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einestages

Trumps barocke Vorbilder

Der Geheimcode absoluter Macht

Niemand verstand es, Überlegenheit so gekonnt in Szene zu setzen, wie die Fürsten des Barock. Ihre Sprache aus Symbolen, Gesten und Verhaltensweisen wird bis heute von Mächtigen kopiert.

REUTERS

Trumps Mar-a-Lago-Ressort in West Palm Beach: Die Fürsten des Barock nutzten eine Sprache der Macht, die feinste Ausdrucks- und Differenzierungsmöglichkeiten besaß

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Dienstag, 01.05.2018   15:06 Uhr

Er versucht es. Um jeden Preis. Das zeigen die Fotos aus seiner New Yorker Wohnung: überall Gold und Marmor, überall Brokat, Kronleuchter und glitzernde Spiegel. "Donald Trump hat den Designgeschmack eines Diktators", urteilte das amerikanische Magazin "Politico". Der Autor Peter York, Verfasser des Buches "Dictator Style", stellte Trumps Wohnung in eine Reihe mit Tyrannenresidenzen von Slobodan Milosevic, Saddam Hussein oder Ferdinand Marcos.

Alle diese Quartiere haben drei Dinge gemeinsam: Sie sind obszön opulent, überdimensioniert - und sie kopieren hemmungslos den Stil des Barock. Die Mode des 17. und 18. Jahrhunderts also, einer Zeit, die als Epoche des Absolutismus zum Inbegriff vordemokratischer Alleinherrschaft wurde.

Es ist kein Wunder, dass Möchtegern-Absolutisten von heute den Lifestyle von damals imitieren. Wohl zu keiner Zeit der abendländischen Geschichte wurde Macht gekonnter in Szene gesetzt als im Barock. Fürsten wie Frankreichs Ludwig XIV. oder Sachsens August der Starke rüsteten ihre Schlösser zu gigantischen Palästen auf, luden zu glamourösen Festen, beauftragten die besten Künstler, Komponisten und Autoren, um sich ins rechte Licht rücken zu lassen. Die fürstlichen Höfe wurden zu Magneten für den Adel und für Aufstiegswillige aus dem Bürgertum, die sich in Dienstbeflissenheit für den Regenten gegenseitig zu überbieten versuchten.

Aus SPIEGEL GESCHICHTE 2/2018

Anders als Kitschliebhaber Trump nutzten die Fürsten des Barock jedoch eine Sprache der Macht, die feinste Ausdrucks- und Differenzierungsmöglichkeiten besaß. Es war ein komplexer Code mit klaren Regeln, einer eigenen Logik, tief verhaftet in der Mentalität der damaligen Zeit.

Heute klingt das meiste davon bizarr und unverständlich, nicht einmal selbstherrliche Diktatoren würden noch auf derartige Ideen kommen: dass Ludwig XIV. hohe Adelige am königlichen Bett empfing. Dass eine fürstliche Mätresse eine Art offizielles Hofamt innehatte. Oder dass im Hochadel selbst enge Verwandte skrupellos miteinander verheiratet wurden, damit das Erbe in der Familie blieb. Alles vollkommen irre, von heute aus betrachtet.

Doch die Menschen von damals verständigten sich nur anders miteinander. Zeichen, Gesten, Verhaltensweisen und Symbole waren Teil eines Kommunikationssystems, das bei Hofe jeder beherrschte. Wenngleich dieser Hofcode im Detail oft erstaunlich kompliziert ist, sind es letztlich fünf Prinzipien, die alles zusammenhalten: Hof, Status, Beziehungen, Show und Politik.

1. Es geht immer um den Hof

"Wer auff dem Schlüpffer=Eis des Hofs wil sicher geh'n, muss mit Verstand und Klugheit seyn beschlagen", heißt es ziemlich zu Anfang in einem Buch für künftige Hofleute, dem "Hof-Compas - dem Angehenden Teutsch und Christlich=gesinneten Tugendbegierigen Hofmanne zum Nutzen", 1672 in Leipzig erschienen. Das war Warnung und Anreiz zugleich. Denn auf das rutschige Parkett des Hofes wollte und musste sich damals jeder Adlige begeben.

