zwischen Frankreich und dem Norddeutschen Bund - und zwar nicht in erster Linie zwischen den Regierungen, sondern zwischen den kriegsbereiten Völkern - blieben unverändert bestehen.
Die spanische Thronfolge war dann der entscheidende Funke, der das Pulverfass im Sommer 1870 zur Explosion brachte. Über die Verantwortung für den Krieg streiten die Historiker noch heute. Während viele Forscher sich angewöhnt haben, Bismarck als verschlagenen und zugleich genialen Drahtzieher zuerst der diplomatischen Verwicklungen und später auch des eigentlichen Kriegsausbruchs - Stichwort Emser Depesche - zu bewerten, rückt in den letzten Jahren Napoleon III. immer stärker in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Seine sprunghafte Außenpolitik hatte ihn nicht nur auf internationaler Bühne isoliert, sondern auch innenpolitisch stand er im Jahr 1870 vor einem Scherbenhaufen.
Anders der Norddeutsche Bund unter dem Bundeskanzler Otto von Bismarck, der nach innen und außen gefestigt war. Gleichwohl wusste auch Bismarck, dass die Reichseinigung durch einen siegreichen Feldzug gegen Frankreich immens beschleunigt worden wäre. Die beiden Kontrahenten belauerten sich also und warteten auf den aus ihrer Sicht besten Moment zum Losschlagen.
Entgegen den allgemeinen Erwartungen brachte der große Sieg bei Sedan am 2. September 1870 nicht die Entscheidung im Krieg gegen Frankreich. Gewiss, Napoleon III. musste abdanken, doch setzte die neugegründete Dritte Republik den Waffengang fort, der bei längerer Dauer immer mehr den Charakter eines Volkskrieges annahm und damit bereits auf die verheerenden militärischen Konflikte des kommenden Jahrhunderts verwies. Bismarck hatte jedenfalls große Mühe, die entfesselten Leidenschaften zu bändigen. Zeitweise sah es so aus, als ob der Krieg völlig seiner Kontrolle entgleiten würde. Vor diesem durchaus unsicheren Hintergrund machte sich Bismarck daran, das Deutsche Reich aus der Taufe zu heben.
Die Kaiserproklamation am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles war der feierliche Schlusspunkt einer Entwicklung, die im Grunde spätestens seit der Revolution von 1848/49 eingesetzt hatte. Mit der "Fundamentalpolitisierung" (Wolfram Siemann) breiter Bevölkerungsschichten hatte sich das politische Spielfeld grundsätzlich gewandelt. Die zunächst zersprengte Nationalbewegung avancierte während der fünfziger Jahre erneut zu einem wichtigen Faktor. Es war das Verdienst Otto von Bismarcks, diese Entwicklung klar analysiert und in seine Berechnungen integriert zu haben. Wie andere Politiker seiner Zeit ritt er den Tiger des Nationalismus. Dass er "ein gefährliches Spiel spielte" (Hagen Schulze), stand ihm jederzeit klar vor Augen.
Das Bündnis mit der Nationalbewegung hat jedoch nicht nur die Methoden der Bismarckschen Politik geprägt, sondern eben auch subkutan die Ziele beeinflusst. Durch diesen Pakt, für den es aus seiner Sicht der Dinge keine Alternative gab, war es ihm unmöglich geworden, ein Großpreußen zu gründen. Das Deutsche Reich war eine genuine Neuschöpfung mit eigenem Charakter. Und so verwundert es nicht, dass noch heute zumeist konservative Anhänger eines spezifischen Preußentums im "weißen Revolutionär" (Henry Kissinger) den Verderber ihres geliebten Staates ausmachen. F
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HARALD BIERMANN
Der habilitierte Historiker, Jahrgang 1966, ist Direktionsassistent der Stiftung Haus der Geschichte in Bonn.
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Deutscher Bund
Während des Wiener Kongresses einigten sich die europäischen Großmächte auf eine Neugestaltung Deutschlands. Die Bundesakte vom 8. Juni 1815 verband 35 Fürstenstaaten und 4 freie Städte zum Deutschen Bund. Dieser locker gefügte Staatenbund war der international akzeptierte Gegenentwurf zu einem verdichteten Machtblock im Herzen Mitteleuropas. Unter der Führung der Habsburger Monarchie avancierte der Deutsche Bund immer stärker zu einem Disziplinierungsinstrument, das gegen die liberalen Kräfte des aufstrebenden Bürgertums gerichtet war. Im Jahr 1866 löste sich der Deutsche Bund auf Druck Preußens auf.
Emser Depesche
Am 13. Juli 1870 forderte der französische Botschafter in Preußen von König Wilhelm I. auf alle Zeit den Thronverzicht der Familie Hohenzollern in Spanien. Dieses Ansinnen wurde vom Monarchen mit Nachdruck zurückgewiesen, zumal in der konkreten Situation der Kandidat des Hauses Hohenzollern bereits Verzicht geübt hatte. Der Bericht dieser Begebenheit wurde von Bismarck in Berlin zugespitzt und umgehend veröffentlicht. Diese diplomatische Ohrfeige wurde von Napoleon III. am 19. Juli 1870 erwartungsgemäß mit der französischen Kriegserklärung beantwortet.
Von Harald Biermann

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 3/2007
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