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Politik
Ausgabe
52/2017

Russische Präsidentschaftskandidatin

Putins Mädchen

Sie ist TV-Star, 36, galt als Russlands Paris Hilton. Nun tritt Xenija Sobtschak als Präsidentschaftskandidatin gegen Wladimir Putin an - dabei verbindet sie einiges mit dem Kremlchef.

Kommersant / Getty Images

Politikerin Sobtschak

Von
Mittwoch, 27.12.2017   12:37 Uhr

Wie aufregend und bunt ist das Leben der Xenija Sobtschak! Davon erzählen die Bilder, die die Moskauer Prominente jeden Tag auf Instagram postet. Ständig begegnet sie anderen Prominenten, ständig ist sie umgeben von Dingen, auf die man ungern verzichtet. Da ist der schwarze Kaviar Marke "Kaspisches Gold" (es gibt nichts Besseres für einen Mittwochabend, schreibt sie), die Massagematte Pranamat-Eco (ideales Geschenk, rechtzeitig ordern) und die Hautcreme Mixit Botox Active.

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Heft 52/2017
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Und da ist seit Kurzem ein neues Produkt, das sie ebenfalls bewirbt und das man gar nicht kaufen kann, nur wählen: Xenija Sobtschak selbst, Politikerin und Präsidentschaftskandidatin.

Sobtschak, 36 Jahre alt, groß und blond und schlagfertig, ist in Russland so bekannt wie Putin. Allein ihr Instagram-Account hat 5,4 Millionen Follower. Sie hat acht Jahre lang die beliebteste Reality-Fernsehshow Russlands moderiert. Man hat sie früher Russlands Paris Hilton genannt, das war eine Anspielung auf ihren skandalösen Lebensstil. Aber vielleicht wäre Donald Trump der bessere Vergleich.

Xenija Sobtschak ist nämlich gerade dabei, ihren Wert als Fernsehfigur und Luxusmarke umzutauschen in politisches Kapital, so wie Trump das einst getan hat. Sie ist Russlands neuester Politikstar, seit sie angekündigt hat, bei der Präsidentschaftswahl im März gegen Wladimir Putin anzutreten.

Gewinnen kann sie nicht, aber dafür hat sie aus dem Wahlkampf schon jetzt eine unterhaltsame Show gemacht. Ob zum Vorteil oder zum Nachteil des Kreml, darüber wird noch gestritten.

Neulich trafen die künftigen Kandidaten Xenija Sobtschak und Wladimir Putin aufeinander. Es war auf der Jahrespressekonferenz, die der Präsident jeden Dezember abhält und die ihrerseits eher eine Show ist als eine Pressekonferenz. Man muss dazu wissen, dass Politik in Russland nach zwei Jahrzehnten Putinismus nur noch entfernte Ähnlichkeiten mit Politik im Westen hat. Seit Wladimir Putin 2000 zum ersten Mal in den Kreml einzog, hat es keine Präsidentschaftswahl mehr gegeben, deren Sieger nicht von vornherein feststand. Sogar die Gegenkandidaten sind vom Kreml ausgesucht. Putins Herrschaft ist auch im Jahr 2018 alternativlos.

"Warum gibt es keine Konkurrenz bei den Wahlen?", fragte Xenija Sobtschak den Präsidenten auf der Pressekonferenz. Sie hatte sich als Journalistin des liberalen Fernsehkanals Doschd unter die mehr als tausend Teilnehmer gemischt, und Putin hatte ihr das Wort erteilt. Sobtschak erinnerte ihn an den Oppositionspolitiker Alexej Nawalny, der mit fiktiven Strafverfahren an der Kandidatur gehindert werde. Auch sie selbst werde bei ihrer Kampagne behindert. "Hat die Staatsmacht", so schloss sie, "wirklich so viel Angst vor ehrlichem Wettbewerb?"

CHIRIKO/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Sobtschak

Es war eine geschickt formulierte, provokative Frage. Vor laufender Kamera Nawalnys Namen auszusprechen, das ist in Russland tabu. Den Fernsehzuschauern erlaubte es, einen ratlos-müden Putin zu sehen. Er sagte sinngemäß: Konkurrenz gibt es doch auch im Westen nicht.

