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SPECIAL GESCHICHTE

WEIMARS ENDE„BLUT WIRD FLIESSEN“

Die Demokratie hatte zwischen den beiden Weltkriegen in vielen europäischen Ländern einen schweren Stand: Vom Baltikum bis zum Mittelmeer übernahmen fast überall Diktatoren die Macht - doch keiner war so brutal wie Adolf Hitler.
Punisa Racic trug einen Revolver unter seinem Jackett, als er am 20. Juni 1928 das Rednerpult in der "Skupstina", dem Parlament des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen, erklomm. Hass lag in der Luft zwischen den Abgeordneten der verschiedenen Volksgruppen. Als der serbische Radikale Racic sprach, pöbelte ein kroatischer Abgeordneter dazwischen. Da zog der Redner seine Waffe und gab den ersten Schuss in Richtung der Parlamentarierreihen der Kroaten ab.
Zwar warf sich ihm der in der Nähe sitzende Justizminister in den Arm. "Blut wird fließen", schrie jemand. Aber der vor Wut rasende Serbe war nicht zu stoppen. Nacheinander schoss er drei Abgeordnete nieder, darunter den Führer der Kroaten, Stjepan Radic. Radic starb nach wochenlangem Siechtum an seinen Verletzungen.
Alexander I., König der Serben, Kroaten und Slowenen, kam das Blutbad in der Volksvertretung sehr gelegen, lieferte es ihm doch den Vorwand, 1929 die ohnehin mageren demokratischen Rechte seiner Völker zu kassieren und sein Reich, nun offiziell Jugoslawien genannt, in eine Diktatur zu verwandeln.
Damit lag der Monarch voll im Trend seiner Zeit: Der Erste Weltkrieg hatte Europas Landkarte verändert. Aus der Konkursmasse des alten Deutschland, Österreich-Ungarns, des zaristischen Russland und des Osmanischen Reiches waren in einem Streifen von der Ostsee bis zum Mittelmeer zwölf neue Staaten entstanden. Sie alle experimentierten mit der Demokratie, doch nur in der Tschechoslowakei und in Finnland überlebte die Volksherrschaft. Ansonsten übernahmen Diktatoren die Macht: 1919 in Ungarn, 1926 in Polen und Litauen, 1934 in Estland und Lettland. Auch in Albanien (1928), in Jugoslawien (1929), in Bulgarien (1934), in Griechenland (1936) und in Rumänien (1938) entledigten sich Monarchen der Mitbestimmung durch Parlamente und regierten fortan allein, setzten die Rechte der Bürger außer Kraft und nahmen Oppositionelle nicht selten gefangen.
Doch war keines dieser Regime so brutal wie das der Nationalsozialisten in Deutschland. Weder überfielen die Herrscher Polens, Ungarns oder der baltischen Staaten ihre Nachbarn, noch ließen die Königs-Diktatoren des Balkan Juden in industriellem Maßstab ermorden. Nirgends stand hinter den autoritären Herrschern eine Massenbewegung wie die NSDAP. Und nirgends wurden Regimegegner zu Tausenden in Konzentrationslager gesteckt oder gleich ermordet.
Das ist wohl auch einer der Gründe, warum heute in Osteuropa der Diktatoren der Zwischenkriegszeit keineswegs mit Abscheu gedacht wird. "Wie die strahlende Baby-face-Sonne am Himmel der Teletubbies schwebt sein Geist über der Erinnerung", schwärmt die estnische Zeitung "Eesti Päevaleht" über Konstantin Päts, der 1934 die Macht im Land übernommen hatte. Der Diktator verkörpere "für viele die vergangenen Tage des Glücks".
Auch in Polen wird Marschall Józef Pilsudski, der sein Land 1918 in die Unabhängigkeit geführt hatte und sich 1926 zum Alleinherrscher aufschwang, noch heute kultisch verehrt. Täglich brennen vor seiner Statue an der Warschauer Ujazdowski-Straße rote Kerzen.
Der autoritäre Herrscher wird in Polen vor allem als Staatsgründer nach rund 150 Jahren unter preußisch-deutscher, russischer und österreichischer Herrschaft hoch geachtet. Und er gilt als Garant für Ruhe und Ordnung.
Eine "Sanacja", eine Heilung, versprach der Marschall nach seinem Putsch den Polen. Er trat an, um mit dem Hader der Parteien aufzuräumen. Den empfanden auch viele von Pilsudskis Landsleuten als unfruchtbar. Wie in vielen europäischen Ländern glaubten auch die Polen, dass die Demokratie schuld sei an den gewaltigen wirtschaftlichen Problemen, an der hohen Arbeitslosigkeit und an der außenpolitischen Machtlosigkeit ihres Landes. Ganz ähnlich tönte es aus Estland, wo Konstantin Päts diktatorisch herrschte, aus dem Litauen des Diktators Antanas Smetona und von Karlis Ulmanis in Lettland: Die Demokratie gefährde die Nation, nur ein starker Führer bringe die Rettung. Er allein könne einen notwendigen "Heilungs- und Gesundungsprozess" ins Werk setzen, an dessen Ende in ferner Zukunft das politische Erwachsensein und - vielleicht - die Rückkehr zur Demokratie stehen werde.
