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SPECIAL GESCHICHTE

WEIMARS ENDE„WEIT ENTFERNT VON SIMPLEN ANTWORTEN“

Der Historiker Andreas Wirsching über Defizite der Weimarer Republik, die Rolle des Protestantismus beim Entstehen des Nationalsozialismus und darüber, warum die Deutschen so anfällig waren für die NS-Ideologie

ANDREAS WIRSCHING,
Jahrgang 1959, lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Augsburg und ist Autor der aufsehenerregenden Studie "Vom Weltkrieg zum Bürgerkrieg?"
SPIEGEL: Professor Wirsching, vor 75 Jahren wurde Adolf Hitler Reichskanzler - das Ende der Weimarer Republik war besiegelt. Woran scheiterte die erste deutsche Demokratie?
Wirsching: Es gibt eine Vielzahl von Gründen, ein regelrechtes Bündel. Eine kurze und einfache Antwort gab einst Otto Braun, der Sozialdemokrat und preußische Ministerpräsident. Er sagte: "Weimar ist gescheitert wegen Versailles und Moskau", also wegen der außenpolitischen Belastung und der Kommunisten, die tatsächlich ihren Teil zur Destabilisierung beigetragen haben. Heute sind wir weit entfernt von simplen Antworten. Aber eine der kurzen Antworten wäre: Hitler ist maßlos unterschätzt worden von den politischen Führungskräften, und der Versuch, ihn einzuspannen für ihre eigenen Zwecke, schlug bekanntlich grandios fehl.
SPIEGEL: Und die längere Fassung der Geschichte?
Wirsching: Der 30. Januar 1933 ist zuerst einmal ein politisches Datum, die Ernennung eines Reichskanzlers Hitler, und damit wurden andere Möglichkeiten aus der Hand gegeben. Es gibt Gründe, die in der Wirtschaftsentwicklung liegen, es geht nicht nur um die Weltwirtschaftskrise, die Weimarer Republik insgesamt war geprägt von prekären wirtschaftlichen und konjunkturellen Abläufen. Es gibt vor allem Gründe, die in der politischen Kultur liegen, etwa die im Bürgertum verbreitete Vorstellung vom Staat, der alles richtet.
SPIEGEL: Sie haben Otto Braun zitiert. Für wie gravierend halten Sie in diesem Zusammenhang die Reparationsforderungen der Siegermächte?
Wirsching: Man muss unterscheiden zwischen der materiell-ökonomischen Seite und der psychologischen. Eine Volkswirtschaft wie die Weimarer
Das Gespräch führten die Redakteure Karen Andresen und Georg Bönisch.
Republik hätte die Forderungen schultern können. Aber die psychologische Belastung war ziemlich verheerend, weil die Deutschen sich absolut ungerecht behandelt fühlten. Ich möchte aber ganz stark betonen, dass die Reparationsfrage ab 1930 bis eben zum 30. Januar 1933 nicht mehr im Mittelpunkt stand. Der Generationenwechsel spielte sie in den Hintergrund, außenpolitisch wurde die Weimarer Republik ja auch Stück für Stück in den Kreis der führenden Mächte wieder aufgenommen.
SPIEGEL: Was spielt denn nach Ihren Forschungen eine besondere Rolle?
Wirsching: Entscheidend war die innenpolitische Polarisierung, die schon im Kaiserreich existierte, das Freund-Feind-Denken. Für viele war die Revolution 1918/19 als inneres Ereignis gravierender als der Komplex Kriegsniederlage/Reparationen. Jene, die der Weimarer Republik später skeptisch gegenüberstanden, empfanden die Revolution als Zäsur. Für sie war der Stachel der Revolution ein dauerhafter, er konnte auch nicht wirklich vergessen werden. Das sind mentale Dispositionen, die dann in der Krise nach 1930 der Einstellung Vorschub leisteten, das Rad könnte zurückgedreht werden auf eine vorparlamentarische, vielleicht sogar vordemokratische Lösung.