"Hof wird genennet, wo sich der Fürst aufhält", definierte nüchtern Zedlers Universal-Lexicon, erschienen von 1731 an. Das war etwas untertrieben. Die fürstlichen Höfe Europas waren staatlicher Regierungssitz und fürstlicher Haushalt zugleich. Und sie waren, bei allen regionalen Unterschieden, die unbestrittenen Hotspots jedes Landes. Die Orte also, an denen man sah und gesehen wurde, an die es jeden zog, der es in Politik oder Gesellschaft zu etwas bringen wollte.

Während Herrscher im Mittelalter umherreisten, um überall in ihren Landen regelmäßig präsent zu sein, bauten sie vom 16. Jahrhundert an feste Residenzen zu Herrschaftssitzen aus - prächtige Schlösser, gern abseits des städtischen Trubels, mit riesigen Parks und opulent dekorierten Festsälen. Nach und nach entwickelten sich nun Staaten mit zentralen Verwaltungen, einem stehenden Heer und professionellen Beamten. Zu den Zentren dieser frühneuzeitlichen Staatswesen wurden die Höfe. Immer mehr Adelige kamen hierher, errichteten repräsentative Palais; suchten die Nähe des Königs, der nun nicht mehr in die Nähe ihrer Landgüter reiste.

akg-images / Erich Lessing

Die Hochzeit des späteren Kaisers Joseph II. mit Isabella von Parma 1760 war das größte Fest, das Wien je gesehen hatte

Althergebrachte Rechte, etwa auf Posten oder Renten, zählten immer weniger, stattdessen entschied der Monarch nach Loyalität und Nützlichkeit, wer Ämter, Militärkommandos, geistliche Pfründen oder Pensionen erhielt.

All diese wurden bei Hofe vergeben, hier fiel auch das eine oder andere Geldgeschenk ab oder eine lukrative Heiratspartie. Und nicht zuletzt konnte man hier politischen Einfluss geltend machen, als Berater des Fürsten zum Beispiel. Kein Wunder, dass sie alle herbeiströmten. Mehr und mehr Posten entstanden im Hofdienst, also als Personal im fürstlichen Haushalt, und im Staatsdienst, also in den Ministerien des Landes.

Es gab Hofkämmerer und Hofküchenmeister, Hofschenke, Hofräte und Hofsilberkämmerer, Hofjäger, Hofgardisten, Hofkapellmeister, Hofmarschalle, Hofdichter, Hofmeister (die Lehrer der Fürstenkinder) und Hofnarren - um nur einige Posten zu nennen. Hinzu kamen noch zahlreiche militärische und politische Ämter, Letztere wurden zunehmend auch für das gut ausgebildete Bürgertum interessant.

Das Beispiel einiger hoher Fürsten, allen voran der französischen Könige, die zum Stilvorbild der Epoche wurden, fand überall Nachahmer: Minder hohe Hoheiten wie Herzöge und Grafen und selbst geistliche Fürsten wie der Erzbischof von Köln versuchten, im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Großen zu imitieren. Zahlen vom Münchner Hof der Herzöge von Bayern verdeutlichen den sprunghaften Anstieg des Hofstaates: 1508 wurden gerade einmal 162 Personen in den Hoflisten aufgezählt, schon 1571 waren es dann 866, im Jahr 1747 schließlich 1429.

Dabei half auch ein ganz neues Selbstverständnis des Adels. Hatten die Hochwohlgeborenen noch im Spätmittelalter viel Wert auf ihren Ruf als Haudegen gelegt, als Ritter und Krieger, als Lehens- und Gefolgsleute ihrer Fürsten, so wurden ihre Gefolgschaftsdienste angesichts stehender Heere zusehends obsolet.

Photoaisa / Interfoto

Protzerei mit Orchester: Zur Feier der Hochzeit des französischen Thronfolgers lud ein französischer Kardinal in Rom 1747 zu einem Konzert im Teatro Argentina (Gemälde von Giovanni Paolo Pannini)

Nicht zuletzt, weil man sich Ehre kaum mehr im Krieg verdienen konnte, kam die "Honnêteté" in Mode, die Ehrbarkeit, ein neues Verhaltensideal insbesondere für adelige Herren. Zum Habitus gehörten verfeinerte Sitten und kultiviertes Auftreten, Esprit, weltläufige Bildung und Beherrschung der Etikette. Der Adel wurde zu einer Gesellschaft der Selbstdarsteller, die Bühne fürs Schaulaufen wurde der Hof.

