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Politik
Ausgabe
2/2018

Drama im Mittelmeer

Der tödliche Kampf von Muslimen und Christen auf einem Flüchtlingsboot

Auf einem Schlauchboot gehen muslimische und christliche Flüchtlinge aus Afrika aufeinander los. Neun Menschen ertrinken. Wie kam es dazu?

Jan Feindt/ DER SPIEGEL

"Ein Mann sagte, wir würden im Meer landen, weil wir nicht an denselben Gott glauben."

Von
Mittwoch, 10.01.2018   00:55 Uhr

Acht Männer aus Afrika treten vor das Gefängnistor, es ist tiefschwarze Nacht, suchend blicken sie sich um. Dies ist der Moment, den sie lange erwartet haben. Ihr erster Schritt in die Freiheit. Das vorläufige Ende einer Reise, für die sie mehr auf sich genommen haben, als Menschen ertragen können: die Durchquerung der Wüste, den Krieg in Libyen, die Flucht über das Meer, ertrinkende Menschen, dann zwei Jahre in diesem Hochsicherheitsgefängnis nahe Palermo, Sizilien.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 2/2018
Frauen, Männer und alles andere
Geschlechterrollen und Sexualität 2018

Jetzt sind sie frei, acht junge Männer um die 20, dünne Bärte, schmale Gesichter, ein Richter hat das Urteil an diesem Morgen verlesen. Und doch fühlen sie sich wie damals auf hoher See, gejagt, bedroht, sie wissen nicht, was gut ist oder böse. Sie haben jede Orientierung verloren. Sie schultern Müllsäcke, in die sie ihre Habseligkeiten gestopft haben: Turnschuhe, Jeans, Schulhefte. Sie betrachten den Mond und gehen dann dorthin, wo der Himmel heller ist, weil sie dort die Stadt vermuten.

Gegen fünf Uhr morgens, so erzählen sie es am nächsten Tag, seien sie auf einen Landsmann gestoßen, der ihnen den Weg zu einem Flüchtlingslager gezeigt habe. Dort leihen sie sich ein Handy und rufen ihre Familien an. "Du lebst?", fragen diese erst zweifelnd, dann jubeln sie und geloben, das eine oder andere Schaf in Mali oder in der Elfenbeinküste zu schlachten an diesem Freudentag, Alhamdulillah, gedankt sei Allah. Bis auf Weiteres sind die acht Afrikaner freigesprochen in einem Vorfall, der sich zugetragen haben soll auf hoher See zwischen Libyen und Lampedusa. Für die einen ist es Mord, ohne Leichen und Beweise. Für die anderen, die Freigesprochenen und die Verurteilten, ist es, so sagen sie, ein Fall von großer Tragik, aber kein Verbrechen. Am Ende läuft es auf eine Frage hinaus: Wurden die Opfer gestoßen, oder sind sie gefallen?

Das ist, in einer Frage, die ganze Geschichte.

Der Fall in seinem nachrichtlichen Gewand ist dieser: Am 11. April 2015 bestiegen gut hundert Flüchtlinge ein zwölf Meter langes Schlauchboot an der Küste Libyens. Zwei Tage später rettete die Crew eines Handelsschiffs 95 Menschen. Mindestens 9 Passagiere fehlten. In Palermo, endlich an Land, erhoben 6 Passagiere Anklage, sie klang ungeheuerlich.

15 Männer, allesamt Muslime, sollen während der Überfahrt 9 Christen vorsätzlich ins Meer gestoßen haben, in zwei aufeinanderfolgenden Nächten. Im eiskalten Meer seien diese binnen wenigen Minuten ertrunken, so sagten es die Zeugen aus. Noch im Hafen begann die Staatsanwaltschaft mit den Ermittlungen in der Strafsache 7209/2015.

"Der Krieg der Religionen erreicht jetzt die Kähne der Verbannten", kommentierte tags darauf der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun in "La Repubblica", und der leitende Staatsanwalt von Palermo trat vor die Presse und sprach von "gefährlichen Bootsladungen", was nach Extremismus und Attentaten klang. Aber kann das sein? Lässt sich das zum Alltag gewordene Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer noch steigern, durch Gotteswahn und Glaubensterror? Gibt es das, den Dschihad auf dem Schlauchboot?

