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Kultur
Ausgabe
3/2018

Bizarrer Interview-Versuch

Wie Woody Allen auf den Missbrauchsvorwurf reagiert

Ein Interview mit Starregisseur Woody Allen - ohne über die ungeheuren Anschuldigungen seiner Kinder zu sprechen? Das geht nicht, dachte unser Autor, und hat es versucht.

Nicolas Guerin / Contour by Getty Images

Regisseur Allen: "Es liegt nur an dieser Brille"

Ein Interview von
Samstag, 13.01.2018   16:59 Uhr

Woody Allen hat seinen Schneideraum an der Park Avenue auf Manhattans Upper East Side, auch das Interview mit dem SPIEGEL findet dort statt. Gerade hat er seinen neuen Film in die Kinos gebracht, er heißt "Wonder Wheel", es ist Allens 48. Film.

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 3/2018
Im Zeitalter von Feuer und Zorn
 

Allen hat das Gespräch erst wenige Stunden zuvor zugesagt, vorher hatte er es mehrmals verschoben, er war krank gewesen, eine Infektion, jetzt trägt er einen Beutel, aus dem ihm Penizillin injiziert wird, er ist 82.

Man fühlt sich nicht gut, zu Woody Allen zu gehen. Dabei würde man sehr gern mit ihm über seine Hits "Der Stadtneurotiker", "Match Point" oder "Blue Jasmine" reden oder sogar auch über "Wonder Wheel", der gar nicht so schlecht ist beziehungsweise wäre, wenn da nicht all der andere Mist wäre.

Seit 1992 stehen die Vorwürfe gegen Allen im Raum. Lange haben sie kaum einen interessiert, auch mich nicht, als ich Allen vor gut elf Jahren schon einmal interviewt habe. Doch seit ein paar Jahren und besonders seit den Enthüllungen über Harvey Weinstein und der anschließenden #MeToo-Welle sind die Anschuldigungen nicht mehr zu ignorieren. Dylan Farrow, die Allen mit seiner damaligen Lebensgefährtin adoptiert hatte, der Schauspielerin Mia Farrow, behauptet seit 25 Jahren, Allen habe sie im Sommer 1992, als sie sieben Jahre alt war, sexuell missbraucht. Mia Farrow und Allens leiblicher Sohn mit ihr, Ronan Farrow, unterstützen Dylans Aussage.

Allen hingegen streitet die Vorwürfe ab. Mia Farrow habe sie im Zuge der Trennung des Paares und des Sorgerechtsstreits erfunden und das Kind manipuliert.

Obwohl sich Polizei und Staatsanwaltschaft mit dem Fall befassten und ein ärztliches Gutachten erstellt wurde, dessen Aussagekraft jedoch umstritten ist, wurde gegen Allen nie Anklage erhoben. Er hat juristisch als unschuldig zu gelten. So sind die Regeln im Rechtsstaat.

Die "New York Times" hat 2014 eine lange Verteidigung Allens gedruckt, die sich relativ überzeugend las. Doch wenn man daraufhin wiederum die Darstellung Dylan Farrows las oder die von Ronan Farrow, einem Rechtsanwalt, der seinen eigenen Vater beschuldigt und unlängst mit seinen beiden Investigativgeschichten im "New Yorker" maßgeblich dazu beitrug, Harvey Weinstein zu überführen, kamen einem wieder Zweifel an Allens Unschuld. Und je mehr man las, desto größer wurden die Zweifel. Gerade hat die "Los Angeles Times" einen Gastbeitrag Dylan Farrows mit dem Titel "Warum hat die #MeToo-Revolution Woody Allen verschont?" veröffentlicht. Und am Tag des Interviews erscheint die Analyse eines "Washington Post"-Reporters, der Zugang zu den persönlichen Aufzeichnungen Allens aus fünf Jahrzehnten bekommen hatte. Seine Conclusio: "He's obsessed with teenage girls."

