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Netzwelt
Ausgabe
48/2017

Neues Bezahlsystem

Was ist eigentlich "Blockchain" - und was habe ich davon?

Einfacher kaufen, billiger überweisen, schneller bezahlen: Die Finanzwelt feiert die "Blockchain"-Technologie als Revolution. Auch die Verbraucher können profitieren.

DPA

Netzwerkkabel in einem Serverrraum

Von
Freitag, 01.12.2017   04:17 Uhr

Zu der Zeit, als Christoph Kolumbus sich auf den langen Weg in die Neue Welt begab, eroberte eine hypermoderne Kulturtechnik die Alte: die doppelte Buchführung, jenes systematische Gegenrechnen von Ausgaben und Einnahmen, das wir bis heute betreiben. Es sei "eine der schönsten Erfindungen des menschlichen Geistes", heißt es in Goethes Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre".

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 48/2017
Stunde Null
Land ohne ...Richtung, ...Einigkeit, ...Kanzlerin?

Nun steht die nächste Revolution an - auch wenn sie sich für die meisten im Verborgenen vollzieht. Die Rede ist von einer Abrechnungsmethode, die verändert, wie wir wirtschaften, wie wir Verträge schließen, wie wir mit Geld umgehen: "Blockchain" heißt sie. Gemeint ist damit das Prinzip dezentraler Datenbanken - das klingt kompliziert, erleichtert aber jetzt schon unzähligen Menschen den Alltag.

Die Syrerin Hamda Hariri, eine unscheinbare Frau, die Kopftuch trägt und in einem Flüchtlingslager in Jordanien lebt, ist Teil einer exklusiven Blockchain-Vorhut. Denn wenn Hariri in den lokalen Supermarkt geht, bezahlt sie einfach mit einem Augenaufschlag: Sie lässt ihre Iris mit einem Scanner abtasten - fertig, schon wird ihr Rechnungsbetrag abgebucht.

"Früher habe ich mal meine PIN verbummelt", sagt Hariri in einem Werbevideo. "Heute bezahle ich einfach mit einem Blick."

Hinter dem Geldtransfer per Iris-Scan steckt nicht einer der üblichen Silicon-Valley-Konzerne, sondern eine Hilfsorganisation zur Unterstützung der Ärmsten der Armen: das World Food Programme (WFP) der Vereinten Nationen.

"Wir hatten uns nur bescheidene Einsparungen erhofft", sagt Bernhard Kowatsch, Leiter des Projekts: "Unsere Erwartungen wurden weit übertroffen, wir sparen 98 Prozent der Banktransaktionskosten ein." Bis Ende Dezember will er 100.000 Flüchtlinge registriert haben, im Laufe des nächsten Jahres eine halbe Million.


Im Video: Bezahlen im Augenblick
SPIEGEL-Redakteur Hilmar Schmundt erklärt den Bezahlvorgang per Iris-Scan und warum die Testreihe gerade in Jordanien beginnt.

Foto: DER SPIEGEL

Das Effizienzwunder der Vereinten Nationen ist made in Germany. Kowatsch leitet in München den "Innovation Accelerator" des WFP. Hier tüfteln 23 Entwickler an futuristischen Methoden zur Bekämpfung des Hungers. Finanziert wird das Entwicklungshilfe-Start-up vom Bundesland Bayern, dem Entwicklungshilfe- und dem Außenministerium.

Bekannt wurde das Blockchain-Prinzip durch die Internetwährung Bitcoin, die 2009 eingeführt wurde und sich derzeit mal wieder zu einer Spekulationsblase aufbläht, mit einem Umrechnungskurs von zeitweise über 7000 Euro pro Bitcoin.

Das liegt nicht an der Technik; das Prinzip dahinter ist ebenso solide wie elegant: eine dezentrale Datenbank, die auf teilnehmenden Rechnern läuft. Dies erschwert Fehler und Betrug und kann die zentrale Verwaltung, zum Beispiel durch Banken, teilweise ersetzen.

Die Kollektivbuchhaltung eignet sich nicht nur für Geldüberweisungen. Im New Yorker Bezirk Brooklyn bezahlen Nachbarn ihren Solarstrom über Blockchain-Abrechnungen, in Kiew wurde bereits eine Wohnung per Blockchain verkauft, in Südafrika bekommen Schulkinder die Mittel für ihr Pausenbrot per digitalem Kettenbrief, im US-Bundesstaat Illinois gibt es Überlegungen, das Geburtenregister auf Blockchain umzustellen.

Wo sich bisher Buchhalter mühselig durch Zahlenkolonnen hangeln, wo Rechtsanwälte komplexe Verträge zur Abstimmung Dutzende Male hin- und herschicken, laufen mit Blockchains, und das ist das Revolutionäre, sämtliche Transaktionen automatisch im Hintergrund.


Grafik: Blockchain als Zahlungsmittel
Auf die Punkte tippen oder seitlich wischen

Ein weiterer Vorteil: Mithilfe von Blockchains können Maschinen im "Internet der Dinge" vieles direkt untereinander ausmachen. So würde eine Stromzapfsäule der Firma Innogy beim Betanken des Elektroautos einen Codeschnipsel an alle Teilnehmer verschicken: Rechnung, Bezahlung und Quittung in einem.

Das Prinzip ist universell, weil fast jeder Vertrag sich statt in unverständlichem Juristenkauderwelsch auch gleich als maschinenlesbarer Computercode aufschreiben lässt. Das spart Mühe, Zeit und Geld.

Doch noch läuft manche Blockchain ruckelig. Bitcoin verbrauche durch die vielen parallel laufenden Rechner eine Riesenmenge an Energie, rechnet Harald Vranken vor, Computerwissenschaftler an der Open Universiteit Nederland in Heerlen. Einige Forscher warnen davor, dass die Cyberwährung bald so viel Strom fresse wie ein ganzes Land, Dänemark vielleicht.

Vor allem aber ist der Markt, wie immer, wenn neue Paradigmen entstehen, unübersichtlich. Wie einst beim legendären Wettrennen der Videoformate: Betamax gegen VHS. "Allerdings haben wir es nicht mit zwei, sondern mit rund 1000 verschiedenen Varianten wie Bitcoin oder Ethereum zu tun", sagt Friederike Ernst, Physikerin und Generalsekretärin beim Blockchain-Bundesverband. "Blockchain ist eine große Chance für Deutschland, aber noch gibt es viele rechtliche Unsicherheiten." Eine der Fragen sei, ob und wie Blockchain-Transaktionen zu besteuern wären.

Friederike Ernst ist auch Unternehmerin und hat jetzt eine ganz eigene Art gefunden, mit den vielen offenen Fragen umzugehen: Sie lässt sie von anderen beantworten. Bei der Vorhersagebörse, die sie gerade entwickelt, könnten sich beliebige Wetten abschließen lassen, über die Schneemenge für Skigebiete ebenso wie über die Zukunft der Blockchain: Welche Varianten werden sich durchsetzen?

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