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Leben und Lernen

Junge Influencer

"Instagram hat ein Monster kreiert"

Sie sind erfolgreich, bevor sie einen Abschluss haben, berühmt, bevor sie erwachsen sind. Doch wie hoch ist der Preis, den Influencer zahlen?

Entspannt statt verkniffen: Louisa Dellert bloggt heute lieber über Selbstliebe und Nachhaltigkeit.

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Samstag, 14.07.2018   00:00 Uhr

Am Ende wog Louisa nur noch 46 Kilogramm. Über Monate hatte sie kaum gegessen, aber dreimal am Tag Sport getrieben. Sie spürte, wie manchmal die Kräfte in ihrem Körper nachließen. Doch sie zwang sich weiter zum Training. Nur nicht aufgeben. Manchmal fiel sie dabei in Ohnmacht.

Louisa Dellert ignorierte die Warnsignale. Verlor weiter Pfund um Pfund, alles für nur ein Ziel: Anerkennung. Monate vorher hatte sie einen Account bei Instagram angelegt, @louisadellert. Schnell folgten ihr mehrere Zehntausend Menschen.

Heute sagt sie, sie habe sich damals, im Jahr 2014, in einer unsicheren Phase ihres Lebens befunden. Sie fühlte sich unwohl in ihrem Körper, wollte abnehmen. Und die Erfolge bei Instagram teilen. Jeder Like motivierte sie, extremer zu werden. Follower feierten ihren perfekten Sixpack und ihre dürren Beine. "Erschreckenderweise hat das sehr vielen Menschen gefallen", sagt die heute 28-Jährige.

Louisa meint, nicht Instagram allein habe sie in die Essstörung getrieben. Aber die glatt polierte Welt dort hat sie auf jeden Fall befeuert. "Ich habe viel zu spät gemerkt, dass das vollkommen oberflächlich war, was ich da gemacht habe."

Der Weckruf kam schließlich von ihrem Arzt: Louisa habe einen Herzfehler, sagt er. Sie müsse dringend operiert werden. Der Eingriff holte sie aus der aalglatten Netzwelt in die raue Realität. Louisa beschloss, dass es so nicht weitergehen kann. Nach der Operation postete sie keine Extremsportfotos mehr. Sie merkte, wie krankhaft ihr Verhalten gewesen war.

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Trotzdem, so ganz kann und will sie es nicht lassen. Louisa Dellert bloggt noch immer, diesmal über Selbstliebe und Nachhaltigkeit. Sie postet weiterhin Bilder von sich im Bikini - aber ihr Gewicht hat sich normalisiert, das verbissene Grinsen ist verschwunden.

Louisa hätte ihr Influencer-Dasein fast das Leben gekostet. Ihre Geschichte ist extrem - aber zugleich auch symptomatisch für eine Branche, die nach dem Schöner, Hipper, Extravaganter giert, immer auf der Jagd nach neuen Likes und Followern. Ist es nicht naiv, Influencer als die neuen Stars unserer Zeit zu feiern? Wissen sie, was sie da tun?

Auf den ersten Blick sind Influencer die Gewinner unseres Jahrzehnts: Früher mussten junge Menschen erst Schule, Studium oder Ausbildung und etliche Praktika hinter sich bringen, bevor sie selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen konnten. Influencer hingegen haben oft schon Erfolg, bevor sie überhaupt einen Abschluss haben. Sie sind berühmt, bevor sie erwachsen sind. Von außen betrachtet glauben viele, Influencer hätten das perfekte Leben: Sie liegen mit ihrem makellosen Körper an perfekten Stränden, leben in zauberhaft dekorierten Wohnungen, fliegen um die Welt, die nagelneue Designerhandtasche am Handgelenk - und verdienen damit auch noch Geld. Doch im Backstagebereich von Instagram, dem echten Leben, sieht es meist anders aus, als es online scheint.

"Instagram hat ein Monster kreiert"

Mehr als 800 Millionen Menschen nutzen heute das soziale Netzwerk, täglich werden über 80 Millionen Fotos hochgeladen, 3,5 Milliarden Likes verteilt. Ein kurzer Blick in den Feed wirkt wie ein Ausschnitt aus einem 24-Stunden-Werbekanal. Instagram ist eine Selbstinszenierungsmaschine. Oder, wie die italienische Bloggerin Sara Melotti schreibt: "Instagram hat ein Monster kreiert."