Wie soll man nun mit einem solchen Mann ein Interview zu "Wonder Wheel" machen, einem Film, der in den Fünfzigerjahren in Brooklyns Strand- und Vergnügungsmeile Coney Island spielt? Wie über seine Karriere, sein Lebenswerk reden? Allens Filmfirma ruft kurz vor dem Interviewtermin noch einmal an, um vorsichtig sicherzustellen, dass mit Allen nicht über "diese Nebenthemen, die da noch so rumschwirren", gesprochen werde, sondern über "Wonder Wheel" und eben "die Karriere".

Zur Karriere gehört offenbar nicht, dass Allen seine Adoptivtochter auf dem Dachboden im Hause Mia Farrows, als diese einkaufen gefahren war, sexuell missbraucht haben soll. Allen war damals schon in Behandlung wegen seines anscheinend "sonderbaren Verhaltens" Dylan gegenüber. Die Babysitterin hatte angeblich Anweisung, Allen nicht mit dem Mädchen allein zu lassen.

Natürlich möchte man darüber mit ihm nicht reden. Mr Allen, herzlichen Glückwunsch zu dem schönen Film, aber haben Sie Ihre Adoptivtochter aufgefordert, sich bäuchlings auf den Boden zu legen, mit einer Modelleisenbahn ihres Bruders zu spielen, und sie dann missbraucht, wie Ihre Tochter es behauptet?

Photoreporters / picture alliance / dpa

Paar Allen, Farrow, Tochter Dylan (links) und dem gemeinsamen Sohn Satchel 1988

Es gibt bis heute so gut wie kein Interview, in dem Allen auf die Vorwürfe angesprochen wird. In ihrem Text in der "Los Angeles Times" spricht Dylan Farrow auch von den Journalisten, die das Thema meiden, die Teil des Systems und somit mitschuldig sind. Ihr Stiefvater, schreibt Farrow, werde von einem ähnlichen Netz von Rechtsanwälten und PR-Profis beschützt wie Harvey Weinstein.

Was aber, wenn wir alle spinnen, verrückt geworden sind im #MeToo-Wahn, wo ja zunächst erst mal alles behauptet werden kann (ob es stimmt, sehen wir dann später)? Ist alles so verrottet, dass wir dem Rechtsstaat nicht mehr zutrauen, in einem solchen Fall die Wahrheit zu ermitteln? Es ist ja nicht so, wie in vielen anderen Fällen, dass niemand zur Polizei gegangen wäre. Ein Staatsanwalt hat entschieden, keine Anklage zu erheben. Punkt. Allen hat als unschuldig zu gelten. Andererseits soll der Staatsanwalt auf eine Anklage nur verzichtet haben, um die siebenjährige Dylan vor einem langen traumatisierenden Prozess zu schützen. Genügend belastendes Material gegen Allen soll vorhanden gewesen sein. Wiederum andererseits: Kann das sein? Welcher Staatsanwalt sagt, ich lasse den Täter gehen, schaffe keinen Rechtsfrieden, nur um das Opfer nicht zu belasten? Ein Opfer, das heute, ein Vierteljahrhundert nach der angeblichen Tat, offensichtlich immer noch leidet?

Am besten, man sagt das Interview ab. Beziehungsweise sagt gar nichts, dreht um, geht zurück in die warme U-Bahn.

Wenn er das alles nicht getan haben sollte, sondern in seinem Leben einfach nur 47 teilweise wunderbare Filme hergestellt hat und nun bloß über seinen 48. wunderbaren Film reden möchte, während ein dummer, naseweiser, sich moralisch erhebender Journalist, einer allgemeinen Stimmung folgend, unbewiesenen Behauptungen aufgesessen ist und ihn nun mit diesen widerwärtigen Vorwürfen konfrontiert - wenn das die Wahrheit wäre, dann hätte Allen allen Grund, einen hochkant aus seinem Schneideraum zurück auf die kalte Park Avenue zu werfen.