An diese Bühne zog es auch Künstler und Wissenschaftler, Gartenbaumeister und Komponisten, die sich Aufträge und Förderung von höchster Stelle erhofften. So entwickelte sich die barocke höfische Gesellschaft mit der "Eigentümlichkeit, dass der Hof so beherrschend wie nie zuvor das gesellschaftliche, geistige und künstlerische Leben prägte", schrieb der Historiker Johannes Kunisch.

2. Es geht immer um Status

Das zweite Prinzip des höfischen Codes war das permanente Streben nach Status. Gesellschaftliches Ansehen war die maßgebliche Währung der frühneuzeitlichen Gesellschaft - um jemand zu sein, mussten die anderen das auch anerkennen. Von einer "Ökonomie der Ehre" spricht der Historiker Andreas Pecar.

Die soziale Hierarchie damals war krass, aber sie begründete sich nicht durch materiellen Besitz, sondern durch Sozialprestige. Das ging einher mit bestimmten "standesgemäßen" Verhaltensweisen. Wer die Etikette beherrschte, grenzte sich ab, zeigte seine Überlegenheit. Das war entscheidend. Denn mehr Prestige, ein höherer Status waren nicht einfach nur angenehm, sie hatten sehr konkrete Folgen: mehr Einfluss, mehr Macht und mehr Möglichkeiten.

An der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie stand dieser Logik zufolge der souveräne Monarch. Das Selbstbewusstsein der Könige wuchs ins fast Unermessliche: Sie sahen sich nun als Herrscher von Gottes Gnaden, gesalbt und gekrönt als Stellvertreter und Abbild Gottes auf Erden, weit erhaben über alle Normalsterblichen.

Klar abgehoben auch von den Angehörigen des Hochadels, die im Mittelalter traditionell noch Teilhaber der Herrschaft waren, in ihren Herrschaftsbezirken Recht sprachen oder dem König Steuern bewilligten. Nun bestanden die Könige darauf, der einzige Souverän zu sein, also allein entscheidungsbefugt, derjenige, von dem alle Macht ausging und bei dem alle Fäden zusammenliefen.

Doch auch der Monarch rivalisierte mit anderen Souveränen um Status und Prestige. Und auch er musste permanent zeigen, dass er seinen Status tatsächlich verdient hatte - dafür dienten all die Angeberei, das Gepose, der Prunk, die Zeremonielle. Auch ein imposanter Titel war hilfreich. Deswegen konvertierte August der Starke, ursprünglich nur Herzog von Sachsen, 1697 zum Katholizismus und investierte viel Geld, um sich vom polnischen Adel zum König von Polen wählen zu lassen. Friedrich, Kurfürst von Brandenburg, erkaufte sich 1701 mit zwei Millionen Dukaten und militärischen Hilfszusagen bei Kaiser Leopold I. den Titel "König in Preußen".

Auf der nächsten Stufe der Hierarchie stand der Adel, auch seine Angehörigen wetteiferten miteinander um Status und Ehre. Für die Blaublüter war die Sache etwas komplizierter als noch in den Jahrhunderten zuvor: Denn nun reichte es für ordentlich Prestige nicht mehr, nur adelig geboren zu sein. Man musste sich auch standesgemäß benehmen und vor allem bei Hofe erfolgreich sein, dem Herrscher möglichst nahekommen. So konnte man seine Vorrangstellung am besten demonstrieren.

Je absoluter der Monarch, umso stärker bestimmte sich die Position jedes Einzelnen innerhalb der Gesellschaft dadurch, wie nahe man dem Herrscher kam. Jeder Vorrang war, zumindest in der Theorie, nur abgeleitet vom Fürsten selbst, von seinem Glanz fiel am ehesten bei Hofe etwas auf andere ab. Somit also musste jeder dorthin streben - und es als Privileg betrachten, dem Herrscher dienen zu dürfen.

Das gelang längst nicht allen. Allein schon, weil man sich den Dienst bei Hofe leisten können musste. Um in den Hofstaat der Kurfürstin von Bayern einzutreten, brauchte ein adeliges Fräulein Anfang des 17. Jahrhunderts zwei neue farbige Röcke mit goldenen und silbernen Borten (einer davon aus Samt, der andere aus Atlasseide), zwei neue schwarze Röcke (einer aus Samt, der andere aus Damast), einen schwarzen Alltagsrock (aus Damast mit schwarzer Verbrämung), einen neuen "Nachtpelz" (aus farbiger Atlasseide mit goldenen oder silbernen Borten), einen kurzen, pelzgefütterten Samtmantel für die Feiertage im Winter, einen mit Taftfutter für den Sommer sowie zwei Mäntel für die Werktage, berichtet die Historikerin Katrin Keller in einer Studie über Hofdamen.

akg-images / Erich Lessing

Bei öffentlichen Tafeln wie etwa anlässlich der Hochzeit des späteren Kaisers Joseph II. speisten die Herrscher vor Publikum. Zusehen zu dürfen war eine Ehre (Gemälde von Martin van Meytens, 1763) .

