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DER SPIEGEL

Tradition

Damenverbindungen sind das Äquivalent zu Burschenschaften. Eine Fotografin gewährt Einblick in eine Welt voller Rituale.
Sie tragen Weiß-Gold-Braun, auf ihren Schärpen, auf ihren Schirmmützen. Sie treffen sich zum "Ankneipen", singen Lieder aus dem "Allgemeinen Deutschen Kommersbuch". Sie nennen sich Bundesschwestern und wählen jedes Jahr ihre Seniora, ihre Vorsitzende. Die Studentinnen der Akademischen Damenverbindung (ADV) Victoria aus Hannover bilden eine der 1100 Verbindungen und Burschenschaften in Deutschland, die meisten von ihnen sind Männerbünde. Nur etwa 80 nehmen ausschließlich Frauen auf. Die Vorurteile, mit denen sie konfrontiert werden, sind aber dieselben: Trinkgelage und Fechtzwang, rechtskonservative Ansichten und fragwürdige Parolen.
Auch die Fotografin Angelina Vernetti hatte diese Klischees im Kopf, als sie von der ADV Victoria hörte. Vernetti studiert Fotografie in Hannover. Ein Jahr lang begleitete sie die 16 Verbindungsstudentinnen zu Festbällen und Kneipenabenden – und merkte schnell, wie falsch sie lag: Keine von ihnen wurde zum Trinken gezwungen. Niemand focht. Und rechtspopulistische Parolen hörte sie keine einzige. Vernettis Bilder geben einen seltenen Einblick in eine Welt wie aus einer vergangenen Zeit, voller Brauchtum und Tradition. Aber sie erzählen auch von Freundschaft und Treue.
Gesina trat vor drei Jahren der ADV Victoria bei. "Nie habe ich so schnell Freundinnen gefunden", sagt sie. Ihren vollen Namen möchte sie lieber nicht nennen, zu groß ist ihre Angst, das Label der "rechten Burschis" verpasst zu bekommen. "Wir werden oft verurteilt. Dabei sind wir nicht anders als andere Vereine: Bei Festen ziehen wir uns schicker an, wir wählen einen Vorstand und zahlen Mitgliedsbeitrag." Vor allem seien sie unpolitisch, alle Interessierten willkommen. Einzige Voraussetzungen: Sie müssen studieren oder die Uni abgeschlossen haben. Und eine Frau sein.
Von Text: Christopher Piltz Idee + Fotos: Angelina Vernetti

UniSPIEGEL 4/2018
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