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Politik
Ausgabe
2/2018

Faktencheck

Stimmen die Meldungen über vergewaltigende Flüchtlinge?

Rechte Internetseiten berichten immer wieder über Vergewaltigungen durch Flüchtlinge. Ein SPIEGEL-Team ist mehr als 400 solcher Meldungen nachgegangen. Welche sind wahr, welche nicht?

Sven Doering / DER SPIEGEL
Samstag, 06.01.2018   10:02 Uhr

Am 6. April 2016 griff ein Unbekannter auf einem Spielplatz in Rostock-Warnemünde eine 20-jährige Frau an und zwang sie zum Oralverkehr. Dann flüchtete er. Die Frau sagte, der Täter sei dunkelhäutig gewesen.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 2/2018
Frauen, Männer und alles andere
Geschlechterrollen und Sexualität 2018

Am 6. August 2016 überfiel ein Unbekannter in der Nähe der Bochumer Ruhr-Universität eine 21-jährige Studentin aus China, strangulierte sie mit einem Strick und vergewaltigte sie. Die Chinesin sagte, der Täter habe mit ausländischem Akzent gesprochen. Die Polizei fahndete nach einem Mann mit "mittelasiatischem/dunklem Hauttyp".

Zwei Vergewaltigungen in Deutschland, über die 2016 in überregionalen Medien berichtet wurde. Das Problem ist nur: Eine davon hat offenbar nicht stattgefunden.

Der "Uni-Vergewaltiger" von Bochum existiert tatsächlich, er überfiel drei Monate später eine weitere chinesische Studentin. Danach wurde er gefasst, ein 31-jähriger Asylbewerber aus dem Irak, der mit seiner Frau und zwei Kindern in einer Flüchtlingsunterkunft in der Nähe der Tatorte wohnte. Ein Gericht hat ihn in erster Instanz zu elf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Den Vergewaltiger in Rostock gab es wohl nicht. Die Polizei äußerte schon in ihrer ersten Pressemitteilung Zweifel daran, dass ein Überfall stattgefunden hat. Die rechtsmedizinische Untersuchung legte nahe, dass die Frau sich ihre Verletzungen selbst zugefügt hatte. Im Juni 2016 stellte die Staatsanwaltschaft Rostock die Ermittlungen ein. Doch da kursierte die Meldung vom dunkelhäutigen Vergewaltiger schon lange tausendfach im Internet. Die "Schweriner Volkszeitung" berichtete online über die vermeintliche Sexualstraftat und berief sich auf "interne Informationen". Der Artikel begann mit den Worten "Polizeipräsidium Rostock schweigt".

In einem Bericht auf der Facebook-Seite "NonStopNews Rostock" wurde aus dem Dunkelhäutigen ein Südländer: "Sexualverbrechen in Warnemünde? Wurde junge Frau vergewaltigt? Südländer soll Frau angegriffen haben." Die Website Rapefugees.net wurde noch konkreter: "Polizei Rostock verschweigt orale Vergewaltigung durch Araber." Die Geschichte dieses haltlosen Gerüchts ist wichtig, weil derlei Meldungen beeinflussen, welches Bild die Deutschen von Flüchtlingen haben. Solche Veröffentlichungen spielen mit Urängsten vor dem fremden Vergewaltiger. Wohl kaum ein Argument nannten Anwohner in den vergangenen Jahren häufiger, wenn sie verhindern wollten, dass in ihrer Nähe eine Flüchtlingsunterkunft eröffnete. Wenn "die" erst da seien, könne man seine Frauen und Kinder ja nicht mehr ohne Schutz auf die Straße lassen.

Nach der Silvesternacht in Köln 2015/ 2016 machte die Polizei vor allem junge Männer aus Nordafrika für Attacken auf Hunderte Frauen verantwortlich. Diese Nacht beendete die Willkommenseuphorie, manche Deutsche stellten erschreckt fest, dass mit den Migranten auch Probleme ins Land gekommen waren.

Im Herbst 2016 fand man in Freiburg die Studentin Maria L., vergewaltigt und in der Dreisam ertränkt. Der mutmaßliche Täter ist ein afghanischer Asylbewerber, er steht vor Gericht. Im Frühjahr 2017 vergewaltigte ein abgelehnter Asylbewerber aus Ghana eine Frau, die mit ihrem Freund in der Bonner Siegaue zeltete. Er ist in erster Instanz zu elfeinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden.

