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Panorama
Ausgabe
14/2018

Im Ägypten-Urlaub erstochen

Die letzte WhatsApp-Nachricht war ein Foto vom Meer

Zwei Frauen suchen die Wahrheit über den Tod ihrer Mütter, die im Urlaub in Ägypten erstochen wurden. Sie stoßen auf eine Mauer des Schweigens. War es ein Terrorangriff?

Stefanie Loos / DER SPIEGEL

Spätere Opfer Krüger, Mundt: Die Familien fühlen sich alleingelassen

Von und
Sonntag, 01.04.2018   07:34 Uhr

Myriam Mundt und Lena Krüger sind an den Strand gekommen, an dem ihre Mütter starben. Sie sind den staubigen Weg abgelaufen, den der Attentäter entlanggegangen sein müsste. Vorbei an den Wachmännern, der Tauchschule, vorbei an den Dattelpalmen und den Sonnenschirmen aus Stroh. Bis zu den Liegen, auf denen ihre Mütter die Mittagssonne genossen hatten, bevor ihr Mörder zustach.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 14/2018
Die letzten Tage des Jesus von Nazareth

Wenige Monate nach der Tat stehen Mundt und Krüger am Ufer des Roten Meeres und wollen Antworten. Doch am Ort des Attentats in Ägypten finden sie nur Gerüchte, keine Gewissheiten.

Ein Shopbetreiber aus dem Nachbarhotel habe die Festnahme mit seinem Handy gefilmt, raunt ihnen jemand zu. Doch als sie den Mann treffen, zeigt er ihnen kein Video, sondern nur ein Foto des Täters aus der Presse. In einem Blumenladen lassen sich die Töchter zwei Gestecke aus Rosen binden. Sie legen sie dort ab, wo ihre Mütter ihre letzten Minuten verbrachten, setzen sich in den Sand und blicken aufs Wasser. Dann fliegen sie zurück nach Deutschland, mit mehr Fragen als Antworten.

Es war am 14. Juli 2017, ein Freitag im Hochsommer, als der Ägypter Abdelrahman Schaaban Abo Kora an einem Hotelstrand in Hurghada auf Urlauberinnen einstach. Seine Opfer waren Frauen aus Deutschland, Tschechien, Russland und Armenien, die am Strand lagen. Drei von ihnen starben, darunter Ingrid Mundt, 65, und Susanne Krüger, 56.

Die Frauen kannten sich seit Jahren, beide waren Friseurmeisterinnen aus der Nähe von Peine in Niedersachsen. Sooft es ging, machten sie Urlaub in Hurghada, Mundt tauchte und hatte in dem Strandort eine Ferienwohnung, es war ihr erster gemeinsamer Tag in diesem Sommerurlaub.

Das Messer das Attentäters traf beide in die Lunge und ins Herz.

Zunächst sah alles eindeutig aus, nach dem Anschlag eines Islamisten, der in Kontakt mit der Terrorgruppe IS gestanden haben soll. So berichteten es ägyptische Medien und deutsche Zeitungen mit Verweis auf Sicherheitskreise. "Terror im Taucherparadies", so titelte die "Welt am Sonntag".

Doch dann begannen die ägyptischen Behörden zu mauern und lieferten nur spärliche Auskünfte. Von Terrorismus wollen sie offiziell nichts wissen, stattdessen machen sie Andeutungen über mögliche psychische Probleme des Attentäters.

Bis heute wissen die Hinterbliebenen der Opfer nicht, wo der mutmaßliche Mörder weggesperrt ist und wann Ägyptens Staatsanwaltschaft ihn anzuklagen gedenkt - falls überhaupt. Seit einem Dreivierteljahr geht das so, zum Ärger auch der deutschen Ermittler und Diplomaten, die mehrfach die Ägypter um Informationen gebeten haben.

Für die Angehörigen ist es eine Qual.

Stefanie Loos / DER SPIEGEL

Töchter Myriam Mundt, Lena Krüger: "Wie sollen wir jemals abschließen?"

Nach wie vor spricht viel für einen islamistischen Hintergrund der Attacke. Das Bundeskriminalamt (BKA) hatte danach Beamte ans Rote Meer geschickt. Sie inspizierten den Tatort und trugen Aussagen von Zeugen zusammen. Einer berichtete, der Attentäter habe gerufen, Ausländer und Christen hätten in Ägypten nichts zu suchen.

Eine Russin, die den Angriff verletzt überlebte, beobachtete, wie der Täter telefonierte, bevor er zum benachbarten Hotel eilte und auf weitere Frauen einstach. Zwei seiner Opfer verfolgte er bis ins Wasser der Lagune.

Die deutschen Staatsschützer sahen sich eine Facebook-Seite genauer an, die sie dem Attentäter zuordneten. Sie entpuppte sich als das Profil eines Islamisten. Der ExWirtschaftsstudent, der in Hurghada als Klempner arbeitete, hatte eine schwarze Dschihadistenfahne gepostet. Und einen Link zu einem Aufruf zum Kampf gegen die "Ungläubigen" auf einer IS-nahen Seite.

Anders als die Ägypter behaupteten, liege "sehr wohl der Verdacht nahe, dass die Tat religiös motiviert war", schlussfolgerte das BKA. Möglicherweise habe der Täter "im Auftrag einer Person oder einer terroristischen Vereinigung gehandelt".

