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einestages

Druiden, Mistelzweige und Menschenopfer

Wie die Kelten ihre geheimen Zauberrituale pflegten

Schon antike Autoren faszinierte das Wissen der keltischen Druiden. Neue archäologische Funde geben Hinweise auf ihre manchmal blutigen religiösen Rituale.

Bertrand Meunier / Tendancefloue / Agentur Focus

Ritual der 1900 gegründeten "Gorsedd de Bretagne", der ältesten Druidenvereinigung Frankreichs

Von Bernhard Maier
Samstag, 02.12.2017   07:31 Uhr

Ihr Wissen soll streng geheim gewesen sein, ihr politischer Einfluss gewaltig, ihre Kenntnisse über die Natur erstaunlich - schon die Griechen und Römer bewunderten die religiösen Würdenträger der Kelten, die Druiden. "Manche behaupten, die Beschäftigung mit der Philosophie habe ihren Anfang bei den Barbaren genommen. Es soll nämlich bei den Persern die Magier, bei den Babyloniern und Assyrern die Chaldäer, bei den Indern die Gymnosophisten und bei den Kelten die sogenannten Druiden gegeben haben", schrieb um die Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. der griechische Schriftsteller Diogenes Laertios in der Einleitung zu seinem Buch über Leben und Lehren berühmter Philosophen.

Woher er sein Wissen nahm, ist unklar - wie so vieles rund um die Religion der Kelten. Vielleicht gerade deshalb sind die Druiden einer der faszinierendsten Aspekte des Keltentums: Mit den Menschenopfern, die sie angeblich darbrachten, mit ihren urtümlichen Ritualen rund um Misteln und Eichen stehen sie als eine Art Symbol für die keltische Kultur, die durch Römer und Christianisierung überdeckt wurde und uns heute so fremd scheint.

Aus SPIEGEL Geschichte 5/2017

Lange war über die Religion der Kelten und Gallier nur das bekannt, was antike Autoren aus Griechenland und Rom über sie berichteten. Doch spektakuläre neue archäologische Funde aus den vergangenen Jahren ergänzen und bestätigen die antiken Berichte - und lassen zumindest einige Einblicke in die kultische Praxis der Eisenzeit zu.

Einer der ersten, der die Weltanschauung und die gesellschaftliche Funktion der Druiden beschrieb, war Julius Caesar, der sie kurz vor der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. während seiner Kriege in Gallien kennenlernte. Im sechsten Buch seiner Feldzugsberichte beschreibt er die Druiden ausführlich, unter anderem als Naturforscher. "Viel disputieren sie über die Gestirne und ihren Lauf, die Größe der Welt und der Erde, die Natur der Dinge und das Walten und die Macht der unsterblichen Götter und geben das an die Jugend weiter", schildert er.

Eine unabhängige Bestätigung für diese Aussagen gibt es zwar nicht, doch ist es keineswegs unwahrscheinlich, dass die Druiden tatsächlich astronomische Kenntnisse besaßen. 1897 entdeckte man nahe des südostfranzösischen Ortes Coligny die Überreste eines Kalenders mit gallischen Monatsnamen und Feiertagsbezeichnungen. Zwar stammt er erst aus der römischen Kaiserzeit, basiert aber offensichtlich auf älteren, vorrömischen Vorbildern - möglicherweise beobachteten Druiden also die Gestirne und erstellten anhand ihrer Erkenntnisse Kalender. Das naturkundliche Wissen der Druiden könnte demnach größer gewesen sein, als es die spärlichen Quellen erkennen lassen.

Bertrand Meunier / Tendancefloue / Agentur Focus

Die bretonische Druidin Elisabeth Kerloc'h gehört der "Gorsedd de Bretagne" an

Ihre Hauptfunktion allerdings lag wohl im religiösen Bereich. Die antiken Autoren berichten immer wieder, dass Druiden mithilfe von Opfergaben den göttlichen Willen zu erkunden suchten, und sie erzählen von Bitt- und Dankopfern. Zwar spiegelt sich darin ihr eigenes Interesse - gerade diese Aspekte der Religion spielten in ihrer eigenen Kultur eine wichtige Rolle -, doch die neuen archäologischen Funde deuten ebenfalls darauf hin, dass Opferzeremonien und Opferplätze in der Religion der Kelten eine zentrale Funktion hatten.