Im Hinblick auf den Weinstein-Fall hatte Allen vor einer "witch hunt" gewarnt. Man dürfe jetzt keine Hexenjagd auf Männer beginnen. Der andere, der ständig von einer "witch hunt" spricht, ist Donald Trump mit Blick auf die Russland-Ermittlungen.

Eine junge Frau mit asiatischen Wurzeln öffnet die Tür zu Allens Schneideraum. Sie sieht so ähnlich aus wie seine Ehefrau Soon-Yi, ein weiteres Adoptivkind von Mia Farrow, Stiefschwester von Dylan und Ronan, einige Jahre älter allerdings. Dass Allen also nicht doch ein Auge auf die Adoptivkinder in seiner Familie geworfen hat, lässt sich schwer bestreiten.

Da steht Woody Allen in einem grünen Woody-Allen-Pullover und mit dieser Brille. Er lächelt scheu, er sieht so zerbrechlich aus mit seinem Penizillinbeutel in der Hand. Was für ein beschissener Moment. Man hätte gern mit alldem hier nichts zu tun. Das Folgende sind Auszüge aus unserem Gespräch, das 45 Minuten dauerte und in dem wir zunächst und immer wieder auch über harmlose Dinge wie den Strandort Coney Island, die Gentrifizierung in Brooklyn, die Wucherpreise in Manhattan, die 20-Cents-Filmtickets in den Fünfzigerjahren, die Evolution von männlichen und weiblichen Rollen in der Filmgeschichte und das Genie des Marlon Brando geredet haben.

SPIEGEL: Mr Allen, "Wonder Wheel" handelt von einer Mutter und ihrer verführerischen Stieftochter. Beide beginnen eine Affäre mit demselben jungen Gigolo. Ein Mann, der erst mit der Mutter und dann mit der Stieftochter etwas anfängt: Das ist auch Ihre persönliche Geschichte. Was interessiert Sie so an der Sexualität?

Allen: Sexualität interessiert mich, wenn die Geschichte es hergibt. Ich erzähle Familiengeschichten, Liebesgeschichten. Gerade meine frühen Filme wie "Bananas", "Woody, der Unglücksrabe" oder "Zelig" sind sehr persönliche Familiengeschichten. Eigentlich habe ich mich immer nur interessiert für "Junge trifft Mädchen", "Junge verliert Mädchen", "Junge kriegt Mädchen wieder" - und natürlich für Jokes. "Wonder Wheel" ist da eine Ausnahme. Ich habe 47 oder 48 Filme gemacht. Und es gibt nur 5 oder 6, die eher ernst sind. "Wonder Wheel" ist ernst.

SPIEGEL: Nun gibt es in "Wonder Wheel" vor allem eine Szene, in der über Humpty, den Vater der jungen Carolina, gesagt wird, er habe "eine unnatürliche Zuneigung" zu seiner Tochter. In dem Moment denkt man, Sie spielen absichtlich mit dem Feuer. Die Parallelen zu Ihrem Privatleben sind nicht mehr zu übersehen. Das ist es ja genau, was Ihnen in Bezug auf Ihre Adoptivtochter vorgeworfen wird.

Allen: Humpty ist ein Typ, dessen Frau gestorben ist und der deswegen Trinker geworden ist. Zur gleichen Zeit hat ihn auch noch seine Tochter sitzen lassen, indem sie mit einem Gangster durchgebrannt ist. Aber er war abhängig von seiner Tochter. Mit ihrer Hilfe wollte er sich wieder aufrappeln. Wie viele Kinder hat sie nicht auf ihren Vater gehört. Als sie reumütig zurückkehrt, will er sie sofort rausschmeißen. Doch innerhalb von fünf Minuten schmilzt er dahin. So ist Familie. Familienblut. Das spielt immer eine Rolle.

