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Wirtschaft
Ausgabe
2/2018

Primark, Zara, H&M

So irrsinnig ist das Geschäft mit der Wegwerfmode

Die Textilindustrie predigt Nachhaltigkeit und fördert Recyclingprojekte. Doch in Wahrheit wechselt sie jeden Monat die Kollektion. Muss sich der Verbraucher schämen?

Alexander Koerner/ Getty Images

Grüne Modenschau in Berlin im Januar 2017: "Primark-Klamotten müssen so geächtet sein wie Käfigeier"

Von , und
Dienstag, 09.01.2018   02:24 Uhr

In einer Halle in Südindien näht eine Frau europäischen Kunden ein gutes Gewissen. Sie streicht über den Stoff, führt ihn die Nadel entlang und reicht ihn weiter. Eine zweite Arbeiterin näht den linken Ärmel an, eine dritte den rechten.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 2/2018
Frauen, Männer und alles andere
Geschlechterrollen und Sexualität 2018

Dann folgt der Saum. So geht es viele Male; und als es um halb elf zur Pause läutet und die mehr als hundert Nähmaschinen zum Stehen kommen, da klingt es, als verschnaufte ein gewaltiges Tier.

In den Hallen dieser Textilfabrik im indischen Tiruppur entsteht im Auftrag der Firma C&A ein T-Shirt, das äußerlich wenig auffällt. Und doch ist es etwas Besonderes. "Unser T-Shirt ist so natürlich wie das Blatt eines Baumes", sagt Philomena John, eine Frau mit kurzen Haaren und einer Sprache wie aus dem Poesiealbum.

John leitet Cotton Blossom, einen Zulieferer, der für C&A ein vollständig kreislauffähiges T-Shirt herstellt. Die Idee: Das Shirt ist so gefertigt, dass es sich innerhalb weniger Wochen auf einem Komposthaufen komplett zersetzen würde, ohne Schadstoffe zu hinterlassen.

Dahinter steht ein eigentlich einfacher Gedanke: Was der Natur entnommen wird, soll ihr zurückgegeben werden. "Früher gab es Winter- und Sommermode, heute wechselt die Mode jeden Monat", sagt John, und sie fragt: "Muss das sein?"

Es ist ein bemerkenswerter Satz von einer Frau, die für eine Industrie arbeitet, die damit reich geworden ist, möglichst schnell möglichst viele Klamotten zu verkaufen, und das möglichst billig.

Jeder Deutsche kauft im Jahr durchschnittlich 60 Kleidungsstücke. Sie stammen aus Fabriken in aller Welt, auch aus Tiruppur im Bundesstaat Tamil Nadu. Hier lassen Gap, Adidas, Nike, H&M oder eben auch C&A produzieren.

Je mehr Kleidungsstücke die Menschen in Europa kaufen, so könnte man meinen, desto besser ist es für diese Stadt. Mehr als eine halbe Million Menschen schuften hier für die Textilindustrie. Sie bringt Arbeit mit sich und für manche Wohlstand; aber auch einen Fluss, der de facto tot ist. Das Grundwasser ist so verseucht, dass Bauern sich fürchten, Gemüse anzubauen.

Tiruppur war lange die Ausgeburt eines Wirtschaftssystems, das in erster Linie auf Wachstum setzt, ohne Rücksicht auf Mensch und Natur. Philomena John will das ändern. Und sie ist nicht die Einzige.

Nachhaltigkeit liegt im Trend. Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet die Textilindustrie das Thema propagiert. Strumpfhosen aus alten Fischernetzen und Abendkleider aus wiederverwerteten PET-Flaschen - solche Kollektionen lassen sich gut in Werbespots und Pressemitteilungen vermarkten.