Die Fotos zählten nicht mehr, es gehe nur noch um Zahlen. Viele Influencer versuchten alles, um den geheimen Algorithmus auszutricksen. Der Druck, auf der Plattform zu bestehen, sei extrem.

Toni Küssner benutzt Instagram wie ein Fototagebuch. Bis sie mit einem Bild zufrieden ist, macht sie Dutzende Aufnahmen

Solch eine Selbstkritik ist selten. Mit erfolgreichen Instagramern über die Nachteile ihrer Branche zu sprechen ist schwierig. Es würde die Glitzerwelt als Inszenierung entlarven.

Viele Anfragen für ein Interview werden freundlich abgelehnt, manche gar nicht beantwortet. Toni Küssner, 22, und David Renken, 25, sind hingegen bereit, auch über die Schattenseiten ihres Jobs zu reden. Über ihr Leben ohne Filter.

Das Paar spielt nicht in der Topliga der Influencer mit, eher im soliden Mittelfeld. Davids Account @david_rnkn folgen mehr als 152.000 Nutzer. Bei @toni.kuessner sind es 59.000. Ihre Themen: Lifestyle, Mode und Fitness. Ihr Erfolg: komplett selbst geschaffen. Ohne Management im Hintergrund.

"Manchmal komme ich mir vor wie ein Fernsehsender", sagt David. Jeden Tag wollen seine Follower unterhalten werden, für jede Folge muss er sich etwas Neues ausdenken. Immer zu sehen: er selbst. David beim Sightseeing in Barcelona, beim Training im Fitnessstudio, beim Tanzen auf einem Festival. David ist nicht nur Hauptdarsteller, sondern auch Programmdirektor, Redakteur und Regisseur. Außerdem: Model, Fotograf, Bildbearbeiter, Werbefachmann, Autor, Buchhalter.

Und manchmal auch Krisenmanager. Als David, der Kölner, einen Witz über Düsseldorf machte, wurde er wüst beschimpft. "Dem ist man schutzlos ausgesetzt", sagt David. Da helfe einem keiner.

Zwischen alldem bleibt so gut wie keine Zeit, das zu tun, was auf den Kanälen gezeigt wird: lässig auf Mauern rumsitzen oder Cocktails im Gegenlicht schlürfen. Das sind seltene, inszenierte Momentaufnahmen. "Meist hocke ich im Büro, erarbeite Konzepte für Kampagnen, überlege mir neue Schauplätze für Fotoshootings, beantworte Mails oder erstelle Reportings für die Kooperationspartner, damit sie wissen, wie ein Werbebeitrag angekommen ist", sagt David.

Der Influencer, ein Büromensch?

An einem sonnigen Mittag stehen Toni und David vor einem Hotel im Düsseldorfer Medienhafen. Zuerst läuft Toni eine Treppe hoch und runter, hoch und runter. "Super, sehr cool, perfekt", ruft David und schießt Fotos. David ist begeistert, Toni genervt. Sie findet, dass ihre Hose aufträgt.

David Renken hat kurz überlegt, sein Studium zugunsten von Instagram abzubrechen. Jetzt macht er lieber erst mal Pause.

Dann ist David dran. Er schaut sich um, sein Blick fällt auf eine abgesperrte Treppe. "Ich könnte mich da draufstellen", sagt David. "So ein Foto hat bestimmt noch keiner." Toni schüttelt den Kopf. "Das machst du auf keinen Fall, das ist zu gefährlich."

Jedes Bild muss neu, muss besonders sein. Ein guter Filter oder eine ungewöhnliche Perspektive reichen nicht mehr, um sich von der Bilderflut abzuheben. Nach etwa einer halben Stunde ist das Paar fertig. 70 Fotos haben die beiden gemacht, 4 finden sie gut. "So schnell waren wir noch nie", sagt Toni.

Am Nachmittag sitzt David am Laptop und bearbeitet die Fotos. Etwa 20 Minuten braucht er pro Bild. Passen die Farben? Der Kontrast? "Instant" ist an diesen Fotos nichts.

"Du inspirierst mich"

Anfangs, vor etwa drei Jahren, nutzte David seinen Account ausschließlich privat, postete Momentaufnahmen seines Leben. Doch als der Student die ersten Bilder von sich selbst teilte, kommentierten und likten auf einmal Fremde. "Du inspirierst mich", schrieb jemand unter eines seiner Fotos. David fühlte sich geschmeichelt. Er bat einen Freund, Bilder von ihm zu machen. Schnell folgten ihm 5000 Nutzer. Als er die 12.000er-Marke knackte, bekam er die erste Anfrage eines Unternehmens. "Das war eine große Ehre."

