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DER SPIEGEL

Ühbaschrivt

Deutsche Studenten beherrschten die Regeln der Rechtschreibung nicht mehr, klagen Professoren. Stimmt das? Und wenn ja – ist das schlimm?
Es gibt bessere Tage, um ein Seminar über Kommasetzung zu besuchen, als einen heißen Mittwoch im Frühsommer. Auf den Wiesen rund um den Campus der Universität Paderborn rekeln sich junge Menschen im Sonnenschein, grillen um die Wette. Im Seminarraum, Gebäude Q, Erdgeschoss, haben sich einzelne Sonnenstrahlen durch die Verdunklungsrollos gezwängt und malen goldene Streifen auf das gelbe Linoleum am Boden. Wer hier sitzt, tut das entweder aus selbst erkannter Not – oder weil Professoren den Besuch des Seminars nahegelegt haben.
Vorn neben dem Pult steht die Linguistin Julia Hüllweg. Sie hat eine Powerpoint-Präsentation an die Wand geworfen. Vier Stunden lang wird sie sprechen, über vor- und nachgestellte Attribute, über Adverbial- und Partizipkonstruktionen. Die Menschen in den Bankreihen vor ihr schreiben fleißig mit:
Es ging besser als erwartet. – Kein Komma.
"Warum?", will die Dozentin wissen. Schweigen im Saal, unsichere Blicke wandern durch den Raum. Schließlich traut sich doch jemand: "Bei so einem kurzen Satz braucht man doch kein Komma ... oder?", fragt eine junge Frau.
Alle zwei Monate bietet Julia Hüllweg das Kommaseminar an, der Kurs ist meistens voll. Auffällig ist: Darin sitzen keine Studienanfänger. Keine frischgebackenen Abiturienten, die nachholen wollen, was sie in der Schule verpasst haben. "Die meisten stehen kurz vor der Abschlussarbeit", sagt Julia Hüllweg.
Deutsche Studenten könnten keine Rechtschreibung mehr, behaupten Professoren und Dozenten, Lehrer und Zeitungsredakteure regelmäßig. Der Bayreuther Professor Gerhard Wolf, ehemals Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentags, klagt schon seit Jahren über die mangelnden Rechtschreibfähigkeiten des akademischen Nachwuchses. 2011 befragte er 60 Professorenkollegen nach ihren Eindrücken. Die Hälfte bestätigte Wolfs Vermutung: Ein Teil der Studierenden habe große Lücken bei Satzbau, Zeichensetzung und Grammatik, antworteten sie.
Haben sie recht? Oder ist das "Früher war alles besser"-Nostalgie? Verlässliche Studien, die Wolfs These beweisen, gibt es nicht. Bildungsforscher untersuchen zwar mit schöner Regelmäßigkeit, wie Grundschüler ("Vera") und 15-Jährige ("Pisa") schreiben. Bei Abiturienten und Studierenden werden höchstens die Abschlussnoten verglichen.
Und irgendwie würde es sich auch merkwürdig anfühlen, bei 18-Jährigen, die den höchsten deutschen Schulabschluss erworben haben, Rechtschreibtests durchzuführen. Ist das nicht Stoff für Grundschüler? Genau da liege das Problem, findet der Schweizer Sprachwissenschaftler Peter Gallmann. "Orthografie muss man jahrelang trainieren, damit sich die Schreibungen richtig verfestigen können", sagt er. Rechtschreibgesetze seien mitunter so komplex, dass ein Viertklässler sie nicht verstehen könne. Als Beispiel nennt Gallmann folgenden Satz:
Sie sagte, sie komme gleich wieder, und ging hinaus.
"Schüler lernen häufig die Grundregel, dass vor dem Wort 'und' kein Komma stehen darf", sagt der Professor. Und in den allermeisten Fällen sei das richtig. In diesem Fall aber höre nach 'wieder' ein Nebensatz auf, deshalb müsse hier ein Komma stehen. "Diese Feinheiten werden in der Grundschule zu Recht nicht unterrichtet", erklärt Gallmann. "Doch wenn Schüler alt genug sind, um das Nebeneinander dieser Regeln zu verstehen und sie richtig anzuwenden, ist das Thema Rechtschreibung in der Schule längst abgeschlossen." Es sei sinnvoll, es auch später regelmäßig aufzufrischen, zu vertiefen und zu ergänzen – und sich von Fachleuten auf den neuesten Stand bringen zu lassen. Schließlich habe es in den vergangenen Jahren immer wieder Reformen gegeben.
An mangelndem Training im Alltag liege die Schreibschwäche hingegen nicht. "Es wurde noch nie so viel geschrieben wie heute", sagt Gallmann, "in sozialen Netzwerken, in E-Mails oder bei WhatsApp. Nur eben nicht unbedingt korrekt." Er habe ja Verständnis dafür, nicht bei jeder privaten Nachricht den Duden auszupacken, gibt Gallmann zu. "Meine Ehefrau ist aber Korrektorin, da müssen auch SMS in Ordnung sein. Doch ich vergesse gelegentlich, die Großtaste zu drücken."
Der Bedarf an Nachhilfe ist immens. Wie in Paderborn wurden überall im Land in den vergangenen Jahren Rechtschreibwerkstätten und Schreibberatungen gegründet, Kommaworkshops und Schreibstiltrainings eingeführt. Gerade Bachelorstudenten belegen die Kurse im Rahmen des Studium generale, das motivieren soll, fachfremde Seminare mitzumachen.
