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Kultur
Ausgabe
18/2018

Tetra-Pak-Erbin über die Drogensucht ihres Bruders

Inmitten einer der reichsten Familien der Welt

Mit einer genialen Pappkarton-Idee machten die Rausings ein sagenhaftes Vermögen. Nun hat Sigrid Rausing ein Buch über ihre Familie geschrieben - und die katastrophale Drogensucht ihres Bruders.

Olivier Hess / DER SPIEGEL

Autorin Sigrid Rausing

Von
Sonntag, 29.04.2018   19:30 Uhr

Am Ende hat alles mit einem Pappkarton zu tun. Mit der guten Idee, Milch nicht länger in Flaschen abzufüllen, sondern in kunststoffbeschichtete Papierverpackungen. Anfangs hatten sie die Form eines Tetraeders, weshalb ihr Erfinder, der Schwede Ruben Rausing, sie Tetra Pak nannte. Die Kartons ließen sich mühelos sortieren, stapeln, in größere Kartons verpacken, transportieren und lagern. Kein Klirren, keine Scherben, keine Lichtdurchlässigkeit. Das war 1951. Heute gibt es Tetra Paks in den allermeisten Ländern, im Jahr werden 188 Milliarden davon produziert. Es war also eine von jenen Ideen, die vieles veränderten. Auch das Leben der Familie Rausing, sie wurde zu einer der reichsten Familien der Welt.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 18/2018
Gott, ach Gott, ach Gott!
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Sigrid Rausing, 56, ist eine Enkelin des Tetra-Pak-Erfinders. Seit vielen Jahren lebt sie in London, sie hat einen Doktortitel in Anthropologie, sie ist Herausgeberin des "Granta"-Magazins, einer Zeitschrift für Literatur, und ihr gehört der Granta-Buchverlag. Rausing stellt tolle Sachen auf die Beine, das neue "Granta"-Magazin zum Beispiel beschäftigt sich mit dem Thema Roboter und mit der Frage, ob deren Existenz die Beziehung zwischen Mensch und Tier verändern wird. Im Granta Verlag gibt Rausing die Bücher von Eleanor Catton oder Rebecca Solnit heraus. Und wenn man sie in ihrem Büro trifft, einem luftigen Raum, dann verwickelt sie einen mit sanfter Stimme mühelos in ein Gespräch. Rausing führt einen dabei zu interessanten Themen, zur Polarisierung der englischen Gesellschaft oder Wasserknappheit in Südafrika, doch eigentlich wollte man darüber gar nicht mit ihr reden. Sie ist gut darin, das Gespräch von ihrer Person wegzulenken, schwer zu sagen, ob sie das absichtlich oder intuitiv tut.

Rausings Arbeitsplatz, das Verlagshaus von Granta, liegt im Stadtteil Holland Park, große, weiße Villen säumen die Straßen, doch Granta ist in einem bescheidenen Bau untergebracht. Am Empfang leuchtet eine Neoninstallation, viel Holz und Weiß, überall Bücher, Papierstapel, kleine Büros, die durch Glaswände voneinander getrennt sind, keines ist größer als zehn Quadratmeter, auch das der Chefin nicht.

In diesem Rahmen ist Rausing jene Person, als die sie wohl am liebsten gesehen wird: eine berufstätige Intellektuelle. "Ich liebe meine Arbeit", sagt sie, "ich liebe das Disziplinierende an der Arbeit, sich an einen neuen Text zu setzen, darüber nachzudenken, was ihn auszeichnet, was ihm noch fehlt. Ich liebe Texte. Ich liebe das alles hier." Die Anerkennung, die sie als Verlegerin und als Anthropologin erhält, ist ihre Währung. Geld ist für sie nicht mit Anerkennung verbunden, in dieser Hinsicht ist es für sie wertlos. Es gibt einfach viel zu viel davon in ihrer Familie.

