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DAS IST ALTES DENKEN
Die Luxemburgerin Viviane Reding, 52, promovierte an der Sorbonne in Paris im Fach Humanwissenschaften und arbeitete als Journalistin. Von 1989 bis 1999 war sie Abgeordnete der Christlich-Sozialen Volkspartei im Europäischen Parlament. Seit 1999 ist Reding EU-Kommissarin für Bildung und Kultur.
UniSPIEGEL:
Frau Reding, deutschen Studenten wird derzeit dringend empfohlen, angelsächsische Abschlüsse wie Bachelor oder Master anzustreben. Werden sich diese europaweit durchsetzen?
Reding:
Ja, bei den Akademikergraden haben die Europäer endlich erkannt, dass es mit der Kleinkrämerei so nicht mehr weitergehen kann. Deshalb wirken derzeit Uni-Rektoren und Minister auf einen durchlässigen Binnenmarkt der gegenseitig anerkannten Uni-Abschlüsse hin.
UniSPIEGEL:
Noch hat sich die Idee aber nicht ganz durchgesetzt, oder?
Reding:
Doch, doch, der Trend geht europaweit zum System "Drei plus zwei", also Bachelor-Abschluss nach drei, Master nach insgesamt fünf Jahren. In den meisten Ländern wird dies gerade in die Praxis umgesetzt. Italien reformiert, Spanien hat die Anpassungen, unter großen Protesten übrigens, gerade abgeschlossen. Frankreich hat seine Studiengänge schon auf Bachelor und Master umgestellt. Peu à peu soll dies zur gegenseitigen Anerkennung der Abschlüsse in Europa führen. Am Ende steht ein von allen Unis anerkannter Europa-Master.
UniSPIEGEL:
Noch aber herrscht ein munteres Durcheinander. Ausgerechnet in Großbritannien werden die deutschen Bachelor-Abschlüsse nicht automatisch anerkannt. Was tun?
Reding:
Großbritannien ist eine Insel, auch im Bereich Bildung. Bei der Anerkennung der Abschlüsse läuft ja alles noch zwischenstaatlich, die einen einigen sich auf ein gegenseitiges Abkommen, die anderen zieren sich. Und die Briten tun sich vielleicht besonders schwer. Umso wichtiger ist es, zu gemeinsamen Maßstäben zu kommen.
UniSPIEGEL:
Kein Zufall also, dass die Begeisterung für diese neuen Abschlüsse in Deutschland schon wieder sinkt, zumal sie auch von vielen Arbeitgebern nicht als vollwertig angesehen werden.
Reding:
An "Drei plus zwei" wird dennoch kein Weg vorbeiführen, ich bin da ganz sicher. Die deutschen Studenten und Universitäten sollten sich nicht beirren lassen. Wir Europäer drücken das überall durch. In den kommenden Monaten werden wir uns über dieses Ziel mit den Bildungsträgern, den Arbeitgebern und den Staaten weiter verständigen.
UniSPIEGEL:
Die Experten sind sich längst einig, dass eine zweistufige Universitätsausbildung heute nicht mehr reicht. Vom lebenslangen Lernen wird gesprochen, die Unis vor allem sollen neue Weiterbildungsangebote entwickeln. Welche europäische Region ist auf diesem Feld vorbildlich?
Reding:
Skandinavien, vor allem. Vergleiche sind zwar mit Vorsicht zu genießen, weil die Zahlenbasis dünn ist. Aber während sich im europäischen Durchschnitt gerade mal gut 8 Prozent der Erwachsenen weiterbilden, sind es in Dänemark fast 18 Prozent, in Finnland sogar 19 Prozent.
UniSPIEGEL:
In Deutschland klingt Weiterbildung nach verstaubter Volkshochschule. Warum ist das bei den Skandinaviern anders?
Reding:
Die haben viel flexiblere allgemein bildende Einrichtungen. In Finnland beispielsweise gehört es zur gesellschaftlichen Normalität, dass man mit 50 noch ein Uni-Diplom macht. Die Leute nehmen sich ein Jahr Auszeit von der Arbeit, lernen eine Sprache oder studieren Shakespeare. Niemand wird dort im Betrieb deshalb zurückgesetzt oder schief angesehen. Es ist eine reine Mentalitätsfrage.