In der Tat waren viele Parlamente der Zwischenkriegszeit kaum handlungsfähig, die Regierungen wechselten im Jahrestakt. Nach Jahrhunderten unter der Knute des Zaren oder anderer reaktionärer Monarchen hatte sich kaum irgendwo eine demokratische Kultur herausbilden können. Politische Gegner standen sich hasserfüllt gegenüber, radikales Freund-Feind-Denken beherrschte die Köpfe, und der Kompromiss galt als Niederlage.
Verschärft wurden die politischen Konflikte noch durch gewaltige soziale Ungleichheiten. Nirgends in Ostmitteleuropa war die Industrialisierung so weit fortgeschritten, dass sich - außer in den großen Städten - ein stabiles, politisch selbstbewusstes Bürgertum gebildet hatte. Stattdessen gaben vielerorts noch feudale Grundbesitzer den politischen Ton an, denen eine zunehmend verarmende Bauernschicht gegenüberstand.
Besonders glühte der Hass dort, wo politische und soziale Gegensätze entlang ethnischer Grenzen verliefen, wie in Jugoslawien. Dort warfen sich Serben und Kroaten gegenseitig vor, die Vorherrschaft über das jeweils andere Volk errichten oder sich abspalten zu wollen.
Im Baltikum, aber auch anderswo musste zudem die angebliche Gefahr einer kommunistischen Machtergreifung als Begründung für das Ende der Demokratie herhalten. Im Schatten der gewaltigen Sowjetunion mit ihrem Anspruch, die Revolution in die ganze Welt zu tragen, könne man sich keine langen demokratischen Debatten leisten, lautete das Argument der neuen Alleinherrscher.
In Ungarn kämpfte Miklós Horthy zunächst eine Räterepublik nieder, bevor er am 16. November 1919 an der Spitze seiner siegreichen Truppen auf dem Rücken eines weißen Pferdes in Budapest einritt. Die Angst vor den Roten, vor der Arbeiterrevolte, ließ Horthy kräftig schüren. Sich selbst präsentierte er stets als Beschützer Ungarns vor revolutionärem Ungemach.
Wichtigstes Anliegen aller Zwischenkriegsherrscher war der "starke und effiziente nationale Staat". Um ihn zu erreichen, wählten die meisten eine vergleichsweise milde Form der Diktatur. In Lettland, Litauen, Estland und Polen blieben die Parlamente wenigstens formell bestehen und die Parteien erlaubt. In Polen ging Pilsudski erst 1930 zur offenen Diktatur über. Etwa tausend Oppositionspolitiker kamen in Haft. Die meisten wurden im Militärgefängnis Brest-Litowsk festgesetzt und schikaniert.
Admiral Horthy griff zu brutaleren Mitteln. Er ließ zu, dass bewaffnete Offizierskorps und Freischärler Jagd auf Kommunisten und Juden machten. Der Kommunismus war in den Augen Horthys die von den Juden angestrebte Form der Weltherrschaft. Etwa 5000 Menschen fielen dem "weißen Terror" - so genannt nach der Farbe des Pferdes, mit dem Horthy einst in Budapest eingeritten war - zum Opfer, mehr als 70 000 Horthy-Gegner wurden in Lagern festgesetzt.
Mit äußerster Härte ging auch Ioannis Metaxas, der in Griechenland die Herrschaft an sich gerissen hatte, gegen Oppositionelle vor. "Der Polizeiapparat bildete das Rückgrat des Regimes", schreibt die Historikerin Susanne-Sophia Spiliotis. Metaxas habe eine "beispiellose Entfesselung von Willkür und Brutalität" erlaubt. Gegner des Regimes wurden verschleppt, gefoltert und nicht selten ermordet.
Vielerorts versuchten die Diktatoren ihre Macht abzusichern, indem sie sich eigene Parteien oder Sammlungsbewegungen schufen. So ließ Pilsudski in Polen den "Parteilosen Block zur Zusammenarbeit mit der Regierung" formen. Ähnliche Organisationen legten sich die Herrscher des Baltikums zu. Am weitesten ging Metaxas in Griechenland: Er versuchte die Gesellschaft nach faschistischem Muster gleichzuschalten. Schlüsselpositionen in den Berufsverbänden und Gewerkschaften wurden mit Gesinnungsgenossen besetzt. Kinder und Jugendliche mussten der Organisation Eon beitreten, die sie auf nationale Ziele einschwor.