Sigrid Rausing führt einen zähen Kampf, um hinter dem Vermögen ihrer Familie als Individuum sichtbar zu bleiben. Der immense Reichtum der Rausings ist das eine Thema, das sie zu überragen droht, das andere ist die katastrophale Drogensucht ihres jüngeren Bruders Hans Kristian.

Sie hat ein Buch darüber geschrieben, die deutsche Übersetzung, die jetzt erscheint, trägt den Titel "Desaster"(*). Im Englischen heißt es "Mayhem", ein altmodisches Wort. Gleich im ersten Kapitel erklärt Rausing, weshalb sie diesen Titel wählte. "›Mayhem‹ bedeutet ›Chaos‹, aber auch ›schwere Körperverletzung‹, es ist der alte juristische Terminus für ›Verstümmelung‹. Der Begriff impliziert Schuld, was in diesem Kontext durchaus passend ist, denn es gibt keine Suchtgeschichte, in der sich nicht alles um Schuld dreht, um Scham und Verurteilung."

Im Juli 2012 wurde Hans Kristian Rausing in London von Polizisten auf der Straße aufgegriffen, er erschien den Beamten verwirrt und verwahrlost; in seinem Besitz befand sich eine noch warme Crackpfeife. Sie begleiteten ihn nach Hause, in eine Villa am Cardogan Place in Belgravia, dort veranlassten sie eine Hausdurchsuchung. Das Haus, das in der Boulevardpresse als 70-Millionen-Dollar-Anwesen bezeichnet wurde, war zu größten Teilen aufgeräumt und geputzt, doch das Schlafzimmer von Hans Kristian Rausing und seiner Ehefrau Eva, das angrenzende Bad und der Ankleideraum waren ein einziges Chaos. "Das Schlafzimmer umschloss die Sucht", schreibt Rausing, "der Rest des Hauses fühlte sich an wie eine Fassade der Gesundung, auf die sie selbst oder wir alle gehofft hatten, das Familienleben, das sie oder wir herbeigesehnt hatten - Potemkinsche Dörfer, wohlhabend und abgesichert."

DPA

Milliardenerbe Hans Kristian Rausing 2012 auf dem Weg in den Gerichtssaal

Im Schlafzimmer machte die Polizei einen schockierenden Fund: Dort lag die Leiche Eva Rausings, eingewickelt in Kleider, in eine Plastikplane, bedeckt mit einer Matratze und mehreren Flachbildschirmen. Es stellte sich später heraus, dass die 48-Jährige an Herzrhythmusstörungen infolge einer Kokainvergiftung gestorben war. Seit mehr als zwei Monaten befand sich ihre Leiche in diesem Raum, die Türritzen waren mit Klebeband abgedichtet. Hans Kristian Rausing kam in eine psychiatrische Klinik. Die Berichterstattung zu diesem Fall hielt vor allem in England und Schweden über Wochen an. In einem Kapitel ihres Buches listet Rausing alle Schlagzeilen auf, die allein auf der Website der schwedischen Zeitung "Aftonbladet" erschienen sind, sie nehmen fast vier Buchseiten ein.

In dem Bestreben, ihr Leben vor den Augen der Öffentlichkeit so gut wie möglich zu verbergen, unterscheiden sich die Rausings vermutlich nicht von anderen sehr vermögenden Familien. Sigrid Rausing erzählt, dass ihr Großvater und ihr Vater, ihre Mutter und ihre Schwester, dass sie alle Autobiografien geschrieben haben, aber keiner von ihnen habe sie je veröffentlicht. Seit zwei Generationen lebte die Familie nach der Maxime, zusätzliche Aufmerksamkeit um jeden Preis zu vermeiden. Und dann geschah diese Katastrophe.