SPIEGEL: Und wenn die Sozialdemokratie unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg die alten Eliten abgelöst hätte?
Wirsching: Teilweise hat sie es ja getan, in Preußen etwa. Mir scheinen zwei andere Überlegungen wichtiger. Erstens: Es hat keine Sozialisierung der Großindustrie gegeben, im Gegensatz zum Programm der SPD. Und es gab keine durchgreifende Demokratisierung der neuaufgestellten Reichswehr. Das waren Defizite in der sozialdemokratischen Konzeption. Die SPD wollte, ganz wichtig, demokratisch legitimiert handeln, um entsprechend tiefe Einschnitte gerade im Wirtschaftsleben vornehmen zu können. Die notwendigen Mehrheiten dafür hat sie nie bekommen - und so war der Zug abgefahren.
SPIEGEL: Wie es scheint, hätte die SPD solche Pläne nur revolutionär, also mit Gewalt, durchsetzen können. Die Angst vor einem Bürgerkrieg, die ständig vorhanden war, wäre dadurch noch verstärkt worden.
Wirsching: Diese Angst, besser gesagt: die Perhorreszierung, die dramatisierte Angst vor einem Bürgerkrieg, war damals ein gemeineuropäisches Phänomen. In Russland gab es einen wirklichen Bürgerkrieg, in Deutschland gab es bürgerkriegsähnliche Zustände mit insgesamt mehr als tausend Toten, ebenso in Italien mit einem ziemlich hohen Ausmaß an Gewalt, in Frankreich war die Angst nicht so stark. Dieses Gegeneinanderstehen, links gegen rechts, war auch ein gefundenes Fressen für die Republikgegner hierzulande. Das Argument hieß: Der Staat ist zu schwach, er kann die Ordnung nicht garantieren. Insoweit hat das Bürgerkriegsmotiv auch bei den Politikern eine große Rolle gespielt.
SPIEGEL: Aber warum führte das gerade in Deutschland in die Katastrophe?
Wirsching: Einmal mehr gilt: Die Revolution 1918/19 ist entscheidend, sie hat die Dinge ins Rutschen gebracht und in hohem Maße zur politischen Mobilisierung geführt, das rechte Lager hat sie regelrecht traumatisiert. So etwas gab es in Frankreich nicht, auch nicht in England. Die Situation ist einzig zu vergleichen mit Italien, weil dort ein sehr schwa- ches parlamentarisches System mitnichten fähig war, so etwas wie ein staatliches Gewaltmonopol durchzusetzen.
SPIEGEL: Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen war das Zeitalter der Extremisten in vielen Ländern Europas. Was unterscheidet Deutschland mit Hitler und der NSDAP von Italien, von Frankreich?
Wirsching: Um mit den Nazis anzufangen - für mich ist völlig klar, dass ihre völkisch-rassistische, sozialdarwinistische Ideologie ein deutsches Spezifikum ist. Sicher, der Rassismus war vorwiegend ein Importprodukt aus Frankreich ...
SPIEGEL: ... das war Ende des 19. Jahrhunderts ...
Wirsching: ... aber er ist in Deutschland organisatorisch virulent geworden, hat hier den Antisemitismus rassistisch aufgeladen. Und diese Tatsache speiste denn auch die NSDAP, aus dieser Tradition kommt auch Hitler. Diesen Ideologiekern gab es in Frankreich so nicht, auch nicht in Italien, zumindest nicht in dieser Ausprägung.
SPIEGEL: Hatten die Nationalsozialisten ein geschlossenes Weltbild?
Wirsching: Nein, die NS-Bewegung war immer auch eine parasitäre, die alles aufnahm und aufsaugte - bis hin zur Agrarromantik oder den Mythen der deutschen Nationalgeschichte. Nach 1945 waren das alles leere Hüllen, die weggeworfen werden mussten. Das gab es nicht in anderen Ländern.
SPIEGEL: Hat dieses Parasitäre die Partei so attraktiv gemacht für die Deutschen? Oder nicht doch der Antisemitismus?