Der italienische Staat behandelte die Strafsache 7209/2015 mit größter Sorgfalt und maximalem Aufwand. Es war, als ginge es bei dem Fall um einen Angriff aufs Abendland, auf das katholische Italien. Als wäre er der endgültige Beleg dafür, dass der "Islamische Staat" seine Krieger nach Europa einschleust. Italien braucht Argumente für mehr Beistand der Nachbarländer, und der "Islamische Staat" ist ein starkes Argument. Mit ihm ließe sich ein härteres Vorgehen gegen die Bootsflüchtlinge begründen; auch eine Militäroperation in Libyen, wie sie das italienische Parlament Ende Juli beschlossen hat.

Fast zwei Jahre nach der tödlichen Überfahrt spricht ein Schwurgericht unter dem Vorsitz von Richter Alfredo Montalto das Urteil in der "Aula Bunker", keine hundert Meter vom Hafen entfernt, in dem die Angeklagten damals angelandet sind. Der bombensichere Saal hat den Charme eines Scientology-Tempels, in den Achtzigerjahren wurden hier die Prozesse gegen die Cosa Nostra geführt. Jetzt stehen die 15 Angeklagten dicht gedrängt in den Gitterkäfigen. Die Verlesung des Urteils dauert keine zwei Minuten, dann hört man Schreie, einige der Afrikaner sacken zu Boden und schlagen die Hände vors Gesicht.

Die Staatsanwaltschaft hatte "lebenslang" gefordert, wegen mehrfacher vorsätzlicher Tötung. Die Verteidigung hatte auf Notwehr plädiert und Freispruch gefordert - der Richter entscheidet sich für einen Kompromiss. Er verurteilt sieben Männer zu 18 Jahren Haft wegen Totschlag. Acht Männer spricht er frei, das Motiv der religiösen Grausamkeit wird fallen gelassen.

Es ist das Muskelspiel eines Staats, der Gerechtigkeit vortäuscht, statt die wahren Übeltäter dingfest zu machen, die Menschenschmuggler, Schlepperbanden, all die Profiteure der Flüchtlingsströme. Ein Stellvertreterkrieg also, ein Sinnbild für Europas fehlgeleitete Migrationspolitik.

Aber noch ist es eben nicht zu Ende, die Staatsanwaltschaft hat Berufung eingelegt, im Frühjahr soll der Prozess in die zweite Instanz gehen.

Der Überlebenskampf der Passagiere beginnt an der Küste Libyens in einer Aprilnacht 2015. In Garabulli bei Tripolis, wo Tausende auf die Überfahrt warten, besteigen etwa hundert Männer und Frauen ein Gummiboot. Sie stammen aus der Elfenbeinküste und aus Mali, aus Nigeria und Ghana. Sie haben die Wüste überlebt, sind in turmhoch beladenen Lastern nach Tripolis geschaukelt. Das Schlimmste hätten sie hinter sich, dachten sie; jetzt noch über das Meer, dann würde das gute Leben beginnen.

Jan Feindt/ DER SPIEGEL

Was bedeutet es, dass unter den Zeugen ein Muslim ist und unter den Angeklagten ein Christ?

Doch die Umstände der Überfahrt sind von Anfang an chaotisch und extrem gefährlich, wie es der Richter in seiner Urteilsbegründung feststellt: "Sich völlig fremde Menschen aus acht Ländern sind tagelang auf engem Raum zusammengepfercht und total isoliert vom Rest der Welt." Das geht nicht lange gut.

In ihren Verhören schildern die Zeugen, wie sie nach den ersten 24 Stunden bemerken, dass der Schlauch am Bug Luft verliert, Wasser läuft ins Boot. Es wird Nacht, die zweite schon, noch immer ist kein Land in Sicht, es gibt Wortgefechte, dann Prügeleien; die Nerven liegen blank.

