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KarriereSPIEGEL

Jobprotokoll Fluglotse

"Das Einstiegsgehalt geht bei 85.000 Euro los"

Er sorgt für den richtigen Abstand zwischen Flugzeugen in der Luft, bringt auch mal die Air Force One auf Kurs - und nach maximal zwei Stunden muss er eine Pause einlegen: ein Fluglotse über den Alltag im Tower.

DPA

Fluglotse (Symbolbild)

Aufgezeichnet von Vivien Krüger
Montag, 08.10.2018   08:35 Uhr

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

Schon als kleiner Junge war ich von Flugzeugen fasziniert. Ich wuchs keine 500 Meter entfernt vom Frankfurter Flughafen auf. Das Dröhnen der Turbinen hat mich nie gestört, im Gegenteil: Zu sehen, wie diese riesigen Maschinen im Minutentakt starten und landen, begeisterte mich. Ich wollte später unbedingt in der Luftfahrt arbeiten.

Die Frage war nur: Pilot oder Fluglotse? Als mich eine Freundin mit in den Tower des Frankfurter Flughafens nahm, fiel meine Entscheidung: Fluglotse sollte es sein. Die professionelle Konzentration, die Anspannung, das perfekte Zusammenspiel von Lotse und Pilot wirkte beruhigend auf mich.

Ich arbeite für die Deutsche Flugsicherung (DFS), ein privates Unternehmen, das dem Bund gehört. Die Aufgabe: den Flugverkehr über Deutschland zu lenken. Ich sorge dafür, dass Flieger die notwendigen Abstände zueinander einhalten. Wie auf der Autobahn gibt es auch im Luftraum Stoßzeiten. Zu denen fliegen die meisten Maschinen, oft auf ähnlicher Höhe. Für uns bedeutet das, immer wachsam zu sein. Der deutsche Luftraum ist einer der meistbeflogenen Europas; bis zu 10.000 Flugzeuge leiten wir am Tag.

Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen Tower- und Centerlotsen. Die Centerlotsen sitzen in vier bundesweit verteilten Kontrollzentralen. Von dort aus steuern sie den Verkehr zwischen den Flughäfen. Nähert sich eine Maschine der Landebahn, übernehmen wir, die Towerlotsen.

Man kann sich das wie einen überdimensionalen Karton vorstellen, den man über den Flughafen stülpt: 40 Kilometer lang, zwölf Kilometer breit und einen Kilometer hoch. Das ist unser Bereich um den Flughafen Tegel. Auch im Tower gibt es zwei unterschiedliche Aufgaben. Die Platzlotsen sind für die Start- und Landebahnen zuständig. Die Rolllotsen koordinieren die Fahrten der Flugzeuge vom Gate zur Startbahn und zurück. Im Tower wechseln wir uns mit der Roll- und Pistenkoordination ab.

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Flugzeuge am Boden dürfen sich nur bewegen, wenn wir sie anweisen. Um Staus vor der Startbahn zu vermeiden, meldet jeder Pilot schon Stunden vor dem Abflug seinen Flugplan, also die Route, die Höhe und die Geschwindigkeit, die er fliegen möchte. Das passe ich an andere Routen an, die es an diesem Tag gibt.

Oft muss ich improvisieren: Ein Unwetter kann Flugzeuge zwingen, Umwege zu fliegen. Eine Maschine kann verspätet landen, wodurch die Bahn blockiert ist. Diese Herausforderungen liebe ich. Aber natürlich kostet es Kraft, sich durchweg zu konzentrieren. Fluglotsen dürfen in Tegel maximal zwei Stunden am Stück arbeiten und müssen danach eine halbe Stunde Pause einlegen - die zählt als Arbeitszeit.

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Einen Job als Fluglotse zu bekommen, ist nicht einfach. Zuerst musste ich den berühmten "Hamburg-Test" bestehen, eine fünftägige Einstellungsprüfung. Mehr als 5000 junge Menschen versuchen es jedes Jahr - nur 150 kommen durch.

Der Test besteht aus zwei Teilen. Im ersten werden Grundfertigkeiten abgefragt: Reaktionsfähigkeit, visuelles Merken, das Englischniveau und die Teamfähigkeit. Im zweiten Teil bekam ich Aufgaben am Flugsimulator gestellt. Die Prüfer testeten, wie ich unter Stress reagiere, wie aufmerksam ich bin. Ob ich räumliches Vorstellungsvermögen habe und ob ich gut im Multitasking bin. Zudem wurde geprüft, ob ich körperlich für den Job geeignet bin. Ein Fluglotse darf zum Beispiel keine Rot-Grün-Schwäche der Augen haben, da unsere Systeme viele verschiedene Farbstufen anzeigen.

Die Ausbildung danach dauert etwa drei Jahre. Anfangs lernte ich viel Theorie. Wie hoch reichen Gewitterwolken? Welche Flugzeugtypen gibt es? Welche Anweisungen muss man den Piloten geben? Danach trainierte ich im Simulator. Später, beim On-the-Job-Training, arbeitete ich in der Kanzel, der obersten Etage des Towers. Dabei schaute mir ein Trainer über die Schulter, der im Notfall eingreifen kann - wie in der Fahrschule.