Bei H&M heißt die Linie für Weltverbesserer "Conscious" - "bewusst". C&A ist inzwischen der weltweit größte Anbieter von Textilien aus Biobaumwolle. Tchibo, aber auch Aldi, Lidl, Rewe und andere Händler haben sich auf Druck von Greenpeace verpflichtet, bis zum Jahr 2020 nur noch Textilien ohne umwelt- oder gesundheitsschädliche Chemikalien anzubieten. "Alle Entscheidungen, die wir treffen, fällen wir unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit", erklärt Pablo Isla, Chef des weltgrößten Modekonzerns Inditex, zu dem unter anderem Zara gehört. Und auch Karl-Johan Persson, CEO von H&M, spart nicht mit Ankündigungen. "Wir müssen die Art und Weise, wie Mode gemacht wird, verändern", sagt er, "und wir müssen es in großem Maßstab tun."

Kreislaufwirtschaft heißt die Zukunftsvision der Branche, in ihrer besten Form "Cradle-to-Cradle" (von der Wiege zur Wiege), kurz C2C, genannt. Gemeint ist ein Wirtschaftssystem, in dem alle Produkte am Ende ihrer Lebenszeit in etwas Neues, Gleichwertiges verwandelt werden - anders als bei der heutigen linearen Wirtschaft, in der die meisten Produkte wenig benutzt und dann weggeworfen werden.

Doch kann man den Beteuerungen der Konzernchefs Glauben schenken? Was davon ist ernsthafter Überzeugung geschuldet - und was nur gewiefte Grünfärberei?

Mit der Glaubwürdigkeit der Textilhäuser steht es nicht zum Besten. Die großen Akteure im Modezirkus haben sich bislang auf ihre Rolle als Händler zurückgezogen. Sie haben die Produktion ausgelagert - und die Verantwortung gleich mit. Das Motto der Branche lautet seit Jahren: Immer mehr, immer öfter - und das immer billiger. Dem Wachstum wurde alles untergeordnet. So weit der Status quo.

Doch wirklichen Wandel muss man wollen. Bislang steckt hinter den Marketingsprüchen wenig Substanz. Zumindest wenn man sich die Zahlen ansieht, fällt es schwer, den frommen Phrasen der Branche Glauben zu schenken.

Die weltweite Textilproduktion hat sich zwischen 2000 und 2015 verdoppelt, Kleidung ist längst zu einem Wegwerfartikel geworden. Derzeit werden jährlich mehr als hundert Milliarden Kleidungsstücke hergestellt - das sind mehr, als alle Menschen auf diesem Planeten jemals auftragen können.

Treiber ist die sogenannte Fast-Fashion-Industrie: Hersteller und Händler, die auf schnelle Kollektionswechsel setzen - bei Marktführern wie Zara und H&M bis zu 24-mal im Jahr. Die Bekleidungsindustrie setzte zuletzt weltweit zwei Billionen Euro im Jahr um. Experten rechnen mit einer Verdoppelung in der nächsten Dekade. Längst hat sich die Generation der "Smart Shopper" an die Schnelllebigkeit der Trends gewöhnt.

Dieser ungebremste Konsum hat verheerende ökologische und soziale Folgen. Die Textilindustrie ist ein Ressourcenfresser, sie benötigt gewaltige Mengen an Wasser, Chemikalien und Energie. Der Baumwollanbau für ein einziges T-Shirt verschlingt zum Beispiel bis zu 2000 Liter Wasser.

In textilverarbeitenden Ländern wie Bangladesch oder Pakistan sinkt der Grundwasserspiegel seit Längerem. Die Trinkwasserversorgung und die Landwirtschaft in diesen Regionen sind bedroht. Obschon Baumwolle nur auf 2,4 Prozent des globalen Ackerlands angebaut wird, stehe sie für 24 Prozent der weltweit versprühten Insektizide und 11 Prozent der verkauften Pestizide, sagt der WWF. Die Herstellung der Billigkleider findet deshalb vor allem in Ländern statt, in denen Umweltgesetze lax und Arbeitsbedingungen prekär sind. Die Branche mit den schönen Hochglanzfotos zählt zu den dreckigsten der Welt. US-Designerin Eileen Fisher hat die Modeindustrie "den zweitgrößten Umweltverschmutzer nach der Ölindustrie" genannt.