Der Zeuge Augustin K., ein Christ aus Ghana, der in Tripolis fünf Jahre lang Müll sortiert hat: "Ich weiß nicht, was der Grund war, vielleicht, weil wir zu viele an Bord waren oder um das Boot leichter zu machen. Einer von uns Englischsprechenden hat verstanden, was die anderen auf Französisch sagten: Sie wollten uns über Bord werfen, auch mich."

Jamal O. aus Ghana, der einzige Muslim unter den Zeugen: "Ein Mann aus Mali sah, dass wir nicht beteten. Er kam zu mir und sagte, dass meine Freunde und ich im Meer landen würden, weil wir nicht an denselben Gott glauben. Er hat mir mit der Faust ins Gesicht geschlagen."

Der Zeuge Francis E., ein Christ aus Nigeria, dem kurze Dreadlocks vom Kopf abstehen: "Ich erinnere mich, dass die Muslime ausdrücklich sagten, sie würden keine Christen an Bord dulden. Sie waren in der Überzahl. Sie haben versucht, mich über Bord zu stoßen, aber es gelang ihnen nicht, denn wir haben uns mit Händen und Füßen gewehrt."

Wenn es stimmt, was die Zeugen berichten, haben sie auf der Überfahrt "das Ende der Welt" erlebt, so sagen sie. Einen furchtbaren Ort, wo Anarchie herrscht und Gewalt, wo es nach Exkrementen riecht und nach Angst, wo weder Gesetze gelten noch Gebete erhört werden.

Am Morgen des dritten Tages, es ist inzwischen Montag, geht um kurz nach acht Uhr ein Anruf von einem Satellitentelefon mit libyscher Nummer bei der Zentrale der Küstenwache in Rom ein, die Position des Boots wird geortet. In der Dämmerung beginnt der Streit erneut.

Wurden Menschen ins Wasser geworfen?

Der Christ Yeboah E. aus Accra in Ghana: "Ich habe gesehen, wie drei Nigerianer und sechs Ghanaer ertranken. Eines der Opfer war mein Bruder Nana, geboren am 4. Juni 1987. Und zwei meiner Freunde, Amankwana und Asiedu, sie wurden als Letzte ins Wasser gestoßen. Keiner von ihnen konnte schwimmen. Ich hörte ihre Schreie, dann waren sie weg."

Kann man erfinden, was diese sechs Zeugen mit gesenktem Kopf und stockender Stimme den Richtern schilderten und bis heute, nach der Urteilsverkündung, behaupten? Welches Interesse hätten sie, sich alles auszudenken - jetzt, wo sie in Sicherheit sind, in Europa und am Leben?

Ertrinken ist ein grausamer Tod. Der Ertrinkende erstickt an dem Wasser, das er inhaliert, aushustet, wieder inhaliert. Hat das Wasser weniger als zehn Grad, droht ein Kälteschock. Er kann bald nicht mehr strampeln, geht unter, versucht den Atem anzuhalten, seine Stimmritze verkrampft und verschließt die Luftröhre. Er verliert das Bewusstsein. Herzstillstand, Tod.

Wie ertragen die Überlebenden das? Yeboah E. sagt, er habe stumm im Boot gesessen und sich nicht getraut zu klagen. Agyamang K., ein schmaler Nigerianer, der humpelt, weil ihm ein Muslim in den Fuß gebissen habe: "Ich kann nicht genau sagen, wie lang es gedauert hat. Ich denke, drei Stunden. Bis das Schiff kam und uns geborgen hat."

Um 10.45 Uhr am Montag alarmiert die italienische Küstenwache den Kapitän der "Ellensborg", eines 138 Meter langen Schwergutfrachters. Der Kapitän, ein Thailänder mit Namen Kitichai, ändert seinen Kurs, aber erst zwölf Stunden später werden die Flüchtlinge gerettet. Um 22.31 Uhr, so meldet der Kapitän, klettert der erste Passagier die Leiter an der Bordwand hoch, um 23 Uhr der letzte. "Men 82, women 12, children 1, total 95. Best regards, Master Kitichai", schreibt der Kapitän nach Rom.