Wirsching: Meiner Meinung nach ist der entscheidende Grund für deren Attraktivität, dass die Funktionalität der Weimarer Republik einschließlich ihres Parteiensystems deutlich nachlässt, 1930 ist sie im Grunde genommen schon am Ende. Und die NSDAP versprach in ihrer Propaganda allen alles - den Beamten sollte es besser gehen, den Angestellten, den Arbeitern, den Bauern sowieso. Das verband sich 1932 für ein reichliches Drittel der Wahlbürger zu einer attraktiven Melange, die durchaus eskapistische Elemente hatte: Man flüchtete aus der Realität der Republik, man flüchtete aus dem Versprechen, die Weimarer Republik könnte die Probleme der Menschen, die erheblich waren, mit parlamentarischdemokratischen Mitteln lösen.
SPIEGEL: Dazu kam dann noch die persönliche Wirkung und Faszination Hitlers.
Wirsching: Die darf nicht unterschätzt werden. Aber ich warne davor, den Aufstieg des Nationalsozialismus und damit die Krise Weimars zu personalisieren. Dann käme man schnell zu der falschen Überlegung, der Nationalsozialismus sei etwas Exogenes, fast Metaphysisches, verkörpert durch das Medium Hitler.
SPIEGEL: Er war doch eine Art Medium.
Wirsching: Sicher, er hatte Elemente davon. Was er in Gang setzte, war ein Kommunikationsprozess mit der Gesellschaft, die großen Reden, die Massenveranstaltungen. Die Gründe für die Attraktivität der NSDAP liegen aber längst nicht nur auf der Angebotsseite, sondern auch auf der Nachfrageseite. Die Sehnsucht nach Erlösung, nach messianischem Denken, wurde von Hitler aufgenommen, er bediente dieses Empfinden.
SPIEGEL: Gab es diesen religiösen Führerkult nur in Deutschland?
Wirsching: Ich glaube, dass dies etwas spezifisch Deutsches war. Ich glaube sogar, dass es zusammenhängt mit dem Luthertum. Schon in der Phase der Reichsgründung von 1871 und dann nach 1918 waren viele Protestanten der Auffassung, göttliche Offenbarung manifestiere und zeige sich in der Nationalgeschichte. Wenn Sie in das "Deutsche Pfarrerblatt" ab 1930 schauen, werden Sie sehen: Da wird ständig diskutiert, was ist an Hitler und dem Nationalsozialismus interessant für uns? Das Datum 30. Januar 1933 bedeutete für breite Teile des protestantischen Milieus praktisch einen religiösen Aufbruch, denn der Protestantismus war nach 1918 in gewisser Weise heimatlos geworden; die Monarchen als kirchliche Landesherren gab es ja nicht mehr.
SPIEGEL: Verlief die Entwicklung auch deswegen in Frankreich anders?
Wirsching: Ja, dort gab es den Katholizismus, dem die Vorstellung einer göttlichen Offenbarung in der Nationalgeschichte eher fremd war, und den Republikanismus, innerhalb dessen zwar auch nach einem starken Mann gerufen wurde, jedoch nicht nach einem Messias. Der italienische Faschistenführer Benito Mussolini ist das Beispiel eines erfolgreichen "Erlösers", was zurückzuführen ist auf die Schwäche der traditionellen politischen Kräfte.
SPIEGEL: Wenn wir jetzt an den ganz linken Rand gehen - warum waren die deutschen Kommunisten radikaler als anderswo?
Wirsching: In Deutschland ist alles viel ideologischer gesehen worden, viel intensiver als in Frankreich, für die britischen und italienischen Kommunisten gilt dies noch mehr. Das Ideologieangebot der Kommunistischen Internationale war totalitär und traf in Deutschland auf besondere Verhältnisse, die seine Rezeption begünstigten. Beides zusammen hat, was die KPD angeht, eine stärkere Ideologisierung bewirkt, und die führte zu einer höheren Radikalität.
SPIEGEL: Welche Rolle spielte dabei die durchgängige Arbeitslosigkeit?