Doch klare Beweise konnte das BKA nicht erbringen, eigene Ermittlungen können deutsche Polizisten im Ausland nur bedingt anstellen. Der Generalbundesanwalt verzichtete deshalb vorerst darauf, ein eigenes Terrorverfahren zu eröffnen. Er beließ die Angelegenheit bei der Staatsanwaltschaft Hildesheim, die den Mordfall unter dem Aktenzeichen 17 Js 24178/17 führt. Dabei ist es bis heute geblieben.

An einem nassen Wintertag sitzen Myriam Mundt und Lena Krüger in der Kanzlei eines Berliner Anwalts, den die Familien eingeschaltet haben. Der Tod ihrer Mütter belastet sie, doch sie wollen das Leid der Angehörigen öffentlich machen.

Krüger holt ihr Handy aus der Tasche. Darauf ist die letzte WhatsApp-Nachricht ihrer Mutter gespeichert, ein Foto vom Meer. Es stammt vom Abend vor dem Attentat, an dem die beiden Freundinnen auf den Urlaub anstießen.

Keine 20 Stunden später waren sie tot.

Krüger: "Die ganze Geschichte ist ein riesengroßes Fragezeichen."

Mundt: "Man kriegt nichts gesagt, man kriegt nichts zu hören, man kriegt nichts zu sehen, man kriegt gar nichts."

Krüger: "Wir verlangen nicht viel. Wir wollen einfach nur wissen, was passiert ist. Wie sollen wir sonst jemals abschließen?"

In den ersten Wochen waren deutsche Behörden und Politiker noch bemüht. Der damalige SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, aus dessen Wahlkreis die Opfer kamen, besuchte Ingrid Mundts Tochter Myriam. Sigmar Gabriel, zu jener Zeit noch Außenminister, meldete sich per Telefon, später schickte er den Angehörigen einen Brief. Er versicherte, die Behörden befassten sich "intensiv mit Ihrem Fall".

Inzwischen, so sehen es Mundt und Krüger, denke niemand mehr an sie. Weder die Politik noch die Behörden noch die Öffentlichkeit. Ähnlich wie viele Hinterbliebene des Breitscheidplatz-Anschlags fühlen sie sich alleingelassen.

Im November erreichte ein Schreiben des Bonner Bundesamts für Justiz die Familien. Dort hatten sie einen Antrag auf "Härteleistungen für Opfer terroristischer Straftaten" gestellt, wie sie Angehörigen nach Anschlägen zustehen. Das Amt schrieb, man könne ihnen "zum jetzigen Zeitpunkt leider keine Hoffnung machen", dass sie eine Entschädigung bekämen. Die Belege für einen terroristischen Hintergrund seien bisher zu dünn.

Der Anwalt der Familien, Roland Weber, bat die ägyptische Botschaft um Auskunft. Nach Monaten hat er eine Antwort bekommen, die ihn ratlos zurücklässt. Der Täter habe zugegeben, die Frauen erstochen zu haben, schrieben die Ägypter, ein Urteil habe es bisher aber nicht gegeben. Man habe ihn zur Beobachtung in eine psychiatrische Klinik gebracht, da er seit Jahren unter Krampfanfällen leide und vor der Tat sein Medikament nicht regelmäßig eingenommen habe.

Was die angebliche Krankheit mit der Tat zu tun haben soll, ist unklar. Weber ist überzeugt: "Die Ägypter wollen verschleiern, dass der Angriff islamistisch motiviert war." Auf Fragen des SPIEGEL antworteten die ägyptischen Behörden nicht.

Die deutschen Familien sind nicht die Einzigen, die verzweifeln. Bei dem Attentat kam auch eine Frau aus Prag ums Leben. Die tschechische Botschafterin in Kairo beklagte sich über die ägyptischen Behörden. Sie vermutete: "Sie reden nicht von Terrorismus, weil das Wort Touristen abschrecken könnte." Hurghada ist eines der wichtigsten Urlaubsziele Ägyptens.

Im Herbst sah es kurz so aus, als klärte sich der Fall doch noch. Eine ägyptische Zeitung berichtete, die Ermittler bereiteten eine Terroranklage vor, der Attentäter sei als schuldfähig eingestuft worden. Aber dann geschah wieder: nichts.

Einen Monat später schickten die Tschechen ein Polizeiteam nach Hurghada. "Die ägyptischen Beamten waren freundlich", heißt es aus dem tschechischen Außenministerium, "aber viele Informationen haben wir nicht bekommen." Die Staatsanwaltschaft Hildesheim rechnet damit, dass "noch viele Monate ins Land gehen", bis "sich in dieser Sache etwas tut".

Der Umgang mit dem Fall scheint Menschenrechtler zu bestätigen, die sagen, von einem Rechtsstaat könne in Ägypten kaum die Rede sein.

Mundt und Krüger stellen in ihrer Verzweiflung eigene Recherchen an. Auf Google haben sie die Namen von IS-Männern eingetippt, die laut einem ägyptischen Pressebericht mit dem Angreifer in Verbindung standen. Doch sie konnten nichts zu den angeblichen Hintermännern finden. Im Internet entdeckten sie ein Radiointerview mit einer russischen Augenzeugin und schrieben den Sender an, ob er einen Kontakt herstellen könne.

Warum ihre Mütter starben, wissen sie noch immer nicht. "Es ist wie ein riesiges Puzzle", sagt Mundt, "und uns fehlen fast alle Teile."

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