Auf der "Ellensborg" bekommen die Überlebenden glänzende Wärmedecken, sie werden registriert und fotografiert; die Fotos werden später helfen, die mutmaßlichen Täter auszumachen.

Am Mittwochmorgen läuft die "Ellensborg" in Palermo ein. Im Hafen warten zwei Priester, einer stammt aus der Elfenbeinküste und kümmert sich um Migranten in Palermo. Es zerreißt ihm jedes Mal das Herz, wenn er sieht, wie seine Brüder freudestrahlend Europa betreten, ohne zu ahnen, dass ihr Kampf erst beginnt. Die, die schon länger hier sind und vor Suppenküchen in Lumpen liegen, fragt er: "Und? Hat sie sich gelohnt, eure Reise ins Paradies?"

Die Priester nehmen die Zeugen in Empfang, fünf Christen und einen Muslim. Noch im Hafen sind sie kaum zu beruhigen, sind außer sich vor Wut und Verzweiflung und schildern, welche Szenen der Gewalt sie an Bord gesehen haben wollen.

Neben den Padres an der Mole warten auch Männer vom mobilen Einsatzkommando der Polizei, der Kapitän hat sie alarmiert. Der Fall gewinnt an Fahrt.

Auf Fotos sollen die Passagiere die Angreifer identifizieren; zwei Drittel zeigen auf dieselben Gesichter. Noch im Hafen werden die Angreifer von den anderen getrennt, dann landen die 15 Männer in Pagliarelli, dem Hochsicherheitsgefängnis von Palermo. Der Staatsanwalt beantragt U-Haft, der Justizminister in Rom muss die Ermittlungen genehmigen, da die Tat in internationalen Gewässern geschehen ist.

Die sechs Zeugen der Anklage, auch sie junge Männer Anfang 20, dünne Bärte, schmale Gesichter, werden von der Staatsanwaltschaft ins Innere der Insel gebracht. Ausgerechnet nach Corleone, ins Gefechtsgebiet der Cosa Nostra, einquartiert im stillgelegten Hotel Belvedere. Wenn sie von ihren Zimmern auf den Balkon treten, blicken sie auf sanft geschwungene Hügelketten, die an Wellen erinnern, das bewegte Meer, ihr Trauma. Schnell gehen sie zurück in ihre Zimmer, als brauchten sie ein Dach über dem Kopf; in ihren Hirnen, ihren Seelen geht diese Flucht nicht zu Ende.

Sie sagen, dass die Muslime sie gedrängt hätten, nichts zu erzählen, kein Wort an die Polizei. "Aber wir müssen doch sagen, was war", sagt Yeboah E., und seine Stimme klingt schrill dabei. Haben sie Mitleid mit den Männern im Knast? Schweigen. "Manchmal bereuen wir", sagt Yeboah E. und blickt in die Runde und sieht, wie die anderen nicken, "die Wahrheit gesagt zu haben." Ihre Wahrheit.

Die Aussagen der muslimischen Angeklagten während der Beweisaufnahme:

"Es war der dritte Tag auf See, wir waren so weit, dass wir unsere eigene Pisse tranken. Ich habe niemanden um Hilfe schreien gehört", sagt Moussa K. aus der Elfenbeinküste.

"Ich schwöre bei Gott, dass ich niemanden ins Wasser gestoßen habe, ich selbst hätte ja dabei draufgehen können", sagt Mohamed K. aus Mali.

"Es ist einfach nicht wahr, was sie sagen. Sogar mein eigener Cousin ist tot", sagt Baptiste N. aus der Elfenbeinküste.

"Ich war das nicht. Das Schlauchboot hatte vorn Luft verloren, und die Menschen, die dort saßen, sind irgendwann ins Wasser gefallen", sagt Kaba S. aus der Elfenbeinküste.

