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einestages

Gewalt auf den Straßen

Krieg um "Klein-Moskau"

Beim Altonaer Blutsonntag kam es 1932 zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen. Die Fehler der Polizei beschleunigten das Ende der Demokratie.

Staatsarchiv Hamburg
Von Kathrin Maas, SPIEGEL Geschichte
Dienstag, 30.05.2017   00:00 Uhr

Käthe Miersch hat Angst. Sie hält sich mit den Kindern im hinteren Teil der Wohnung versteckt. Ihr Ehemann Willi arbeitet auf dem Land und besucht seine Familie nur am Wochenende. Als er an diesem Sonntag in der Holstpassage eintrifft, einer kleinen Straße mitten in der Altonaer Altstadt, herrscht Panik. Polizisten laufen umher, "Fenster zu!", brüllen sie den Anwohnern entgegen und schießen um sich.

In der Wohnung der Familie angelangt, lehnt Willi Miersch sich sogleich hinaus, um das Fenster zu schließen. Doch dann sackt er plötzlich zusammen, tödlich getroffen von der Kugel eines Altonaer Polizeibeamten. Käthe Miersch schreit auf. Ihr Schrei veranlasst eine andere Gruppe von Polizisten, ebenso in diese Richtung zu feuern. Einer der Schüsse trifft Karl Rasch in seiner Wohnung in der benachbarten Unzerstraße. Der 28-jährige Arbeiter ist sofort tot.

Karl Rasch und Willi Miersch sind 2 der 18 Todesopfer am "Altonaer Blutsonntag", dem 17. Juli 1932. An diesem Tag marschierten 7000 uniformierte SA- und SS-Leute kreuz und quer durch das "rote" Altona - eine massive Provokation. Die Hafen- und Industriestadt mit rund 240.000 Einwohnern gleich neben Hamburg gehörte damals noch zur preußischen Provinz Schleswig-Holstein.

Aus SPIEGEL Geschichte 3/2017

Als der Demonstrationszug die engen Gassen der Altstadt passierte, kam es zu ersten Prügeleien zwischen Nationalsozialisten und linken Gegendemonstranten. Die Stimmung heizte sich immer weiter auf, Flaschen flogen, Schüsse fielen, zwei SA-Männer wurden getötet. Die Polizei vermutete, kommunistische Heckenschützen hätten von Dächern und aus Fenstern heraus geschossen.

Wie von Sinnen feuerten die Beamten in den folgenden Stunden in die umliegenden Häuser. Über 5000 Schuss sollen sie abgegeben haben, 16 unbeteiligte Anwohner und Passanten starben, unter ihnen Willi Miersch und Karl Rasch. Deeskalation gehörte nicht zum Handwerkszeug der Polizei.

In Altona dominierte die KPD, dort wollten die Nazis Krieg

Der Altonaer Blutsonntag markierte den Höhepunkt einer Gewaltwelle im Wahlkampfsommer 1932. Mitte Juni hatte der rechtsgerichtete Reichskanzler Franz von Papen das zwei Monate zuvor erlassene Verbot von SA und SS aufgehoben. Seitdem tobte zwischen den paramilitärischen Einheiten der NSDAP und ihren Gegnern von KPD und SPD ein brutaler Kampf um die Straße. Die Zahl der Todesopfer bei politischen Auseinandersetzungen stieg rapide an, in Preußen von 3 in der ersten Junihälfte auf 86 im Juli.

Auch in Schleswig-Holstein war es in jenen Wochen schon zu blutigen Zusammenstößen gekommen. Am 10. Juli überfielen SA-Leute das Gewerkschaftshaus in Eckernförde und erstachen zwei Sozialdemokraten. Zudem gingen zwei Morde an KPD-Männern auf das Konto von Nationalsozialisten.

Die NSDAP hatte in der bäuerlich geprägten Region viele Anhänger. Auf dem Land wählte im Juli 1932 mehr als die Hälfte die Hitler-Partei. In der Stadt Altona dagegen votierte die Mehrheit für die Linke. In der Altonaer Altstadt, auch "Klein-Moskau" genannt, dominierte die KPD. Und genau dort wollten die Nationalsozialisten nun Krieg.

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Blutige NSDAP-Demo: Die Lüge von den Heckenschützen

Am 12. Juli kündigte das nationalsozialistische "Hamburger Tageblatt" für den folgenden Sonntag einen gigantischen Propagandazug an. SA- und SS-Männer aus ganz Schleswig-Holstein und Hamburg sollten dafür zusammengezogen werden. In den Tagen zuvor hatte es in Altona bereits heftige Ausschreitungen bei NSDAP-Aufmärschen gegeben. Trotzdem genehmigte Altonas Polizeipräsident, der SPD-Reichstagsabgeordnete und später im KZ ermordete Otto Eggerstedt, die Demonstration samt Marschroute durch die Altstadt.

