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Politik
Ausgabe
52/2017

Syrien

Assad hat den Krieg gewonnen - und jetzt?

Vom Frieden ist Syrien weit entfernt, obwohl das Regime den Krieg gegen die Aufständischen weitgehend gewonnen hat. Was denken die Menschen in Damaskus?

AFP

Luftangriff auf Rebellengebiet vor Damaskus

Von
Donnerstag, 28.12.2017   06:05 Uhr

An diesem klaren Tag im November, um 11.47 Uhr, riecht die Luft in Bab Scharki nicht nach Sieg, sondern nach Staub und Rauch, als die Mörsergranate hinter Miriams* Büro einschlägt. "Die Terroristen stehen in Dschubar", sagt Miriam, gerade mal gut einen Kilometer entfernt von ihrem Arbeitsplatz in der Sozialstation der syrisch-katholischen Kirche, "Luftlinie", sagt die 27-Jährige, auf die kommt es an bei Mörsergranaten.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 52/2017
Jesus, der Muslim - Jesus, Gottes Sohn
Was Christentum und Islam verbindet und trennt

Das Geschoss kracht ins Dach der Moschee hinter dem "Tor des Ostens", Bab Scharki, einem der sieben Eingänge zur Altstadt. "Warum schießen die auf uns, hier sind doch nur Zivilisten?", fragt Miriam. Was sie nicht weiß, ist, dass die Regierung die Aufständischen dort im Südosten gerade heftig bombardiert und der Beschuss der Altstadt so etwas ist wie ein letztes, verzweifeltes Aufbäumen der Eingeschlossenen vor ihrer Niederlage.

Denn militärisch ist der Krieg eigentlich entschieden, für Assad, für das syrische Regime. Vom Frieden ist das Land dennoch weit entfernt.

Miriam ist Christin. Sie gehört damit zu einer Minderheit in Syrien, die noch am ehesten Schutz findet in den von der Regierung kontrollierten Gebieten. Doch in diesen Tagen reißt es auch in den engen Gassen des Christenviertels Menschen in den Tod. Miriams Vater verletzte ein Schrapnell an der Brust, ein Splitter traf ihre Mutter am Arm, als sie gerade auf dem Weg zum Geldautomaten war. 105 Einschläge waren es allein in den vergangenen fünf Tagen.

Es wird so heftig gekämpft in Damaskus wie lange nicht. Als sei der stete Klang der Explosionen das Trommelfeuer zu den immer neu angekündigten Friedensverhandlungen zwischen der syrischen Regierung und der Opposition, die dann doch immer wieder scheitern, wie kürzlich das Treffen in Genf unter Führung des Sondergesandten der Vereinten Nationen, Staffan de Mistura.

Anfang Dezember war der russische Präsident Wladimir Putin zu Besuch bei Syriens Diktator Baschar al-Assad. Die Botschaft war: Der militärische Kampf ist bald vorüber, russische Truppen sollen in Teilen abgezogen werden. Russland will nun im neuen Jahr einen eigenen Friedensprozess starten und den Westen zu Aufbauhilfe bewegen, um dem Land wieder auf die Beine zu helfen. Kurz nach Putins Besuch wurde bekannt, dass Russland seine Luftwaffenbasis im Land weiter ausbauen will.

Xinhua / News Pictures

Syrischer Präsident Assad (r.) mit russischem Amtskollegen Putin in Latakia: Einen eigenen Friedensprozess starten

Die Bomben fallen in der Zwischenzeit weiter auf Ost-Ghuta, den Vorstadtgürtel im Südosten von Damaskus, eine der letzten Rebellenhochburgen. In Jarmuk, einer Palästinenserenklave inmitten der Hauptstadt, wird ebenfalls geschossen. In Idlib, im Norden, an der türkischen Grenze, sammeln sich Kämpfer der extremistischen Nusra-Front und andere Rebellen zur letzten Schlacht mit Assads Unterstützern.