Wirsching: Eine große. Dazu kam eine starke Strukturierung der deutschen Gesellschaft als Klassengesellschaft. Das kann man überhaupt nicht vergleichen mit den heutigen Verhältnissen, das kann man auch nicht vergleichen mit der französischen Gesellschaft, die sehr viel stärker auf Kleinbesitz aufgebaut war. Es gab eine Sockelarbeitslosigkeit, die eine Million kaum je unterschritten hat, und eine Million bedeutete damals etwas ganz anderes als in jetzigen Zeiten. Die Menschen kämpften wirklich ums nackte Überleben.
SPIEGEL: In Frankreich hat es ab 1935/36 die Volksfront gegeben, Sozialisten in der Regierung, von den Kommunisten toleriert. Hätte eine solche Konstellation die Weimarer Republik retten können?
Wirsching: Die Franzosen haben ja aus dem deutschen Beispiel die Lehre gezogen - nämlich eine zerstrittene Arbeiterbewegung tunlichst zu vermeiden. Deren scharfe Spaltung hier ist sicherlich ein Faktor, der zum Scheitern der Demokratie führte. Eine gemeinsame Front gegen Hitler - und die Geschichte wäre anders verlaufen. Doch diese historische Möglichkeit gab es nicht, die Spaltung der Arbeiterbewegung ist einfach eine Grundtatsache, der man nicht entkommt.
SPIEGEL: Hat die Weimarer Republik als Sozialstaat versagt?
Wirsching: Versagt nicht, aber sie war überfordert. Die Weimarer Republik war im Sinne des modernen Sozialstaats avantgardistisch, der Staat übernahm nach der Verfassung die Verantwortung für den Arbeitsmarkt, für die soziale Grundsicherung und für die Familien, es gab die Erwerbslosenfürsorge, und es gab ab 1927 die Arbeitslosenversicherung. Weimar hätte ein sehr weit entwickelter Sozialstaat sein können, aber die Mittel haben gefehlt.
SPIEGEL: Dann sind doch bei denen, die Hilfe brauchten, Erwartungen geweckt worden, die wegen der wirtschaftlichen Lage gar nicht erfüllt werden konnten.
Wirsching: Das stimmt, und damit sind wir genau in den langfristigen Abhängigkeiten deutscher Geschichte, nämlich dass der Staat derjenige ist, von dem die Lösung aller Probleme erwartet wird. Diese Mentalität gab es im angelsächsischen Bereich nicht, auch nicht in Frankreich. In Deutschland wird die Erwartungshaltung durch den Ausbau des Sozialstaats gefördert - und dann zwangsläufig enttäuscht.
SPIEGEL: Ein Zeichen der Zeit war der Führergedanke. Mussolini sagte, mehr "als je haben die Völker ein Verlangen nach Autorität, Lenkung und Ordnung". Woher kam dieser militärische Affekt?
Wirsching: Da spielte der Erste Weltkrieg die entscheidende Rolle. Meist waren es nicht Kriegsveteranen, die strammstanden, sondern häufig die Jüngeren, die an der "Heimatfront" sozialisiert worden waren. Das nationalsozialistische Weltbild, hat Sebastian Haffner gesagt, sei nicht in den Schützengräben ausgeprägt worden, sondern in den Köpfen der daheimgebliebenen Schuljungen. Diese Kriegsjugendgeneration, wie man sie genannt hat, hat sich besonders anfällig erwiesen für totalitäres Denken, auch für dieses soldatisch-paramilitärische Denken. Man darf auch nicht die Kriegspropaganda unterschätzen, die quasi in die Köpfe der Kinder hineingekippt wurde.
SPIEGEL: Der Faschismus sei deswegen überlegen gewesen, schrieb der Historiker Joachim Fest, weil er die Zeitkrisen schärfer erfasst habe.
Wirsching: Man kann es auch umdrehen und sagen, der Faschismus ist selbst ein Symptom der Krise, er ist nicht eine Macht, die souverän Krisenerscheinungen meistert.
SPIEGEL: Professor Wirsching, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 1/2008
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