Bürgerkrieg auf Altonas Straßen

Um Unruhen zu vermeiden, forderte die SPD ihre Mitglieder und die des republikanischen Kampfbundes "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" auf, die Stadt zu verlassen. Die KPD hingegen mobilisierte ihre Anhänger. Sie rief in Zeitungen und Flugblättern dazu auf, Altona gegen den "Terrorzug der Hitler-Banden" zu verteidigen.

Obwohl die Konfrontation absehbar war, verließ Polizeipräsident Eggerstedt die Stadt für eine Wahlkampfreise, gewährte seinem Stellvertreter Urlaub und überließ das Feld unerfahrenen Kollegen. Schnell zeigte sich, dass die Polizeiführung überfordert war.

Als SA und SS am 17. Juli schließlich mit 7000 Mann losmarschierten, war ihre Route polizeilich unzureichend gesichert. Die Nazis prügelten auf Passanten und Gegendemonstranten ein, die Linken antworteten mit "Heil Moskau"- und "Nazi verrecke"-Parolen. Es gelang nicht, die verfeindeten Lager zu trennen. Für ein paar Stunden herrschte auf Altonas Straßen Bürgerkrieg.

Die Polizeiführung benannte noch am Abend die aus ihrer Sicht Schuldigen: "Gelegentlich eines Werbemarsches der SA durch Altona kam es zu schweren Ausschreitungen seitens Anhängern der Antifaschistischen Aktion. Letztere beschossen von Dächern und Balkonen sowie aus Wohnungen heraus die Teilnehmer des Werbeumzuges, sowie die den Umzug begleitenden Polizeibeamten." Die "Antifaschistische Aktion" war das Markenzeichen für militante Aktionen gegen die Nazis, die von der KPD gelenkt wurden. Die Polizei bekundete, sie habe alles darangesetzt, die Schützen auszuschalten.

Anlass zum Putsch in Preußen

Auch die Staatsanwaltschaft machte sich die Version des "kommunistischen Feuerüberfalls" zu eigen. Vier Kommunisten, Bruno Tesch, Walter Möller, Karl Wolff und August Lütgens, wurden beschuldigt, die beiden SA-Männer erschossen und den Angriff auf den Naziumzug geplant zu haben.

Knapp ein Jahr nach den Ereignissen, zu Beginn der NS-Herrschaft, wurden sie in politisch motivierten Schauprozessen zum Tode verurteilt und am 1. August 1933 im Hof des Altonaer Gerichts geköpft. Es waren die ersten vier Hinrichtungen politischer Gegner des Naziregimes.

Erst 60 Jahre später widerlegte der pensionierte Lehrer und Hobbyhistoriker Léon Schirmann die Heckenschützentheorie und bewies, dass die vier Männer zu Unrecht verurteilt worden waren - auf Grundlage gefälschter Beweise, gekaufter Zeugenaussagen und frisierter Obduktionsberichte. Seine Untersuchungen legen nahe, dass die Mär des "kommunistischen Feuerüberfalls" vornehmlich dazu diente, das Versagen der Polizei zu kaschieren.

1992 hob das Landgericht Hamburg die Todesurteile gegen Tesch, Möller, Wolff und Lütgens auf und rehabilitierte sie als Opfer der Naziherrschaft. Die wahren Mörder der SA-Männer wurden nie ermittelt.

Die politischen Gewinner des Altonaer Blutsonntags waren die Nationalsozialisten. Reichskanzler Franz von Papen nahm das tödliche Chaos zum Anlass, den sogenannten Preußenschlag auszuführen. Am 20. Juli setzte er die sozialdemokratisch geführte preußische Regierung ab, um die "öffentliche Sicherheit und Ordnung" wiederherzustellen. Damit war das letzte republikanische Bollwerk in Deutschland erobert.

Sechs Monate später kam Adolf Hitler an die Macht.