Auch die Amerikaner sind inzwischen offiziell mit größeren Truppenverbänden im Land, im Norden. Bestätigt ist die Präsenz von 2000 Soldaten. Und die Russen, die Iraner und die Hisbollah-Miliz sind noch immer hier. Die Israelis bombardieren mutmaßliche Hisbollah-Stellungen bei Damaskus. Wie ist das also zu verstehen, dass Assad den Krieg gewonnen hat, militärisch, und der Kampf trotzdem weitergeht? Und um was genau geht es hier noch, wer hat welche Interessen und Ziele?

Die Menschen in Damaskus sind des Krieges vor allem müde, erschöpft nach über sechs Jahren. Und sie fragen, wie Miriam, wann dieser Kampf endlich aufhört, und vor allem, wie der Frieden aussehen könnte.

Wer jetzt noch hier ist, in Damaskus, gehört ganz sicher nicht zu denjenigen, die damals gegen Präsident Assad aufgestanden sind. Die sind längst geflohen, im Gefängnis oder tot. Die meisten der Damaszener würden, wenn morgen Wahlen wären, wohl auch für Assad stimmen, der hier allgegenwärtig ist, als Poster in jedem Friseurladen oder an der großen Straßenkreuzung, als grimmiger Offizier in Uniform und mit Sonnenbrille, und vor dem Supermarkt, als Staatsmann im Anzug.

Die Stadt Damaskus ist schon immer mehrheitlich loyal gewesen zu den Assads, anders als die Menschen in den Vororten der Stadt, im Norden des Landes, in Aleppo, oder im Südwesten, in Daraa, wo sie immer ihre eigenen Spielregeln hatten.

Assad mag ein Diktator sein, sagen hier viele, aber die Alternative wäre ein Regime der Halsabschneider. "Ich würde die Koffer packen, wenn Assad ginge, wenn die Rebellen an die Macht kämen, die Muslimbrüder", sagt ein Architekt. Er ist 52, so alt wie der Präsident. Sein Büro liegt in einer gut geschützten Straße der Innenstadt, elegante Einrichtung, ein Ölbild vom Tempel von Palmyra an der Wand. Der Architekt glaubt, dass Assad die beste aller schlechten Möglichkeiten ist.

DER SPIEGEL

Natürlich sei sie da, die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, sagt er, nach dem Ende der Korruption, der Vetternwirtschaft der Clique um die Assad-Familie. Aber dass ihnen die bewaffnete Opposition ein besseres Leben brächte, mehr Freiheit, gar eine stabile Demokratie, das glaubt er nicht.

Vielmehr geht es hier jetzt um die Frage, ob es einen Frieden geben kann mit Assad, trotz allem. Ob es eine Verhandlungslösung gibt, an deren Ende er vielleicht doch noch abtritt. Oder ob das Land ein "failed state" bleibt, in von unterschiedlichen Fraktionen beherrschte Einzelteile zerfallen, zerstört und isoliert, ein Paria-Staat.

Der syrische Vize-Außenminister Faisal Miqdad gehört zu Assads entschlossensten Verteidigern. Er hat all die Jahre Kurs gehalten, selbst in den dunkelsten Stunden, Anfang des Jahres 2013, als der Fall Assads im Westen als gesichert galt.

Miqdad empfängt im Außenministerium, weißes Hemd, Silberbrille, grauer Anzug. Über die Zeit ist der Spitzendiplomat selbst grau geworden. Miqdad zeigt sich zufrieden darüber, dass Syrien die entscheidenden Schlachten dieses Krieges gewonnen hat. Assad hat mithilfe von Iran und Russland die Städte Deir al-Sor und Palmyra zurückerobert vom "Islamischen Staat", und Miqdad will, dass diese Tatsache gebührend Anerkennung findet. Dass es der Westen war, der den IS vor allem bombardierte und mit Unterstützung der Kurden aus Rakka vertrieb, verschweigt er.

Miqdad fragt, ob der Westen, ob die Europäer endlich bereit seien, "zuzugeben, dass sie gescheitert sind" mit ihrem Plan, die syrische Regierung zu stürzen und Assad auszutauschen gegen eine "Marionette des Westens". Es spricht Verletztheit aus diesen Worten. Auch hier wurde gelitten, sagt Miqdad, auch hier wurden Menschen vertrieben und getötet.

