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Leben und Lernen

"Casa Ruby" in Washington

Am Rand von Trumps Amerika

Die "Casa Ruby" in Washington bietet Gestrandeten eine Zuflucht: Transgender, HIV-Positive, Obdachlose und Prostituierte. Doch seit Donald Trump regiert, nimmt die Furcht der Bewohner und Helfer zu.

Peter Neitzsch, David Ehl / UNI SPIEGEL
Von
Sonntag, 07.01.2018   09:23 Uhr

Ihr kleiner Luxus leuchtet barbiepink. Marcia streicht über ihre künstlichen Fingernägel, langsam und ein bisschen stolz. Es ist ein Zeichen dafür, dass es aufwärtsgeht mit ihr: Einen Besuch im Nagelstudio hatte sie sich lange nicht leisten können.

Marcia Fowler ist 24 Jahre alt. "Aber es fühlt sich an, als würde mein Leben jetzt erst losgehen", sagt sie. Sie hat große Ziele: will einen Schulabschluss machen, einen Beruf erlernen, eine Wohnung finden. Kurz: ein ganz normales Leben führen, wie es junge Menschen in ihrem Alter oft schon seit Jahren tun.

Sie sitzt auf einem schwarzen Plastikstuhl, der bedenklich wackelt, wenn Marcia sich vorbeugt. Um sie herum: Feldbetten mit Schlafsäcken und Filzdecken, zerschlissen zwar, aber penibel gefaltet. Marcia und ihr Mann CJ sind seit drei Monaten hier zu Hause. "Casa Ruby" haben die Bewohner das zweistöckige Holzhaus in einem der weniger wohlhabenden Wohnviertel am Rande von Washington, D.C., getauft.

Sie haben hier Unterschlupf gefunden, weil sie nicht wussten, wohin sie sonst gehen sollten. Fast alle haben die Erfahrung gemacht, dass die US-amerikanische Gesellschaft keinen Platz für sie hat, weil sie nicht in die allgemeine Vorstellung von "normal" passen - weil sie homo- oder transsexuell sind, sich mit dem HI-Virus infiziert haben, Drogen nahmen oder ihren Körper verkauften. Wer in die "Casa Ruby" kommt, lebte in der Regel monate-, wenn nicht sogar jahrelang auf der Straße. So wie Marcia und CJ.

Marcias Mann ist inzwischen eine Frau

Sie seien da irgendwie so reingerutscht, sagt Marcia. Denn CJ, Marcias Mann, ist eigentlich nicht Marcias Mann - sondern ihre Frau. Lange kämpfte CJ damit, dass er sich fremd fühlte in seinem Körper. Er erzählte Marcia schon davon, als sie sich in der Highschool ineinander verliebten. Vor rund einem Jahr schließlich erfüllte CJ sich seinen Lebenstraum: Er kratzte seine Ersparnisse zusammen, nahm einen Kredit auf - und ließ sich operieren.

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"Casa Ruby": Ein Haus für die Schutzlosen

Was sich für CJ wie eine Befreiung anfühlte, löste ein Familienbeben aus. Eltern und Geschwister verstanden die Entscheidung nicht, konnten sie mit den eigenen Vorstellungen vom Leben nicht vereinbaren. Sie warfen CJ und Marcia hinaus. Sie lebten abwechselnd bei verschiedenen Freunden und landeten schließlich - ohne Job, ohne Ersparnisse - auf der Straße. Sie schliefen in Parks, in Tiefgaragen oder einfach auf den Bürgersteigen der so gepflegten US-Hauptstadt. Sie schlugen sich durch mit "Gelegenheitsjobs", wie Marcia es nennt, manche legal, andere nicht. Was genau die beiden taten, um sich über Wasser zu halten, verrät sie lieber nicht.

"Das war eine schlimme Zeit", sagt Marcia. Sie ringt mit den Tränen, als sie erzählt, den Blick starr auf die pinkfarbenen Fingernägel geheftet. Denn Transgender, mussten sie schmerzlich erfahren, stehen in der Hierarchie der Obdachlosen ganz unten.

Wer am Rande der Gesellschaft steht, ist nicht unbedingt toleranter als die in der Mitte. Das sei eine der wichtigsten Lehren aus dieser Zeit, sagt Marcia. "Auf der Straße kämpft jeder für sich." Immer wieder wird CJ bepöbelt, verprügelt, ausgeraubt. Zu Unterkünften für Obdachlose haben sie oft keinen Zutritt: Zu groß ist die Angst der Verantwortlichen, die Transfrau könnte Anlass zu Streit geben. "Mich hätten sie genommen", sagt Marcia. "Aber lieber schlafe ich auf der Straße, als CJ allein zu lassen."

