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DER SPIEGEL

Bienchen, Blümchen, Porno

Medizinstudierende sprechen mit Neuntklässlern über Sex. Klingt peinlich, ist es aber nicht. Meistens zumindest.
Das Sex-ABC ist vollständig. 26 Begriffe haben die Mädchen auf das Whiteboard geschrieben, von A wie Analsex bis Z wie Zärtlichkeit. Intersex, Erektion, Menstruation – reihum erklären sie nun, was gemeint ist. O wie Orgasmus: "Wenn der Mann kommt, hat er einen Samenerguss", beschreibt eine Schülerin. "Und der Höhepunkt bei der Frau?", hakt Lea Bauerfeind nach. 18 Teenager runzeln die Stirn. Ein paar grinsen. Ein Mädchen stupst seine Nachbarin an. Also noch mal anders: "Woran merkt man, dass eine Frau erregt ist?" Niemand meldet sich.
Bauerfeind klärt auf: Schleimhäute sondern Feuchtigkeit ab, Schamlippen schwellen an, Muskeln ziehen sich zusammen. Nun grinst keiner mehr, alle hören konzentriert zu. Lea Bauerfeind ist Fachfrau auf diesem Gebiet, sie studiert Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zusammen mit ihrer Kommilitonin Sandrina Pfeifer tut sie das, was in Lehrerkreisen als Höchststrafe gilt: mit Neuntklässlern über Sex sprechen. Freiwillig. Ehrenamtlich. "Mit Sicherheit verliebt" heißt ihr Projekt.
An diesem Donnerstag sind zwei neunte Klassen eines Münchner Gymnasiums an die Uni gekommen. Viele sehen zum ersten Mal eine Hochschule von innen. Fast alle haben Jeans und Turnschuhe an, ein paar Jungs tragen ein Basecap, die Mädchen Mascara. Für die Zeit des Seminars werden die Gruppen nach Geschlechtern getrennt. Der Flur im ersten Stock der medizinischen Fakultät ist lang, die Seminarräume liegen weit voneinander entfernt. Durch die offenen Fenster soll kein Wort hinüberwehen.
Mit dem Sex-ABC wollen die Studierenden die 14- bis 16-Jährigen zu Beginn einschätzen: "Sind die noch Bienchen und Blümchen oder schon auf Pornoseiten unterwegs?", erklärt Sandrina. Seit dreieinhalb Jahren engagiert sich die 25-Jährige für "Mit Sicherheit verliebt".
Die Idee dazu kommt aus Schweden. Deutsche Medizinstudierende haben das Projekt 2001 in Rostock gegründet, unter der Schirmherrschaft des Bundesgesundheitsministeriums. In 35 deutschen Städten engagieren sich mehr als 850 Studierende, die meisten von ihnen Mediziner, aber auch ein paar angehende Psychologen und Lehrer sind dabei. Das Interesse der Schulen ist riesig, die Termine der Münchner Lokalgruppe sind ein halbes Jahr im Voraus ausgebucht. Deutschlandweit erreicht das Projekt jährlich 13000 Jugendliche der Jahrgangsstufen sechs bis zehn. Neben sexuell übertragbaren Krankheiten und Verhütungsmethoden geht es auch um Pornografie, Beziehungen und sexuelle Vielfalt.
Die Studierenden sind nicht viel älter als die Schüler und in der Regel viel jünger als deren Lehrer. Sie wollen möglichst auf Augenhöhe mit den Jugendlichen sprechen – und anonym. Namen spielen keine Rolle, nach diesem Vormittag begegnen sie sich wahrscheinlich nie wieder. Das schafft Offenheit. Anders als im Biounterricht geht es nicht um Noten. Außerdem ist Lügen erlaubt; wem es zu viel wird, der darf rausgehen. Nicht jedes Mädchen möchte ein Kondom über einen Holzpenis stülpen. Manche schütteln nur schüchtern den Kopf.
Louis Buchmann steht vor der Tafel, auf die er die Umrisse eines weiblichen und eines männlichen Körpers gemalt hat. Die 17 Jungs der 9b haben Hoden, Eierstöcke und Prostata eingezeichnet. Nur ein paar Striche musste der 21-jährige Medizinstudent ausbessern. Die Schüler hängen lässig in den hellgrauen Stühlen, manche wippen mit den Füßen, ein paar lehnen sich unruhig nach vorn. Sie haben Fragen. "Was ist, wenn mein Penis in die Gebärmutter reingeht?", fragt ein Junge in Jeansjacke und Mütze nervös. "Selbst wenn du den längsten Penis der Welt hättest, würde das nicht passieren. Der Gebärmutterhals ist ganz eng verschlossen", sagt Louis. Der Junge lacht