Schon die Grundausstattung für den Dienst habe etwa das Dreifache des Jahressoldes einer Hofdame verschlungen, etwa so viel wie die Hälfte der jährlichen Einkünfte eines durchschnittlichen adeligen Gutshofs, rechnet Keller. Noch nicht mitgerechnet die laufenden Kosten für Wäsche, Schmuck und neue Kleider. Für Kredite, die man dem Herrscher zu gewähren hatte. Oder für den repräsentativen Lebensstil, der von den Hofbediensteten und ihren Familien selbstverständlich ebenfalls erwartet wurde. Auch um in Ämter und Posten überhaupt berufen zu werden, floss in der Regel Geld.

Es waren also nicht in erster Linie finanzielle Interessen, die den Adel an die Höfe trieb. Die Hofgesellschaft war vielmehr ein exklusiver Klub mit exorbitant hoher Mitgliedsgebühr: Wer es dort hineinschaffte, hob sich ab von allen anderen - und erhielt im besten Fall Kontakte und Informationen, die sich auch finanziell auszahlten. Auch innerhalb des Adels bildeten sich dadurch neue Unterschiede zwischen jenen meist Hochadeligen, die sich das Leben bei Hofe leisten konnten, und jenen, oft aus dem niedrigeren Landadel, für die das einfach zu teuer war. Und es kam zunehmend Konkurrenz auf zwischen jenen, die qua Geburt zum Adel zählten, und jenen Bürgerlichen, die durch den Dienst für den Herrscher gesellschaftlich aufstiegen und geadelt wurden.

Doch für alle galt: Die Mitgliedschaft im exklusiven Klub der Höflinge war stets eine auf Bewährung. Denn immer entschied am Ende die Gunst des Herrschers darüber, ob jemand ein Amt behielt, ob er befördert wurde - oder in Ungnade fiel. "Dann nicht wir selbs, sondern andere geben uns das Ansehen, und haben wir fast nichts mehr dabey zu thun, als dasselbe zu erhalten und zu verthädigen", lehrte der "Hof-Compas". Die ständige Ungewissheit über den eigenen Rang machte den Hof zu einem Fegefeuer der Eitelkeiten: Da jeder ständig für seine eigenen Interessen streiten musste, mit anderen rivalisierte, waren Intrigen, Täuschungsmanöver und Misstrauen an der Tagesordnung. "Bey Hofe hat man zu viel Aufseher. Vielleicht ist iemand da, der sich über unsere Leiche den Weg in des Fürsten Gnade bahnen will", warnt das Zedler-Lexikon.

3. Es geht immer um Beziehungen

Um sich zwischen all den Parteien und Interessen bei Hofe behaupten zu können, waren persönliche Beziehungen unerlässlich. Hier unterschied sich der Hof nicht von anderen Bereichen der vormodernen Gesellschaft: Weil es noch kaum formale Strukturen gab, weder in Staat oder Verwaltung noch bei Laufbahnen oder Karrierewegen, lief alles über Netzwerke und Kontakte. Es war somit erst einmal nichts Fragwürdiges, Fäden zu spinnen, sich Förderer und Fürsprecher zu suchen und umgekehrt anderen Gefallen zu erweisen.

"Daß du ... durch Gefälligkeit dir einen Zutritt machen, durch höfliche Gefliessenheit der Leute Gunst gewinnen ... wollest", riet der "Hof-Compas" angehenden Höflingen - und dass sie sich bei Hofe als Erstes einen Vertrauten suchen sollten, der sie vor "verborgenen Klippen" warnen würde.

