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Low Fat, Low Carb – Menschen machen angesagte Diäten, um ihren sozialen Status kundzutun. Ob sie dabei abnehmen, steht auf einem ganz anderen Blatt. Low Fat, Low Carb – Menschen machen angesagte Diäten, um ihren sozialen Status kundzutun. Ob sie dabei abnehmen, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Die Bewohner von Kitava mussten sich nicht den Kopf über die richtige Diät zerbrechen. Auf der winzigen, nördlich von Australien gelegenen Insel gab's nämlich keine große Auswahl, sondern Süßkartoffeln, Yamswurzeln, Ananas, Papayas, Melonen, Kürbisse, Kokosnüsse oder Fisch. Verarbeitete westliche Lebensmittel machten bloß 0,2 Prozent der Kalorienaufnahme aus. Die schmale Inselkost war prima für die Gesundheit. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, also Schlaganfall und Herzinfarkt, waren auf Kitava unbekannt. Das stellten europäische Anthropologen vor 25 Jahren fest, als sie die 2300 Insulaner untersuchten. Einige von ihnen waren steinalt. Dass die mittlere Lebenserwartung nicht noch höher war, lag an tödlichen Unfällen beim Schwimmen und Abstürzen von Palmen.
Die Bewohner Deutschlands und anderer Industriestaaten dagegen rätseln darüber, wie sie sich richtig ernähren sollen. Auf dem Markt der Nahrungsmittel stehen mehr als 200 000 verschiedene Produkte zur Auswahl. Wer jeden Tag zehn neue davon ausprobiert, der wäre ein halbes Jahrhundert lang damit beschäftigt, um alles einmal verzehrt zu haben. Die Folgen des Überangebots sind verheerend. Zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen in Deutschland sind dick. Ein Viertel der Erwachsenen ist krankhaft übergewichtig. Schlaganfall und Herzinfarkt zählen zu den häufigsten Todesursachen.
Je eingehender Menschen sich mit dem Thema Ernährung auseinandersetzen, so scheint es, desto dicker und kränker werden sie. Immer neue Diätbücher machen immer neue Vorschriften. "Low Carb" verteufelt den Zucker, "Low Fat" verdammt das Fett. Verfechter der Paläodiät stehen auf Steaks, Vertreter des Vegetarismus schwören auf Möhren. Die Zahl der Menschen, die alle Lebensmittel essen, wird immer kleiner.
Bei den meisten Diäten gehe es "eigentlich immer ums Geschäft und nicht um sinnvolle Konzepte", sagt Hans Hauner, Ernährungsmediziner an der Technischen Universität München. Er ärgert sich über Starköche in Talkshows, die von "Tuten und Blasen keine Ahnung" hätten; über Ernährungsgurus, die durch die Lande tingeln; über Journalisten, die eine Wunderdiät nach der anderen hochjubeln. "Die Empfehlungen widersprechen sich. Die Bürger sind völlig verunsichert", sagt Hauner. "Und die Wissenschaft, die wird erst gar nicht gefragt."
Sind viele Trenddiäten fauler Zauber? Frank Sacks, ein Präventivmediziner an der School of Public Health der Harvard Medical School, befürchtet das ebenfalls. "Verfechter bestimmter Diäten sind so sehr von ihrer eigenen Meinung überzeugt, dass sie sich kaum für anderslautende Forschungsergebnisse interessieren", sagt er. "Ein Verfechter der Diät X wird an einer Studie, die zeigt, dass die Diät X gar nicht besser ist als Diät Y, immer etwas auszusetzen haben." Die Menschen können ernste Wissenschaft und wissenschaftlich verbrämten Unsinn nur schwer unterscheiden – und picken sich eine Diät heraus, die ihnen gerade gefällt.
Die Instinctos etwa haben ihre Pfannen und Töpfe verschenkt und halten Kochen für eine unheilbare Krankheit. Das "instinktive" Verzehren roher Wurzeln, roher Früchte und rohen Fleisches soll vor Krankheiten jeglicher Art schützen und ganz nebenbei zum Wunschgewicht verhelfen. Denn, so die pseudowissenschaftliche Begründung, das Rohkostfuttern würde zu einer "natürlichen Sperre" gegen Süßigkeiten führen.
Diät kommt von Diätetik, und die war früher einmal eine respektierte Wissenschaft. Ihr Begründer, der griechische Arzt Hippokrates, verstand darunter die Frage: Wie kann ich meine Gesundheit erhalten? Mehr als 2000 Jahre lang sei dies ein Leitmotiv der Medizin gewesen, sagt Christoph Klotter, ein Ernährungspsychologe der Hochschule Fulda. Doch dann wurde die Diätetik aufs Essen reduziert; es wurde "aus der grundlegenden Frage nach einem guten Leben eine verordnete spezifische Ernährungsweise".
Es ging zunächst einmal um den Punkt, wie man Unterversorgung vermeiden kann. Mit dem Aufkommen der Überflussgesellschaft hat sich dieser Punkt erübrigt. Seither geht es nur noch um die Bekämpfung von Übergewicht. Mit anderen Worten: Die Leute machen Diät, weil sie dünn sein wollen.
Dabei war Körperfett früher mit einem höheren Status verbunden. Durch ihre Wohlstandsbäuche konnten sich die Reichen von den armen Schluckern abgrenzen. Diese Zeiten sind vorbei. "Wenn heute alle wohlbeleibt sein können, auch die sozial Schlechtergestellten, dann produziert eine Gesellschaft andere Mittel der sozialen Distinktion, zum Beispiel Schlankheit", sagt Klotter. Die Reichen seien auf einmal schlanker als die armen, kauften auch häufiger Bioprodukte.
