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Politik
Ausgabe
40/2017

Einheit

Warum so viele Ostdeutsche nicht im vereinigten Deutschland ankommen

Die DDR ist als Staat erledigt, aber sie lebt weiter als Erzählgemeinschaft und Maßstab. Das erklärt auch den Erfolg der AfD.

picture alliance / Sascha Steina

Blechschild mit Reichsadler: Angst vor dem Neuen

Von
Dienstag, 03.10.2017   07:55 Uhr

Soll man deshalb nun unter Protest das Quartier wechseln? Die Wirtsleute hatten uns so freundlich empfangen, alles gezeigt, hier das Doppelstockbett, und dort draußen den Zapfhahn, bedienen Sie sich, da steht die Kasse des Vertrauens. Und die Fahrräder kommen hinten in den Schuppen.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 40/2017
Die Schulz Story
"Wir sind im freien Fall"

Aber da hingen, was wir wenig später bemerkten, an mehreren Türen metallene Schilder mit dem Reichsadler, schwarz auf weiß, darüber stand: "Deutsches Schutzgebiet". Deutsches Schutzgebiet? Schnell mal ins Internet geschaut, aha, so wurden deutsche Kolonialgebiete einst genannt. Aber was soll das hier? Vor wem soll hier Deutsches geschützt werden? Vor den Polen, auf der anderen Seite der Oder? Vor "dem" Polen? Oder sieht man sich als Bewohner einer Kolonie?

Am 3. Oktober wird wieder die deutsche Einheit gefeiert. Nur: welche? Die AfD hat in den ostdeutschen Ländern bei der Bundestagswahl durchweg rund 20 Prozent der Wählerstimmen gewonnen, in Sachsen wurde sie stärkste Partei. Man liest nun wieder von der gespaltenen Republik, sieht die politische Landkarte nach der Bundestagswahl und ordnet die kleinen Begegnungen einer sommerlichen Tour von Görlitz zur Ostsee ganz neu ein. Warum wuchert das Deutschtum im ostdeutschen "Schutzgebiet"? Und was sind das für Wähler, die heute die Linke und morgen die Rechte wählen? Vor allem: woher diese Angst vor dem Fremden?

Auf der Suche nach Ursachen - nicht nach Rechtfertigung - sind die alten Geschichten wieder im Umlauf, die leider alle stimmen, die man ja selbst bezeugen kann.

Von den Gastarbeitern in der DDR, genannt Vertragsarbeiter, die ihre Freundin in der DDR nicht heiraten durften, von den Sowjetsoldaten, den gefeierten Befreiern, die man nicht nach Hause einladen konnte, von den Dorfdiscos, die in Saalschlachten endeten, weil die Jungs aus dem Nachbardorf die "eigenen" Mädels angemacht hatten.

Aber das ist doch vorbei, lange her, möchte man sich selbst zurufen, eine neue Generation ist da, aufgewachsen in der Demokratie, ohne Mauer, ohne Rotlichtbestrahlung, wie der Staatsbürgerkunde-Unterricht genannt wurde.

Halten wir uns an die eigenen Beobachtungen, an das, was man auf einer Reise an Neiße und Oder entlang zu hören bekommt, an das, was man sieht. Eines fällt schnell auf, ob am Kneipentisch in Görlitz oder im Gartenlokal in Bad Muskau: Das Leben in der DDR ist weiterhin ein großes Thema für die Menschen. Sie sind längst noch nicht fertig mit ihr. Die Leute erzählen sich alte Geschichten oder deren Interpretationen, was nicht in jedem Fall Verklärung bedeuten muss. Über die DDR reden auch jene noch intensiv, die den Staat nicht mochten. Die DDR ist als Staat erledigt, aber sie lebt weiter als Erzählgemeinschaft, als Vergleichsebene, als Maßstab. Die Menschen suchen nach Identifikation mit der eigenen Lebensgeschichte, nach einer Art Friedensschluss mit ihrem Leben in einem Staat, den es nicht mehr gibt. Das ist gar nicht einfach.

Die Wörter "Wir" und "Uns" beziehen sich oft noch auf Erfahrungen in der DDR oder deren Endzeit. In einem Lokal an der Neiße wurde ich Ohrenzeuge eines Gesprächs dreier älterer Männer, die sich über die Zukunft ihrer Söhne Sorgen machten, aber feststellten, dass sie nicht einmal wüssten, was diese verdienten und ob sie Schulden hätten. Solche Geheimniskrämerei ums Geld, so das einhellige Urteil der Alten, hätte es "bei uns" nicht gegeben. Ein seltsamer Staat sei das heute ...

