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KarriereSPIEGEL

Mein Leben als TV-Ermittler

"Die Angst vor dem Serientod ist groß"

Gefährliche Verfolgungsjagden, lange Drehtage, immer weniger Geld: Ein Krimi-Schauspieler erzählt, wie es am Set wirklich abläuft - und warum er seiner Tochter einen anderen Job wünscht.

DPA

Filmteam am Set

Aufgezeichnet von
Mittwoch, 08.11.2017   10:17 Uhr

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll"erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

Viele denken, Fernsehen sei im Gegensatz zum Theater ganz entspannt: Man dreht halt, bis die Szene sitzt. Wir drehen Szenen tatsächlich mehrfach - aber nur, damit die Cutter sie hinterher aus möglichst vielen verschiedenen Perspektiven zusammenschneiden können. Die einzelnen Durchgänge müssen sofort passen. Wenn ich ständig den Text vergessen würde, wäre ich die längste Zeit Hauptdarsteller gewesen.

Ich spiele den Kommissar in einer bekannten deutschen Fernsehkrimiserie. Die Produktionsfirma kalkuliert mit 7,5 Drehtagen pro 45 Sendeminuten. An dieser Zahl sieht man schon, wie durchgetaktet das Geschäft ist. Ein Drehtag beginnt damit, dass ich mir zu Hause den Text anschaue. Jeder hat seine eigene Methode. Ich lerne visuell: Mir hilft es, den Text abzuschreiben, so prägt er sich gut ein. Um 9.30 Uhr ist Drehbeginn, oft bin ich eine Stunde früher da, weil ich noch in die Garderobe und Maske muss. Wir drehen unchronologisch: Erst den Schluss und dann den Anfang, in der Regel springen wir zwischen mehreren Episoden hin und her. Ich muss also gut im Stoff sein. Um 19.30 Uhr fällt die letzte Klappe, danach lerne ich den Text für den folgenden Tag.

In letzter Zeit habe ich das Gefühl, in der Produktion wird gespart, wo es nur geht. Wenn ein Schauspieler im Umkreis von 200 Kilometern des Drehorts wohnt, lässt man ihn lieber um sechs Uhr in der Früh in den Zug steigen, statt eine Hotelübernachtung bezahlen zu müssen.

Ich glaube, die vielen nicht fiktionalen Sendungen im TV haben die Serienproduktion unter Druck gesetzt. Man denke nur an die Quizsendungen und Castingshows: Die kosten wenig und bringen viel Quote. Also verlangt man auch von uns, immer billiger zu produzieren. Und irgendwo müssen die Sender das Geld für die extrem teuren Sportübertragungsrechte ja hernehmen.

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Leider geht das bei uns auf Kosten der Sicherheit. Wie unsere Verfolgungsjagden gedreht werden, ist manchmal richtig gruselig. Wir arbeiten ja meist in Innenstädten, wo sich auch andere Menschen und Fahrzeuge bewegen. Es fehlt allerdings an Personal, um alle Seitenstraßen und Hauseingänge im Auge zu behalten, aus denen jemand in die Szene laufen könnte. Da müssen drei Leute fünf Einfallmöglichkeiten abdecken. Die Kollegen haben wiederum zu wenige Walkie-Talkies, um mich im Wagen verständigen zu können, falls plötzlich ein Radfahrer irgendwo um die Ecke schießt und wir den Dreh stoppen müssen. Das heißt also: Der eine Aufpasser müsste dem anderen winken, damit der dann schnell "Achtung, Abbruch!" in sein Walkie-Talkie rufen kann.

Gleichzeitig sind wir Schauspieler dazu verpflichtet, uns an die Straßenverkehrsordnung zu halten. Natürlich dreht man keine vernünftige Actionszene auf Basis der Straßenverkehrsordnung. Der Regisseur sagt: "Tritt aufs Gas." Aber wenn etwas schiefgeht, tragen wir Darsteller die Verantwortung. Einmal ist ein anderer Schauspieler beinahe überfahren worden, weil wir in der Spielszene unterschätzt haben, wie lang der Bremsweg unseres Autos bei regennasser Fahrbahn ist. Was haben wir uns erschrocken! Aber Zeit, um kurz durchzuatmen, gab es nicht. Es ging direkt weiter. Die Uhr tickt.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Früher bekamen wir jedes Mal Geld, wenn eine Folge nach der Erstausstrahlung noch einmal gezeigt wurde. Aber der Sender hat peu à peu die Wiederholungshonorare gestrichen. De facto ist das eine Gagenkürzung. Bei mir haben die Wiederholungshonorare damals um die 30 Prozent des Gehalts ausgemacht. Das Thema war ein großer Aufreger, auch bei Kollegen aus anderen Serien. Am Ende haben wir die Verträge trotzdem unterschrieben. Die Angst war zu groß, dass der Sender eine aufmüpfige Besetzung einfach den Serientod sterben lässt, um ein Exempel zu statuieren.