Der Historiker Diodor von Sizilien berichtet in Anlehnung an eine Mitteilung des Philosophen und Historikers Poseidonios: "Es ist Sitte bei ihnen, kein Opfer ohne einen Philosophen zu vollziehen, denn sie sagen, man müsse den Göttern Dankopfer darbringen mithilfe von Personen, die des göttlichen Wesens kundig seien und gleichsam dieselbe Sprache sprächen, und mit deren Hilfe, so glauben sie, müsse man auch die guten Dinge erbitten."

Bertrand Meunier / Tendancefloue / Agentur Focus

Jedes Jahr im Juli treffen sich die ungefähr 50 Gorsedd-Angehörigen in der Bretagne, um ihre Rituale abzuhalten und keltische Traditionen zu feiern.

Ganz ähnlich schreibt Caesar über die Druiden: "Sie gestalten den Götterkult, besorgen die öffentlichen und die privaten Opfer und legen die religiösen Vorschriften aus."

Die kultischen Handlungen in den keltischen Stämmen waren offenbar mitunter blutige Rituale, bei denen Menschen geopfert wurden, so jedenfalls beschreiben es die schriftlichen Überlieferungen: "Verbrecher halten sie fünf Jahre lang gefangen, pfählen sie dann zu Ehren der Götter und verbrennen sie zusammen mit vielen anderen Opfergaben, indem sie riesige Scheiterhaufen errichten. Sie verwenden auch die Kriegsgefangenen als Opfergaben zu Ehren der Götter. Einige von ihnen töten auch die im Krieg erbeuteten Tiere zusammen mit den Menschen oder verbrennen sie oder bringen sie auf andere Weise um", berichtet Diodor.

Die Quelle für diese detaillierte Schilderung ist offenkundig ebenfalls Poseidonios. Denn der Geograf Strabon, der ihn mehrfach als Quelle namentlich nennt, schreibt in der frühen römischen Kaiserzeit in ganz ähnlicher Weise über die Religion der vorrömischen Kelten: "Sie opferten nicht ohne Druiden. Wie man sagt, praktizierten sie auch andere Arten von Menschenopfern. Die einen erschossen sie mit Pfeilen, die anderen pfählten sie in ihren Heiligtümern, oder sie fertigten aus Stroh und Holz ein riesiges Standbild und steckten dann Vieh, wilde Tiere und Menschen hinein, um so ein Brandopfer darzubringen."

Noch bis vor etwa 50 Jahren waren keltische Opferhandlungen fast ausschließlich aus diesen Schilderungen antiker Autoren bekannt - und es war nicht ganz sicher, ob man den Berichten über Menschenopfer tatsächlich trauen durfte. Aufsehenerregende neue Funde jedoch machen sie derzeit zum Gegenstand intensiver archäologischer Forschungen und zeigen, dass die antiken Schilderungen nicht aus der Luft gegriffen waren.

Weithin bekannt wurde das vorrömische Heiligtum von Ribemont-sur-Ancre in Nordfrankreich, das 1962 durch Luftbildarchäologie entdeckt und 1966 teilweise ausgegraben wurde. Seinen Mittelpunkt bildete eine quadratische Einfriedung von ungefähr 40 Meter Seitenlänge. Sie bestand aus einem knapp drei Meter tiefen und drei Meter breiten umlaufenden Graben sowie einer vermutlich mindestens drei Meter hohen Palisade. Außerhalb und entlang dieser Einfriedung entdeckte man eine Fläche mit über 10.000 menschlichen Knochen, doch ohne Schädel, sowie mehreren Hundert Waffen. Man vermutet, dass sie von gefallenen feindlichen Kriegern stammen, die man nach ihrer Enthauptung durch Lufttrocknung mumifiziert und dann auf einem Podest zur Schau gestellt hatte.