Diese emotionale Bindung zum Leben in der DDR erschwert noch immer die Identifikation mit der Bundesrepublik. Die Floskel von "unserem Staat" wurde in der DDR so oft beschworen, dass sie womöglich auf Generationen gemieden wird. Man sagt eher: "der Staat heute" oder "die jetzt dran sind". Man hält Distanz, man scheut das Bekenntnis, weil man einmal so verdammt falsch gelegen hat. An der Entstehungsgeschichte der Bundesrepublik und der Europäischen Union und dem - wie es so schön heißt - dazugehörigen Diskurs konnte man nicht teilhaben. Die Vorteile des neuen Systems werden natürlich von vielen gesehen, aber als etwas Eigenes, für dessen Bewahrung man verantwortlich ist, wird es von vielen nicht empfunden.

Geht der Besucher durch die Städte Ostdeutschlands, erfreut er sich an den liebevoll sanierten Vierteln, an der vor dem Verfall geretteten Bausubstanz. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Görlitz - ein Wunder! Gepflegte Hotels, Gaststätten, sehr viele freundliche Leute. Wer sich mehr Zeit nimmt, wird allerdings feststellen, dass nicht alle Menschen so strahlen wie die Fassaden der Stadt. Kommt man ins Gespräch mit Einheimischen, merkt man, dass die Begeisterung des Besuchers über den sichtbaren Aufschwung nicht überall gut ankommt. Wahrscheinlich wittern Menschen hinter dem Lob den versteckten Vorhalt, sie hätten die Städte ja erst so verfallen lassen. Der Aufschwung war keiner aus eigener Kraft, Dankbarkeit stellt sich nicht ein, weil sie zu sehr erwartet wird.

Auf dem Weg gen Norden erreichen wir an einem Tag total durchnässt eine Kleinstadt, idyllisch zwischen drei Seen gelegen. Wir haben von unterwegs angerufen, in der Pension für Radtouristen. Nun stehen wir vor einem Sammelsurium giftgrün angepinselter Betonplatten, eine alte LPG muss das sein. Irgendwo meckert eine Ziege durch die Ritze in einer Betonwand, ein riesiger grauer Schornstein reckt sich den Wolken entgegen, und eine Frau mit Damenbart öffnet die Tür. Sie riecht verqualmt, sie redet über das Wetter und - na ja, sie hoffe, dass der Schornstein bald wegkomme, sonst würden die Leute noch denken, hier seien die Juden verbrannt worden. Sie lacht, weil sie meint, einen Scherz gemacht zu haben. Man schweigt betreten und wägt ab: Soll man sich deshalb nun aufregen und wieder raus, bei diesem Wetter? Die Zimmer sind von einer unschlagbaren Hässlichkeit.

Vermutlich hat auch die Trennung von Verantwortung und Eigentum in 40 Jahren DDR Spuren hinterlassen. Die alten DDR-Witze über den Umgang mit dem sogenannten Volkseigentum werden noch immer gern erzählt: "Was in die Aktentasche passt, ist nicht geklaut" oder "Aus unseren Betrieben ist noch einiges herauszuholen". Dieses Gefühl, für den Zustand im eigenen Umfeld nicht oder nur begrenzt verantwortlich zu sein, wurde nach 1990 durch die Welle der Rückübertragungen von Häusern an Menschen im Westen verstärkt; diese Art Häuserkampf wurde emotional ähnlich verarbeitet wie die Enteignungspolitik durch die SED. Das trotzige Motto: Dann sollen die mal dafür sorgen, dass es hier schön wird.

An den Stehtischen oder auf Bahnhöfen trifft man auf Menschen, deren Gesichter verbissen und deren Augen traurig und leer sind. Es sind gereizte, überreizte, aggressive, misstrauische Menschen ohne Gelassenheit. Sie haben immer geschluckt, zuerst das, was der Parteisekretär sagte, dann, was der Chef aus dem Westen sagte. Sie haben gerackert für ihr kleines Glück, die Datsche mit Garten, das Auto. Sie haben sich die Freiheit anders vorgestellt, nicht so kompliziert mit soundso viel Instanzen vor Gericht und mit endlosen Debatten und einem, wie sie finden, Wirrwarr der Zuständigkeiten.

Früher, sagen sie, war das Leben einfacher, vor allem auf dem Dorf. Man ging zum Bürgermeister, wenn man eine Garage bauen wollte. Ein Schnaps, na mach mal. Und heute: Bauantrag, Rechtsweg einhalten, Naturschutzbehörde. Und überall halten Rechtsanwälte die Hände auf und kassieren mit ...