"Die Fast-Fashion-Industrie erzeugt eine große Illusion", sagt Kirsten Brodde von Greenpeace. "Das aktuelle Konzept ist kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell." Mit den Preisen ist auch der eigentliche Wert von Bekleidung ins Bodenlose gefallen. "Früher hatten Mode und das Design einen Wert an sich", so Brodde, "heute fehlt es an Respekt für das Material und die Ressourcen, aus denen unsere Kleidung gewonnen wird." Von der "Handarbeit" dahinter ganz zu schweigen.

Die Greenpeace-Aktivistin fordert nicht weniger als den Umbau der gesamten Branche, "es geht um das ethische Konzept hinter der Wegwerfmode", sagt sie.

Doch ein solcher Wandel wäre ein langwieriger, komplizierter Prozess. Nötig wären ein komplettes Umdenken der Firmen, eine Neuaufstellung der gesamten Wertschöpfungskette. Und das würde teuer werden.

Die Frage ist deshalb, wie ernst es den Modegiganten mit der Wohltätigkeit wirklich ist und ob die großen Unternehmen, die das Problem verursacht haben, auch Teil der Lösung sein können.

Philomena John wacht wie ein Kapitän auf der Brücke über das Treiben. Unter ihr liegt die Färberei, groß wie ein Flugzeughangar. Es riecht nach Chemie. In einer riesigen Trommel werden 250 Kilogramm Stoff gewälzt. Um die acht Stunden wird die Baumwolle eingefärbt. Dann ziehen Arbeiter lange Bahnen heraus, in Brillantrot und Scubablau.

John und zwei ihrer Brüder leiten Cotton Blossom. Vor 20 Jahren fingen sie mit 40 Arbeitern und 24 Nähmaschinen an. Heute besitzt die Familie eine Spinnerei und zehn Textilfabriken.

Über die Jahre hat John gesehen, wie sich der Preis für ein T-Shirt mehr als halbiert hat und wie Firmen abgewandert sind, weil die Produktion in Kambodscha, Bangladesch und Vietnam noch billiger war. Manchmal ging es um Centbeträge.

Wer gegen diese brutale Konkurrenz bestehen will, das haben die Johns verstanden, für den gibt es nur zwei Wege. Entweder: immer billiger. Oder: irgendwie anders.

Cotton Blossom stellt 80 Prozent seiner Kleidung aus Biobaumwolle her, drei Windräder versorgen die Fabriken mit Strom. Eine Wiederaufbereitungsanlage filtert das Wasser zu 95 Prozent zurück in die Anlage. Das Produkt ist ein Premiumprodukt, zugeschnitten auf eine Minderheit konsumbewusster Kunden. Ein gutes Gewissen gegen einen kleinen Aufpreis. Am Anfang interessierte sich kaum einer der großen Kunden dafür. "Die wollten billig", sagt John. Und heute? "Wollen sie grün. Und billig."

Beides zusammen wird auf Dauer nicht gehen. Aber die Entwicklung von Cotton Blossom zeigt, was grundsätzlich möglich ist, wenn der Druck vonseiten der Auftraggeber groß genug ist.

Laura Höflinger/ DER SPIEGEL

Näherinnen für C&A im indischen Tiruppur: "Die Kunden heute wollen grün – und billig"

C&A bekommt am Ende ein T-Shirt geliefert, das nicht anders aussieht, aber in der Herstellung dreimal so viel kostet wie eines aus herkömmlicher Produktion. Im Laden ist es trotzdem für sieben bis neun Euro zu haben. Für die Firma, die jährlich mehrere Hundert Millionen Kleidungsstücke verkauft, ist das Kreislauf-Shirt ein erster Schritt in ein neues Textiluniversum. "Wir wissen, dass wir die Welt nicht von heute auf morgen ändern werden und schon gar nicht das Einkaufsverhalten der Konsumenten", sagt Jeffrey Hogue, der bei C&A für das Thema Nachhaltigkeit verantwortlich ist. Für C&A sei das jedoch nicht nur ein Pilotprojekt: "Wir sehen das als langfristige Investition."