Den Diktatoren und autoritär regierenden Königen gelang es nirgends, politische Ruhe und nationale Harmonie herbeizuführen. Mit Unterdrückung, Verboten und nicht selten Gewalt versuchten sie, die Widersprüche der Zwischenkriegsgesellschaften zu beseitigen. Keiner der Herrscher in Mittelosteuropa konnte Millionen für eine Massenbewegung mobilisieren - so wie es Mussolini in Italien oder Hitler in Deutschland gelungen war.
Als Träger und Stützen der Zwischenkriegsdiktaturen fungierten die Eliten der Beamten und der Militärs. Sie hatten ihre soziale Stellung vielerorts noch vor dem Krieg unter den Habsburgern, Romanows oder Osmanen erklommen.
Deshalb unterblieben soziale Experimente. Nirgendwo versuchten die Diktatoren, das gerade auf dem Land weitverbreitete Elend durch Umverteilung zu bekämpfen. Um sich dennoch ein Mindestmaß an Legitimität zu sichern, forcierten sie nationalistische Propaganda. Sie vertraten ein romantisches, rückwärtsgewandtes Bild von der Nation als einer autonomen, harmonischen Gemeinschaft. Die Kehrseite dieser Propaganda war, dass ethnische Minderheiten zu Sündenböcken gestempelt und verfolgt wurden.
In Rumänien, Bulgarien, Ungarn und Serbien wurden Juden diskriminiert und mit Sondergesetzen aus dem öffentlichen und wirtschaftlichen Leben gedrängt - jedoch nirgendwo in Konzentrationslager gepfercht. Erst als die Nazis Ungarn und den Balkan unter ihre Kontrolle gebracht hatten, wurde dort die systematische Judenvernichtung ins Werk gesetzt.
Marschall Pilsudski in Polen hatte sich zeilebens gegen eine antijüdische Politik gewandt. Nach seinem Tod übernahmen seine Nachfolger den Antisemitismus der national-demokratischen Opposition.
Den Diktatoren Ulmanis, Päts und Smetona ließe sich als Verdienst anrechnen, dass sie faschistische Bewegungen von der Macht fernhielten. Selbst Admiral Horthy beteiligte die faschistischen Pfeilkreuzler nicht an der Regierung. Erst nach seinem Sturz, als sich Ungarn schon in einer hoffnungslosen Abhängigkeit zum "Dritten Reich" befand, gelangten sie an die Macht.
Territorial vertrat keiner der Herrscher Mittelosteuropas expansive Pläne. Allein Ungarn strebte danach, den Vertrag von Trianon zu revidieren, indem es 1920 zwei Drittel seines bisherigen Territoriums an die Tschechoslowakei, Rumänien, Jugoslawien und Österreich verloren hatte.
Historiker wie der Osteuropa-Experte Erwin Oberländer attestieren den autoritären Regimen der Zwischenkriegszeit eine "erstaunliche Konzep-tionslosigkeit". Päts, Smetona, Ulmanis, Horthy, Pilsudski, Metaxas und die Könige des Balkan lösten keinen bedeutenden Modernisierungsschub in Richtung einer verstärkten Industrialisierung aus. Sie ließen die soziale Frage unangetastet. Ihr Nationalismus verhinderte, dass sie sich gegen Hitlers Expansionsdrang zusammenschlossen, und ihre Diktaturen ließen eine demokratische Kultur gar nicht erst entstehen.
Von diesem Mangel sollte nach 1945 die Sowjetunion profitieren. "Die autoritären Strukturen", so Oberländer, "erwiesen sich als ideale Voraussetzung für die Machtübernahme der Kommunisten." Kaum irgendwo hatten sie sich mit selbstbewussten Bürgern herumzuschlagen, sie mussten nur die einen Herrscher durch die anderen ersetzen. F

Die Pfeilkreuzler
Die ungarische Partei entstand aus der 1935 gegründeten rechtsextremen "Partei des Nationalen Willens". Ihr Emblem ähnelte dem Hakenkreuz der deutschen Nazis: Ein schwarzes Kreuz in einem weißen Kreis auf rotem Grund. Auch ideologisch standen sie den Nationalsozialisten nahe. Als 1944 die Wehrmacht in Ungarn einmarschiert war, machten sich die Pfeilkreuzler zu Handlangern der Nazis. Sie terrorisierten politische Gegner und beteiligten sich an der Deportation und Ermordung von rund einer halben Million ungarischer Juden.
Von Jan Puhl

SPIEGEL SPECIAL Geschichte 1/2008
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