12.06.2009
Legenden
Der heiligste Kasten der Welt
Von Clemens HögesGott weiß offenbar genau, was er will. Im Buch Exodus der Bibel befiehlt Jahwe seinem Gefolgsmann Mose, eine Transportkiste bauen zu lassen für die beiden Steintafeln mit den Zehn Geboten:
Macht eine Lade aus Akazienholz, zweieinhalb Ellen lang, anderthalb Ellen breit und anderthalb Ellen hoch! Überziehe sie innen und außen mit purem Gold. Gieß für sie vier Goldringe, und befestige sie an ihren vier Füßen. Fertige Stangen aus Akazienholz an. Steck die Stangen durch die Ringe, so dass man die Lade damit tragen kann. Verfertige auch eine Deckplatte aus purem Gold. Mach zwei Kerubim aus getriebenem Gold, und arbeite sie an den beiden Enden der Deckplatte heraus! Die Kerubim sollen die Flügel nach oben ausbreiten.
Sah so die Bundeslade aus? (Filmszene aus "Jäger des verlorenen Schatzes")
Mose tut wie geheißen, über Jahrhunderte tragen die Israeliten danach die Bundeslade als ihr höchstes Heiligtum immer mit sich: Die Kiste kann laut Bibel Menschen töten, sie drängt die Fluten des Jordans zurück und lässt zusammen mit Posaunenschall die Mauern von Jericho einstürzen. König David bringt sie dann ins frisch eroberte Jerusalem, Davids Sohn Salomo baut schließlich seinen großen Tempel um sie herum - ungefähr dort, wo heute der Felsendom steht.
Alles nur fromme Legenden? Sicher. Aber Wissenschaftler glauben, dass diese Legenden einen wahren Kern haben könnten, dass dieses mystisch verklärte Möbel einst existierte - und vielleicht noch existiert. Nur wo?
Seit Jahrzehnten treibt diese Frage nicht nur Filmhelden um wie Indiana Jones ("Jäger des verlorenen Schatzes"), sondern auch Abenteurer, Raubgräber und auch Wissenschaftler: Ein Hamburger Archäologieprofessor verkündete vergangenes Jahr, er wisse Neues über die alten Geschichten von der Bundeslade in Äthiopien; ein renommierter Konkurrent von der University of London behauptet, die Lade sei im Süden Afrikas. Und schon weitaus länger stehen bei einigen die Tempelritter in Verdacht, den Goldkasten nach England geschafft zu haben.
Sicher ist nur, dass alle Geschichten und Erwähnungen in der Bibel auf die Zeit vor 597 v. Chr. hindeuten. Es ist das Jahr, in dem Babylons Herrscher Nebukadnezar II. Jerusalem erobert. Seine Soldaten plündern den Tempel, rauben alle Reichtümer. Die Chronisten der Bibel notieren penibel, welche Stücke ihre Militärs davonschleppen - nur den größten Schatz, die Bundeslade, listen sie nicht auf.
Vielleicht hat einer der vielen Feinde Israels sie irgendwann zerstört, vielleicht ist sie in Jerusalem verbrannt oder verschüttet worden, vielleicht haben Priester sie aber auch vor dem Anrücken der Babylonier versteckt, in einer Höhle, einem Gang unter dem Tempelberg. Zu gern würden Archäologen den heiligsten Hügel der Menschheit durchstöbern. Aber weder Muslime noch Juden werden das je genehmigen.
Die Forscher würden die Bundeslade dort auch nicht finden, wenn stimmt, was im Zweiten Buch der Makkabäer steht: Der Prophet Jeremia habe einen "Gottesspruch empfangen" und die Lade, vor dem Angriff der Babylonier, aus Jerusalem weggeschafft. Er sei "hinausgegangen zu dem Berg, auf den Mose gestiegen war. Dort fand Jeremia eine Höhle wie ein Haus. Er trug die Lade hinein; dann verschloss er den Eingang".
Aber welches ist der Berg der Zehn Gebote? Viele Expeditionen suchten schon vergebens - weil die Kiste längst wieder weg war, sagt der britische Autor und Rechercheur Graham Phillips: Er zitiert einen arabischen Chronisten, nach dessen Worten britische Tempelritter um 1180 am Berg Madhbah im heutigen Jordanien - der manchen Bibelarchäologen als Mose-Berg gilt - einen geheimnisvollen Kasten fanden.
Phillips verfolgt die Spur, vage Quellen nutzt er, aber auch mittelalterliche Grundbücher. Und nach denen sollen mehrere heimkehrende Kreuzfahrer "heilige Dinge" aus Palästina nach England geschafft haben. Am Ende steht Phillips vor einem Brunnen und einer Höhle in der Grafschaft Warwickshire in Mittelengland. Dummerweise haben die Briten das Areal nach dem Zweiten Weltkrieg gründlich umgepflügt, eine Straße musste verbreitert werden.