Heute wirbt er unter anderem für eine Biermarke und einen Jeanshersteller. Als Werbefläche begreift er sich trotzdem nicht. Schließlich bestimme er selbst, mit wem er zusammenarbeite. Wie viel er mit seinen Posts verdient, möchte er nicht sagen. Doch er kann seine Wohnung, sein Studium und seine Freizeit damit finanzieren. Die erfolgreichsten Influencer verdienen einige Tausend Euro - pro Bild.

Einen Studienabschluss braucht David theoretisch nicht mehr. Es gibt hochdekorierte Akademiker, die mit weniger Geld auskommen müssen. Er habe kurz überlegt, die Uni aufzugeben, sagt David. "Aber wer weiß, wie lange Instagram noch in ist und wann es von der nächsten Plattform abgelöst wird?" Er hat erst mal seinen Master in Technical Management um ein Semester verlängert.

Maja Weyhe hat sich anders entschieden. Sie studierte Theaterwissenschaften in Wien. Jetzt influenct sie nur noch. Sie bereut es nicht. "In meinem Job kann ich alles sein, was ich sein möchte, wann und wie ich es will." Maja sieht sich als Kreative, als Künstlerin, Fotografin, Designerin. Ihr Instagram-Account @majawyh mit 276.000 Followern wirkt wie eine Ausstellung.

Ist das Kunst? Maja Wehye hält ihre Fans auf Distanz. Früher studierte sie Theaterwissenschaften, heute ist Instagram ihr Hauptberuf.

Die 28-Jährige zeigt sich in Designerklamotten, präsentiert ihre Gemälde und Fotos. Sich selbst inszeniert sie als unnahbares Kunstwerk, sie interagiert kaum mit ihren Abonnenten. Auch für ein persönliches Interview mag sie keine Zeit opfern. Man könnte auch sagen: Sie hält eine schützende Distanz.

Toni Küssner dagegen nutzt Instagram wie ein Tagebuch; die vergangenen fünf Jahre ihres Lebens lassen sich fast komplett nachvollziehen. Ihre Follower wissen, dass sie einmal 35 Kilogramm mehr wog und sich in dieser Zeit sehr unwohl fühlte. Wer ihr Ex-Freund war. Dass sie Probleme in ihrem Halbtagsjob als Sekretärin hatte. Und wie sehr sie der Tod ihrer Oma schmerzte. "Ich saß schon heulend vor der Handykamera", sagt Toni. Sie findet es wichtig zu zeigen, dass im Leben nicht immer alles rundläuft.

"Die Beleidigungen waren so schlimm, dass ich weinen musste"

Und ihre Fans wollen genau das: die ungeschminkte, ungefilterte Toni. Ihre persönlichen Posts bekommen besonders viele Kommentare und Herzen. Doch die Aufmerksamkeit aus dem Netz hat einen Preis. Je mehr sich Toni öffnet, umso angreifbarer macht sie sich. "Kürzlich habe ich wieder eine sehr lange Hassnachricht bekommen. Die Beleidigungen waren so schlimm, dass ich weinen musste."

Manche Fans glauben, sie hätten ein Anrecht auf noch mehr Ausschnitte aus Tonis Leben. Als sie und David gerade zusammengefunden hatten, ohne die Instagram-Welt darüber zu informieren, schrieben manche: "Warum machst du uns was vor? Wir wissen, dass du mit David Renken zusammen bist."

Für ihre Fans ist Toni die Heldin einer Daily Soap, die im echten Leben stattfindet. "Manchmal werde ich auf der Straße erkannt", sagt Toni. Die Fremden seien richtig aufgeregt, manche verlören sogar die Fassung. Toni steht dann häufig hilflos vor ihren Anhängern. Sie sagt, sie sei doch nicht Beyoncé. Sondern ein ganz normaler Mensch.