Man kann sich fragen, warum Putin die Fragerin überhaupt aufgerufen hat. Vielleicht lag es an ihrem auffälligen roten Kleid. Vielleicht lag es aber auch daran, dass er Xenija seit ihrer Kindheit kennt. Er ist zwar nicht ihr Pate, wie oft behauptet wird. Aber Xenijas Vater, der Perestrojka-Politiker und Petersburger Bürgermeister Anatolij Sobtschak, war Putins politischer Mentor. Es gibt Fotos, da spielt die kleine Xenija mit Putins Tochter. Als Anatolij Sobtschak 2000 starb, sah man Putin mit Xenija und ihrer Mutter am Grab, vereint wie drei Angehörige.

Seither ist viel passiert. Putin wurde zum ewigen Präsidenten, unter dem sich Russland vom Westen und von der Demokratie entfernte. Und die damals 18 Jahre alte Xenija wurde an der Seite wechselnder reicher Männer zum Partygirl, das die verrufene TV-Show "Dom-2" moderierte, Russlands Pendant zu "Big Brother".

Als Zehntausende Moskauer gegen Wahlfälschung und gegen Putin auf die Straße gingen, nahm auch Sobtschak teil. Auf der größten Demonstration, am 24. Dezember 2011, trat sie sogar ans Mikrofon. Viele pfiffen sie damals aus. Sie wurde gar nicht ernst genommen.

Putin muss ihr diesen Auftritt übel genommen haben. Als die Protestbewegung niedergeschlagen wurde, gab es auch bei ihr und ihrem damaligen Freund, dem Oppositionspolitiker Ilja Jaschin, eine Hausdurchsuchung. Bei den großen Fernsehkanälen fand sie keine Arbeit mehr. Sie wechselte zu Doschd und zu einer Modezeitschrift, verdiente ihr Geld mit Werbung. Sie wurde Ehefrau und Mutter.

Jetzt also ist Sobtschak zurück in der Politik, und diesmal, so vermuten viele, handelt sie im Interesse des Kreml. Der suche einen weiblichen Sparringpartner für Putin, und Sobtschak sei seine Wunschkandidatin, schrieb die Zeitung "Wedomosti" im September, als Sobtschak ihre Kandidatur noch gar nicht angekündigt hatte.

Tatsächlich braucht der Kreml dringend Farbe und Exotik für den Wahlkampf, weil er sich um die Wahlbeteiligung sorgt. Und er braucht einen liberalen Kandidaten, den die unzufriedenen Großstädter wählen können. Der unabhängige Nawalny darf das nicht sein, ihn will Putin nicht stärken.

Sobtschak wäre da ein guter Ersatz: Erstens ist sie weniger radikal als Nawalny. Sie ruft nicht zu ungenehmigten Kundgebungen auf, und von Putin redet sie zwar kritisch, aber respektvoll. Zweitens ist sie politisch unerfahren. Und drittens entspricht sie dem Zerrbild, das sich viele Russen seit den Neunzigerjahren von den prowestlichen Liberalen gemacht haben: Herzlose Privilegierte, die alles privatisieren und beim Kaviarlöffeln wenig an das einfache Volk denken. Nawalny nennt Sobtschak "die Karikatur einer liberalen Kandidatin".

DPA

Nawalny

Sobtschak streitet jede Absprache mit dem Kreml ab. Sie habe zwar mit Putin über ihre Kandidatur gesprochen, als sie ihn für einen Dokumentarfilm über ihren Vater interviewt habe. Aber um Erlaubnis gefragt habe sie ihn nicht, sagt sie.

"Natürlich haben sie im Kreml ein Interesse daran, dass Sobtschak an den Wahlen teilnimmt. Aber das heißt nicht, dass sie von dort gesteuert wird", sagt die Politologin Marina Litwinowitsch, eine von Sobtschaks Beraterinnen. Über Sobtschaks Beliebtheit macht sie sich keine Illusionen. In Umfragen erhält sie nur ein Prozent der Stimmen, so wenig wie Nawalny. Aber da man in Russland ohnehin nicht von echten Wahlen sprechen könne, gehe es nicht darum zu gewinnen, sondern "den Sumpf aufzurühren", wie Litwinowitsch das nennt. Ein prominenter Kandidat, der ausspricht, was andere nur denken, wäre für Russland ein Gewinn.

Sobtschaks Kampagne kommt bisher ohne Programm aus, sie beschränkt sich darauf, die Wahl als Nichtwahl zu kritisieren. "Gegen alle" heißt ihre Losung, so hieß früher auf Russlands Wahlzetteln eine Extraoption für jene Wähler, die keinen Kandidaten wählen mochten. Es gibt ohnehin keinen echten Kandidaten, ist Sobtschaks Botschaft. Also benutzt mich, um eure Unzufriedenheit auszudrücken - Unzufriedenheit über Korruption und Bürokratie, Polizeigewalt und Zensur, hohe Preise und niedrige Renten.