erleichtert. Louis blickt in die Runde: "Habt ihr schon mal vom G-Punkt gehört?" Ein Schüler platzt heraus: "Wenn man den trifft, dann ist das gut." Der Student nickt. Der G-Punkt sei jedoch nicht eindeutig belegt. Louis' Kommilitone Chris Wesch ergänzt: "Das ist auch nicht dieser eine Punkt, den ihr treffen müsst, das ist eine Zone." Louis fährt mit seinem Finger an der Whiteboard-Vagina entlang. Ein paar Schüler prusten, zwei tuscheln. Einer ruft dazwischen: "Warum stöhnen Frauen öfter?" Louis antwortet: "Männer dürfen genauso stöhnen wie Frauen. Das kommt sehr aus Pornos, das ist nichts, was Frauen unbedingt machen müssen." Stichwort Porno: "Wisst ihr, wie groß der deutsche Durchschnittspenis ist?" Gute Frage. Die Jungen blicken konzentriert. "13 bis 14 Zentimeter", sagt der Student, "viel kleiner als im Porno."
Jeder fünfte Junge zwischen 14 und 17 Jahren hat an seinem Körper etwas auszusetzen. Ein Viertel der Mädchen findet sich zu dick. Das zeigen Zahlen einer Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung von 2015. Die Studie macht auch deutlich: Sexuelle Aufklärung im schulischen Rahmen wird immer wichtiger. Zwar spielen die Eltern weiterhin eine große Rolle, doch gerade Jungs holen sich ihre Informationen viel öfter anderswo – vor allem im Internet oder in der Schule.
Es ist 11.50 Uhr, und im Raum der Jungs riecht es nach Schweiß. Eifrig schreiben die Schüler auf Zettel, was sie vom anderen Geschlecht wissen wollen, natürlich anonym. Die Fragen sind erstaunlich harmlos – man könnte auch sagen: erwachsen. "Wie soll sich euer Partner in einer Beziehung verhalten?" Oder: "Wie wichtig ist euch Aussehen?" Im anderen Raum rufen die Mädchen dazu später ihre Meinungen durcheinander. Sie kichern viel. Fast genau das Gleiche möchten sie auch von den Jungs wissen. Außerdem: "Wie viele von euch sind verliebt?", "Rasiert ihr euch?", "Titten oder Arsch?". Auf die Frage "Wann wollt ihr euer erstes Mal haben?" entscheiden beide Gruppen diplomatisch: alles okay, sei es mit 14, 24 oder nach der Hochzeit. "Es kommt halt darauf an, wann es passt, also dass man sich beschützt fühlt und Vertrauen hat", fasst eine Schülerin zusammen.
Besonders intime Fragen beantworten die Teenager per Handzeichen mit dem Rücken zueinander. Eine geöffnete Handfläche bedeutet Ja, eine geschlossene Nein. "Masturbiert ihr?" und "Schaut ihr Pornos?", haben die Jungs geschrieben – nur ein paar Mädchen öffnen ihre Hände. Wie viele genau, werden die Jungs nicht erfahren.
Was sie bei den Seminaren beachten sollen, lernen die Studierenden auf achtstündigen Workshops von erfahrenen Mitgliedern und externen Dozenten wie Gynäkologen, Sexualpädagogen und Psychologen. Regelmäßig organisieren die Lokalgruppen Fortbildungen.
Bei der Frage "Wer hatte schon Sex?" hebt nur eine Schülerin aus der 9a zaghaft eine halb geöffnete Hand hinter ihrem Rücken. In der Pause wollte sie allein mit Sandrina sprechen. Vor ein paar Tagen sei es mit ihrem Freund erstmals zum Petting gekommen. Jetzt mache sie sich Sorgen: Was, wenn etwas passiert ist?
Wenig später wird sie eine Geschlechtskrankheit aus Plüsch in der Hand halten. HIV, Syphilis oder Gonorrhö? Die Studentinnen erklären, wie man sich davor schützen kann. Es ist viel Stoff für einen vierstündigen Vormittag.
Bei M stand heute ein Wort an der Tafel, das Sandrina noch nie beim Sex-ABC gesehen hat: "Missbrauch". Eine von fünf jungen Frauen zwischen 14 und 25 Jahren gab in der Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung an, sexuelle Übergriffe erlebt zu haben.
Kurz vor Ende antworten Sandrina und Lea im Stuhlkreis auf anonyme Fragen der Schülerinnen: Ihr erstes Mal? Das peinlichste Sexerlebnis? Die Schülerinnen hören gespannt zu, sie lachen. Peinlich ist das niemandem mehr.
Von Astrid Ehrenhauser Illustration: Nadine Redlich

UniSPIEGEL 4/2018
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