insgesamt 44 Beiträge
ansv 19.08.2018
1. Überschrift
Man verkauft sein Leben in diesem oberflächlichen Business. Bleibt zu hoffen, dass der Preis angemessen ist, denn das ist doch wie früher bei Teeniestars: es kann von jetzt auf gleich vorbei sein. Und wer dann nicht ausgesorgt [...]
Man verkauft sein Leben in diesem oberflächlichen Business. Bleibt zu hoffen, dass der Preis angemessen ist, denn das ist doch wie früher bei Teeniestars: es kann von jetzt auf gleich vorbei sein. Und wer dann nicht ausgesorgt hat, braucht dringend einen Plan B.
abcd63 19.08.2018
2.
Wieder so ein Job den kein Mensch braucht: Influencer. Das sind, sozusagen, die Investmentbanker der Gegenwart, scheffeln Geld und sind eigentlich total überflüssig. Mein Mitleid hält sich auch sehr in Grenzen falls es mal [...]
Wieder so ein Job den kein Mensch braucht: Influencer. Das sind, sozusagen, die Investmentbanker der Gegenwart, scheffeln Geld und sind eigentlich total überflüssig. Mein Mitleid hält sich auch sehr in Grenzen falls es mal nicht so läuft. Hier ein Tipp: einfach Instagram löschen, geht ganz einfach, tut nicht weh und, he, willkommen in der richtigen Welt..
jakobwalter 19.08.2018
3.
Die Influenza Teens beschweren sich, dass sie ja nur ganz normale Menschen sind? wie wäre es dann dieses Geltungsbedürfnis abzustellen das dazu dient nicht mehr normal zu sein? da beisst sich die ganze Geschichte in den schwanz!
Die Influenza Teens beschweren sich, dass sie ja nur ganz normale Menschen sind? wie wäre es dann dieses Geltungsbedürfnis abzustellen das dazu dient nicht mehr normal zu sein? da beisst sich die ganze Geschichte in den schwanz!
dasfred 19.08.2018
4. Es gibt weit schlimmere Jobs
Was auffällt, abgesehen von den wenigen, die panisch auf ihr Gewicht achten, leben die meisten von ihnen eher gesünder als andere Kreative. Sie können sich keinen dicken Kopf oder tiefe Augenringe leisten. Außerdem schult es [...]
Was auffällt, abgesehen von den wenigen, die panisch auf ihr Gewicht achten, leben die meisten von ihnen eher gesünder als andere Kreative. Sie können sich keinen dicken Kopf oder tiefe Augenringe leisten. Außerdem schult es ein gewisses Maß an Selbständigkeit. Wenn ich da an die vielen tausend Schauspieler in Deutschland denke, die hier am Existenzminimum vegetieren, weil sie nur von Job zu Job bezahlt werden, bemühen sich Influencer wenigsten um kontinuierliche Einkünfte und entwickeln dabei eine erstaunliche Professionalität. Natürlich schaffen es nur wenige an die Spitze, aber die anderen lernen wenigstens, sich selbst zu helfen.
Objectives 19.08.2018
5. Narzissmus
Instagram und Co. sind tatsächlich Monster. Sie fressen die Zeit ihrer Nutzer, haben für diese aber keinerlei Mehrwert. Sie gaukeln einem das schöne Leben vor, und sind dabei eiskalt kalkulierte Werbung. Die Influencer opfern [...]
Instagram und Co. sind tatsächlich Monster. Sie fressen die Zeit ihrer Nutzer, haben für diese aber keinerlei Mehrwert. Sie gaukeln einem das schöne Leben vor, und sind dabei eiskalt kalkulierte Werbung. Die Influencer opfern sich dabei bewusst oder unbewusst selbst in ihrer Bling-Bling Welt. Manche von ihnen verdienen viel Geld mit ihrer Schönheit, andere verlieren sich völlig in dieser schönen Scheinwelt. Mit Sicherheit sorgen diese Portale aber dafür, dass die Gesellschaft insgesamt narzisstische und egoistischer wird. Ich halte mich aus solchen Portalen grundsätzlich fern und möchte mit Menschen, die sich dort tag- ein tagaus bewegen, nichts zu tun haben. Schlimmer als die geschilderte Magersucht scheint mir eines anderes Problem zu sein, unter der die genannte Person noch heute zu leiden scheint: Es ist die Sucht/Abhängigkeit von diesen Plattformen. Manche können sich ein leben ohne schon nicht mehr vorstellen. Selbst eine kurze Auszeit von einer Woche würde Entzugserscheinungen hervorrufen. Diese Menschen haben ihr Leben nicht mehr unter Kontrolle. Ein Monster, das viele schwerlich wieder loswerden.

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