Und so ist unter Bürgern, die sich übers Essen abgrenzen wollen, ein Wettstreit entbrannt. Manche Veganer, also Leute, die sämtliche tierischen Lebensmittel ablehnen, halten Fleischesser für rohe Zeitgenossen, die sich um Zustände in den Fleischfabriken und die Würde von Tieren nicht weiter scheren. Wohngemeinschaften, in denen nur Veganer leben dürfen, schaffen Zugehörigkeit zu einer Gruppe, deren Mitglieder sich als ethische Besseresser verstehen. Umgekehrt würden Veganer und auch Vegetarier "mehr oder weniger heimlich vom Fleischesser verachtet", sagt der Psychologe Klotter. Letzterer unterstelle "ihnen, nicht den Mumm zu besitzen, in das Steak hineinzubeißen".
Individuelle Ernährungsstile sollen Ausdruck von Unabhängigkeit sein, aber sie sind meist nur möglich, wenn man sich von den Produkten der Lebensmittelindustrie abhängig macht. Klotter sagt: "Im Sinne einer wechselseitigen Beeinflussung reagiert die Lebensmittelindustrie auf die Ernährungsmoden und füllt die Regale im Supermarkt mit laktosefreien oder glutenfreien Produkten, mit veganem Hackfleisch." Auf diese Weise wird an Trenddiäten kräftig verdient (siehe Seite 28). Hans Hauner, der Münchner Ernährungsmediziner, nennt die vegane Ernährung als Beispiel für einen Medienhype, bei dem es nicht zuletzt um Geldmacherei geht. Dazu trügen "angebliche 'Testimonials' in Talkshows, Verlage mit immer neuen veganen Kochbüchern und Aussagen der Industrie bei". Auf den Markt kommen überteuerte Kunstprodukte wie aus veganem Material zusammengepresste Wurstwaren. Und "billige Käseimitate ('Analog-Käse'), die jahrelang als betrügerische Machenschaften der Lebensmittelindustrie galten, erleben ihre Wiederauferstehung als 'vegane Käsesorten' und werden zu stolzen Preisen als edle Produkte verkauft", urteilte Hauner im Fachblatt "MMW-Fortschritte der Medizin".
Doch merkwürdig: Viele Ernährungsmoden fragen nicht nach Erkenntnissen der Medizin und der Wissenschaft . "Sucht man nach solider wissenschaftlicher Fachliteratur, fällt das Ergebnis dünn aus", sagt Hauner.
Beispiel Paläodiät. Fleisch, Fisch sowie Obst und Gemüse darf man essen, Getreide aber nicht. Auf diese Weise soll das Ernährungsverhalten der Steinzeitmenschen simuliert werden. Das Problem ist nur, dass es im Neolithikum gar keine einheitliche Diät gab, sondern eine riesige Bandbreite. Die Vorfahren der Massai in Afrika ernährten sich völlig anders als die Frühmenschen auf Grönland. Darüber hinaus fehlen seriöse Daten darüber, ob die heute propagierte Paläodiät zu einer dauerhaften Gewichtsabnahme führt.
Beispiel Vegetarismus: Gesundheitsforscher der Harvard Medical School konnten gemeinsam mit Kollegen aus Taiwan zwölf Vergleichsstudien zur Frage ausfindig machen, ob vegetarische Ernährungsweisen beim Abnehmen helfen. Die Auswertung dieser Studien ergab: Wenn die Probanden dabei die Aufnahme von Kalorien verringerten, dann gelang das Abnehmen besser als bei einer nicht vegetarischen Diät. Die Studienteilnehmer nahmen im Durchschnitt zwei Kilogramm ab.
Allerdings verlor sich der Effekt mit der Zeit, die Leute wurden wieder dicker. Und da keine einzige der Studien die Teilnehmer länger als 18 Monate nachverfolgte, kann niemand ausschließen, dass sie wieder ihr ursprüngliches Gewicht erreicht haben. Im "Journal of General Internal Medicine" ziehen die Gesundheitsforscher ein nüchternes Fazit: "Vegetarische Diäten können zu Gewichtsabnahme führen, aber die Hinweise bleiben nicht beweiskräftig."
Einig sind sich die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Ernährung allerdings darin, dass eine rein vegane Ernährung für Schwangere, Stillende, Säuglinge, Kinder und Jugendliche nicht zu empfehlen ist. Erwachsene sollten Vitamin B12 und andere Nährstoffpräparate einnehmen, um Mangelerscheinungen zu vermeiden.
Zur Traumfigur führen am Ende viele Wege. Man kann durchaus verschiedene Diäten, sofern sie viel Obst und Gemüse enthalten, ausprobieren. Aber man muss weniger Kalorien aufnehmen, als man verbraucht. Und wenn man sein Wunschgewicht erreicht hat, darf man nicht zur alten Energiezufuhr zurückkehren. Es empfiehlt sich, das Körpergewicht auf der Personenwaage jede Woche zu kontrollieren. Das mag einem banal erscheinen, doch es ist wissenschaftlich bewiesen – und wirkt.
BRAD MOORE / SHUTTERSTOCK
Von Jörg Blech

SPIEGEL WISSEN 1/2017
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