Die promovierte Geisteswissenschaftlerin Anette Nagel arbeitet seit 20 Jahren als selbstständige Lektorin für wissenschaftliche Texte in Osnabrück. Sie prüft Rechtschreibung, Schreibstil und Argumentation der Texte, aber auch Formalien wie korrekte Zeilenabstände und Zitierweise. "Die Fehler, die ich heute korrigiere, sind nicht dramatischer als früher", sagt sie. Auffällig ist aber, dass sie in letzter Zeit nicht nur Doktor- und Masterarbeiten auf den Tisch bekommt, sondern auch kürzere Aufsätze und Hausarbeiten. "Meiner Meinung nach liegt das aber nicht an mangelnden Fähigkeiten", sagt Nagel. Wahrscheinlich sei einfach der Ehrgeiz gestiegen, eine tadellose Arbeit abgeben zu wollen. Die allermeisten Fehler findet Nagel bei der Zeichensetzung. Sie vermutet, dass das an fremdsprachiger Fachliteratur liege, auf die Studierende heute durch das Internet leichteren Zugang hätten als früher. "Im Englischen und Französischen funktioniert Interpunktion anders als im Deutschen. Da kommt man möglicherweise durcheinander."
Wenn korrekte Rechtschreibung so viel Energie erfordert, drängt sich irgendwann eine Frage auf, die Experten wie Gerhard Wolf, Julia Hüllweg, Anette Nagel und Peter Gallmann nicht besonders gefallen wird: Ist es nicht egal, wie wir schreiben – solange der Leser versteht, was der Verfasser mitteilen möchte? Ist es nicht egal, ob wir ein Komma vor 'und' setzen?
Der britische Linguist Graham Rawlinson stellte schon 1976 im Rahmen seiner Doktorarbeit für die Universität Nottingham fest, dass Menschen viele falsch geschriebene Wörter problemlos lesen können – sofern der erste und bei längeren Wörtern auch der letzte Buchstabe korrekt sind. So wei in dseiem Staz heir. Spätere Experimente des amerikanischen Psychologen Keith Rayner zeigen, dass es dabei aber auf das Ausmaß des Buchstabensalats ankommt: "Buhcstabnesaalt" geht noch ganz gut, "Bhtsuaaltbentcas" jedoch ist eine Katastrophe.
Kommt es wirklich auf die Verpackung an? Leider ja. Eine Umfrage bei 260 deutschen Unternehmen ergab, dass ein Drittel der Personalverantwortlichen in Bewerbungsschreiben mehr als einen Fehler nicht toleriert – und eine Absage verschickt. 3200 Mitglieder von Parship wurden zum gleichen Thema befragt. Ergebnis: Ein Großteil der Singles findet Rechtschreibfehler bei Datingpartnern höchst unattraktiv.
"Wer Rechtschreibung nicht kann, wird schnell für dumm gehalten", sagt Hans Schneider, einer der wenigen Menschen, die über ihre Orthografieschwäche sprechen wollen, wenn auch nicht unter seinem echten Namen. Welche Wörter groß- und welche kleingeschrieben werden, kann er sich oft nicht merken. "Im Gesprochenen hört man da ja keinen Unterschied." Kommasetzung fällt ihm schwer, manchmal verwechselt er auch Buchstaben, etwa d und t in Wörtern wie Standard. Als Grundschüler wurde ihm eine Lese-Rechtschreib-Schwäche attestiert. Die Lehrer nahmen auch später Rücksicht, förderten ihn mit Extraaufgaben. Doch das hatte seinen Preis: einen Vermerk im Abschlusszeugnis. Als er sich nach dem Abitur auf Ausbildungsstellen bewarb, bekam er immer wieder zu hören, dass das mit so einem Manko "sehr schwierig" sei. Probleme mit Rechtschreibung sind in der Arbeitswelt ein No-Go. "Das ist schon unfair", sagt Schneider. "Bei Mathe gilt es fast als charmant, wenn man zu seiner Schwäche steht." Sätze wie "Mit Zahlen konnte ich noch nie" ernteten Mitgefühl und verständnisvolle Blicke.
Heute studiert er Rechtswissenschaften – ein Fach, das bekannt dafür ist, dass dort sehr viel geschrieben wird. Für Schneider ist es ein Kampf. Bei Hausarbeiten schlägt er Schreibweisen häufig im Duden nach, googelt oder fragt Freunde. "Das dauert ziemlich lange", sagt Schneider. Andererseits sei das viele Schreiben auch ein effektives Training. Seine Freundin, eine angehende Deutschlehrerin, und ein Kumpel, dessen Eltern als Lektoren für einen Buchverlag arbeiten, helfen Hans. Sie lesen Aufsätze und sogar E-Mails an Professoren Korrektur. In Klausuren geht das natürlich nicht. "Da passieren mir schon viele Fehler, macht sicher keinen guten Eindruck."
Möglicherweise hätte Schneider in früheren Zeiten nicht studiert, vielleicht hätte er mit seiner Rechtschreibschwäche nicht einmal das Gymnasium besucht. 1980 ging nur knapp ein Fünftel eines Jahrgangs an die Hochschule, im Jahr 2015 waren es 58 Prozent. "Man muss damit rechnen, dass das Leistungsspektrum breiter ist", sagt Linguist Peter Gallmann. Heißt: Junge Menschen schreiben nicht per se schlechter als früher, es landet nur ein viel größerer Teil der Altersklasse an der Uni. Und für die brauche man Brückenkurse und Schreibtrainings, um alle auf das Niveau der alten Spitzengruppe zu hieven. "Das ist nicht schlimm", sagt Gallmann, "sondern logisch."
Von Miriam Olbrisch Illustration: Annika Loebel

UniSPIEGEL 4/2018
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