Die Rebellen verfügten über keine Luftwaffe, sie konnten nicht die gleiche Zerstörung anrichten wie das Regime, das für die mit Abstand größte Zahl an Toten unter Zivilisten verantwortlich ist. Doch die Rebellen entführten etwa Miqdads zwölfjährigen Neffen und seinen eigenen, alten Vater. Es ging den Kidnappern darum, Gefangene freizupressen. Miqdads Vater starb, kurz nachdem er ausgetauscht wurde. Der Drahtzieher der Entführung sei heute in Deutschland, sagt Miqdad. Dort habe er Asyl erhalten. Miqdad sieht in vielen der in die Bundesrepublik geflohenen Syrer Drückeberger, Verräter, Kriminelle.

Er spricht, als wäre der Krieg schon vorbei, als wären die Kämpfe in Ost-Ghuta nur noch ein letztes Aufglimmen. Man beginne bereits mit dem "Wiederaufbau", sagt Miqdad. Doch mit welchen Mitteln?

Anadolu Agency / Getty Images

Bewohner der Region Ost-Ghuta neben einem toten Kind: "Folter gibt es nicht"

Das Syrien, das der Vize-Minister wieder aufbauen will, ist heute ein ganz anderes Land als vor dem Krieg. Gespalten in Assad-Unterstützer und Assad-Hasser, eine Nation, die nur noch aus kleinen funktionierenden Inseln besteht, in einem Meer der Zerstörung und der Auflösung.

In Damaskus sind die Universitäten zwar offen, die Schulen und die Krankenhäuser. Aber um diese Inseln herum wurde die öffentliche Ordnung vielerorts ersetzt durch Milizen, die ihre Dörfer, ihre Städte und Bezirke selbst verteidigten gegen die Rebellen und den IS, aus Mangel an regulärem Sicherheitspersonal.

Aus lokalen Milizchefs sind Warlords geworden, die am Ende die Häuser ihrer eigenen Landsleute plünderten, nachdem sie sie zurückerobert hatten. Die Beute verkauften sie auf Flohmärkten und betrachteten den Erlös als ihren Lohn. Nun feiern sich die neuen Warlords als Befreier des Landes, ihre neu gewonnene Macht werden sie kaum mehr aufgeben.

Anstatt von solchen Problemen spricht Diplomat Miqdad heute jedoch lieber vom "Sieg" über das, was er die "internationale Verschwörung" nennt. "Für jeden Tropfen Blut, der hier vergossen wurde, tragen die USA, die Türkei, die Golfländer und Europa die Verantwortung", sagt er. Sie hätten die Brut des Terrors eingeschleppt, genährt, dem Land ein Heer von Extremisten auf den Hals gejagt und die Syrer gegen Assad aufgehetzt, mit ihrem Geld.

Auf der anderen Seite der Frontlinie ist die Wahrheit eine andere. Und die syrische Tragödie besteht auch darin, dass jede Seite nur eine Wahrheit akzeptieren kann, die eigene.

"Haben Sie auch Mitleid mit den Opfern auf der anderen Seite, den Tausenden in staatlichen Geheimdienstverliesen gefolterten und getöteten Oppositionellen?"

"Die existieren doch nur in den Köpfen derer, die diese Lügen erfunden haben."

"Glauben Sie das ernsthaft?"

"Systematische Folter gibt es bei uns nicht, wir sorgen für unsere Bürger."

Die westlichen Regierungen sind mehrheitlich der Ansicht, dass es legitim war, die Opposition zu bewaffnen. Aus ihrer Sicht war der Aufstand eine Folge davon, dass die friedlichen Demonstrationen gegen Assad Anfang 2011 blutig niedergeschlagen wurden. Die Regierung und die Menschen in Damaskus dagegen sagen, dass die Golfstaaten, die USA, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und ein paar Europäer von Anfang an das Ziel gehabt hätten, Assad loszuwerden.