Ich will mich nicht beschweren. Eine Hauptrolle in einer Primetime-Serie mit mehr als hundert Drehtagen bringt immer noch genug Geld zum Leben. Aber das Gros kommt gerade so über die Runden. Ein wirklich guter Kollege hat im vergangenen Jahr 17.000 Euro verdient - brutto. Wenn junge Schauspieler heute zu einem Casting eingeladen werden, müssen sie die Anreise aus eigener Tasche zahlen - für eine Rolle, die sie am Ende vielleicht nicht bekommen. Das ist doch nicht fair.

Wenn ich mit jungen Kollegen spreche, rate ich ihnen dringend, sich Gedanken über einen Zweitjob zu machen. Meine Tochter ist im Teenageralter und liebäugelt ebenfalls mit einer Schauspielkarriere. Ausreden will ich ihr das nicht. Aber als Vater ein bisschen auf die Bremse zu treten, das kann bei diesem Job nicht schaden.

insgesamt 50 Beiträge
kumi-ori 08.11.2017
1. Es gibt eben viel zu viele
Der Tag hat leider nur 24 Stunden, und wenn ich nicht mehr als zwei Fernseher gleichtzeitig laufen lasse, dann komme ich mit dem Programm nicht durch. Wenn man in die Mediathek schaut, dann findet man allein ca. 50 Folgen der [...]
Der Tag hat leider nur 24 Stunden, und wenn ich nicht mehr als zwei Fernseher gleichtzeitig laufen lasse, dann komme ich mit dem Programm nicht durch. Wenn man in die Mediathek schaut, dann findet man allein ca. 50 Folgen der unsäglichen Reihe SoKo-Irgendwo (eine Sonderkomminssion ist eigentlich etwas BeSONDERes und eben keine Dauereinrichtung) aus zehn verschiedenen Käffchen, weer soll denn das alles anschauen? Daneben die Cops aus Rosenheim, Wolfratshausen, Hengasch, die furchterregenden Allgäuer (vielleicht hift es auf Dauer, im Alllgäu die Schulpflicht abzuschaffen, um dieses Volk vom Verfassen von Heimatkrimis abzuhalten) und die Autobahnmeistereikrimis, vom noch grauenvolleren Kabelfernsehen gar nicht zu reden. Man müsste Pupillen aus Titan haben, um das zu durchzustehen. Ein Krimi am Tag ist genug, der wird dann auch genug Zuschauer haben, dass man ihn ordentlich refinanzieren kann. Die Casting Shows als Quotenkonkurrenz sind übrigens nicht wirklich so toll, wie alle meinen. Ich habe das mitbekommen, die Girls kommen nach Hause und schalten die Glotze an. Danach gehen sie in die Küche oder in die Badewanne, während Heidi von allen ignoriert gänzlich unbeachtet das Supermodell sucht. Wahrscheinlich ist dies ein Volk, wo Papa die Stromrechnung zahlt. Das deutsche Fernsehen hat nach meinem Eindruck ganz gute Filmproduktionen im Programm, wenn man es mit anderen Ländern vergleicht. Wenn ich irgendwo im Ausland im Hotel die Glotze anmache, dann kommen da fast nur Werbesendungen, Komiker, Ruf-mich-an und Menschen, die einander herzlich begrüßen, aber weiter nichts stattfindet. Aber man darf den Zuschauer auch nicht totschlagen mit allzuviel Fiction
freebird6 08.11.2017
2. der arme Mann
15 Drehtage für 90 Minuten Tatort habe ich noch nie erlebt. Ich arbeite seit 35 Jahren als Filmtechniker in befristeten Arbeitsverträgen. Die Drehzeiten haben sich extrem verkürzt, das ist richtig. Aber gerade die Gagen für [...]
15 Drehtage für 90 Minuten Tatort habe ich noch nie erlebt. Ich arbeite seit 35 Jahren als Filmtechniker in befristeten Arbeitsverträgen. Die Drehzeiten haben sich extrem verkürzt, das ist richtig. Aber gerade die Gagen für die Hauptdarsteller sind immer weiter gestiegen. Ein Tatort-Kommissar, der im Norden der Republik ermittelt, erhält 8.000? pro Drehtag und zwar direkt vom Sender. Da ist die Einkommensschere zu den Kollegen schon ziemlich groß. Meine letzte Gehaltserhöhung konnte ich nach ca. 15 Jahren letztes Jahr endlich mal durchdrücken.
territrades 08.11.2017
3. ÖR oder Privat?
Nun die Alles entscheidende Frage: Arbeitet der Mann für die Privatsender oder die Öffentlichen? Bei den Privatsendern stelle ich mir das Arbeitsumfeld genau wie geschildert vor, bei den Öffentlichen ist das Gehalt vermutlich [...]