UniSPIEGEL:
Warum ist das Thema Weiterbildung so wichtig geworden?
Reding:
Unsere Bevölkerung schrumpft überall in Europa, wir altern alle übermäßig, nicht nur in Skandinavien. Wenn wir es nicht schaffen, die Menschen bis ins hohe Alter hinein arbeits- und gesellschaftsfähig zu halten, bekommen wir noch mehr Probleme mit den Rentensystemen. Arbeiten bis 67 wird zur Schimäre, wenn jemand von seinen Fähigkeiten und Kenntnissen her nicht mehr auf dem neuesten Stand ist.
UniSPIEGEL:
Die Europäer, so fordern Sie, sollen auch in der Bildung mehr Selbstbewusstsein zeigen. In der Realität beobachtet man in den letzten Jahrzehnten jedoch, dass sich Bildung und Forschung immer stärker an den Amerikanern ausrichten. Hat "Old Europe" kein eigenes Bildungsideal mehr?
Reding:
Im Gegenteil. Die EU-Kommission hat kürzlich eine "Liste der Basisfertigkeiten" vorgestellt, die von den besten europäischen Pädagogen aufgestellt wurde. Dazu zählen altersgerechte Standards für Mathematik und Naturwissenschaften, für den Umgang mit neuen Technologien und vor allem die Kenntnis zweier Fremdsprachen. Dieses Ziel ist im vergangenen Jahr beim Gipfel in Barcelona von den europäischen Regierungschefs bestätigt worden.
UniSPIEGEL:
Von denen beherrschen aber nicht wenige allenfalls ihre Muttersprache.
Reding:
Vielleicht haben sie deshalb erkannt, wie wichtig dieses Ziel der Mehrsprachigkeit ist. Was die Konkurrenz zu Amerika angeht, so messen wir uns vor allem im akademischen Bereich. Wir wollen und müssen wieder eine Rolle spielen auf dem Universitätsweltmarkt und deshalb die Besten in "Centers of excellence" zusammenbringen, aber auf europäische Weise.
UniSPIEGEL:
Was heißt das konkret?
Reding:
Wenn sich etwa in Mathematik die europäischen Spitzenuniversitäten zusammenschließen, dann lassen wir unsere Studenten und Professoren auf die Reise gehen. Sie sollen sich dann nicht nur in Mathematik austauschen, sondern auch deutsche Geschichte studieren, wenn sie für sechs Monate nach Berlin kommen. Außerdem wollen wir mit dem Erasmus-Mundus-Programm die Stipendien für Spitzenstudenten und erstklassige Experten aufstocken, um sie nach Europa zu locken und eben nicht nach Amerika ziehen zu lassen.
UniSPIEGEL:
Eine Konkurrenz zu den amerikanischen Fulbright-Stipendien also?
Reding:
Unbedingt. Außerdem brauchen wir auch viel mehr privates Geld an den Universitäten, wenn wir mit den Amerikanern mithalten wollen. Aber in Europa bekommen viele immer noch einen Schreck, wenn die Bildung gemeinsam mit der Privatwirtschaft marschiert. Das ist altes Denken. Es ist in erster Linie eine Frage des Selbstbewusstseins, ob man sich abhängig macht oder nicht. In Amerika gewinnt eine Uni an Renommee mit der Anzahl ihrer Sponsoren. In Europa schämt man sich dafür.
UniSPIEGEL:
Sie sprechen von "europäischen Spitzenunis". Wer zählt dazu?
Reding:
Ach, da kommt es auf mein Urteil gar nicht an. Das wissen die Universitäten schon selbst. Die guten und die weniger guten Hochschulen kennen sich ganz genau.
UniSPIEGEL:
Verstehen wir Sie richtig, die europäische Bildung soll ein Modell für den Rest der Welt werden?
Reding:
Europa war immer ein Zentrum des Geistes. Auf diesem Weltmarkt müssen wir wieder wettbewerbsfähig werden.