Im Kern lautet ihre Version: Es war wie ein Krieg, ja, um sichere Plätze, aber kein Krieg um den richtigen Glauben. Das Boot war leck, der Platz wurde knapp, Menschen sind über Bord gefallen. Das alltägliche Flüchtlingsdrama, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Doch nach den Verhören stellen die Ermittlungsrichter fest: Die Aussagen der Zeugen seien schlüssig und stimmten weitgehend überein. "Jedes Opfer wurde angegriffen und geschlagen, bevor es über Bord geworfen wurde", heißt es im Protokoll der Beweisaufnahme. Es habe "keine akute Lebensbedrohung" bestanden. Die "mehrfache vorsätzliche Tötung" habe "ein einziges Motiv" gehabt: "den Hass gegen Personen, die eine andere Religion ausüben".

Jan Feindt/ DER SPIEGEL

"Ich bin kein böser Mensch, bloß ein Schiffbrüchiger auf der Suche nach ein wenig Glück."

Die Beschreibung der angeblichen Mörder klingt gnadenlos: Die "hohe Anzahl der Opfer" und das "kaltblütige Zuschauen beim Tod durch Ertrinken" ließen auf die "Verachtung des menschlichen Lebens und totale Unfähigkeit der eigenen Triebkontrolle" schließen. Bei den Angeklagten handle sich um Personen mit "zwanghaftem Hang zu gewaltsamen Verbrechen". Die Fluchtgefahr sei erheblich, die Möglichkeit einer Wiederholung akut.

Das sind eindeutige Formulierungen. Aber sind sie angemessen?

Menschen, die mit Flüchtlingen arbeiten, Helfer, Aktivisten, Geistliche, bezweifeln diese Einschätzungen. Den "Dschihad im Schlauchboot" halten sie für eine gefährliche, eine falsche These. Konflikte unter Flüchtlingen gebe es öfter, sagen sie, auch um den richtigen Gott werde gestritten, aber in den Booten halte man zusammen.

Nach monatelangen Ermittlungen, die Hunderte Seiten Gerichtsakten füllen, beginnt der Prozess in der Strafsache 7209/2015 im Februar 2016, er dauert gut ein Jahr. Tag für Tag hocken die Angeklagten in den Gitterkäfigen und lauschen den Worten ihrer elf Anwälte. Bis zuletzt machen sie den Eindruck, als begriffen sie nicht, dass ihnen die Höchststrafe droht: lebenslänglich. Was für eine bittere Ironie für diese jungen Afrikaner, die doch glaubten, sie würden in die Freiheit fliehen.

Ihr Hauptverteidiger Giuseppe Brancato, 40, besucht die 15 Angeklagten regelmäßig im Gefängnis. Er bringt ihnen Kleidung, tröstet, mehr kann er nicht tun. "Es geht ihnen schlecht", sagt der Anwalt, er habe Angst, dass sie sich etwas antun könnten.

Brancato, schmales Gesicht, weiche Züge, nervöse Hände, ist ein aufstrebender Anwalt. Er hat sich um den Fall nicht gerissen, er hat ihn oft verflucht. Weil es ihm vorgekommen sei, als hielten sie eine Art Kriegsverbrechertribunal gegen Trittbrettfahrer ab.

Warum also dieser Prozess? Weil, so sagt es der Anwalt, Juristen und Politiker in Rom und Palermo mit diesem Fall "Holz aufs Feuer" hätten legen wollen. Waren Islamisten an Bord? Daran glaubt der Anwalt nicht. Seine Mandanten, sagt er, seien einfache Männer, keine Fanatiker.

Zur Vorbereitung seines Abschlussplädoyers hat Brancato den Film "Pi - Schiffbruch mit Tiger" gesehen. Angenommen, Menschen seien tatsächlich ertrunken, könne es dann nicht sein, fragt er, dass die Zeugen all die Gewalt nur in ihrer Fantasie gesehen hätten, um besser mit dem Erlebten klarzukommen? Anders gefragt: Ist es nicht leichter, sogar menschlicher, an die Version mit Gott zu glauben - Männer töten im Namen Gottes? Als an die Version ohne Gott - Menschen werden zu Bestien, um nicht selbst zu sterben?

Es lasse sich wohl kein gottloserer Ort vorstellen als ein sinkendes Schiff auf hoher See. Dafür solle ein Gott verantwortlich gewesen sein - sogar zwei? Das glaube er nicht, sagt der Anwalt und lächelt fein.

