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Leben und Lernen

Fotos vom Erwachsenwerden

Ein letztes Mal frei sein

Kurz vorm ersten festen Job, kurz vorm ersten Kind: Mit Mitte 20 fühlt sich das Leben manchmal an wie auf Bewährung. Der Fotograf Darian Weiß liefert die Fotos dazu.

Darian Weiß
Von Bartholomäus von Laffert
Donnerstag, 07.06.2018   15:19 Uhr

"Unsere Eltern kiffen mehr als wir,
wo soll man rebellieren? /
Egal wo wir hinkomm',
unsre Eltern warn schon eher hier /
Wir sind geboren im falschen Jahrzehnt
und wir sitzen am Feuer, hören zu,
was die Alten erzähln."

So singt Kraftklub-Sänger Felix Brummer in seinem Song "Zu jung" einer ganzen Generation die Resignation von der Seele. Welche Party wurde noch nicht beknutscht, welche Joints nicht geraucht, welche Kämpfe nicht gekämpft? Und, verdammt, wieso wurden wir nicht einfach alt geboren?

"Na und?", fragt Darian Weiß. "Wir Millennials haben ja nichts von den Partys, die unsere Eltern gefeiert haben." Jede Generation habe das Recht, die gleichen Fehler zu machen, sich eigene Regeln zu suchen, die eigenen Grenzen auszutesten und haltlos über die Stränge zu schlagen.

Fotostrecke

Fotostrecke: Wo soll man rebellieren?

Eine Anleitung, wie das im Jahr 2018 aussehen könnte, hat der 27-Jährige, der in Braunschweig lebt und an der Hochschule Hannover Fotojournalismus und Dokumentarfotografie studiert, mit seiner Fotostrecke "Le rêve des enfants" ("Der Traum der Kinder") gleich mitgeliefert. Fast zwei Jahre lang, 2016 und 2017, hat er das Coming of Age seiner Freunde bei Nacht dokumentiert, aufgenommen mit einer kleinen analogen Kompaktkamera in Schwarz-Weiß.

Beim Dinosaurierreiten vor dem Braunschweiger Naturkundemuseum, mit Plastikbierbecher in der Hand auf den Holzdielen einer Vorstadtkneipe, mit heruntergelassener Hose auf einem Rockkonzert. Er hat festgehalten, wie sie mit einem geklauten Tannenbaum versuchen, auf die Aftershow des Fotofestivals in einer französischen Kleinstadt zu kommen.

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Ungeniert ehrlich sind diese Fotos, zeigen junge Menschen, wie sie ein vermeintlich letztes Mal frei sein können, bevor die Festanstellung, die Rentenversicherung oder das Reihenhaus die Kontrolle übernimmt: die letzten Züge Jugend, eingerollt in eine Selbstgedrehte, bevor der Ernst des Lebens zupackt.

Für Darian Weiß sind seine Fotos auch ein Appell: Geht raus, trinkt, feiert mit Freunden - statt hinter Smartphonebildschirmen und Instagram-Filtern zu versauern. Oder, um es mit Julia Engelmanns Worten zu sagen: "Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein."