Solche Nachrichten bestärken diejenigen, die immer schon zu wissen meinten, wie gefährlich Flüchtlinge sind. Aber was ist dran an der Behauptung, der Alltag für Frauen in Deutschland sei gefährlicher geworden, weil immer mehr Zuwanderer gekommen sind? Leben Frauen tatsächlich unsicherer als vor drei Jahren? Und wie oft verüben Flüchtlinge Sexualstraftaten?

Um diese Fragen zu beantworten, hat der SPIEGEL Statistiken ausgewertet, mit Polizisten und Wissenschaftlern gesprochen und rund 450 Meldungen im Internet über vermeintliche Sexualdelikte von Asylbewerbern und Migranten ausgewertet. Reporter recherchierten bei Polizeiinspektionen, Staatsanwaltschaften und Gerichten, um die Hintergründe der Meldungen und den Ausgang möglichst jedes Verfahrens herauszufinden. Bis zu fünfmal fassten sie nach, in mehreren Fällen trafen sie Sachbearbeiter zu Hintergrundgesprächen. Dann wurden die Informationen zusammen mit Datenjournalisten und Dokumentaren analysiert.

Wer auf Facebook Seiten mit Namen wie Heimatliebe.Deutschland, Truth24.net oder irgendeine AfD-Ortsgruppe gelikt hat, starrt bald in eine parallele Realität, in einen Abgrund: Tagtäglich spült das soziale Netzwerk Meldungen über grauenhafte Gewaltverbrechen und Vergewaltigungen in die Timeline. Bilder zeigen arabisch oder afrikanisch aussehende Männer, dazu panisch in die Kamera blickende Frauen, denen jemand von hinten den Mund zuhält, oder Kinder, die zusammengekauert im Schatten sitzen.

Eine besonders perfide Seite ist Rapefugees.net. Die Macher behaupten, dass Polizei, Politik und Medien die Wahrheit verschweigen. Sie sammeln auf einer virtuellen Deutschlandkarte vermeintliche Gewalt- und Sexualdelikte von Flüchtlingen.

Rapefugees, dieser hetzerische Begriff aus den beiden englischen Wörtern Rape und Refugees, Vergewaltigung und Flüchtlinge, taucht seit der Kölner Silvesternacht 2015/2016 immer häufiger auf rechten Internetseiten auf. Lutz Bachmann, Initiator der Pegida-Demonstrationen, trug bei einer seiner Demos ein T-Shirt mit der Aufschrift "Rapefugees not welcome".

Rapefugees.net-Karte: "Flüchtlinge vergewaltigen Oma im Schlaf"

Wer sich die Deutschlandkarte auf Rapefugees.net anschaut, kann es mit der Angst zu tun bekommen. Von Deutschland ist fast nichts mehr zu sehen. Die gesamte Karte ist bedeckt mit roten, gelben und lila Fähnchen, mit Vierecken und Stecknadeln - angeblich alles Markierungen für Vergewaltigungen, sexuellen Missbrauch, exhibitionistische Handlungen. Dazwischen prangen vereinzelt schwarze Gräber mit der Inschrift "RIP" für vermeintliche Morde, die Flüchtlinge begangen haben sollen.

Erst beim genauen Lesen der Seite wird klar, dass auch andere tatverdächtige Migranten in die Sammlung aufgenommen wurden. Die Macher geben vor, sich auf seriöse Quellen zu stützen, auf Polizeimeldungen und Berichte von Zeitungen. Das wirkt echt. Dazu verfassen anonyme Autoren Beiträge mit Überschriften wie "Gruppenvergewaltigung: Armutsflüchtlinge vergewaltigen bettlägerige Oma im Schlaf krankenhausreif" oder "Gruppenvergewaltigung: Wie die NRW Justiz einer Lokalzeitung verbietet diese Bilder zu veröffentlichen". Dahinter steckt immer dieselbe Erzählung: Vergewaltigungen wie die in Bochum, Freiburg und Bonn sind keine grauenhaften Einzelfälle; Flüchtlinge - meistens Muslime - sind eine Gefahr für Frauen.