SPIEGEL: Stört es Sie nicht, dass es in der amerikanischen Presse kaum noch eine Besprechung von "Wonder Wheel" gibt, die nicht die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs Ihrer Adoptivtochter zum Thema macht? Es überschattet Ihr Werk.

Allen: Dazu will ich Folgendes sagen, und ich habe es schon versucht zu erklären.

SPIEGEL: Ja? Was?

Allen: Nach meinen ersten vier oder fünf Filmen habe ich nie wieder irgendetwas über irgendeinen meiner Filme gelesen.

SPIEGEL: Ach so.

Allen: Als ich anfing - als junger Filmemacher! -, habe ich alle Kritiken gelesen. Der eine sagte das, der andere das, ich sei ein Genie, ich sei ein Idiot. Ich dachte, es ist besser für mich, wenn ich gar nichts lese. Es ändert ja nichts. Manche Filme sind erfolgreich. Andere machen Minus. Es macht keinen Unterschied. Als "Der Stadtneurotiker" so erfolgreich war, habe ich trotzdem chinesisches Essen aus Lieferkartons gegessen und genau wie alle anderen die Grippe bekommen, wenn sie umging...

SPIEGEL: Alvie Singer, die von Ihnen gespielte Figur erzählte in Ihrem Klassiker "Der Stadtneurotiker", er sei ebenfalls in Coney Island aufgewachsen unter der berühmten Achterbahn. Auch in "Wonder Wheel" gibt es wieder einen leicht gestörten Jungen, der auf dem Strandrummel in Coney Island aufwächst. Sie selbst sind in der Nähe groß geworden. Der sonderbare Junge, das sind Sie, so scheint es.

Allen: Ja. Aber ich bin nie in ernsthaften Ärger geraten. Ich habe keine Feuer gelegt wie der Junge in "Wonder Wheel". Ich habe keine Schlägereien gehabt. Wir waren nur besessen von Baseball. Meine Freunde und ich wollten alle Baseballspieler werden. Wenn ich nur das Stadium sah, begann mein Magen zu kribbeln. Was autobiografisch ist in "Wonder Wheel": Auch ich hatte mal ein Date mit der jungen Exfrau eines Mafiagangsters. Sie erzählte mir, am Anfang sei es so aufregend gewesen mit dem Mafiaboss, es muss sich angefühlt haben wie in Scorseses "Good Fellas". Sie fuhren zur Copacabana in den Urlaub und verbrachten die Sonntage auf der Pferderennbahn. Irgendwann war es nicht mehr so lustig. Leute wurden umgebracht. Die Männer verzogen sich immer ins Hinterzimmer. Dinge sind lustig, bis sie es nicht mehr sind.

Der Sänger Justin Timberlake spielt den Gigolo in "Wonder Wheel". Bei der Verleihung der Golden Globes am vergangenen Sonntag trug er den "Time's Up"-Anstecker, der auf #MeToo folgte und verkündet, dass die Zeit für Männer wie Weinstein, Spacey und - wie viele meinen auch für - Allen vorbei ist. Timberlake sah sich bald einem Shitstorm gegenüber, weil er es gewagt hatte, den Button zu tragen und gleichzeitig mit Allen zu drehen. Im Anschluss an die Verleihung stand die Schauspielerin und Regisseurin Greta Gerwig vor der Presse. Sie wollte sich feiern lassen für ihren Film "Lady Bird". Da fragt eine Journalistin nach Woody Allen. Gerwig hatte 2012 in dessen Film "To Rome with Love" mitgespielt. Gerwig, Star des modernen Feminismus, stotterte und wusste keine Antwort.

Einige Schauspieler aus Allen-Filmen - einer auch aus "Wonder Wheel" - haben ihre Zusammenarbeit mit Allen inzwischen öffentlich bereut. Einer behauptete gar, er habe seine Gage gespendet.