Bertrand Meunier / Tendancefloue / Agentur Focus

Als Druiden, Barden oder Ovaten (Priester) verstehen sich die Mitglieder der neuzeitlichen Keltenvereinigung, andere Gorsedd-Gruppen gibt es in Wales und Cornwall.

Umfangreiche Tieropfer fanden offenbar nur etwa 50 Kilometer entfernt statt. In Gournay-sur-Aronde entdeckten Archäologen 1977 eine Opferstätte, die inzwischen vollständig ausgegraben wurde. Der Ort diente bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. als Kultplatz. Im 2. Jahrhundert v. Chr. entstand ein quadratischer hölzerner Tempel mit einem monumentalen Portalvorbau. Den Mittelpunkt dieses Heiligtums bildete eine ovale Opfergrube von drei Meter Länge und zwei Meter Tiefe. Dort blieben Rinder, die man den Göttern opferte, so lange liegen, bis sich die Fleischpartien zersetzt hatten. Anschließend wurden die Schädel der Tiere im Eingangsbereich zur Schau gestellt und die übrigen Teile des Skeletts im inneren Graben hinter der Palisade abgelegt. Daneben opferte man im Heiligtum Schweine und Schafe, deren Fleisch bei gemeinsamen kultischen Mahlzeiten verzehrt wurde.

Hinweise auf Opferrituale aus der Zeit der Druiden fanden die Archäologen auch in den großen stadtähnlichen Siedlungen, den Oppida, von denen in Caesars Feldzugsberichten so oft die Rede ist. Ein prominentes Beispiel dafür ist das Oppidum von Corent in der Auvergne, wo erste Ausgrabungen in den frühen 1990er-Jahren stattfanden.

Dort entdeckte man bei der archäologischen Untersuchung eines annähernd quadratischen freien Platzes mit ungefähr 45 Meter Seitenlänge Tierknochen, Amphorenscherben sowie unbrauchbar gemachte Waffen und Trachtbestandteile, die man als Überreste von Schlachtopfern und gemeinschaftlichen Opfermahlzeiten deutet. An die Heiligtümer von Gournay-sur-Aronde und Ribemont-sur-Ancre erinnert dagegen eine Kultstätte der späten vorrömischen Eisenzeit, die in der seit 1995 ausgegrabenen keltischen Siedlung von Roseldorf in Niederösterreich zutage kam. Wie in Nordfrankreich fand man auch hier einen quadratischen Graben mit einer zentralen Opfergrube. Dargebracht wurden hier aber anscheinend vor allem Waffen, darunter Lanzen, Schilde, Schwerter und Schwertscheiden, die man oft absichtlich verbogen oder zerstückelt hatte.

Bertrand Meunier / Tendancefloue / Agentur Focus

Das Gorsedd-Mitglied Klaod Amice trägt das ihm zugeordnete Fetischtier, das Wildschwein, als Teil seiner Tätowierung auf der Stirn.

Und nicht nur in Frankreich ist wohl noch mit neuen Funden zu rechnen: 2006 entdeckte man auf dem Mormont, einem bewaldeten Hügelzug im Schweizer Kanton Waadt, eine der mutmaßlich bedeutendsten Kultstätten der keltischen Helvetier aus dem 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. Sie bestand aus über 250 bis zu fünf Meter tiefen Gruben und Opferschächten, die zahlreiche Keramik- und Bronzegefäße, Eisenwerkzeuge, Schmuck, Münzen sowie die Überreste von Menschen und Tieren enthielten.

2014 stieß man bei archäologischen Untersuchungen auf der sogenannten Alten Burg nahe der Heuneburg auf eine monumentale Trockensteinmauer. Da die Forscher außerdem einen Opferschacht mit menschlichen Skelettresten fanden, interpretiert man die Mauer als Bestandteil eines frühkeltischen Kultplatzes aus dem 7. und 6. Jahrhundert v. Chr.