Nun die Alles entscheidende Frage: Arbeitet der Mann für die Privatsender oder die Öffentlichen? Bei den Privatsendern stelle ich mir das Arbeitsumfeld genau wie geschildert vor, bei den Öffentlichen ist das Gehalt vermutlich ein Vielfaches.
mwroer 08.11.2017
4.
Ich wüsste jetzt auf Anhieb auch nicht welche Firma den Bewerbern die Reise zum Vorstellungsgespräch zahlt oder warum ich mehr Bedauern für einen Schauspieler mit 17K Brutto haben sollte als mit der Kassiererin im Supermarkt [...]
Ich wüsste jetzt auf Anhieb auch nicht welche Firma den Bewerbern die Reise zum Vorstellungsgespräch zahlt oder warum ich mehr Bedauern für einen Schauspieler mit 17K Brutto haben sollte als mit der Kassiererin im Supermarkt die das selbe verdient und auch nicht weniger arbeitet. Ja die brauchen einen Zweitjob - den brauchen, falls es dem Autor entgangen ist, immer mehr Menschen. Zur Sicherheit am Arbeitsplatz sage ich jetzt mal nichts. Das ist die individuelle Entscheidung jedes einzelnen inwieweit er es mit seinem Gewissen vereinbaren kann bzw. für wie risikoreich er das einschätzt um sich selbst und andere zu gefährden und ob er mit den Konsequenzen leben kann.
C-Hochwald 08.11.2017
5. Wie im "richtigen" Berufsleben
Sehr geehrter Anonymus, was Sie aus der Welt der Fiktion erzählen, erleben Millionen Ihrer Zuschauer als Arbeitnehmer seit Jahren, täglich, zunehmend und branchen- sowie hierarchieübergreifend. Damit will ich nicht sagen, [...]
Sehr geehrter Anonymus, was Sie aus der Welt der Fiktion erzählen, erleben Millionen Ihrer Zuschauer als Arbeitnehmer seit Jahren, täglich, zunehmend und branchen- sowie hierarchieübergreifend. Damit will ich nicht sagen, daß Sie eigentlich keinen Grund zum Klagen haben. Sie haben durchaus recht! Doch was Sie schildern ist kein Alleinstellungsmerkmal, sondern eher daß die Effekte in der Industrie nun auch im künstlerischen Gewerbe angekommen sind. So wie Ihre Sponsoren (z.B. ARD, ZDF) um Beiträge und Werbeeinnahmen bei gleichzeitigem Spardruck kämpfen müssen, wird es mehr und mehr ungefiltert an die Beteiligten der Programme und Filmemacher / Schauspieler durchgeleitet. Nichts anderes passiert sein vielen Jahren (Stichwort - globale Arbeitsplatzverlagerung, Lohnverzichte, etc...) im industriellen Bereich und Einzelhandel. Daher dürfen Sie sich als Mitglied einer Schicksalsgemeinschaft betrachten, die sich in einem enormen Umbruch befindet, was die Struktur der Erwerbstätigkeit angeht. Sicherheit für die Einkünfte gibt es nur noch temporär, die lebenslange Anstellung in einer Firma ist eine aussterbende Art. Ich verstehe, wenn es Sie als Schauspieler nachdenklich macht, und Sie auch von Zukunftsängsten sprechen. In einem Punkt stimme ich Ihnen aber ausdrücklich zu: Es wird zuviel Sport in den TV-Sendern gezeigt, und es scheint hier eine zu hohe Toleranzschwelle der Sender zu geben, was die Kosten für die Übertragungsrechte angeht. Sport scheint die einzige Programmsparte zu sein, wo die Preise steigen dürfen. Dies geht zulasten der Programmvielfalt bis hin zu den Gagen für die Schauspieler. Wiederholungen anstelle neuer Serien und Dokumentationen dominieren mehr und mehr das Programm vieler TV-Sender. Und wo fliessen die Gelder für die Übertragungsrechte hin? Zuletzt werden damit teils unmoralisch hohe Transfersummen, Spielergehälter und deren Werbeeinnahmen finanziert. Und wie zu lesen ist, sind dann unter den Promi-Sportlern viele Steuervermeider dabei (z.B. Lewis Hamilton, siehe Berichte diese Woche in den Medien zu den Paradise Papers). Und der Zuschauer bezahlt dafür mit den Rundfunkgebühren und den in den beworbenen Produkten einkalkulierten Werbegagen der Sportler. Fazit: Sie und Ihre Zuschauer sind die Dummen, die die globalen Finanzkartelle bedienen. Damit wir immer wieder dazu bereit sind, sich diesem System unterzuordnen, gibt es Brot und Spiele (Ihre Schauspielkunst und das Sportprogramm). Hat schon in der Antike funktioniert um das Volk bei Stimmung zu halten.

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