Es sieht so aus, als ob die Stimmung gegen Woody Allen endgültig kippt. Allen scheint das nicht zu erreichen. Bisher stören ihn die Interviewfragen offenbar kein bisschen. Er antwortet ganz freundlich einfach auf etwas anderes. Offenbar ist er in der Lage, jeden Bezug auf die Missbrauchsvorwürfe komplett auszublenden. Vielleicht hat er über die Jahre gelernt, so damit zu leben.

Andererseits, dafür, dass er nicht mit dem Thema zu tun haben möchte, finden sich absurd viele Ansatzpunkte in "Wonder Wheel" zu Fragen der Gleichberechtigung, des Verlangens und der Unausweichlichkeit, in Sachen der Begierde Grenzen manchmal überschreiten zu müssen. Ein, zwei Fragen noch dazu, danach unbedingt erst mal weg von dem Thema, um ihm zu zeigen, dass man auch noch andere Themen drauf hat außer #MeToo.

SPIEGEL: Die Frauen in "Wonder Wheel" werden beide Opfer Ihrer Begierden und Träume. Sie richten Chaos an im Leben der Männer und werden dann bestraft. Die eine ist gefangen in einer Ehe mit einem Mann, den sie nicht liebt, der anderen wird nach dem Leben getrachtet, weil sie ihren Gatten, einen Gangster verlassen hat. Ist das nicht ein überkommenes Frauenbild?

Allen: Aber das ist, was in Dramen passiert. Man interessiert sich nun einmal für die Figuren, die zu Opfern werden. Ob King Lear, Mac Beth oder Hamlet. Diejenigen, für die es ein böses Ende gibt, diejenigen, die kämpfen müssen.

SPIEGEL: Nehmen Sie auch wahr, dass die Geschlechterzuschreibungen sich gerade massiv verändern? Frauen wehren sich gegen die ihnen bisher zugedachte Rolle.

Allen: Ich finde es gut, dass Frauen jetzt bekommen, was ihnen jahrelang verweigert wurde: gleich Bezahlung, Chefposten, als das. Inzwischen gibt es sogar Frauen in der Armee und in an der Militärakademie Westpoint. Finde ich eine wunderbare Sache. Im gleichen Maße, in dem Männer jetzt Gefühle rauslassen, ohne sich zu schämen. Als ich aufwuchs, konnte ein Typ nicht sagen, dass er zum Psychiater geht, zum Beispiel. Dafür hat man sich geschämt.

SPIEGEL: Interessanterweise waren es ja gerade Sie, der in den Siebzigerjahren das Männerbild im Film nachhaltig verändert haben mit Ihren intellektuellen Neurotikern und Frauenverstehern.

Allen: Ich habe die Komik darin gesehen. Typen wie Alvie Singer aus "Der Stadtneurotiker" boten sehr fruchtbarer Boden für Humor. Da habe ich viele Jokes draus gezogen, das hat mich weit getragen. Als ich anfing mit meinen Filmen in den späten Sechzigern, fing es gerade an, dass nicht nur Typen wie Robert Redford in einem Film der Held sein konnte, der die Frauen anzog, sondern auch jemand so lächerlich wie ich konnte plötzlich Hauptrollen in romantischen Komödien spielen. Noch in den Vierzigerjahren wäre das unmöglich gewesen. Da gab es Cary Grant, Gary Cooper, Humphrey Bogart. Und plötzlich ein Typ, der aussah wie ich - ein Feigling, ein Schlemihl, ein Verlierer - konnte den romantischen Helden in einem Film spielen.

SPIEGEL: Damit haben Sie es vielen Männern neue Hoffnung gegeben.

