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Politik
Ausgabe
51/2017

Alltag von Juden in Deutschland

"Es ist normal geworden, dass ein hebräischsprechender Mann in der U-Bahn von Arabern verprügelt wird"

Viele deutsche Juden fühlen sich nicht mehr sicher. "Die Einschläge kommen näher", schreibt unser Gastautor, und berichtet, was muslimischer Hass in seinem Alltag bedeutet.

Marco Limberg / DER SPIEGEL

Publizist Engel: Von Sicherheit kann keine Rede mehr sein

Von
Dienstag, 19.12.2017   11:45 Uhr

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion, im Frühjahr 1979, nach langen Diskussionen und intensivem Abwägen der Gefahren, fasste die Familie meiner Mutter einen Entschluss. Wie ihre Vorfahren rund 500 Jahre zuvor, die während der Reconquista von den Christen aus Spanien vertrieben wurden und in Persien eine neue Heimat fanden, packten nun auch sie ihre Koffer und flüchteten.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 51/2017
Wunsch: Kind
Wenn die Sehnsucht nach einem Baby zum Drama wird

Für Juden war Iran kein guter Ort mehr. Die Massen hatten gerade den Schah gestürzt und die Mullahs die Macht übernommen. Nach der Revolution wurde das Vermögen von Juden konfisziert, und Sympathiebekundungen mit Israel hätten ihren Tod bedeuten können. Islamisten liefen durch die Straßen von Teheran. Sie skandierten: "Erinnert euch an Chaibar, Chaibar, Juden! Mohammeds Armee kehrt zurück!"

Chaibar war der islamischen Überlieferung nach eine von Juden besiedelte Oase auf dem Gebiet des heutigen Saudi-Arabien, die im Jahr 628 durch einen Feldzug Mohammeds erobert wurde. Nachdem die Bewohner mit den Muslimen einen Vertrag geschlossen hatten, mussten sie als Schutzgeld die Hälfte ihrer Erträge abgeben.

Solche Schlachtrufe waren in Iran kein ganz neues Phänomen. Schon während der Nazizeit wurde meinem Groß- und Urgroßvater wie vielen anderen jüdischen Iranern vor der Synagoge mit den Worten gedroht: "Wartet nur ab, bis Hitler es bis zu uns schafft. Dann knüpfen wir euch Juden auf!"

Seit 1979 also lebt unsere Familie in alle Himmelsrichtungen zerstreut: in Israel, den USA und eben auch in Deutschland. "Alman! Alman!", schwärmte ein Onkel vor der Flucht, als wäre es das Gelobte Land. "Die Deutschen haben aus dem Holocaust gelernt. Dort sind wir sicher."

Ja, hier waren wir sicher. Doch vor einiger Zeit ist etwas ins Wanken geraten. Etwas Fundamentales hat sich geändert. Bislang galt in der Bundesrepublik das Selbstverständnis, dass jüdisches Leben sicher sei. Dieses Versprechen wird von der Politik bei jedem Gedenktag mantraartig wiederholt, nur kann von Sicherheit keine Rede mehr sein. Die Einschläge kommen näher.

Sprechen wir es in aller Deutlichkeit aus: Die muslimische Gemeinschaft hat ein massives Problem mit Judenhass in den eigenen Reihen. Waren es jahrzehntelang vornehmlich Neonazis, die eine Gefahr für Juden darstellten, sind es nun auch arabisch- und türkischstämmige Migranten.

Hysterie? Alarmismus? Mitnichten. Für die Mehrheitsgesellschaft mögen die judenfeindlichen Exzesse von muslimischen Migranten im Nachgang von Trumps Jerusalem-Entscheidung überraschend gewesen sein. Für uns Juden gehören solche Kundgebungen schon seit einiger Zeit zum Alltag.

DPA

Chanukka-Leuchter vor dem Brandenburger Tor

Es ist leider ganz normal für Juden in vielen Städten Deutschlands geworden, in der Öffentlichkeit keine Kippa mehr zu tragen. Es ist ganz normal geworden, in Berlin von Neukölln über Kreuzberg bis Wedding nicht laut Hebräisch zu sprechen. Es ist ganz normal geworden, dass arabischstämmige Fußballer meinen Mitspielern und mir bei Spielen unseres jüdischen Fußballvereins Makkabi "Ich stech euch scheiß Juden ab!" entgegenschleudern. Es ist ganz normal geworden, dass jüdische Schüler so lange von muslimischen Mitschülern gemobbt werden, bis sie auf eine Privatschule gehen müssen.

Es ist ganz normal geworden, beim Chanukkafest den achtarmigen Leuchter anders als üblich nicht vors Fenster zu stellen, wo ihn jeder sehen kann. Es ist ganz normal geworden, seinem Kind - für alle Fälle - auch einen nicht jüdischen Vornamen zu geben. Es ist ganz normal geworden, dass palästinensische Jugendliche mit Molotowcocktails einen Brandanschlag auf eine Synagoge verüben. Es ist ganz normal geworden, dass ein hebräischsprechender Mann in der U-Bahn von Arabern verprügelt wird. Es ist ganz normal geworden, dass mitten in Berlin auf dem Ku'damm Horden arabisch- und türkischstämmiger Deutscher "Juden ins Gas!" und "Jude, Jude, feiges Schwein. Komm heraus und kämpf allein" brüllen - und die Polizei tatenlos danebensteht.

Als am Freitagabend vergangener Woche 1200 propalästinensische Demonstranten vor dem Brandenburger Tor standen, eine symbolische Fahne mit Davidstern verbrannten und Flaggen der Terrororganisationen Hamas und Hisbollah in die Höhe hielten, hatte ich zufällig in der Gegend zu tun. Ich schaute mir die Proteste aus der Entfernung an.

Eine Zeile, die immer wieder skandiert wurde, kam mir in beängstigender Art und Weise besonders vertraut vor. Zuerst verstand ich den Gesang nicht genau. Ein junger Mann mit Palästinenserschal, der ebenfalls am Rande der Kundgebung stand, konnte Auskunft geben.

"Sie rufen 'Chaibar, Chaibar, Juden! Mohammeds Armee kehrt zurück!'", sagte er freundlich. Es war der gleiche Gesang, den die Islamisten 1979 nach der Revolution skandiert hatten. Es ist, als hätte der Antisemitismus aus der alten Heimat uns eingeholt.

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