Die neuen Funde zeigen die zentrale Rolle von Opfern im keltischen Kult - und deuten darauf hin, dass unterschiedliche Zeremonielle mit jeweils anderen Opfergaben existierten. Doch die Akteure der rituellen Handlungen bleiben weiterhin im Dunkeln: Ob - und seit wann - man sie Druiden nannte, wissen wir nicht.

Die bekannteste und ausführlichste Schilderung eines religiösen Rituals der Druiden verdanken wir denn auch nicht den Archäologen, sondern dem römischen Naturforscher Plinius dem Älteren. Er schrieb im Jahr 77 n. Chr. im 16. Buch seiner Naturgeschichte: "Nichts ist den Druiden - so nennen sie ihre Magier - heiliger als die Mistel und der Baum, auf dem sie wächst, wofern es nur eine Eiche ist. Schon deswegen wählen sie Eichenhaine und vollziehen kein Opfer ohne Eichenlaub, sodass sie vielleicht deswegen in griechischer Deutung 'Druiden' zu heißen scheinen.

Sie meinen wahrhaftig, dass alles, was auf jenen Bäumen wächst, vom Himmel gesandt und ein Kennzeichen des von der Gottheit selbst erwählten Baumes sei. Eine solche Mistel wird jedoch einigermaßen selten entdeckt und wird, wenn man sie findet, mit großer Ehrfurcht aufgesucht, und zwar vor allem am 6. Tage nach Neumond, also zu einem Zeitpunkt, an dem bei ihnen die Monate und Jahre beginnen, sowie nach Ablauf von 30 Jahren eine Generation. Zu diesem Zeitpunkt habe der Mond schon reichlich Kraft gesammelt, seine Höhe aber noch nicht überschritten. Sie bezeichnen die Mistel mit einem Wort ihrer Sprache als 'Allheiler'. Nachdem man das Opfer und das Festmahl unter dem Baum feierlich vorbereitet hat, führen sie zwei Stiere von weißer Farbe herbei, deren Hörner dann zum ersten Mal bekränzt werden dürfen. Ein Priester in weißem Gewand steigt auf den Baum und schneidet die Mistel mit einer goldenen Sichel ab. In einem weißen Leinentuch wird sie aufgefangen. Dann schlachten sie alsbald die Opfertiere und beten, der Gott möge seine Gabe denen zum Segen gereichen lassen, denen er sie verliehen habe."

Dass Plinius mit dieser Schilderung lediglich eine ältere Quelle referiert und die Rituale nicht selbst miterlebte, ist ziemlich sicher: Die Druiden im römischen Gallien waren schon um die Mitte des 1. Jahrhunderts endgültig verboten worden. Manches spricht dafür, dass Plinius' Darstellung ebenfalls direkt oder indirekt auf Poseidonios zurückgeht. Es könnte allerdings auch sein, dass er eine bislang unbekannte, noch vor Poseidonios zu datierende frühe griechische Quelle über die Druiden verwertete.

Egal woher der Naturforscher seine Informationen bezog: Sie wurden ziemlich einflussreich. Vor allem die "goldene Sichel" zog großes Interesse auf sich - obwohl Archäologen bisher kein solches Kultinstrument fanden. Die von Plinius verwendete lateinische Bezeichnung "falx" bezeichnet allerdings nicht notwendigerweise eine Haken- oder Bogensichel, sondern kann sich auch ganz allgemein auf ein krummes Laubmesser beziehen. Da Gold zum Schneiden von Misteln ohnehin viel zu weich ist, dürfte es sich bei der "falx aurea" also eher um ein rituelles Messer aus - möglicherweise vergoldeter - Bronze gehandelt haben.