Während im Hafen ein Rettungsschiff wieder einmal tausend Flüchtlinge ablädt, hält Brancato sein Plädoyer. Feurig, in geschliffenen Worten, schildert er die dramatischen Stunden auf hoher See. Zerpflückt die Methode, mit der die Polizisten die mutmaßlichen Täter identifizierten, indem sie den erschöpften Passagieren immer wieder dieselbe Fotoauswahl vorgelegt hätten. Seziert das Vorgehen der Ermittlungsrichter, die Druck ausgeübt und stets dieselben dilettantischen Fragen gestellt hätten: "Wen haben Sie gesehen?", "Wann war das genau?", "Glauben Sie an Allah?"

Der Anwalt spricht von zwei Welten, die aufeinandergetroffen seien, zwei Sprachen, Englisch und Französisch, zwei Kulturen, die einander nicht verstünden.

Auch Brancato stellt Fragen: Was bedeutet es, dass unter den Zeugen ein Muslim ist und unter den Angeklagten ein Christ? Torpediere das nicht die Theorie eines Glaubenskrieges? Und warum geschahen die Taten ausschließlich nach Einbruch der Dunkelheit? Der Verteidiger plädiert auf Notwehr. Schlimme Dinge seien an Bord passiert, gewiss, aber für vorsätzliche Tötung oder den "Dschihad im Schlauchboot" fehlten jegliche Beweise. Die Insassen seien am Ende ihrer Kräfte gewesen, jeder habe versucht, sich selbst zu retten. Das sei zwar fürchterlich, aber nicht strafbar.

In acht Fällen kommt das Gericht den Forderungen der Verteidigung nach. Freispruch. Seitdem verstecken sich die acht Freigelassenen, die in der Nacht nach Palermo gelaufen sind, bei Mönchen in einem Flüchtlingsheim. Um eine vorübergehende Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, müssten sie auf die Polizeiwache von Palermo, vor diesem Besuch jedoch, sagt Anwalt Brancato, würden sie sich fürchten.

Sieben Angeklagte hingegen müssen im Gefängnis bleiben, 18 Jahre Haft wegen Totschlag. Weil sie dabei gesehen worden seien, wie sie im Boot Befehle gegeben, gebissen, geschlagen und Menschen ins Meer gestoßen hätten. Seit zweieinhalb Jahren sitzen sie im Hochsicherheitsgefängnis, ihre Verzweiflung wächst. Seit klar ist, dass der Fall Anfang dieses Jahres in Berufung geht und die Staatsanwaltschaft dafür plädieren könnte, die Haft noch auf lebenslänglich zu erhöhen, bekommt Anwalt Brancato fast täglich handgeschriebene, flehende Briefe.

"Ich kann nicht mehr schlafen, ich bin außer mir vor Angst", schreibt einer der Verurteilten. "Bitte lassen Sie uns nicht im Stich!"

"Ich habe niemanden über Bord gestoßen", schreibt ein anderer. "Ich bin, Sie wissen das, Avvocato, kein böser Mensch, sondern bloß ein Schiffbrüchiger auf der Suche nach ein wenig Glück in Italien."

Drei der sechs Zeugen leben weiterhin in Corleone hinter zugezogenen Gardinen, auch sie wirken wie eingesperrt. Auf ihnen lastet großer Druck. Gott, sagen sie, habe sie nicht umsonst gerettet. "Er erwartet, dass wir etwas machen aus unserem Leben." Das Urteil vom Frühjahr finden sie zu milde. "Eure Justiz ist so kompliziert", sagt einer, "ich hatte mehr Gerechtigkeit erwartet, ich bin enttäuscht."

Strafsache 7209/2015, das ist ein Fall, den man drehen und wenden und kaum lösen kann. Ein Fall, der nur Verlierer kennt.


Im Video: SPIEGEL-Redakteurin Fiona Ehlers über das Leben der Beteiligten nach dem Gewaltausbruch auf dem Mittelmeer.

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