Ich gebe dir etwas, damit du mir etwas gibst, nach diesem Motto funktionierte der ganze Hof. Auch der Monarch profitierte letztlich vom Prestige und von den Beziehungen, die die Adeligen in seinem Hofstaat einbrachten. Und die Erfolgreichen bei Hofe hatten nicht nur persönlich etwas von ihrer Karriere, sondern im besten Fall auch die ganze Familie. Der eigenen Sippe - im Hochadel hieß das Dynastie - Vorteile zu verschaffen, war eines der Hauptziele, auch Fürsten handelten meist nicht im Interesse ihrer Staaten, sondern ihres Clans. Dies war ein Grund für die bizarre Heiratspolitik unter den großen Familien.

Die Familie war noch die sicherste Bank in all den informellen Verbindungen. Da man nie wissen konnte, ob einem der andere noch einmal nützlich sein konnte, war trotz aller Intrigen und Rangeleien an der Oberfläche immer Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft gefragt. Man tat gut daran, sich mit anderen gut zu stellen, gar einzuschmeicheln - sich "höflich" zu verhalten, wie Zedlers Lexikon mit kritischem Unterton definierte: "Großer Herren Höfe sind ein Schau=Platz, wo ieder sein Glück machen will. Dieses lässet sich nicht anders thun, als wenn man des Fürstens und deren Vornehmsten am Hofe Zuneigung gewinnet. Man giebt sich also alle ersinnliche Mühe, denenselben sich beliebt zu machen."

4. Es geht immer um die Show

Echtheit und Authentizität, all das, was wir heute in persönlichen Beziehungen wertschätzen, spielte an den Höfen keine Rolle. Im Gegenteil: Am besten ließ man alle über seine wahren Interessen im Unklaren und setzte ein Pokerface auf, empfahl der "Hof-Compas": "Wañ du in deinen Fürhaben und Geschäfften dir von niemand in die Karte sehen läst, sondern ... deine Gemüthsneigungen verdecken und verhüten kanst, daß nicht ein ieder mercke, woran die Sache haffte, so wirst du viel Unheil und Schaden verhüten, und die Gelegenheit zu deinem Vortheil desto besser erwarten und ergreiffen können."

Die Basis aller Politik bei Hofe und damit in ganz Europa war die Inszenierung. Macht und Einfluss konnte nur beanspruchen, wer den dafür notwendigen Status auch tatsächlich vorweisen konnte - also möglichst kostbare Kleider trug, möglichst üppige Mahlzeiten auf seinen Tafeln aufbot, ein möglichst großes und möglichst reich ausgestattetes Schloss sein Eigen nannte.

Das galt zuallererst für den Fürsten selbst: "Wenn die Unterthanen die Majestät des Königes erkennen sollen, so müssen sie erkennen, daß bey ihm die höchste Gewalt und Macht sey", erklärte der Aufklärungsphilosoph Christian Wolff 1721 den tieferen Sinn von Prunk und Pracht: "Der gemeine Mann, welcher bloß an den Sinnen hanget und die Vernunft wenig gebrauchen kann, vermag ... nicht zu begreiffen, was die Majestät des Königes ist: aber durch die Dinge, so in die Augen fallen und seine übrige Sinnen rühren, bekommet er einen ... klaren Begriff von seiner Majestät, oder Macht und Gewalt."

Der Glamour war also nicht nur Dekoration. Die Sichtbarkeit der Macht war Voraussetzung für die Rechtmäßigkeit des fürstlichen Herrschaftsanspruchs.

Rund um die Frage, wie sich die Rangansprüche der Herrscher am besten repräsentieren ließen, wie Rangunterschiede noch für den simpelsten Untertanen verständlich gemacht werden konnten, entwickelte sich im 18. Jahrhundert eine spezielle "Zeremonialwissenschaft", eine Unterabteilung der Rechtswissenschaft. In dicken Büchern erörterten Hofjuristen, wie sich die göttliche Aura des Monarchen, seine Majestät, am besten hervorheben ließ, welche Statussymbole und Verfahren sich dafür bewährt hatten. Dass Ludwig XIV. sich von Adeligen ankleiden ließ, war nur eines der Zeichen, die dazu dienten, seine absolute Majestät unter Beweis zu stellen - ihm nahe zu sein, ihm dienen zu dürfen, das war fast vergleichbar mit der Ehre, Gott dienen zu dürfen.