Aber dann kamen die Flüchtlinge. Sie wurden - ganz unbürokratisch - aufgenommen, und die Einheimischen sahen, wie der Sozialstaat die Neuankömmlinge ins Visier nahm, viel Geld für deren Integration bereitstellte. Die Fremden machten ihnen den Betreuungsstatus streitig. Den Satz "Wir schaffen das" empfanden Menschen, die geschafft sind, als Hohn.

Immer wieder reden Experten über den wirtschaftlichen Rückstand des Ostens als Ganzes und den finanziellen des Einzelnen gegenüber dem Durchschnittswestdeutschen. Schwerer als der Rückstand auf dem Konto wiegt jedoch der Rückstand an akkumulierten Erfahrungen, etwa solche, wie aus Millionen Gastarbeitern Mitbürger, Nachbarn oder Freunde wurden.

Schaut man unterwegs in die Lokalzeitungen, fällt auf, dass das Vereinsleben, auch das Angebot der Kirchengemeinden, noch immer recht spärlich ist. Dass mit den Enteignungen in der DDR eine bürgerliche Schicht zerschlagen wurde, wirkt sich bis heute aus, genau wie die gezielte Antikirchenpolitik der SED. Es fehlt an Tradition, an Ritualen, an gesellschaftlicher Mitte, an Kontinuitätsgeschichten, die Halt geben können in unruhigen Zeiten.

Wenn Alexander Gauland davon spricht, man wolle sich "unser Land" zurückholen, dann findet dies im Osten besonders Resonanz. "Unser Land", die DDR, wollten 1990 Intellektuelle vor dem Beitritt zur Bundesrepublik bewahren. Später waren es Gregor Gysi und seine PDS, die sich den früheren DDR-Bürgern als Schutzmacht gegen die Westdeutschen anboten, die den Ossis angeblich mithilfe der Stasi-Überprüfung ihre besten Jobs wegnehmen wollten. Die PDS führte lange Zeit nichts anderes als eine Anti-Überfremdungs-Kampagne zum Erhalt des "Ostdeutschtums". Aber sie konnte die Erwartungen nicht einlösen. Nun verspricht die AfD ein ostdeutsches Schutzgebiet gegen die nächste angebliche Überfremdung.

Spricht man mit Menschen auf dem Land oder in Kleinstädten, so spürt man förmlich die Angst vor dem Neuen, vor allem dem Religiösen, das ihnen unheimlich vorkommt. Sie kennen kaum Christen, sie halten den Atheismus für eine Errungenschaft und lehnen meist den gewöhnlichen Religionsunterricht ab. Und nun Muslime? Sie haben Angst, sie müssten sich mehr an die Fremden anpassen als diese sich an sie. Sie wollen ein ostdeutsches Schutzgebiet. Sie schaffen sich einen Deutschen Schäferhund an, sie holen sich vom Polenmarkt auf der anderen Seite einen Elektrozaun. Wenn andere Grenzen öffnen, dann machen sie wenigstens ihre dicht.

Die Vorstellung, im sogenannten Freistaat Sachsen würde die AfD mitregieren, erscheint nach diesem 24. September keineswegs abwegig. Es ist paradox: Diejenigen, die Flüchtlinge mit harten Worten zu Integration und Anpassung zwingen wollen, sind auf dem Weg zur Selbst-Desintegration aus dem Konsens der liberalen Gesellschaft. Und man kann schon fragen: Sind das Abgehängte, oder hängen sie sich bewusst selbst ab?

Nach der Radtour traf ich einen alten Bekannten. Ich schwärmte von dem gut ausgebauten Radweg an Oder und Neiße. Er sagte: Na, da haben die da oben ja mal ausnahmsweise was Vernünftiges hinbekommen.

insgesamt 1 Beitrag
travelfox42 09.10.2017
1. Atheismus
"Sie kennen kaum Christen, sie halten den Atheismus für eine Errungenschaft und lehnen meist den gewöhnlichen Religionsunterricht ab. " Ja, Atheismus ist eine Errungenschaft. Jahrhundertelang konnte der Mensch sich [...]
"Sie kennen kaum Christen, sie halten den Atheismus für eine Errungenschaft und lehnen meist den gewöhnlichen Religionsunterricht ab. " Ja, Atheismus ist eine Errungenschaft. Jahrhundertelang konnte der Mensch sich die Dinge der Welt nicht erklären und erfand dann eben mystische Religionen. Heute ist alles rational erklärbar und Religionen sind nicht mehr notwendig. Als Teil der kulturellen Folklore kann man sie beibehalten (muss man aber nicht), aber es ist alles abzulehnen, was aus einer Religion mehr machen will. Strikte Trennung von Staat und Religion ist notwendig. Also braucht es auch keinen Religionsunterricht mehr, sondern vielmehr einen aufgeklärten Philosophieunterricht.

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