Der SPIEGEL hat die Behauptungen der Rapefugees.net-Karte überprüft. Um ein umfassendes Bild zu erheben, wählten die Reporter zehn Bundesländer aus, darunter Stadtstaaten, große und kleine Flächenländer in Ost und West: Bayern, Berlin, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. In diesen Ländern untersuchten sie jede Markierung aus dem gesamten Jahr 2016. Für diesen Zeitraum liegen oft bereits Ermittlungsergebnisse von Polizei und Justiz vor. Insgesamt waren das 445 Fälle.

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Manche Fälle tauchten auf der Karte mehrfach auf, andere Markierungen waren mit einem Link verbunden, der ins Nichts oder zu einer Seite führte, die nichts mit der vermerkten Tat zu tun hatte. Von anderen auf der Karte eingetragenen Fällen hatte weder die Staatsanwaltschaft noch die Polizei je etwas gehört. Alle diese Markierungen wurden aussortiert. Übrig blieben 291 Fälle, die die Reporter auswerteten.

Schon nach der ersten Überprüfung entfiel also rund ein Drittel der Taten, die auf Rapefugees.net eingetragen waren. Unter den restlichen 291 Meldungen gibt es, wie bei einer guten Lüge, zumindest manches, was der Wahrheit entspricht. Rund hundert Tatverdächtige oder Täter sind tatsächlich Flüchtlinge, also in einem Drittel der untersuchten Fälle. In einem weiteren Drittel der Fälle sind die Täter unbekannt. Die übrigen sind Ausländer mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus, EU-Bürger und in 22 Fällen Deutsche (siehe Grafik). Mit ihrem hetzerischen Namen erweckt die Seite jedoch den Eindruck, als hätten nur Flüchtlinge die 445 Sexualdelikte verübt.

Die Beschreibung der Taten auf der Website ist noch häufiger falsch. Die Macher sprechen in 205 der aufgeführten 291 Fälle von Vergewaltigungen. Die Recherche ergab aber, dass die Taten, um die es ging, nur in 59 Fällen zumindest mutmaßliche Vergewaltigungen waren. Stattdessen ging es oft um weniger schwerwiegende Delikte wie sexuelle Nötigung oder Belästigung, was schlimm genug ist. In 47 Fällen werteten die Behörden den Vorfall nicht als Straftat. Was die Karte suggeriert, ist also oft stark übertrieben im Vergleich zu dem, was Polizei und Justiz ermittelten.

Insgesamt waren Flüchtlinge in 26 aller untersuchten Vergewaltigungsfälle Täter oder tatverdächtig. Jedes dieser Verbrechen ist eines zu viel, aber es sind wenige, verglichen mit denen, die auf der Karte stehen.

Wegen Vergewaltigung verurteilt wurden 18 Flüchtlinge, insgesamt sprachen Gerichte in erster oder zweiter Instanz 51 Flüchtlinge schuldig, in mehr als der Hälfte der Fälle wegen sexuellen Missbrauchs oder sexueller Nötigung. Hinzu kommen 18 verurteilte Ausländer, die zwar keine Flüchtlinge sind, deren Aufenthaltsstatus aber ungeklärt ist, darunter Türken und Afghanen, mehrere Serben, ein Aserbaidschaner und ein ukrainischer Tourist, der eine volltrunkene Frau auf dem Oktoberfest sexuell missbrauchte. Sechs der verurteilten Straftäter sind EU-Bürger, acht sind Deutsche. So wie der 46-Jährige, der eine blinde Frau im bayerischen Pfaffenhofen auf offener Straße hinterrücks überfiel und sexuell nötigte.

Auf der Rapefugees.net-Karte ist der Fall mit der Bemerkung "Vertuschungsverdacht" versehen. Hinweise gibt es dafür nicht.

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Eine genauere Betrachtung der Delikte, derentwegen Flüchtlinge verurteilt wurden, ergab, dass etliche in Flüchtlingsunterkünften passierten. Meist waren die Opfer Kinder anderer Flüchtlinge. So lockte im August 2016 ein junger Eritreer ein sechsjähriges eritreisches Mädchen in sein Zimmer in einem Hamburger Heim und missbrauchte es. Die Polizei verhaftete ihn.