Vielleicht ging es im Ritual darum, das im profanen Gebrauch ansonsten übliche Eisen zu vermeiden - ein Brauch, der aus der antiken Religionsgeschichte auch anderweitig bekannt ist. Letztlich kann man darüber nur Vermutungen anstellen, wie denn ohnehin wesentliche Aspekte des Rituals völlig im Dunkeln bleiben. Plinius erwähnt weder den Zweck des Opfers noch den Ort oder die Rolle der Kultgemeinschaft. Einmal mehr überwiegt der Eindruck des Geheimnisvollen und Undurchschaubaren.

Bertrand Meunier / Tendancefloue / Agentur Focus

Verschiedenfarbige Roben - weiß, blau und grün - markieren die Ränge der Mitglieder. Der Oberdruide des neukeltischen Kults wird für jeweils drei Jahre gewählt.

Bemerkenswert ist der Hinweis auf die Heiligkeit der Mistel. Man kennt schon seit Langem frühkeltische Skulpturen von Herrschern oder Heroen, deren Kopfbedeckung, die sogenannte Blattkrone, stark an ein stilisiertes Mistelblatt erinnert. In einem der frühkeltischen Gräber, die auf dem Glauberg bei Büdingen gefunden wurden, entdeckte man tatsächlich die Überreste einer solchen, aus Draht und Leder gefertigten Kopfbedeckung - die Vermutung liegt nahe, dass der hier Begrabene auch religiöse Funktionen hatte.

Doch woran glaubte er, wen verehrten die Druiden, wem opferten sie? Caesar macht hier scheinbar recht genaue Angaben: "Von den Göttern verehren sie am meisten Merkur", schreibt der römische Feldherr. "Von ihm gibt es die meisten Bilder, ihn hält man für den Erfinder aller Künste und einen Führer auf Wegen und Reisen. Man glaubt, er habe in Geld- und Handelsangelegenheiten den größten Einfluss. Nach ihm kommen Apollo, Mars, Jupiter und Minerva. Von diesen haben sie fast dieselbe Auffassung wie andere Völker: Apollo vertreibe Krankheiten, Minerva lehre die Anfänge des Handwerks und der Künste, Jupiter habe die Herrschaft über die Himmel, und Mars lenke die Kriege."

Zweifellos hatte Caesar während seines Gallischen Krieges ausreichend Gelegenheit, keltische Kulte aus eigener Anschauung kennenzulernen. Doch vollständig ist seine Liste keltischer Götter vermutlich nicht. Von lateinischen Weiheinschriften aus dem römischen Gallien kennt man Hunderte keltischer Götternamen, von denen jedoch die meisten in jeweils nur einer einzigen Inschrift vorkommen. Wahrscheinlich war die Götterwelt der Kelten weit weniger einheitlich, als Caesar dies seine Leser glauben machen wollte - die meisten allerdings sind heute unbekannt.

Unsicher ist ebenfalls, was es mit der druidischen Lehre von der Seelenwanderung auf sich hatte, von der mehrere antike Autoren berichten. So etwa schrieb Diodor von Sizilien: "Sie haben auch die Gewohnheit, während eines Mahles aus nichtigem Anlass in Streit zu geraten und sich gegenseitig zum Zweikampf herauszufordern, da sie sich aus dem Verlust des Lebens nichts machen. Bei ihnen herrscht nämlich die Lehre des Pythagoras, dass die Seelen der Menschen unsterblich seien und nach einer bestimmten Zahl von Jahren noch einmal lebten, wobei die Seele in einen anderen Körper eingehe." Mit einer etwas anderen Akzentuierung und ohne den Hinweis auf Pythagoras erklärte Caesar: "Vor allem wollen sie davon überzeugen, dass die Seelen nicht vergehen, sondern nach dem Tod von den einen auf die anderen übergehen, und sie glauben, dass dies ganz besonders zur Tapferkeit anspornt, weil die Furcht vor dem Tode wegfällt."