insgesamt 20 Beiträge
Tecki04 07.06.2018
1. Der Zahn der Zeit, die Bürde des Alltags
Um Himmelswillen, wie deprimierend. "diese Fotos, zeigen junge Menschen, wie sie ein vermeintlich letztes Mal frei sein können, bevor die Festanstellung, die Rentenversicherung oder das Reihenhaus die Kontrolle [...]
Um Himmelswillen, wie deprimierend. "diese Fotos, zeigen junge Menschen, wie sie ein vermeintlich letztes Mal frei sein können, bevor die Festanstellung, die Rentenversicherung oder das Reihenhaus die Kontrolle übernimmt". Ich erinnere auch mein letztes Mal Freiheit vor der Festanstellung. War lustig. Seitdem war ich nicht mehr ausgelassen, auf keiner Party mehr, nicht mehr in öffentlichen Parkanlagen, Geschlechtsverkehr nur noch im Dunklen mit abgeschlossener Tür (wenn überhaupt noch). Spaß hatte ich auch keinen mehr und gucke an sich nur noch deprimiert auf einen imaginären Punkt vor mir auf den Boden. Als einzige Emotion meines Lebens erlaube ich mir in unbebachteten Momenten alle paar Monate mal ein kurzes "ach ja, damals", Was für ein öder Artikel, was für austauschbare Fotos. Die guckt man sich an und hört dazu dann Songs von diesen greinenden Bands, die mit 26 eine romantische Vergangenheit besingen, die sie nie hatten. So alt kann ich gar nicht werden.
clausonso 07.06.2018
2. Totaler
Krampf
Krampf
stoffi 07.06.2018
3. Frei
fühlte ich mich erst, als ich den ersten Job hatte, kaufen konnte, was ICH wollte, Kleidung tragen, die ICH wollte, nach Hause kommen , wann ICH wollte usw..
fühlte ich mich erst, als ich den ersten Job hatte, kaufen konnte, was ICH wollte, Kleidung tragen, die ICH wollte, nach Hause kommen , wann ICH wollte usw..
erst_nachdenken 07.06.2018
4. Treffend kommentiert
Vielen Dank für Ihren Kommentar: Treffender hätte ich meine Reaktion auf den Artikel nicht formulieren können. "Mit der ersten Festanstellung ist Ausgelassenheit und Spaß nicht mehr denkbar" könnte die irrige [...]
Zitat von Tecki04Um Himmelswillen, wie deprimierend. "diese Fotos, zeigen junge Menschen, wie sie ein vermeintlich letztes Mal frei sein können, bevor die Festanstellung, die Rentenversicherung oder das Reihenhaus die Kontrolle übernimmt". Ich erinnere auch mein letztes Mal Freiheit vor der Festanstellung. War lustig. Seitdem war ich nicht mehr ausgelassen, auf keiner Party mehr, nicht mehr in öffentlichen Parkanlagen, Geschlechtsverkehr nur noch im Dunklen mit abgeschlossener Tür (wenn überhaupt noch). Spaß hatte ich auch keinen mehr und gucke an sich nur noch deprimiert auf einen imaginären Punkt vor mir auf den Boden. Als einzige Emotion meines Lebens erlaube ich mir in unbebachteten Momenten alle paar Monate mal ein kurzes "ach ja, damals", Was für ein öder Artikel, was für austauschbare Fotos. Die guckt man sich an und hört dazu dann Songs von diesen greinenden Bands, die mit 26 eine romantische Vergangenheit besingen, die sie nie hatten. So alt kann ich gar nicht werden.
Vielen Dank für Ihren Kommentar: Treffender hätte ich meine Reaktion auf den Artikel nicht formulieren können. "Mit der ersten Festanstellung ist Ausgelassenheit und Spaß nicht mehr denkbar" könnte die irrige These lauten, die dem Ganzen zugrunde liegt. Als >40-Jähriger kann ich nur sagen: Das hängt ganz alleine von der Einstellung ab. Klar, ich feiere nicht mehr so exzessiv wie zuweilen zur Studienzeit und will das auch nicht mehr. Deswegen ist man noch lange nicht spassbefreit. Vielleicht "feiere" ich nun eher genussvoll denn überbordend. Dafür liege ich dann am nächsten Tag auch nicht mehr flach oder brauche allenfalls eine Ibuprofen-Espresso-Starthilfe. Und die erste Festanstellung fand ich eine spannende Herausforderung und ich habe dort viel gelernt (und feiern konnte man immer noch!). Danach ging es zu einem anderen Arbeitgeber mit neuer Herausforderung und mehr Gehalt. Ob man einen öden Job annimmt oder nicht, liegt ganz bei einem selber. Sobald ein Job fad erscheint und mehr nervt als erfüllt, kann man sich doch nach was Neuem umschauen und sammelt so Erfahrung. Das Arbeitsleben per se als langweilig und einengend darzustellen, halte ich für verfehlt.
jujo 07.06.2018
5. ....
Alles hat seine Zeit! "Gerne meiner Jugendzeit gedenk´ ich, alle Glieder war´n gelenkig, bis auf eins! Jetzt bin ich alt und reif, alle Glieder werden steif, bis auf eins!" Mir tun die Leute leid die ihre [...]
Alles hat seine Zeit! "Gerne meiner Jugendzeit gedenk´ ich, alle Glieder war´n gelenkig, bis auf eins! Jetzt bin ich alt und reif, alle Glieder werden steif, bis auf eins!" Mir tun die Leute leid die ihre jugendliche Stum und Drangzeit nicht gelebt haben und genießen konnten. Verdächtig waren mir damals schon und auch noch heute die "Berufsjugendlichen" von 50+ .

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