Damaskus ist in all diesen Zeiten eine sichere Festung geblieben. Diese uralte Stadt, ein Kleinod verschiedenster Kulturen, ist verwundet, und die Schmerzen sind sichtbar, überall. Der Ausnahmezustand, in dem sich diese vielleicht schönste Metropole des Orients befindet, ist an jeder Straßenecke zu sehen - auch wenn die Zerstörung sich nicht annähernd vergleichen lässt mit dem, was Aleppo oder Homs widerfuhr. Die Menschen in Damaskus leben mit unzähligen Checkpoints, Sandsackmauern, die Gassen versperren, und mit Männern in Uniform und mit Kalaschnikows. Doch das Herz dieser Hauptstadt schlägt.

Die Nachschublinie aus dem Libanon ist zu allen Zeiten offen geblieben, auch die Häfen am Mittelmeer, in Tartus und Latakia. Im alten Markt, dem Souk al-Hamidija, bieten die Händler ihre Waren an, wie immer, es gibt alles, vom neuen iPhone X bis zu Designerklamotten. Im luxuriösen Hotel Four Seasons sieht es aus wie überall in der Welt, wo die Schönen und Reichen sich treffen. Feine Restaurants und noble Geschäfte reihen sich aneinander, auch wenn die Übernachtungsgäste inzwischen fast nur noch internationalen Hilfsorganisationen angehören.

In Bab Tuma, im Christenviertel, wird noch immer Wein getrunken und gut gegessen, zumindest, wenn man es sich leisten kann. Das syrische Pfund ist kaum ein Zehntel so viel wert wie vor dem Krieg.

Viele, die noch in Damaskus leben, weil sie nicht wegkonnten oder nicht wegwollten, tragen die Nostalgie in sich, dass vielleicht einmal alles wieder so werden könnte, wie es war, trotz allem. Dabei verblasst offenbar auch die Erinnerung, wie Assads berüchtigter Sicherheitsapparat hier immer schon jedermanns Leben durchleuchtete und seine Gegner in berüchtigten Foltergefängnissen verschwinden ließ. Aber das betrachten viele hier, verglichen mit der Bedrohung durch Islamisten, offenbar als vergleichsweise geringes Übel.

Schon vor dem Krieg gab es diesen Sicherheitsapparat, der aus vier mächtigen Geheimdiensten besteht, die sich gegenseitig belauern und doch zusammenarbeiten und von denen am Ende alle abhängen. Der Sohn, Baschar al-Assad, erbte ihn vom Vater, und der heutige Präsident ist eben beides, Täter und Gefangener dieses undurchsichtigen Patronagesystems, das er selbst erhält, aber auch nicht auflösen kann, ohne die Macht zu verlieren.

Damaskus ist heute eine Hauptstadt fast ohne männliche Jugend, junge Frauen finden keine Männer, um eine Familie zu gründen. Wie viele Soldaten starben in diesem Krieg, wie viele Männer verwundet wurden, hält die Armee geheim.

In ärmeren Stadtteilen wie Dwilaa oder Maliha haben Tausende Damaszener ihre Häuser verloren, gleich, ob sie für oder gegen Assad waren. Jetzt drängen sie sich in Notunterkünften im Stadtteil Dscharamana, in dem noch Zehntausende Flüchtlinge aus anderen Teilen des Landes unterkommen, aus Idlib, Aleppo, Deir al-Sor und Abu Kamal. Es gibt keine Arbeit. Die Fabriken sind zerstört. Die meisten Ausgebombten leben von Spenden der Wohltätigkeitsorganisationen. Viele betteln.

Wenn die Damaszener morgens am Frühstücktisch sitzen und das staatsgelenkte Fernsehen einschalten, glauben die meisten deshalb, dass es gut ist, was sie jetzt dort sehen. Dass die siegreiche syrische Armee am Euphrat die Terroristenhochburg Abu Kamal befreit hat, gemeinsam mit der iranischen Quds-Brigade. Dort kehren Flüchtlinge gerade zurück in ihre Dörfer, auch der alte Basar in Aleppo wird notdürftig wieder aufgebaut und eine Schule im zerstörten Homs neu errichtet. Als Assad vor einigen Wochen im russischen Sotschi Putin traf, sagte er den Satz: "Wir wollen nicht mehr zurückblicken."

