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DER SPIEGEL

„Ein gigantisches Feuerwerk“

Die Medizinstudentin Lina Rixgens, 23, hat allein mit einer Einhandsegeljacht den Atlantik überquert. Start: La Rochelle in Südwestfrankreich, Ziel: Le Marin auf Martinique. Strecke: 4226 Seemeilen.
Lina, du bist 30 Tage allein gesegelt. Wie hast du das gemacht? Das war nicht einfach, ich musste das Boot steuern, reparieren und dann auch noch kochen. Wann hast du geschlafen? Die Nächte waren kurz, meist schlief ich nur fünf Stunden lang. Was viel schwieriger war: Ich musste alle 20 Minuten einen Wecker stellen und aufstehen, um die Segel zu prüfen und zu schauen, ob ich noch auf Kurs war. Der Körper gewöhnt sich zwar an diesen Rhythmus – aber wirklich erholen konnte ich mich nie. Hattest du keine Angst, die Kontrolle über das Boot zu verlieren, weil du übermüdet warst? Es gab eine brenzlige Situation. Auf der Etappe nach Gran Canaria fiel mein Autopilot aus. Ich musste zwei Tage und Nächte am Ruder sitzen und selbst lenken. Ich war völlig erschöpft, bekam Halluzinationen. Ich sah Menschen, hörte Stimmen. Das war schlimm. Zum Glück ließ nach zwei Tagen der Wind nach, und der Autopilot sprang wieder an. Hast du ans Aufgeben gedacht? Nein. Ich hatte mich zwei Jahre lang intensiv vorbereitet, mein Studium unterbrochen, war zum Trainieren extra nach La Rochelle gezogen. Da wollte ich durchziehen. Was hast du unterwegs am meisten vermisst? Mir fehlten kalte Getränke und eine richtige Dusche. Und ich sehnte mich nach Menschen. Die ersten Wochen hatte ich noch andere Segler oder Schiffe in meiner Nähe. Nicht in Sichtweite, aber wir konnten funken. Doch die letzten sieben Tage habe ich nur zwei Frachtschiffe in der Ferne gesehen. Was waren die schönsten Momente? Wenn ich am Ruder saß und spürte, wie das Schiff die Wellen runtersurfte. Wenn Delfine vorbeischwammen oder fliegende Fische sprangen, war ich einfach glücklich. Dreimal sah ich Wale vorbeigleiten, einmal schoss eine Fontäne nur wenige Hundert Meter entfernt aus dem Wasser. Nachts funkelte die Milchstraße über mir wie ein gigantisches Feuerwerk.

UniSPIEGEL 4/2018
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