Als Nächstes will Hogue auch kompliziertere Textilien wie Nachtwäsche und Babybodys nach dem C2C-Standard fertigen lassen.

Doch es reicht nicht, wenn die Konzerne ihre Kollektionen Shirt für Shirt, Hose für Hose auf eine nachhaltige Produktionsweise umstellen. Das sei natürlich ein erster Schritt, sagt die Greenpeace-Expertin Brodde, "aber auf die Masse der Produktion gesehen ist das reine Augenwischerei". Von einer ernsthaften Kreislaufwirtschaft sei die Modebranche so weit entfernt wie McDonald's von einem Biohof.

"Bei dem aktuellen Tempo würde eine Umstellung auf nachhaltige Mode noch Jahrzehnte dauern", sagt Brodde, "und es kann nicht die Lösung sein, in der Zukunft hundert Milliarden fair produzierte Kleidungsstücke auf den Markt zu werfen."

Bislang verweigert sich die Modeindustrie jedoch vehement einer notwendigen Debatte über die materielle und emotionale Haltbarkeit von Kleidung. Statt "weniger ist mehr" zu propagieren und die Produktion zu drosseln, setzen gerade die Fast-Fashion-Häuser auf eine neue Scharade: Sie stellen Sammelboxen für Altkleider auf - und versuchen mit dem Thema Recycling vom eigentlichen Problem des Überflusses abzulenken.

Besonders perfide wirbt H&M für sein Altkleiderengagement: Wer seine aussortierten Klamotten bei den Schweden abliefert, wird mit Einkaufsgutscheinen belohnt. Auf dass die Nachfrage nach neuem Stoff ja nicht ins Stocken gerät.

Fast 16.000 Tonnen Kleidung hat H&M auf diese Weise allein 2016 eingesammelt. Bis 2030 will das Unternehmen nur noch recycelte Materialien verwenden. Wie weit dieser fromme Wunsch von der Wirklichkeit entfernt ist, wird allerdings bei einem Blick in den aktuellen Nachhaltigkeitsreport deutlich: Demnach betrug 2016 der Recyclinganteil der eingesetzten Materialien gerade mal 0,7 Prozent.

"Natürlich stehen wir erst am Anfang", räumt Cecilia Strömblad Brännsten ein, innerhalb der H&M-Gruppe für Umwelt und Kreislaufwirtschaft zuständig, "aber wir glauben, dass Recycling auf lange Sicht einen essenziellen Beitrag leisten kann."

In Deutschland verfangen die Recyclingkampagnen von H&M, aber auch von Ketten wie New Yorker oder Mango besonders gut. Die Bundesbürger sind Weltmeister im Altkleidersammeln, im Land des Dosenpfands setzt die Altkleiderbranche Schätzungen zufolge jährlich bis zu 800 Millionen Euro um.

Nur ein geringer Teil der Kleidung kann jedoch im wahren Sinne des Wortes "wiederverwertet" werden, weltweit enden mehr als 70 Prozent der produzierten Kleider auf der Deponie. In der "Pulse of the Fashion Industry"-Studie geht die Unternehmensberatung Boston Consulting Group von 148 Millionen Tonnen Modemüll im Jahr 2030 aus - ein Plus von 62 Prozent zum Jahr 2015. Denn besonders bei der Discountmode gilt: Was heute Trend ist, ist morgen Müll.

"Beim Thema Recycling besteht eine besonders hohe Greenwashing-Gefahr", sagt Meike Gebhard, Gründerin der Verbraucherplattform Utopia. Die Konsumenten glaubten ja wirklich, "dass sie etwas Gutes tun, wenn sie ihre alten Kleider im Laden zurückgeben". Was danach wirklich mit den Klamotten passiere, davon hätten die meisten gar keine Ahnung.