Dass die vorrömischen Kelten tatsächlich an eine Seelenwanderung glaubten, erscheint bei näherem Hinsehen jedoch eher zweifelhaft. Die antiken Autoren machten ihre Beobachtungen nämlich keineswegs an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten stets aufs Neue. Vielmehr geht man davon aus, dass Diodor, Caesar und andere ihre Informationen über die keltische Wiedergeburtslehre aus dem heute verlorenen Geschichtswerk des Poseidonios bezogen haben, aus dem so viele antike Autoren abschrieben. Tatsächlich sind entsprechende Vorstellungen bei den Kelten außerhalb dieser Traditionslinie nirgends nachzuweisen: Weder die früheren griechischen Berichte noch die spätere inselkeltische Überlieferung enthalten irgendetwas, was man in diesem Sinn interpretieren könnte.

Bertrand Meunier / Tendancefloue / Agentur Focus

Ein Gorsedd-Druide mit einem rituell bedeutsamen Mistelzweig. Im Bretonischen nennt sich die Vereinigung "Goursez Breizh", was ungefähr "Thron der Bretagne" bedeutet.

Die Pythagoräer waren zudem von der Möglichkeit einer Wiedergeburt in tierischer Gestalt überzeugt und deshalb Vegetarier. Die Kelten dagegen verzehrten - nach dem Zeugnis der antiken Beobachter wie der archäologischen Funde - in großem Umfang Haus- und Wildtiere, die sie auch als Opfer- und Grabbeigaben benutzten. Sollte Poseidonios den Kelten also eine Wiedergeburtslehre gleichsam irrtümlich und ohne jeden triftigen Grund zugeschrieben haben? Dies ist ebenfalls schwer vorstellbar.

Vielleicht ist es daher kein Zufall, dass er seine Berichte vor allem auf die keltischen Bewohner im Hinterland von Marseille bezog, wo seit 600 v. Chr. eine griechische Kolonie bestand und griechische Kultureinflüsse archäologisch vielfach nachgewiesen sind. Möglicherweise verbreitete sich hier die Lehre der Pythagoräer in den umliegenden keltischen Gemeinschaften.

Der Glaube der Druiden an eine Wiedergeburt wäre dann auf einen bestimmten Zeitraum und eine bestimmte Region begrenzt und folglich nicht für alle Kelten zu verallgemeinern. Es ist verzwickt: Um mehr erfahren zu können über die Religionsgeschichte der Kelten, müsste man Einblicke haben in ihre Gedankenwelt, ihren Glauben, ihre Vorstellungen vom Diesseits und vom Jenseits. Das aber ist mit den vorhandenen Quellen kaum möglich: Die wenigen antiken Berichte, die es gibt, verweigern an entscheidenden Punkten die Auskunft oder können unterschiedlich gedeutet werden. So bleibt unser Wissen lückenhaft und keineswegs eindeutig. Seit wann es Druiden gab, ob alle Keltenstämme Druiden hatten, was genau sie lehrten - dies bleibt trotz aller Fortschritte der archäologischen und philologischen Forschung umstritten.

Umso bemerkenswerter ist es, wie beharrlich nicht nur esoterische Bewegungen seit der frühen Neuzeit die Druiden zur Projektionsfläche jeweils epochentypisch wechselnder Wunschbilder machten. Die französischen Humanisten erdachten sich monotheistische Druiden, die Aufklärer sahen sie als Anhänger einer pantheistischen Vernunftreligion, die romantischen Dichter stellten sie sich als Visionäre vor, und heute wabert das Bild des gewaltfrei ökologischen Neodruiden durch die esoterische Szene.

Negativ gewendet, könnte man sagen, die Funktion dieses überwiegend imaginären Druiden besteht vor allem darin, die eigenen Ideale in die Geschichte zu projizieren und unter Hinweis auf historische Quellen zu beglaubigen.

Positiv gewendet, ist er ein geradezu klassisches Beispiel für das Grundbedürfnis des Menschen, sich immer wieder neu über die Vergangenheit zu orientieren, um die Herausforderungen der Gegenwart zu bewältigen.

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