"Mit dem Kopf kann man Sobtschak nicht wählen, dafür ist sie zu unerfahren", sagt Litwinowitsch. "Aber mit dem Herzen kann man sie wählen."

Trotzdem muss sie erst einmal offiziell als Kandidatin registriert werden, und da wird es nun besonders verwirrend und besonders russisch. Sobtschak muss in wenigen Wochen 100.000 Unterschriften sammeln und dafür schleunigst im ganzen Land Wahlkampfstäbe eröffnen.

Das geht nur deshalb so schnell, weil sie sich mit Michail Chodorkowski abgesprochen hat, dem einstigen Ölmilliardär, der unter Putin zehn Jahre in Haft verbrachte und jetzt im Exil lebt. Seine Organisation "Offenes Russland", gedacht als Netzwerk für unbekannte Nachwuchspolitiker, hilft jetzt Sobtschak bei der Einrichtung von Stäben. Dieses eine Mal überschneiden sich die Interessen des Kreml und seines erbitterten Gegners. Der Schnittpunkt heißt Sobtschak.

Auch in Rostow am Don ist das nicht anders. Es ist ein kalter Novembertag, als Sobtschak hier, in der größten Stadt Südrusslands, ihren ersten Stab überhaupt eröffnet. Vor dem Büro in der Sozialistitscheskaja-Straße steht die Büroleiterin Anastassia Schewtschenko in einem T-Shirt mit der Aufschrift "Sobtschak gegen alle" und friert. Auch Schewtschenko kommt von "Offenes Russland". Es gibt in Russlands Provinz nicht viele Oppositionelle, da hängen alle mit allen zusammen.

Sobtschak fährt verspätet im schwarzen Mercedes vor. Nawalny würde jetzt jedem Helfer die Hand schütteln, aber für so etwas hat sie keine Zeit. Dafür hört sie sich die Klagen örtlicher Bewohner an, deren Häuser auf mysteriöse Weise abgebrannt sind, offensichtlich um Platz für Luxus-Wohntürme zu machen. Rostow hat den Ruf einer mafiösen Stadt. Abends spricht Sobtschak im Konferenzsaal eines Hotels. Sie kritisiert "das System" und "die Staatsmacht", ohne je Putin zu erwähnen. Aber die Zuhörerinnen sind zufrieden. Es sind Frauen zwischen 30 und 40, nicht junge Männer wie bei Nawalny. Sobtschak ist für sie nicht die privilegierte Politikertochter, sondern die Selfmadefrau, die sich in einer Männerwelt Erfolg erkämpft hat.

REUTERS

Sobtschak

Und Respekt hat sich Sobtschak zuletzt auch bei Skeptikern verschafft, mit ihren Auftritten im Fernsehen. Dass sie dort gezeigt wird, ist ein Privileg, das Nawalny nicht genießt. Sobtschak darf öffentlich sagen, wofür andere in Russland ins Gefängnis kommen - zum Beispiel, dass die Krim völkerrechtlich nach wie vor zur Ukraine gehöre. Aber wie sie bei ihren TV-Auftritten behandelt wird, ist eine andere Frage.

Neulich war sie in der Sendung "Die Zeit wird's zeigen" auf dem Ersten Kanal. Zwei Moderatoren machten sich über sie lustig und unterbrachen sie nach Kräften. Es waren 60 Minuten pure männliche Aggression, zum Einsatz kamen gefälschte Zitate, Karnevalsartikel, Psychotricks. Doch für die brutale Realityshow, in die sich Russlands Politik unter Putin verwandelt hat, ist Sobtschak mit ihrer Big-Brother-Erfahrung bestens qualifiziert. Sie war nicht aus der Ruhe zu bringen, die Angriffe der Moderatoren hatten den gegenteiligen Effekt. Sie ging als Siegerin vom Feld.

Der bekannte Journalist Oleg Kaschin war so begeistert von ihrem Auftritt, dass er gar nicht mehr wissen will, ob sie ein Kreml-Projekt ist. Sobtschak zu entlarven, schrieb Kaschin, sei so absurd, wie dem Weihnachtsmann vorzuhalten, dass sein Bart aus Watte sei. "Na klar ist der Bart aus Watte! Aber der Weihnachtsmann bringt uns das Fest, und wer ihm den Bart abreißt, verdirbt bloß alles."

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