Axel Buchholz, Geschäftsführer des Textilrecycling-Dienstleisters I:Collect, lebt gut von dieser Unwissenheit. Seitdem Kleidung wie Einwegware konsumiert wird, herrscht in der Recyclingbranche Goldgräberstimmung. In Deutschland wird rund eine Million Tonnen Altkleider pro Jahr gesammelt. Ein Riesenmarkt für Firmen wie I:Collect.

Matthias Luedecke

Textilien bei der Firma Soex in Wolfen: Altkleider für die ganze Welt

Die Motive des Handels liegen für Buchholz auf der Hand. "Wenn der Bedarf an Textilien weiter steigt, werden die Ressourcen knapp", sagt er. "Ohne Recycling werden die Firmen ihr bisheriges Geschäftsmodell nicht weiterführen können."

I:Collect arbeitet mit Firmen wie H&M, C&A, Levi's, Forever 21 und Adler zusammen. Die Firma organisiert die Altkleidersammlung direkt in den Filialen der Handelsketten. Viele der Kleider gelangen per Lkw ins sächsische Wolfen bei Leipzig.

25 bis 30 Lastwagen mit insgesamt rund 300 Tonnen Altkleidung rollen täglich auf das Gelände. Dort stehen die riesigen Hallen der Firma Soex, Deutschlands größtem Textilrecycler.

Ein Heer von Arbeiterinnen trennt zuerst noch Tragbares von Recyclingware. Die beste Qualität, "Creme" genannt, wird in Deutschland wiederverkauft, etwa in Läden wie Picknweight, in denen Altkleider Vintagemode heißen und nach Gewicht verkauft werden.

Das meiste jedoch, 57 Prozent, exportiert Soex weltweit in etwa 80 Länder. Der Handel mit Alttextilien hat in vielen Zielländern jede heimische Textilproduktion zum Erliegen gebracht, manche Staaten haben bereits Importverbote verhängt.

Nur ein gutes Drittel der eingesammelten Kleider kann Soex wirklich recyceln. Aber das sieht anders aus, als sich das viele Konsumenten vorstellen: In der Reißerei, zerfetzen dröhnende Maschinen die Kleider in immer kleinere Stücke, bis nur noch Fasern übrig sind, die zu Malervlies oder Dämmstoff verarbeitet werden.

Downcycling nennen das Experten, weil aus den Klamotten nicht etwa neue Kleidung oder Gleichwertiges entsteht, sondern minderwertige Ware für die Bau- oder Automobilindustrie. Danach landet der geschredderte Textilabfall endgültig auf der Müllkippe.

Aus Sicht von Umweltschützern ist das der GAU. Denn heute enthalten rund 60 Prozent unserer Kleidung Polyester. Das Plastikgarn ist billig in der Herstellung (ein Dollar das Kilo) und damit Treibstoff der Fast-Fashion-Industrie (SPIEGEL 8/2017).

Seit dem Aufstieg der Billigketten ist der Polyesterverbrauch regelrecht explodiert. Doch ähnlich wie eine Plastiktüte ist Polyester nicht totzukriegen. Er lagert sich in Form von Mikropartikeln in Flüssen, Seen und Meeren ab. Auf den Deponien verrottet ein pflegeleichtes Sportshirt erst nach gut 500 Jahren.

Die Werbung der Modeketten für ihre Recyclingprojekte hält Monika Griefahn daher für "billige Verbrauchertäuschung". Die Vorsitzende des deutschen Cradle-to-Cradle-Vereins glaubt, dass sich die Modeindustrie erst radikal verändern wird, wenn die Konsumenten hierzulande ihre Macht ausspielen.

Agata Szymanska-Medina / DER SPIEGEL

Designer Pletzinger in seinem Berliner Atelier: Bewusster Konsum statt Verzicht

Ihr Verein gewinnt derzeit besonders viele junge Mitglieder - die Generation der Millennials, sagt Griefahn, wolle mit ihrem Konsum etwas verändern: "Auf diese anspruchsvollen, aufgeklärten Konsumenten werden auch die Fast-Fashion-Ketten reagieren müssen, und natürlich ist auch die Politik in der Pflicht."