Allen: Ja. Aber natürlich kam man in Wirklichkeit immer noch nicht an einen Robert Redford oder Paul Newman ran. Das waren fantastische Schauspieler und sehr gut aussehende Männer. Aber immerhin gab es jetzt Platz für beide Typen. Das Publikum nahm es einem auf einmal ab, dass jemand wie ich sich in eine Frau wie Annie Hall verlieben konnte. Und haben nicht mehr gedacht: Ach, der sieht doch nicht gut genug aus, der ist doch gar nicht groß genug.

SPIEGEL: Inzwischen haben sich die Frauenversteher, wie Sie sie gespielt haben, gegen die Machos durchgesetzt. Typen wie Marlon Brando würden inzwischen wahrscheinlich als Chauvinisten gelten und hätten keine Chance mehr.

Allen: Zu Brando, da Sie ihn erwähnen, muss ich Ihnen sagen, Brando spielte in seiner ganz eigenen Liga. Er war ein einzigartiges berauschendes menschliches Gedicht. Er bewegte sich jenseits von jedem anderem. Wir hatten Redford und Newman, George C. Scott, De Niro, Leo DiCaprio, alle großartig. Aber ganz da oben irgendwo ist Brando als ein einzigartiger...Gott des Kinos. So was wie ihn gab es vorher nicht. Und danach auch nicht mehr. Die Männer mochten ihn, die Frauen mochten ihn ebenfalls. Sein Geheimnis war: Er hatte keinen Respekt vorm Schauspielern. Es hielt es für eine wertlose Kunst. Es war ihm egal. Er wurde fett. War ihm egal.

SPIEGEL: Interessant, dass ausgerechnet Sie von diesem Typ Mann so schwärmen. Vermissen Sie Männer wie ihn?

Allen: Ach, naja. Die Zeiten ändern sich eben fortwährend. Früher wollte Hollywood heroische Männer. Bogart und Cagney. Gangster, Detectives, Cowboys und Typen im Smoking, die eine Sache mit einem Kinnhaken relativ elegant lösen konnten. Die Frauen waren schön, die Frauen waren smart, bekamen gute Dialoge, und die Männer waren Helden, die die ganze Zeit noble Dinge taten.

SPIEGEL: Sie sind seit einem halben Jahrhundert im Filmgeschäft. Gerade hat es den Anschein, als befände sich Hollywood im Umbruch. Mächtige Figuren wie Harvey Weinstein oder Kevin Spacey sind wegen Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs gestürzt.

Allen: Hollywood befindet sich schon lange im Umbruch. Vor allem die Blockbuster-Mentalität hat großen Schaden angerichtet. Als ich aufwuchs, gab es Millionen nette Filme zu sehen, manche großartig, manche nur gut, andere lausig. Als ich selbst ins Geschäft einstieg, gab es Coppola, Scorsese, Spielberg, und irgendwann kam ich dazu, "Easy Rider", "Chinatown", all diese Filme. Heutzutage sind die Leute nur noch mit Eventfilmen wie "Star Wars" ins Kino zu locken. Für normale Filme bleiben sie zu Hause und gucken Netflix. Meine Töchter sitzen zu Hause auf dem Bett und schauen Filme auf dem Laptop. Wenn man heute Studenten von Ivy-League-Universitäten fragt, ob sie etwa "Citizen Kane" gesehen haben, sagen die: Ja, neulich auf dem Handy...

SPIEGEL: Waren Sie erschrocken, als Harvey Weinstein stürzte? Sie kannten ihn ja gut.

Allen: Ich kannte ihn nicht so gut. Er hat eine Zeit lang in den Neunzigern meine Filme vertrieben.

SPIEGEL: Oh! Sie antworten.

Allen: Wir hatten viele Auseinandersetzungen über die Werbung für meine Filme. Harvey hat nie genügend Werbung geschaltet.

SPIEGEL: Würden Sie sagen, er hatte es verdient, so unterzugehen?

Allen: Ach. Ich bin da kein Experte. Ich habe die ganze Sache ehrlich gesagt nicht verfolgt. Er hat immer zu wenig Werbung geschaltet. Ich war nie politisch. Ich habe zum Beispiel nie einen Film zum Thema Politik gemacht.