Ein großer Vorteil des Berufs: Fluglotsen verdienen ziemlich gut. Schon während der theoretischen Ausbildung bekam ich etwa 1200 Euro im Monat, ab dem Praxisteil 48.000 Euro im Jahr. Das Einstiegsgehalt beträgt später je nach Standort zwischen 85.000 und 117.000 Euro brutto im Jahr.

Seit dreieinhalb Jahren arbeite ich am Flughafen Berlin-Tegel. Gerade am Regierungsflughafen in Berlin bekomme ich viel Prominenz zu sehen. Hier landete schon die deutsche Nationalmannschaft und sogar der Papst. Die Ankunft der Air Force One, des Flugzeugs des amerikanischen Präsidenten, ist etwas ganz Besonderes. Seine Ankunft wird schon zwei Wochen im Voraus geplant.

Auch der Alltag langweilt mich nie. Vor ein paar Wochen hatten wir einen 19-jährigen Passagier, der während des Flugs einen epileptischen Anfall bekam. Der Pilot gibt uns solche Notfälle über Funk durch. Wir sorgen dafür, dass bei der Ankunft ein Krankenwagen bereitsteht und der Flieger Sonderrechte bekommt, um möglichst schnell zu landen. Am Ende sollte der reguläre Flugbetrieb ohne Verzögerung weiterlaufen.

Einen Traum habe ich noch: Im Tower meiner Heimatstadt arbeiten zu können. Ab September wird er wohl wahr, ich werde nach Frankfurt versetzt. Und kehre dorthin zurück, wo alles begann.

insgesamt 59 Beiträge
Crom 08.10.2018
1.
Schön, endlich mal ein Jobprotokoll, welches die Begeisterung desjenigen voll rüberbringt. Er scheint voll und ganz in seiner Berufung aufzugehen.
Schön, endlich mal ein Jobprotokoll, welches die Begeisterung desjenigen voll rüberbringt. Er scheint voll und ganz in seiner Berufung aufzugehen.
quercus_ilex 08.10.2018
2. Cooler Job
und wie oben geschrieben auch mit ordentlichem Einkommen, was aufgrund der Verantwortung und der Anforderungen sicherlich angebracht ist. Mich würde allerdings interessieren, wann in dem Beruf schluss ist, und was man dann danach [...]
und wie oben geschrieben auch mit ordentlichem Einkommen, was aufgrund der Verantwortung und der Anforderungen sicherlich angebracht ist. Mich würde allerdings interessieren, wann in dem Beruf schluss ist, und was man dann danach macht?. Denn Stress und Arbeitszeiten (Schichtarbeit) werden sich sicherlich physisch und auch psychisch irgendwann bemerkbar machen.
lab61 08.10.2018
3. Rentenalter
@quercus_ilex Das reguläre Renteneintrittsalter für Fluglosten liegt bei 55 Jahren. Wer mit 52 gehen möchte, kann dies tun. Bekommt aber natürlich Abzüge. Statt 75% des letzten Gehaltes bekommt man dann 60%.
@quercus_ilex Das reguläre Renteneintrittsalter für Fluglosten liegt bei 55 Jahren. Wer mit 52 gehen möchte, kann dies tun. Bekommt aber natürlich Abzüge. Statt 75% des letzten Gehaltes bekommt man dann 60%.
felisconcolor 08.10.2018
4. Sehr interessant
Ich habe große Hochachtung vor der Leistung der Fluglotsen. Die ständige Konzentration und Aufmerksamkeit kann nicht hoch genug honoriert werden. Was mich aber langsam wundert, die Sache mit der Rot-Grün Schwäche. Ich bin [...]
Ich habe große Hochachtung vor der Leistung der Fluglotsen. Die ständige Konzentration und Aufmerksamkeit kann nicht hoch genug honoriert werden. Was mich aber langsam wundert, die Sache mit der Rot-Grün Schwäche. Ich bin selbst minder schwer betroffen und dadurch sind auch mir einige Berufe versagt. Aber gerade wo mit Computern gearbeitet wird wäre es doch ein leichtes die Bildschirmausgabe entsprechend anzupassen. Oft reicht schon eine Erhöhung des Kontrastes oder der Wechsel in einen anderen Spektralbereich oder die Nutzung von Komplementärfarben. Das mag dann zwar für einen Normalsichtigen gruselig aussehen, aber das kann man über persönliche Profile einfach umschalten. Übrigens viele Grafiken und Charts hier bei Spon sind da für Menschen wie mich auch nicht barrierefrei. Und hellgraue Schrift auf dunkelweisser Oberfläche ist auch nicht gerade prickelnd.
sh.stefan.heitmann 08.10.2018
5.
Denn Stress und Arbeitszeiten (Schichtarbeit)-..... Also so wie bei jedem Fließbandarbeiter? Warum sollte da eher schluss sein als bei jemandem der dazu noch körperlich arbeiten muss???
Zitat von quercus_ilexund wie oben geschrieben auch mit ordentlichem Einkommen, was aufgrund der Verantwortung und der Anforderungen sicherlich angebracht ist. Mich würde allerdings interessieren, wann in dem Beruf schluss ist, und was man dann danach macht?. Denn Stress und Arbeitszeiten (Schichtarbeit) werden sich sicherlich physisch und auch psychisch irgendwann bemerkbar machen.
Denn Stress und Arbeitszeiten (Schichtarbeit)-..... Also so wie bei jedem Fließbandarbeiter? Warum sollte da eher schluss sein als bei jemandem der dazu noch körperlich arbeiten muss???

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