24 der untersuchten Rapefugees.net-Meldungen sind vermutlich Falschbeschuldigungen. Dazu gehört die wahrscheinlich erfundene Vergewaltigung in Rostock, die immer noch auf der Karte eingetragen ist. Und der Fall einer 15-jährigen Schülerin aus Mönchengladbach, die im Januar 2016 behauptet hatte, in der Nähe des Hauptbahnhofs vergewaltigt worden zu sein. Der Täter habe ein "gebräuntes Gesicht" gehabt und mit ausländischem Akzent gesprochen. Wütende Anwohner hatten sich daraufhin zu einer Bürgerwehr zusammengeschlossen. Gut eine Woche später verkündete die Polizei, die Tat habe "so nicht stattgefunden". Der vermeintliche Täter war ein Bekannter des Mädchens, der aussagte, alles sei einvernehmlich geschehen. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen die 15-Jährige wegen Vortäuschen einer Straftat, stellte die Ermittlungen aber ein.

Sven Doering / DER SPIEGEL

Tatort Türkismühle: Die Ermittlungen wurden längst eingestellt

Die wenigsten Meldungen auf der Rapefugees.net-Karte sind auf den ersten Blick wahr oder falsch. Meist ist lediglich klar, dass es ein Aufeinandertreffen zwischen Täter und Opfer gab. Häufig werden trotzdem in der Karte Vorfälle als Vergewaltigungsversuche, Gruppenvergewaltigung oder - ganz kreativ - als "GRUPPENVERGEWALTIGUNG Versuch und Prügel Attacke durch ISIS Sex-Jihadisten" bezeichnet, die in der Polizeimeldung weniger drastisch klingen:

Die vier Fälle sind gravierend, keine Frage. Aber es waren keine Vergewaltigungen, anders als Rapefugees.net behauptet. Und von "ISIS Sex-Jihadisten" war erst recht nichts zu sehen.

In all diesen Fällen hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt, weil die Täter unbekannt blieben. Bei insgesamt 29 Prozent aller untersuchten Markierungen ist das so: Niemand wird jemals aufklären, ob die Täter Flüchtlinge waren. Gut möglich, dass dies in einigen Fällen zutrifft. Theoretisch ist es sogar möglich, dass alle unbekannten Täter Asylbewerber waren. Bei der Auseinandersetzung am Hagener Bahnhof ist das eher unwahrscheinlich. Laut Zeugen gab es nur einen Täter, und der habe akzentfrei deutsch gesprochen.

Die Beschäftigung mit diesen Daten ist kleinteilig und kompliziert, aber nur so lässt sich beispielhaft verstehen, was dran ist an derlei Behauptungen und wie rechte Seiten operieren. Denn hier kommt vieles zusammen, was Menschen in Deutschland verunsichert: die Flüchtlingskrise, die Sorge um die innere Sicherheit und der Vertrauensverlust in Politik und in klassische Medien. Und auch der wachsende Einfluss von Internetseiten und -foren, in denen sich Menschen gleicher politischer Couleur gegenseitig in ihrer fragwürdigen Weltsicht bestätigen.

Die traditionellen Medien, so die Annahme bis in bürgerliche Kreise hinein, paktierten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und verschwiegen die allgegenwärtigen Sexualverbrechen, um die Akzeptanz für die Flüchtlingspolitik nicht zu gefährden.

Etliche Leser forderten in den vergangenen zwei Jahren den SPIEGEL in Zuschriften auf, endlich mit der Vertuschung der Wahrheit aufzuhören und die Gefahr zu benennen: Flüchtlinge, die hierzulande Frauen und Kinder vergewaltigen. Es sei dringend notwendig, über die "Unterdrückung von Daten über von Migranten verübte Vergewaltigungen zu berichten", schrieb eine Frau. Dazu schickten sie oft Links zu Internetseiten, die vermeintliche Vergewaltigungsfälle von Flüchtlingen sammelten.

Die klassischen Medien befinden sich in einem Zwiespalt. Berichten sie nicht über das Thema und die im Internet kursierenden Gerüchte, sehen sich die Skeptiker in ihrem Glauben bestätigt, ihnen werde etwas verschwiegen. Nehmen sich Reporter, wie jetzt, beispielhaft eine Seite vor, müssen sie bedenken, dass sie Hetzseiten im Internet noch bekannter machen.