SPIEGEL: Politik?

Allen: Ja.

SPIEGEL: Haben Sie im "New Yorker" die Enthüllungsgeschichten Ihres Sohns Ronan Farrow gelesen über Weinsteins sexuelle Übergriffe und sein System der Einschüchterung?

Allen: Nein. Ich gucke manchmal in Blätter wie den "New Yorker", aber eigentlich lese ich lieber Bücher. Zuletzt habe ich eine Biografie über Alan Jay Lerner gelesen, den wundervollen Songwriter...

Allens Assistentin kommt rein und signalisiert, dass die Zeit um ist. Zum Glück, endlich findet dieser Unsinn ein Ende.

Allen: Gib uns noch ein paar Minuten! Also, Alan Jay Lerner, wie er "My Fair Lady" geschrieben hat, wundervoll, das habe ich gelesen. Aber eigentlich war ich nie ein großer Leser. Schon als Kind nicht. Da habe ich nur Comics gelesen. Ehrlich gesagt lese ich bis heute kaum. Wenn ich nach Hause komme, gucke ich Sport im Fernsehen. Beck's-Bier, dazu Football oder Baseball. Die Leute halten mich immer für einen Intellektuellen. Aber ich bin von der Schule geflogen und nicht besonders belesen. Es liegt nur an dieser Brille. Ich arbeite an meinen Filmen, und manchmal übe ich Klarinette. Ich lebe abgeschottet in einer Blase und mag meine Routine zu Hause. Ich habe mein Bad, wo alles an seinem Platz steht. Ich hasse fremde Badezimmer.

SPIEGEL: Mr Allen, wir hatten ein sehr freundliches Gespräch. Deswegen verzeihen Sie bitte, wenn ich Sie nun direkt frage nach den Anschuldigungen Ihrer Adoptivtochter, sie als Kind sexuell missbraucht zu haben...

Allen: Ist das Ihr Handy hier auf dem Sofa?

SPIEGEL: Ja. Damit nehme ich auf. Sie haben sich vor vier Jahren in der "New York Times" zu den Missbrauchsvorwürfen geäußert, und vielleicht sollten wir, so unangenehm es auch ist, ein paar Minuten darauf verwenden, darüber noch einmal zu reden. Denn man kann Ihre Filme eigentlich nicht mehr ertragen, wenn man ständig daran denken muss.

Allen: Fein. In meinem "New York Times"-Artikel habe ich damals auch geschrieben, dass ich anschließend nie wieder über das Thema reden werde. Und ich habe seitdem nie wieder darüber geredet. Und besonders jetzt und hier werde ich nichts sagen, wo wir doch über "Wonder Wheel" reden wollten.

SPIEGEL: Und das haben wir getan.

Allen: Ja. Das waren alles richtige Fragen, die Sie gestellt haben.

Die Assistentin, die inzwischen wiederaufgetaucht ist, lacht hysterisch und führt Woody Allen aus dem Raum. Da jetzt alles egal ist, gehe ich hinterher und frage die Assistentin, ob sie ein Foto von Allen und mir machen kann. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht weil es den Anschein von journalistischer Normalität aufrechterhält.


Im Video: Philipp Oehmke erzählt, wie er sich auf das Interview vorbereitet hat

Foto: DER SPIEGEL

Drei Tage nach dem Interview, am vergangenen Sonntagabend, schickt Dylan Farrow in zwei Tweets eine Nachricht in die Welt. Vor vier Jahren habe sie entschieden, dass es genug sei, und einen offenen Brief geschrieben, in dem sie den Missbrauch durch Allen detailliert beschrieben hat. "Ich glaubte, es würde etwas verändern. Ich habe schnell (und schmerzhaft) gelernt, dass mein Optimismus fehl am Platz war. Seine Zeit war nicht vorbei."

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