Wer zurückblickt, der sieht Hunderttausende Tote, geopfert in einem Kampf, von dem jede Seite behauptet, er sei gerecht gewesen und habe zum Wohl des syrischen Volkes stattgefunden. Wer zurückblickt, der sieht auch über zehn Millionen Vertriebene, das ist fast jeder zweite Syrer, von denen über fünf Millionen das Land verlassen mussten. Und der sieht schwere Kriegsverbrechen.

Im Staatsfernsehen werden jetzt sorgfältig inszenierte Interviews gezeigt mit Rebellenkommandeuren, die vor der Kamera reumütig bekennen: "Ich habe einen Fehler gemacht und bin dankbar, dass das Regime mich wieder aufnimmt."

Der syrische Minister für Nationale Versöhnung, Ali Haidar, sagt, es gehe jetzt darum, "Syrien zu retten", und zwar "gemeinsam". Haidar ist eigentlich Arzt, groß, schlaksig, breites Gesicht, Brille, er lächelt viel. Er legt Wert darauf, dass er eigentlich der "Opposition" angehöre, das ist natürlich sehr relativ. Vielleicht war er mal anderer Meinung als der Präsident, aber natürlich weit davon entfernt, das System infrage zu stellen oder mit einer Waffe in der Hand gegen Assad zu kämpfen.

Auf die Frage, was er den Rebellen anbiete, damit sie zurückkehren, spricht der 55-Jährige von einer "magischen Formel". "Wir haben kein Geld, aber geben den Kämpfern ihr Leben zurück, ihre Familie." Es gehe darum, die "Seelen" wieder aufzurichten, sagt Haidar.

Wer in Haidars Büro sitzt, in Damaskus, in einer dieser üblichen orientalischen Amtsstuben, voluminöse Sessel, Kristallglasschalen mit Süßigkeiten, großer Holzschreibtisch, kann jetzt täglich Unterhändler sehen, die dort ein- und ausgehen, um Bedingungen für die Rückkehr von Kommandeuren auszuhandeln.

REUTERS

Versöhnungsminister Haidar in Damaskus: "Die Seelen wieder aufrichten"

Wie aber sieht es mit den politischen Oppositionellen aus, die sich im Ausland befinden? Minister Haidar weicht der Frage aus, er will gar nicht über die Flüchtlinge in Europa sprechen, in Deutschland, sondern vor allem über die in den Nachbarländern, in Jordanien, in der Türkei, im Libanon. Er sagt, dass über 530.000 syrische Kinder dort auf der Liste des Uno-Flüchtlingshilfswerks stünden und für ihre Schulbildung Millionen von Dollar bezahlt würden. Dies ließe sich natürlich in Syrien viel günstiger organisieren.

Wenn es um die Rückkehr von Geflüchteten geht, wird es hier also vor allem immer auch um Geld gehen, um Kopfzahlen, Bedarfszahlen. Es wird darum gehen, wer was bezahlt bei einem möglichen Wiederaufbau Syriens. Es ist jetzt schon klar, dass dieser Wiederaufbau ungeheuer kostspielig sein und Jahrzehnte dauern wird, wenn er überhaupt stattfindet.

Hier könnte auch eines der wenigen Druckmittel für den Westen liegen. Er kann Bedingungen stellen dafür, welches Syrien es künftig geben könnte. Wie viel internationale Unterstützung für wie viel Öffnung, für die künftige Rolle Assads. Mit seinen Verbündeten Russland und Iran als Geldgeber, das wird hier klar, rechnet das Regime jedenfalls nicht.

Um überhaupt über ein neues Syrien nachzudenken, müssten erst einmal die Kämpfe aufhören. Einer, der sich dazu entschlossen hat, die Waffen niederzulegen, ist Abdul Aziz Shodab aus Kuswa, zwei Stunden von Damaskus entfernt. Der Mann ist 41 Jahre alt, fast zwei Meter groß, Jeans, schwarzes T-Shirt, Glatze, langer Bart. Zum Gespräch kommt er im Hummer mit getönten Scheiben, er scheint Geld zu haben. Seit einem Jahr ist er im sogenannten Versöhnungsprogramm der Regierung.