Die Macher von Rapefugees.net, die so viel Zeit darauf verwenden, die Karte mit Inhalten zu befüllen, geben sich offenbar ebenso viel Mühe, ihre eigene Identität zu verschleiern. Das Impressum führt zu einer Person namens F. Mueller in Uruguay, die Seite wird über einen Server in den USA betrieben. Anfragen des SPIEGEL blieben unbeantwortet. Facebook hat das dazugehörige Profil im Mai 2016 gelöscht.

Die Betreiber der Seite nutzen die grundsätzliche Angst vor allem Fremden. Diese Furcht ist in jedem Menschen angelegt. Um die Welt zu vereinfachen, schreiben Menschen Fremden bestimmte Eigenschaften zu, so stecken schnell ganze Gruppen in einer Kategorie fest: Roma klauen, Italiener flirten gern, und Flüchtlinge - meistens Muslime - sind gefährlich und vergewaltigen Frauen.

Wieso bei Flüchtlingen ausgerechnet dieses Vorurteil greift, versucht Wolfgang Benz zu erklären. Der Vorurteilsforscher und emeritierte Professor an der Technischen Universität Berlin glaubt, in Bezug auf Flüchtlinge werde in vielen Köpfen ein Bild "reaktiviert", das schon lange im kollektiven Gedächtnis der Deutschen existiere. Es ist das Bild eines Landes, das besetzt ist von fremden Truppen, die hausen wie die Barbaren.

"Das uns überfallende Heer, das sind heute nicht mehr die Russen, sondern Flüchtlinge, und die Vergewaltigungen, wie in jedem Krieg in der Vergangenheit, sind Teil der Kriegsführung", sagt Benz. Dieses Ressentiment sei durch die Ereignisse der Kölner Silvesternacht und den Ton der Berichterstattung größer geworden. Jede Nachricht von einem übergriffigen Flüchtling wirke wie ein Verstärker, gegenteilige Meldungen würden nicht mehr ernst genommen.

Tatsächlich erfährt die Öffentlichkeit nur von wenigen Übergriffen. Allerdings nicht, weil sie verschwiegen werden. Insgesamt gibt es so viele, dass man mit der Berichterstattung darüber jeden Tag eine ganze Zeitung füllen könnte. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik (PKS) wurden 2016 insgesamt 47401 mutmaßliche Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung erfasst, begangen sowohl von Deutschen als auch von Nichtdeutschen. Das sind knapp 130 Anzeigen pro Tag. In Wahrheit passiert wohl noch viel mehr, aber viele Opfer gehen nicht zur Polizei.

Beim Stichwort Vergewaltigung denken viele unwillkürlich an einen Unbekannten, der nachts Frauen ins Gebüsch zerrt. Tatsächlich ist der mutmaßliche Täter nur in einem Fünftel aller angezeigten Vergewaltigungen und schweren sexuellen Nötigungen ein Fremder. Das hat die Kriminologische Zentralstelle (KrimZ) in Wiesbaden errechnet. Meistens kennt das Opfer den mutmaßlichen Täter, weil er ein Bekannter, Freund oder Verwandter ist.

Das Bundeskriminalamt (BKA) veröffentlicht seit einigen Jahren ein Bundeslagebild, das sich speziell mit der Kriminalität von Zuwanderern befasst. Der Begriff Zuwanderer umfasst Asylbewerber, Geduldete, Illegale und Kontingentflüchtlinge. Tatverdächtige mit positiv abgeschlossenem Asylverfahren gehören nicht dazu. Im Jahr 2016 wurde bei 3404 Sexualstraftaten mindestens ein Zuwanderer als Tatverdächtiger identifiziert. Das sind mehr als doppelt so viele Fälle wie im Vorjahr (siehe Grafik). Drastisch sind die Steigerungsraten bei sexuellen Nötigungen und sexuellem Missbrauch von Kindern.

"Wir als bayerische Polizei nehmen es sehr ernst, dass die Zuwanderung Einfluss auf das Sicherheitsgefühl hat", sagt Harald Pickert, Leiter einer Expertengruppe des bayerischen Innenministeriums, die Sexualstraftaten im Freistaat in den vergangenen fünf Jahren untersucht. Was hat sich verändert und was nicht? Wo werden die Taten begangen? Wer sind die Täter, wer die Opfer? Gibt es typische Täterbiografien? Die Gruppe gibt es, weil der bayerische Innenminister Joachim Herrmann kurz vor der Bundestagswahl verkündet hatte, die Zahl der Vergewaltigungen und schweren sexuellen Nötigungen sei im ersten Halbjahr 2017 in Bayern deutlich gestiegen, um 47,9 Prozent. 126 Taten von 685 seien Zuwanderern zuzurechnen, 91 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Letzteres entspricht in etwa den Aussagen des BKA, allerdings werden in der bayerischen Kriminalstatistik auch die anerkannten Asylbewerber zu der Gruppe der Zuwanderer gezählt.