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Beim "Lit de Justice" ("Bett der Justiz", wegen des königlichen Sessels) präsentierte Frankreichs König - hier der junge Ludwig XV. – dem Parlament seine Edikte (Gemälde von Louis Michel Dumesnil, 1715)

Noch heute kann man im Hof des Versailler Schlosses von König Ludwig XIV. Pflastersteine in unterschiedlicher Qualität betrachten: Außen sind sie eher grob, zum Schloss hin werden sie feiner, bis der Boden im innersten Hof schließlich aus geschliffenen Marmorsteinen besteht. Der Bodenbelag zeigt, wie nahe Zuschauer bestimmter Kategorien dem königlichen Hofleben und damit dem Monarchen kommen durften. Auch solchen Pflastersteinen - und dem Recht, sie zu betreten - lasen die Zeitgenossen ab, welchen Rang jemand hatte und wie einflussreich, wichtig und mächtig diese Person war. Und von solchen Zeichen gab es Hunderte.

Natürlich war auch den Zeitgenossen klar, dass es sich um Inszenierungen handelte. Eines der Bücher über das Zeremoniell hieß sogar "Theatrum Praecedentiae", Theater des Vorrangs. Doch anders als heute hielt man im Barockzeitalter Theater nicht für eine gespielte, weniger echte Form des Lebens - sondern für eine Art ideales Leben.

Das ganze menschliche Dasein gleiche einem Theaterstück, so glaubte man, in dem jeder seine vorgegebene Rolle möglichst perfekt auszufüllen hatte. Jeder Einzelne hatte den bestimmten, normierten Erwartungshaltungen seines Standes zu entsprechen - und damit seinen Status zu repräsentieren. Es war die Aufgabe der Höfe, großartig zu sein. Es war die der Herrscher, majestätisch zu wirken. Und es war die der Adeligen, diesem Herrscher zu Diensten zu sein. Nur so, dachte man, ließ sich die gesellschaftliche Ordnung aufrechterhalten.

5. Es geht immer um Politik

All der Prunk und der Luxus und der riesige Hofstaat, die aufwendigen Inszenierungen waren also kein Selbstzweck. Sie dienten dazu, allen klarzumachen, dass der Monarch die Herrschaft tatsächlich rechtmäßig innehatte, dass er alle überstrahlte und buchstäblich in der Lage war, die Welt in seinem Sinne zu formen.

Es war eine informelle Form von Politik, die nichts mit Verträgen oder Gesetzen zu tun hatte. Stattdessen lief sie über Beziehungen, über Zeichen und über Gesten. Aber im Ancien Régime war genau dieser Teil der Regierung fast entscheidender als die formalen Verträge.

Noch waren Politik, Wirtschaft, Religion, Gesellschaft und Kultur nicht klar voneinander getrennt. Alles floss ineinander, hatte miteinander zu tun - und alles kulminierte bei Hofe. Hier wurde die Macht nicht nur inszeniert und gefeiert, hier wurde sie auch eingesetzt: Hier wurden Gesetze erlassen, über Kriege und Frieden entschieden, Steuern erhoben, hier wurden Interessen und Status ausgehandelt. Und wer irgendwie Einfluss nehmen wollte auf diese politischen Entscheidungen, der musste hier sein, teilnehmen am Wettstreit und hoffen, dass sich der Einsatz auszahlt. Auf diese Weise konnten selbst königliche Mätressen zu Strippenzieherinnen im Staat werden.

Zweifel, ob das wirklich die beste Art ist, Politik zu machen, zu regieren, hatten schon die Zeitgenossen. "Hofkritiker" ätzten im 18. Jahrhundert zunehmend über Hofschranzen und unterwürfige Höflinge, über die Despotie der Monarchen, über Korruption, Habgier, Hedonismus und Ehrgeiz bei Hofe und die Verschwendungssucht von Herrschern. Paradoxerweise spielten ausgerechnet die schärfsten Kritiker das höfische Spiel selbst oft sehr erfolgreich mit, brachten es zu wichtigen Ämtern und Posten, profitierten von den Verhaltensweisen, die sie so heftig kritisierten.

Der Logik der Zeit konnten auch sie sich noch nicht entziehen. So blieb nur die Warnung. "Es ist, gleich allen andern, das Hoff=Leben beydes mit Honig und Galle, mit Balsam und Gifft angefeuchtet", bleibt der "Hof-Compas" noch freundlich blumig. Zedlers Lexikon wird deutlicher. Dort hieß es unter dem Stichwort "Hofmann": "Gleichwohl wird nicht vergeblich gesagt, daß nahe bey Hofe, sey nahe bey der Hölle. Der Hof macht viele unglücklich, wenige glückselig, und diese selbst, die er glückselig macht, stürzet er endlich ins Verderben."

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