Der ehemalige Milizchef kommandierte zuletzt angeblich 7000 Mann des salafistischen Kampfverbands Ahrar al-Scham im Raum Kuswa. Jetzt sitzt Shodab in einem Hotel im Zentrum von Damaskus und trinkt Orangensaft. Die Details von Shodabs Geschichte sind kaum zu überprüfen, manchmal wirkt seine Darstellung schablonenartig, als sei er gebrieft worden für das Treffen. Tatsache ist, dass der Mann dafür eine Genehmigung der Militärischen Sicherheit benötigte, einer Abteilung des syrischen Geheimdiensts.

Tatsache ist aber auch, dass Shodab in Propagandafilmen der Ahrar al-Scham im Internet zu sehen ist, wie er gegen das Regime wettert und zum Kampf gegen Assad aufruft. Sie hätten Checkpoints überfallen, sagt er, Armeekräfte angegriffen. Genauer will der Bekehrte über seine Zeit bei Ahrar al-Scham nicht sprechen. Heute arbeitet Shodab für die syrische Regierung und versucht, ehemalige Kampfgefährten zum Seitenwechsel zu überreden. Das Aussteigerprogramm, sagt ein syrischer Insider, werde offiziell zwar von Versöhnungsminister Haidar geleitet, tatsächlich aber von Geheimdienstchef Ali Mamlouk gesteuert.

Viele Möglichkeiten haben die Aufständischen heute nicht mehr. Zahlreiche Hardliner sind nach Idlib gegangen, wo sich laut Shodab bereits über 100.000 Kämpfer versammelt haben. Andernorts haben die Rebellen kapituliert, manchmal nach monatelanger Belagerung. Dann werden sie an Orte gefahren, die die Unterhändler beider Seiten vereinbart haben, fast immer in den grünen Bussen, die sonst für den öffentlichen Nahverkehr genutzt werden. Die übrigen Kämpfer wiederum geben ihre Waffen ab, sie werden vom Regime registriert und kehren zurück in ihre Stadt, ihr Dorf, falls es noch existiert.

"Der Krieg neigt sich allmählich seinem Ende entgegen, Assad hat gewonnen, und er wird bleiben", fasste der letzte US-Botschafter in Damaskus, Robert Ford, die Lage zusammen. Er arbeitet nun beim Middle East Institute in Washington.

Assad verdankt den Iranern und den Russen sein politisches Überleben, die entscheidende Wende brachte die russische Luftwaffe. Beide Nationen dürften in nächster Zukunft dauerhaft in Syrien mit ihrem Militär präsent sein, und Präsident Putin ist wohl derjenige, der in Damaskus am meisten Einfluss ausüben kann. Darüber, wie es weitergehen soll, gibt es jedoch Unstimmigkeiten zwischen Assads Verbündeten. Putin wünscht sich eine vom Westen unterstützte Friedenslösung, die womöglich eine Beteiligung der Opposition an der Regierung einschließt. Teheran hat dagegen kein Interesse an einer Lösung, die Assads Macht schwächt. Auch über die künftige Rolle der Kurden im Land sind sie sich uneinig - Russland hält ihren Anspruch auf Selbstverwaltung für gerechtfertigt, Iran nicht.

Bis dieser Krieg wirklich zu Ende ist, wird es also noch lange dauern, noch viele grüne Busse werden mit Rebellen aus Kampfzonen fahren und womöglich noch ein paar Tausend Mörsergranaten in die Altstadt nach Bab Scharki fliegen.

Und wie immer, wenn ein Geschoss eingeschlagen hat und der Aufprall durch die Altstadt hallt, wird Miriams Mutter ihre Tochter auf dem Handy anrufen und fragen: "Miriam, alles in Ordnung?"

Im Video: Damaskus - gelassener im Krieg

Foto: DER SPIEGEL

*Name von der Redaktion geändert

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