Sigrid Rausing war in ihrem Landhaus in Schweden, sie gab gerade ein Telefoninterview, als ihr Mann ihr einen Zettel hinhielt, auf dem stand: "Man hat Evas Leiche gefunden". Zwei Monate später begann sie mit dem Schreiben. Heute, fast sechs Jahre danach, sagt Rausing, sie sei zu dem Zeitpunkt noch völlig fassungslos gewesen, in einem Zustand akuten Schocks und tiefsten Kummers. "Zu schreiben war zunächst mal der Versuch, die Ereignisse zu sortieren und zu verstehen, was eigentlich geschehen ist." Dass sie ihr Manuskript schließlich veröffentlichte, ist dem Wunsch geschuldet, den unzähligen Berichten über ihren Bruder und seine Frau, dem Klatsch, den hobbypsychologischen Deutungen ihre Sicht der Dinge hinzuzufügen. Und weil die Situation so überfordernd war, zeigte sich die Familie zum ersten Mal damit einverstanden, dass ein Manuskript nicht in die Schublade wandert. "Wie konnte das geschehen?", lautet die Frage, die über allem steht.

Die Öffentlichkeit hatte darauf bald eine Antwort: Hans Kristian Rausing war den übergroßen Vorbildern seines Großvaters und seines Vaters nicht gewachsen, das trieb ihn in die Drogensucht. In einer Entzugsklinik lernte er Ende der Achtziger seine künftige Frau Eva Kemeny kennen, einige Jahre lang konnten sie einander Halt geben, dann fingen beide wieder mit den Drogen an.

Sigrid Rausing nähert sich der Frage "Wie konnte das geschehen?", indem sie erst mal ihrem Gedankenfluss folgt: Sie zitiert den schwedischen Dichter August Strindberg, sie beschreibt ihre erste Begegnung mit Eva, Momente aus ihrer Kindheit tauchen auf, und sie fragt sich, ob die emotionale Vorgeschichte eines Menschen oder ob seine genetische Prädestination entscheidend für seine Sucht ist. Die Struktur des Buches gleicht einem Mosaik, Rausing trägt Erinnerungen und Reflexionen zusammen, akademische Studien und Assoziationen, wobei sich nach und nach eine Chronologie der Ereignisse herausschält. Bevor sie sich dem Juli 2012 nähert, erzählt sie ein Kapitel lang von den jährlichen Sommerferien der Familie in Südschweden, einer "fernen Sommerkindheit", so idyllisch, als ob Astrid Lindgren sie erdacht hätte, mit Ruderbootausflügen auf nahe gelegene Inselflecken, im Wind trocknenden Bettlaken und Rasentennis. Doch diese Erinnerungen führen sie an einen schwierigen Punkt, denn damals waren die drei Geschwister eng miteinander verbunden, sie waren sich ähnlich, deshalb landet Rausing bald bei der Frage: Wie konnten sich ihre Leben so unterschiedlich entwickeln?

REUTERS

Ehepaar Eva, Hans Kristian Rausing in den Neunzigerjahren

Dass sie Anthropologin ist, leitet sie bei der Suche nach Antworten. Ihre Aufmerksamkeit richtet sie auf die sozialen Zusammenhänge, in die ihr Bruder geriet, nachdem er die Schule abgeschlossen und die Familie hinter sich gelassen hatte. Eine Reise nach Indien, das erste Heroin am Strand von Goa, hätte ihr Bruder in dieser Nacht bloß nicht jene Italienerinnen getroffen, die den Stoff dabeihatten; der Champagner in der Silvesternacht 2000, der nach Jahren der Abstinenz den Rückfall in die Sucht ausgelöst haben soll.

Es ist auffällig, wie sehr Rausing ihre Eltern frei halten will von jeglicher Schuld. Eher hinterfragt sie ihre eigene Rolle, ob sie als Schwester unzulänglich gehandelt haben könnte. Sie grübelt über Briefen und E-Mails, die sie an ihren Bruder und ihre Schwägerin schickte, und hadert mit dem Ablauf der Gerichtsverhandlung, bei der ihr das Sorgerecht für die Kinder der beiden zugesprochen wurde. Immer wieder betont sie den Aspekt der genetischen Prägung, recherchiert medizinische Forschungsergebnisse und schildert Alkoholprobleme entfernter Verwandter. Als ob die Antwort auf die Frage "Wie konnte das geschehen?" ihren Eltern nicht zu nah kommen darf.