Eine Perspektive für Gestrandete

Und schließlich, an einem regnerischen Tag im Frühjahr, erzählte ihnen jemand von der "Casa Ruby": einem regenbogenbunten Haus, in dem Menschen Schutz erhalten, die besonders schutzlos sind.

16 Betten reihen sich in den zwei oberen Stockwerken nebeneinander, alle ordentlich gemacht. Dazwischen: Handyladekabel, Handtücher und immer mal wieder ein Schälchen mit Kondomen. Dabei ist Sex zwischen den Bewohnern streng verboten. Selbstgemalte Plakate weisen gut sichtbar darauf hin.

Neben einem Feldbett, Internetzugang und warmen Mahlzeiten finden Gestrandete in der "Casa Ruby" auch eine Perspektive, wie es weitergehen könnte. Denn Gründerin Ruby Jade Corado, selbst eine Transfrau, vermittelt Therapeuten an die, die sich nicht allein helfen können, sie verhandelt mit Behörden um Schulplätze und mit lokalen Firmen um Ausbildungsstellen für die Bewohner ihres Hauses.

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Auch für CJ hat Ruby eine Stelle gefunden, er arbeitet nun stundenweise in einer Bar. Als er sein erstes Gehalt erhielt, nahm er Marcia an die Hand und führte sie in ein Nagelstudio. "40 Dollar haben sie gekostet", haucht Marcia und streicht noch ein bisschen andächtiger über ihre Nägel. Nur zu lang durften sie nicht sein. Denn Marcia hat vor Kurzem eine Ausbildung zur Krankenschwester begonnen.

In die Zuversicht mischt sich Angst

Nun möchte das Paar sich auf die Suche nach einer kleinen Wohnung machen. Zum ersten Mal seit langer Zeit glauben Marcia und CJ wieder, dass der amerikanische Traum auch für sie in Erfüllung gehen könnte.

Und trotzdem mischt sich die Zuversicht immer häufiger mit Angst. Diese Angst hat mit Donald Trump zu tun. Denn seit Trump im Weißen Haus regiert, ist die Luft dünner geworden für Menschen wie sie: die nicht Teil der Leistungsgesellschaft sind, die auf Akzeptanz, Toleranz und Verständnis hoffen. "Das Klima verändert sich", sagt Ruby Jade Corado. Bevor sie die "Casa Ruby" vor acht Jahren gegründet hat, lebte sie selbst eine Weile lang auf der Straße. Mit ihrem Zentrum wollen sie "die Würde der Menschen wiederherstellen", sagt Ruby.

Das allerdings wird immer schwieriger. Der Backstein, der vor einigen Wochen durch die Fensterscheibe im Erdgeschoss in den Aufenthaltsraum flog, war das sichtbarste Zeichen. Ruby erzählt, wie die Bewohner des Hauses auf der Straße beleidigt würden. Für ein Schutzzentrum wie die "Casa Ruby", das sich ausschließlich über Spenden finanziert, ist das keine gute Entwicklung.

Die Gründerin ist sich sicher, dass dies mit der Politik von Donald Trump zu tun hat. Noch im Wahlkampf habe sich der Milliardär immer wieder wohlwollend gegenüber Homo-, Bi- und Intersexuellen geäußert. Doch kaum im Amt, kündigte er einen "Transgender Ban" für die US-Armee an: In Zukunft dürfen keine US-Bürger, die sich zwischen den Geschlechtern bewegen, für ihr Land kämpfen.

Natürlich wolle keiner ihrer Schützlinge in nächster Zeit zur Armee gehen, sagt Ruby. Aber dass sie es nun auch nicht mehr dürften, sei ein Zeichen: "Dass Donald Trump uns nicht als normale Menschen wahrnimmt - was immer normal heißt."