Dieser Text ist ein Beitrag aus dem Magazin SPIEGEL Geschichte: "Faschismus - das europäische Inferno" lautet das Thema der Ausgabe 3/2017. Das Heft gibt es im Zeitschriftenhandel oder hier.

insgesamt 13 Beiträge
rohfleischesser 17.07.2017
1.
Sehr bezeichnend. Inkompetenz und Verschleierung der eigenen Unfähigkeit hat also Tradition in der Polizei der Hansestadt. Immerhin schießt die Polizei nicht mehr selbst auf unschuldige Bürger, sie belässt es dabei, diese [...]
Sehr bezeichnend. Inkompetenz und Verschleierung der eigenen Unfähigkeit hat also Tradition in der Polizei der Hansestadt. Immerhin schießt die Polizei nicht mehr selbst auf unschuldige Bürger, sie belässt es dabei, diese nicht zu schützen.
lantelme.import 17.07.2017
2. Haltloser Vergleich
Das können Sie doch gar nicht vergleichen! Damals war es ein politisch motiviertes bzw. vorgegebenes Verhalten der Polizei, die einst aber außerhalb politischer Guide Lines für Sicherheit und Ordnung in der Bevölkerung gesorgt [...]
Das können Sie doch gar nicht vergleichen! Damals war es ein politisch motiviertes bzw. vorgegebenes Verhalten der Polizei, die einst aber außerhalb politischer Guide Lines für Sicherheit und Ordnung in der Bevölkerung gesorgt hat. Im normalen Alltag war das Auftreten der Polizei seriös und diszipliniert. Heute ist das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung so gut wie im Eimer. Das hat viele Gründe, die in der gesamten Seilschaft Politik-Justiz-Polizei-Zeitgeist etc. liegen. Daher ist es auch in beiden Fällen falsch, von Versagen der Polizei zu sprechen. Sie ist auch nur das Kind ihrer jeweiligen Zeit. Unterm Strich hat sich aber 1933 eine Frau sicher eher durch dunkle Straßen und Stadtparks getraut als heute - mit Recht, wie ich meine! So, wie z.B. heute diese Gefilde in Weißrußland 100mal sicherer sind als in Deutschland, das wissen wir von weißrussischen Bekannten, die beide Länder kennen.
gandhiforever 17.07.2017
3. Zufall?
Mir scheint es kein Zufall zu sein, dass dieser Artikel jetzt erscheint, nach G-20. Er zeigt aber wieder einmal, dass die Polizei schon damals lieber auf Linke losgelassen wurde, auch unter einem SPD-Mann. Und, da die Fakten [...]
Mir scheint es kein Zufall zu sein, dass dieser Artikel jetzt erscheint, nach G-20. Er zeigt aber wieder einmal, dass die Polizei schon damals lieber auf Linke losgelassen wurde, auch unter einem SPD-Mann. Und, da die Fakten die Vorgaenge nicht stuetzten, mussten "Fakten" geschaffeb werden.
zisgacha 17.07.2017
4. Krasse Parallelen.
Dieses Szenario dürfte Polizeichefs, Politikern und, zumindest altgedienten, Journalisten bekannt gewesen sein. Fragt sich, ob daraus nur eine selbsterfüllende Prophezeiung wurde oder, ob die Nacht, vor allem aber deren [...]
Dieses Szenario dürfte Polizeichefs, Politikern und, zumindest altgedienten, Journalisten bekannt gewesen sein. Fragt sich, ob daraus nur eine selbsterfüllende Prophezeiung wurde oder, ob die Nacht, vor allem aber deren Aufarbeitung, bewusst in diese Richtung manipuliert wurde.
garfield53 17.07.2017
5. mmm
"Deeskalation" war nicht das "Ding" der Hamburger Polizei. Klingt wie böse Satire, scheint aber Tradition in Hamburg zu sein. Ich gehe davon aus, da erst 1992 die Opfer rehabilitiert wurden, das die [...]
"Deeskalation" war nicht das "Ding" der Hamburger Polizei. Klingt wie böse Satire, scheint aber Tradition in Hamburg zu sein. Ich gehe davon aus, da erst 1992 die Opfer rehabilitiert wurden, das die damaligen Täter und Verantwortlichen als verdienstvolle Bürger der Bundesrepublik "verstorben" sind, wenn sie den 2.WK überlebt hatten. Die aktuelle Verschleierung und mediale Legendenbildung um die Ereignisse im Umfeld des G20, abzulenken von den wahren Ursachen, sind nur eine Weiterführung der traditionellen Hamburger Verhältnisse, egal, wer meint die "Macht" in der Stadt zu haben oder sie zu repräsentieren. Spätestens in 60 Jahren, falls sich die Machtverhältnisse nicht eher ändern, kommt die Wahrheit auf den "Tisch", bei dem Eifer welche die Politik und die "kriegsführende" Seite aus dem Hause Springer zur Verschleierung und Legendenbildung beitragen, also muss sich keiner der handelnden Verantwortlichen fürchten, vorzeitig an den "Pranger" gestellt zu werden.

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