Pickert, 54, ist Polizeivizepräsident für Oberbayern Süd, er führt den Anstieg der Anzeigen von Sexualstraftaten auf mehrere Gründe zurück: Viele Bürger hätten erst wegen der Debatten um die Kölner Silvesternacht begriffen, dass Grapschen strafbar ist - seit einer Gesetzesänderung Ende 2016 gilt es zudem nicht mehr nur als Beleidigung, sondern ausdrücklich als sexuelle Belästigung. Früher wurde Grapschen in der PKS nicht als Sexualdelikt gewertet, jetzt schon. "Damit ist das Mehr an Anzeigen zu erklären und nicht etwa durch eine andere Lebenswirklichkeit", so Pickert.

Es falle allerdings auf, dass die Zahl der tatverdächtigen deutschen Sexualtäter eher stagniere oder sinke, während die Zahl der tatverdächtigen Zuwanderer deutlich gestiegen sei. Diese Tendenz sei bereits seit fünf Jahren sichtbar. "Kein Wunder", sagt Pickert, schließlich seien auch immer mehr Zuwanderer gekommen. Die seien im Vergleich zur deutschen Bevölkerung im Durchschnitt jünger und häufiger männlichen Geschlechts. Sie würden eher in Großstädten leben, hätten häufiger keine Ausbildung, keine Arbeit, kein Einkommen. "Das können alles kriminalfördernde Faktoren sein." Im ersten Halbjahr 2017 wurde laut Pickert ungefähr ein Fünftel aller Sexualdelikte von Zuwanderern in Flüchtlingsunterkünften begangen. Knapp 20 Prozent aller Opfer seien selbst Flüchtlinge. Damit seien - proportional gesehen - besonders andere Flüchtlinge gefährdet, Opfer sexueller Übergriffe von Zuwanderern zu werden.

Sven Doering / DER SPIEGEL

Flüchtlingsunterkunft in Hamburg: Viele Opfer sind selbst Asylbewerber

Wie kann man dieser Entwicklung entgegenwirken? "Nur weil eine bestimmte Bevölkerungsgruppe durch Sexualdelikte auffällt, brauchen wir keine neuen Antworten", findet Martin Rettenberger, Direktor der KrimZ.

Ein Teil der Zuwanderer stamme aus Gesellschaften, in denen Sexualstraftaten seltener bestraft werden. Dort komme es durchaus häufiger zu solchen Delikten. "Aber die meisten Menschen passen ihr Verhalten in einem neuen sozialen Umfeld schnell an", so Rettenberger. "Soziale Werte und Normen, die einst verinnerlicht wurden, bleiben trotzdem veränderbar. Araber oder Afrikaner sind nicht per se übergriffiger als Europäer." In den USA würden mehr als fünfmal so viele Menschen im Jahr vorsätzlich getötet wie in Deutschland. "Trotzdem käme niemand auf die Idee zu behaupten, Amerikaner seien eben gewalttätiger als Deutsche." Entscheidend sei die Biografie des Einzelnen. Viele Sexualstraftäter hätten eine gestörte Impulskontrolle, oftmals kombiniert mit geringem Selbstwert. Zum Täter würden besonders oft Menschen mit labiler Persönlichkeit sowie Traumatisierte ohne Kontrolle durch enge soziale Beziehungen. All das treffe auf Flüchtlinge erwartungsgemäß häufiger zu als auf andere Bevölkerungsgruppen. Die "einzige langfristige Lösung, wenn wir Sicherheit wollen", so Rettenberger, sei nachhaltige Integration: Bildung, Arbeit, soziale Betreuung. "Ich kann jeden Bürger verstehen, der keine Lust hat, auch noch Geld in potenzielle Sexualstraftäter zu investieren. Aber von der Politik erwarte ich mehr."

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