Lange konnte sich die Industrie auf den Standpunkt zurückziehen, dass es nicht ihre Aufgabe sei, die Kunden zu erziehen. Doch das Argument hat sich überlebt, spätestens seit die Selbstreflexion der Modekäufer nachweislich steigt.

Einer Greenpeace-Studie zufolge geben gut 60 Prozent der Frauen zwischen 18 und 40 Jahre an, mehr Kleider zu besitzen, als sie wirklich brauchen. Rund die Hälfte beginnt, beim Shoppen verstärkt auf nachhaltige Kriterien zu achten. Mit dem Alter und den finanziellen Mitteln wächst auch das schlechte Gewissen. Gerade handelte sich H&M einen internationalen Shitstorm ein, weil ein TV-Sender aufgedeckt hatte, dass der schwedische Konzern allein in Dänemark jährlich gut zwölf Tonnen unverkaufte Kleidung verbrennt.

Die Kunden sind längst weiter, als die Industrie glaubt. "Die Zeit ist reif für eine Slow-Fashion-Bewegung", findet Utopia-Gründerin Gebhard, "es geht nicht um generellen Verzicht, sondern um bewussten Konsum." Ganz so, wie es heute beim Thema Fleisch schon viele halten.

In der Tat drängt sich der Vergleich mit der Lebensmittelbranche auf. Die Geiz-ist-geil-Phase brachte XXL-Schnitzel zum Dauertiefpreis und All-you-can-eat-Buffets. Inzwischen gibt es Bioäpfel in jedem Discounter. Deutschland hat sich so zum größten Markt für Biolebensmittel in Europa entwickelt. Warum sollte das nicht auch bei Kleidung funktionieren?

"Eine entsprechende Entwicklung bei der Mode ist überfällig", findet auch Kerstin Brodde von Greenpeace. "Primark-Klamotten müssen einfach irgendwann so geächtet sein wie Käfigeier."

Wie eine neue Modewelt aussieht, die Konsumenten unterstützen können, lässt sich in Berlin-Neukölln beobachten, an einem Tag Anfang Dezember. Eine Handvoll Modebegeisterte hat sich für einen Spaziergang durch Berlins Hipsterviertel angemeldet. Drei Stunden lang geht es durch schicke Boutiquen und Designstudios.

Der Bummel heißt Green Fashion Tour und wird vom Verein Future Fashion Forward veranstaltet, einem Bündnis für nachhaltige Textilien. Vor allem in Berlin, der grünen Modehauptstadt Deutschlands, wächst das Interesse an fair gefertigten Kleidungsstücken. Alljährlich findet während der Modewoche im Januar die Ethical Fashion Show statt, im April folgt dann die Fashion Revolution Week.

"Das deutsche Publikum ist bereit für den Wandel", glaubt die Modedesignerin Arianna Nicoletti, eine der Gründerinnen von Future Fashion Forward. "In Berlin gibt es eine Vielzahl von Designern, die nachhaltig arbeiten", sagt sie. Nichts erinnert in den Läden der jungen Modewilden mehr an ausgeleierte Wollpullis aus kratziger Jute. Auf gewienerten Altbauparkettböden stehen aufgemöbelte Omasofas, junge Designerinnen sitzen an Vintagenähmaschinen. Dienstsprache ist Englisch, die Kundschaft international.

Im Video: Wie aus Textilmüll neue Kleidung entsteht

Foto: Agata Szymanska-Medina / DER SPIEGEL

Wie bei Pletzinger in Berlin-Mitte: Der Designer, Vorname Wilfried, hat sich auf "Upcycling"-Mode spezialisiert. Aus alten Trainingshosen, die er auf Ebay oder auf dem Flohmarkt findet, näht Pletzinger Damenkleider, aus gebrauchten Eishockeytrikots neue Hosen.

