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Wissenschaft
Ausgabe
18/2018

Mediziner-Kauderwelsch

So verstehen Sie Ihren Arzt

Zwei Ärzte haben in Berlin einen telefonischen Dolmetscherdienst für Krankenhäuser eingerichtet. Er könnte Leben retten.

Agata Szymanska-Medina/ DER SPIEGEL

"Triaphon"-Gründerin Knop: Kranke dürfen niemals sprachlos sein

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Donnerstag, 03.05.2018   03:37 Uhr

Der kleine vietnamesische Junge schien ein Routinefall für die Kinderärzte in der Berliner Notaufnahme zu sein. Zwar war die Verständigung mit der Mutter nur mit Mühe möglich; sie sprach kein Wort Deutsch. Aber die Geste, die die Frau immer wieder machte, war eindeutig: Erbrechen. Kommt ein Dutzend Mal pro Tag vor, wenn gerade wieder ein Magen-Darm-Virus durch die Stadt tobt.

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Heft 18/2018
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Der Dreijährige wehrte sich gegen eine gründliche Untersuchung, also legten die Ärzte ihm eine Infusion an, damit er nicht dehydrierte, und nahmen ihn stationär auf. Alles schien in Ordnung.

Am nächsten Tag war der Junge tot.

Er hatte sich nicht wegen eines Magen-Darm-Infekts übergeben, sondern weil der Druck auf sein Gehirn zu hoch war. Der Kleine hatte einen Tumor im Kopf.

"Die entscheidende Information, die uns in der Notfallambulanz fehlte, war, dass der Junge sich schon seit Monaten erbrach", sagt die angehende Kinderärztin Lisanne Knop vom Sana Klinikum Lichtenberg in Berlin, die die Tragödie als Medizinstudentin in einem anderen Krankenhaus miterlebt hat. "Wenn die Mutter das den Ärzten irgendwie hätte mitteilen können, hätten die sicher sofort an einen Hirntumor gedacht."

Knop ließ der Tod des Jungen nicht mehr los. Kranke, fand sie, dürften niemals sprachlos sein. Ihr fiel wieder ein, wie es bei ihrem Praktikum in New York zuging, im Bellevue Hospital in Manhattan. Das Krankenhaus ist bekannt für seine Vielfalt von Patienten aus aller Welt; doch babylonische Verhältnisse erlebte Knop dort kaum: Ein telefonischer Dolmetscherservice war rund um die Uhr für zahlreiche Sprachen verfügbar. So etwas, beschloss sie, brauche Deutschland auch.

Vor ungefähr zwei Jahren rief Knop gemeinsam mit dem Hamburger Arzt Korbinian Fischer das gemeinnützige Projekt "Triaphon" ins Leben. Über Facebook, Kulturvereine, Universitäten und Zufallsbekanntschaften suchten die beiden Ärzte ein Team von mittlerweile mehr als 190 ehrenamtlichen Laiendolmetschern zusammen. Diese sogenannten Sprachmittler arbeiten für eine geringe Aufwandsentschädigung; sie übersetzen via Telefon Arabisch, Persisch, Russisch, Türkisch, Vietnamesisch und demnächst noch weitere Sprachen. Die Ärzte erreichen sie im Wechsel rund um die Uhr.

"Wir wollen mit diesem Projekt nicht den professionellen, vereidigten Dolmetschern Konkurrenz machen", sagt Fischer. Deren Dienste würden weiterhin gebraucht für wichtige Arzt-Patienten-Gespräche, etwa vor großen Operationen. Triaphon wolle einfach das riesige Potenzial der vielen bilingualen Menschen in Deutschland nutzen: als Service für die unzähligen kurzen Patientenkontakte.

Ärzte müssen in der Notfallambulanz schnell ein paar wichtige Fragen stellen, im Kreißsaal gilt es, Mütter zu beruhigen, wenn ihnen das Neugeborene für eine Behandlung weggenommen wird, auf Station sollten die Patienten verstehen, was die Krankenschwester meint, wenn sie die Hygieneregeln erläutert.

Lisanne Knop steht in Zimmer 345 auf Station 4F des Sana Klinikums, sie versucht, sich einer jungen Syrerin verständlich zu machen; im Krankenhausbettchen schläft deren sieben Monate alter Sohn. Durch einen Unfall beim Baden hat er am Po und an einem Bein Verbrühungen erlitten. Gerade wurde in Narkose der Verband zum ersten Mal gewechselt. Ist alles gut gegangen? Die Mutter schaut Knop mit großen Augen an.

Knop greift zum Telefon in ihrer Kitteltasche. Sie wählt eine Berliner Telefonnummer, die sie mit einer Schaltzentrale im Internet verbindet. Dann drückt Knop die "1" für Arabisch. Sofort wählt das System alle Handys der Arabisch-Sprachmittler an, die sich für diese Schicht eingeloggt haben. Wer als Erster abhebt, übersetzt.

Eine Frauenstimme meldet sich. Es ist Doua Abdallah, dreifache Mutter und Sekretärin in einem Anwaltsbüro; gerade hat sie Mittagspause. Abdallah kam aus dem Libanon nach Deutschland, als sie zwei Jahre alt war. Sie lernte Lisanne Knop kennen, als diese bei Ebay einen Schaukelstuhl von ihr kaufen wollte.

"Triaphon ist ein super Projekt", schwärmt Abdallah später. "Es macht mir riesigen Spaß, und ich bin sehr stolz darauf, dass ich von Anfang an dabei war." Inzwischen ist sie Mentorin für die anderen Arabisch-Sprachmittler.

Jetzt, im Klinikum, schaltet Knop das Telefon laut. "Ich möchte, dass Sie einer Mutter sagen, dass beim Verbandswechsel bei ihrem Baby alles gut gelaufen ist." Doua Abdallah übersetzt; die Syrerin lächelt, sie ist erleichtert.

Vom Sana Klinikum Lichtenberg und einem weiteren Krankenhaus wird der Triaphon-Dolmetscherservice mittlerweile intensiv genutzt, drei weitere Häuser erproben ihn. Knop und Fischer wollen das Projekt nun erweitern. Vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin haben sie eine kleine Anschubfinanzierung bekommen.

In Zukunft sollen Krankenhäuser eine monatliche Pauschale für den Service bezahlen, mit der die Software und die Aufwandsentschädigungen der Sprachmittler beglichen werden können.

Gabriele Schlimper, Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin, unterstützt Knop und Fischer, wo sie kann. "Triaphon ist gelebte Zivilgesellschaft", sagt sie. Vor allem eines überzeuge sie: "Es ist so erschlagend simpel."

Im Video: Wie funktioniert Triaphon? Lisanne Knop, Ärztin und Gründerin von Triaphon, erklärt, wo Triaphon ansetzt und wer am anderen Ende der Leitung sitzt.

Foto: DER SPIEGEL

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