Der Vater von Eva Rausing, Tom Kemeny, hat Sigrid Rausing vorgeworfen, ein "prätentiöses und maßloses" Buch geschrieben zu haben, mit dem sie ihr Gewissen beruhigen wolle, weil sie das Sorgerecht für die vier Kinder des Ehepaars gegen den Willen der Eltern übernommen habe. In der englischen Presse wurde ihr vorgeworfen, sie habe eine saftige Geschichte verschenkt. Dass ein trauernder Vater ein ungerechter Kritiker ist, liegt auf der Hand, auch dass die Boulevardpresse auf ein intellektuelles Memoir enttäuscht reagieren würde.

Sigrid Rausing steigt tief in das Thema Sucht ein, aufrichtig erzählt sie, was es für Angehörige bedeutet, über Jahre verstrickt zu sein in das, was sie "das dunkle Zentrum" oder "die Krankheit" nennt. Doch erstaunlicherweise blendet sie dabei weitgehend aus, dass ihre Familie nun mal die Tetra-Pak-Familie mit einem Vermögen von mehreren Milliarden ist. Nur ein paar vereinzelte Sätze deuten die Dimensionen in dieser Welt an, die große Ermattung gegenüber dem Zuviel. "Vor ein paar Jahren schenkte Hans mir das Sommerhaus nebenan, das meine Mutter gekauft und ihm geschenkt hatte. Er wollte es nicht haben." Diskretion hält Rausing davon ab, Querverbindungen zwischen beiden Themen zu ziehen. Durch diese Befangenheit entsteht der Eindruck, ein Teil der Wahrheit bleibe im Buch ausgespart.

Rausing sitzt in ihrem kleinen, hellen Büro, mitten in London, dieser Stadt, in der das Klassenbewusstsein bis heute überlebt hat und das Streben nach Reichtum so viele Leute antreibt, weil sie sich davon die Erfüllung ihres Lebens erhoffen. Rausing fällt zu diesem Thema nur das Wort "Verpflichtung" ein.

Sie tut sich leichter damit, über Drogen, Sucht und Tod zu sprechen als über Geld. Die Scheu, die sie dabei empfindet, steckt einen förmlich an. Als das Gespräch doch darauf kommt, sagt sie: "Das ist eine andere Geschichte." Wobei im Raum stehen bleibt, ob es möglich wäre, diese Geschichte zu erzählen: was es für eine intelligente und sensible Frau bedeutet, Erbin eines Milliardenvermögens zu sein.

Alles an Rausing deutet darauf hin, dass sie dazu nicht bereit ist. Bis auf einen sehr schmalen Ehering trägt sie keinen Schmuck, ihre Kleidung ist fast uniformhaft: ein schlichter Pullover, darüber ein offenes, weites Hemd, gerade geschnittene Hosen, flache Schuhe. Sämtliche Insignien von Reichtum in der Öffentlichkeit zu vermeiden ist auch ein Zeichen.

Ihr Bruder Hans Kristian soll seine Sucht überwunden haben, er hat wieder geheiratet. Und Rausing hat eines der Themen, die sie zu überragen drohten, zwischen zwei Buchdeckel bannen können. Jahrelang hat sie an dem Manuskript von "Desaster" geschrieben, ihre Überarbeitung der schwedischen Übersetzung wurde vor Kurzem fertig, das Projekt ist nun abgeschlossen. An diesem Morgen im März kam die Nachricht, dass "Desaster" für einen Preis nominiert wurde. Genau die Art von Anerkennung, die für sie einen Wert hat.

* Sigrid Rausing: "Desaster". Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel. S. Fischer; 288 Seiten; 20 Euro.

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