insgesamt 16 Beiträge
aurichter 07.01.2018
1. Schon traurig
wie man MENSCHEN dort behandelt. Dies nur eines von millionen Beispielen, woran man sehen kann was dort zählt - Geld/Vermögen und weisse Haut. Im Prinzip eine Zuckerbrot und Peitsche Politik, wie diese verteilt wird, dies kann [...]
wie man MENSCHEN dort behandelt. Dies nur eines von millionen Beispielen, woran man sehen kann was dort zählt - Geld/Vermögen und weisse Haut. Im Prinzip eine Zuckerbrot und Peitsche Politik, wie diese verteilt wird, dies kann sich jeder selbst ausmalen.
andreass61 07.01.2018
2. System
das System USA sollte uns als negatives Vorbild dienen. Gnadenlose Profitsucht und rücksichtslos gegenüber den schwachen und aussortierten der Gesellschaft. Es ist für uns Deutsche,glücklicherweise, unvorstellbar wie viele [...]
das System USA sollte uns als negatives Vorbild dienen. Gnadenlose Profitsucht und rücksichtslos gegenüber den schwachen und aussortierten der Gesellschaft. Es ist für uns Deutsche,glücklicherweise, unvorstellbar wie viele Amerikaner sich verschulden müssen, um ihre Arztrechnungen bezahlen zu können. Gäbe es nicht die Bereitschaft vieler Amerikaner, sich ehrenamtlich zu betätigen, dann wären die Zustände in vielen Bundesstaaten noch katastrophaler.
glasperlenspieler 07.01.2018
3. Trump Bashing
Das tägliche Trump Bashng im Spiegel wird langsm öde. Die Situation für Schwule, Transgender, Geringqualifizierte, Drogenabhängige usw. war schon vor Trump sehr, sehr schwierig. Man kann nicht der Politik die Schuld geben, [...]
Das tägliche Trump Bashng im Spiegel wird langsm öde. Die Situation für Schwule, Transgender, Geringqualifizierte, Drogenabhängige usw. war schon vor Trump sehr, sehr schwierig. Man kann nicht der Politik die Schuld geben, wenn ein Backstein n die Unterkunft fliegt - dass die Nachbarn von dem Haus und seinen Bewohnern nicht gerade angetan sind, wird viele Gründe haben, einige dürften auch berechtigt sein. Letztlich können es auch Problemfälle, die auf der Straße leben, schaffen, wenn sie sich aufraffen und Hilfe in Anspruch nehmen - die Angebote sind auch in den USA vorhanden.
oxienergie 07.01.2018
4. Fehlende Infos
Mir fehlen hier einige Informationen, um die Situation des Paares nachvollziehen zu können. Was genau haben die beiden denn gearbeitet, bevor der Mann umoperiert wurde? Davon steht nirgends etwas. Und falls sie überhaupt [...]
Mir fehlen hier einige Informationen, um die Situation des Paares nachvollziehen zu können. Was genau haben die beiden denn gearbeitet, bevor der Mann umoperiert wurde? Davon steht nirgends etwas. Und falls sie überhaupt gearbeitet haben, warum haben sie diese Jobs verloren? Vor allem bei ihr hat sich dadurch doch gar nichts verändert. Für mich klingt das so, dass beide schon vorher arbeitslos waren und noch zuhause gewohnt haben. Es ist dann aber auch nicht Trumps schuld, wenn sie von ihren Familien rausgeschmissen werden. Wenn du verheiratet bist, keinen richtigen Job hast, noch zuhause wohnst und dann einen Kredit aufnimmst, für was auch immer, dann ist nicht die Gesellschaft schuld, wenn das schief geht. Ich verstehe bspw. nicht, warum die Frau jetzt erst mit der Ausbildung zur Krankenschwester begonnen hat. Was hat sie denn vorher daran gehindert?
Atheist_Crusader 07.01.2018
5.
Stimmt. Man KANN aber der Politik die Schuld geben wenn das Staatsoberhaupt relgemäßig direkt und öffentlich auf Minderheiten schimpft und mit Extremisten klüngelt - und dadurch zur Normalisierung von Hass, Intoleranz und [...]
Zitat von glasperlenspielerDas tägliche Trump Bashng im Spiegel wird langsm öde. Die Situation für Schwule, Transgender, Geringqualifizierte, Drogenabhängige usw. war schon vor Trump sehr, sehr schwierig. Man kann nicht der Politik die Schuld geben, wenn ein Backstein n die Unterkunft fliegt - dass die Nachbarn von dem Haus und seinen Bewohnern nicht gerade angetan sind, wird viele Gründe haben, einige dürften auch berechtigt sein. Letztlich können es auch Problemfälle, die auf der Straße leben, schaffen, wenn sie sich aufraffen und Hilfe in Anspruch nehmen - die Angebote sind auch in den USA vorhanden.
Stimmt. Man KANN aber der Politik die Schuld geben wenn das Staatsoberhaupt relgemäßig direkt und öffentlich auf Minderheiten schimpft und mit Extremisten klüngelt - und dadurch zur Normalisierung von Hass, Intoleranz und Gewalt beiträgt.

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