Es entstehen Unikate in grellen Farben, gespickt mit bunten Sportlogos, hochpreisig noch dazu. Dem Designer ist selbst das wichtig: "Solche Preise zu zahlen hat auch etwas mit Wertschätzung zu tun", sagt er.

Die Krux der Berliner Moderevoluzzer ist jedoch, dass ihre Modelle nicht massentauglich sind. Natürlich verlängert Upcycling die Lebensdauer von Textilien. Als Vorbild für eine Modeindustrie der Zukunft taugt es dennoch nicht. Denn mit dem linearen Prinzip des Textilgewerbes bricht auch solche Mode nicht.

Um die Textilbranche wirklich zu erneuern, braucht es ein System, bei dem die Textilien gleichzeitig langlebig und kreislauffähig sind. Eine Art Mode-Hinduismus ist gefragt, bei dem Textilien gleichsam wiedergeboren werden: Keine Baumwollfaser soll mehr verloren gehen, kein Polyester-Shirt im Abfall landen.

"Wir brauchen ein System, das die Ressourcen unendlich erhalten kann", sagt Ina Budde von Circular Fashion. Budde steht für eine junge Riege von Textilexperten, die den Blick auf Mode revolutionieren wollen. Mit ihren Kollegen berät sie Modefirmen bei der Materialbeschaffung, beim Produktdesign, beim Recycling.

"Bei herkömmlichem Recycling entsteht immer etwas Minderwertiges", sagt die Modeexpertin. Sie setzt auf neuartiges, chemisches Recycling, das eher einer "Regeneration" der Materialien gleiche. Das gebrauchte Gewebe wird dabei komplett aufgelöst, das Lösungsmittel danach zurückgewonnen. Es entsteht ein Materialbrei, aus dem brandneue Textilfasern gezogen werden können. "Wer sich einmal ehrlich vor Augen führt, wie viel Wert eine Textilfaser hat, versteht, dass es auch wirtschaftlich Sinn macht, sie zurückzugewinnen", sagt Budde.

Der Umbau der Textilindustrie kann also auch marktwirtschaftlich durchaus sinnvoll sein - mit einer Kombination aus den richtigen Materialien und Methoden. Am meisten aber können die Konsumenten bewirken, indem sie ihre Kleider länger tragen und entsprechend pflegen.

Marken wie der Outdoorhersteller Patagonia versuchen bereits, ihr Geschäftsmodell darauf auszurichten. In diesem Winter zieht das kalifornische Unternehmen mit einem Reparaturservice durch die Skigebiete. Im Angebot: kostenlose Flickerei von Outdoorbekleidung aller Marken. "Wenn wir die Lebensdauer unserer Kleidung verlängern, müssen wir weniger neue Sachen kaufen und vermeiden so CO2-Emissionen, Abfälle und Abwässer, die mit ihrer Herstellung verbunden wären", so Patagonia-Chefin Rose Marcario.

Die schwedische Modekette Nudie-Jeans wiederum zeigt in Berlin ein ganz neues Ladenkonzept. Auf einem Drittel der Fläche wird hochwertige neue Ware verkauft, auf einem weiteren Drittel Jeans aus recycelten Materialien. Der Rest des Ladens ist einem Nähservice vorbehalten.

Die Mode steht an einem Scheideweg, findet Ina Budde. "H&M und Zara müssen sich neue Wege einfallen lassen, die Kunden an sich zu binden", sagt sie. "Und wenn sie es schlau anstellen, können sie an einem einzelnen Kleidungsstück am Ende sogar mehrfach verdienen."

Und vielleicht geht es ja auch noch ganz anders, wie Ina Budde meint: "Wir leihen Bücher, streamen Videos, mieten Autos - warum sollte nicht auch ein Spotify für Mode funktionieren?"


Im Video: Der wahre Preis der Mode

Foto: Olaf Heuser / DER SPIEGEL

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