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Wissenschaft

Sagenhafte Gestalten

König Artus, der Schattenritter ohne Tadel

Der Kult um den sagenumwobenen König Artus ist ungebrochen. Doch die Frage ist: Gab es ihn überhaupt?

Bridgeman Images

Artus-Fantasie aus dem 19. Jahrhundert (Ölgemälde von Henry Clarence Whaite, Privatsammlung)

Von Sebastian Borger
Samstag, 02.12.2017   18:00 Uhr

Von wegen dunkle Epoche! Auf der Speisekarte des Adels von Cornwall standen Austern und Spanferkel, die Schüsseln stammten aus der heutigen Türkei, getrunken wurde aus feinen spanischen Gläsern - und das alles im späten 5. und frühen 6. Jahrhundert. Broschen und Gürtelschnallen, ein Hufeisen und eine Pfeilspitze aus dem Mittelmeerraum haben die Archäologen zutage gefördert, die seit 2016 auf einer Klippe über der wildromantischen Küste der westlichsten Grafschaft Englands graben. Zum Vorschein kamen robuste, meterdicke Wände aus Stein und Böden aus Schiefer, offenbar Überreste eines Hauses der Herrscher von Dumnonia, wie Cornwall und die benachbarte Grafschaft Devon damals hießen. Eine Art von Königspalast also in Tintagel, just zu jener Zeit, als dort der Überlieferung zufolge eine der berühmtesten Gestalten der Geistes- und Kulturgeschichte weltweit gezeugt wurde.

Und so ging prompt eine tolle Story um die Welt: Die Forscher hätten den Palast des legendären König Arthur, wie Artus in Großbritannien genannt wird, entdeckt. "Daraufhin hatten wir vergangenes Jahr 20.000 Besucher mehr als sonst", berichtet der Archäologe Win Scutt von der Denkmalschutzorganisation English Heritage. "Dabei hat unser Projekt mit König Arthur nichts zu tun."

Aus SPIEGEL Geschichte 5/2017

Rein wissenschaftlich stimmt das: Im 160-seitigen Bericht über die Ausgrabungen des Sommers 2016 ist von Artus, seinem Schwert Excalibur, dem runden Tisch der Tafelrunde und dem Heiligen Gral mit keinem Wort die Rede. Freilich wissen auch die Archäologen, auf welch sagenumwobenem Grund sie sich bewegen, welche Fantasien ihre mühsame Kleinarbeit bei den interessierten Laien anspricht. Und so sind die vier Grabungsflächen nach märchenhaften Gestalten benannt: den kornischen Königen Geraint und Mark, zudem dem Artusritter Tristan und seiner Geliebten Isolde, einem der berühmtesten Liebespaare der Weltliteratur. "Wir haben ja nichts gegen die Legende", sagt Scutt.

Die Artus-Überlieferung beruht auf walisischen und bretonischen Erzählungen aus der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends, so schreibt Bernhard Maier über den "Beitrag der Kelten zur Weltliteratur". Die schmale Sammlung überlieferter Schriftquellen, in denen Artus gepriesen wird, trägt klingende Namen wie Gododdin oder Preiddeu Annwfn (Die Beute Annwfns). Die handelnden Figuren heißen Culhwch und Ysbaddaden Bencawr, Artus/Arthur wird verglichen mit dem Helden Gwawrddur. So weit, so keltisch.

Wie aber kam die Vorstellung vom wohlwollenden Chef untadeliger Ritter zustande? Könnten Ausgrabungen, egal ob in Cornwall oder sonst wo, irgendwann einmal den "echten" Artus ans Licht bringen? Oder handelt es sich bei der mittelalterlichen Rittersage um die Neuinterpretation einer viel älteren, stets nur mündlich weitergereichten Erzählung von einer Gestalt aus der Mythologie?

Wer anhand archäologischer Befunde und dürftigster schriftlicher Zeugnisse nach der historischen Gestalt Artus sucht, verzweifelt entweder rasch oder spricht, wie das "Oxforder Biografische Wörterbuch", etwas hochmütig vom "sagenhaften Krieger und vermeintlichen britischen König". So umfassend sei unsere Unkenntnis der wichtigen politischen Ereignisse jener Periode, findet der Oxforder Mediävist John Blair, "dass weitere Spekulationen wenig Sinn machen".

Ungewiss ist fast alles, was mit Artus' Ursprüngen zu tun hat, das stimmt. Aber welch reiche, die Fantasie der Menschen seit mehr als 1000 Jahren belebende Spekulation.

Photoaisa / Interfoto

Darstellung von König Artus und seiner Tafelrunde aus dem 15. Jahrhundert (Französische Nationalbibliothek, Paris)

Die Suche nach einem Vorbild aus Fleisch und Blut führt, wie könnte es anders sein, ins Land der Kelten, auf die britische Insel an der Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert. Die Römer hatten nach ihrem Rückzug 409 ein Machtvakuum hinterlassen, in das in immer neuen Wellen kriegerische Gruppen von Angeln und Sachsen vorstießen. Es gibt allerlei Hinweise darauf, dass die einheimische Bevölkerung ihren Widerstand gegen die Eroberer nicht so schnell aufgab; Scharmützel, größere Schlachten, eine Art Guerillakrieg dürften mehr als ein Jahrhundert lang an der Tagesordnung gewesen sein.

Wenn es den historischen Artus überhaupt gab, war er ein Warlord in dieser Zeit. Keine zeitgenössische Quelle nennt ihn, die erhaltenen schriftlichen Zeugnisse wurden 300 bis 400 Jahre später verfasst, es kommen Indizien zusammen, mehr nicht. Der walisische Mönch Gildas erwähnt in seiner Philippika "über den Untergang Britanniens" aus der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts die Schlacht am Mount Badon. Die gleiche blutige Auseinandersetzung findet mehrere Jahrhunderte später Erwähnung in einer Liste von zwölf Bataillen, an denen Artus beteiligt war. So schildert es die "Historia Brittonum", die um 830 entstanden sein dürfte. Vier der Schlachten sollen am gleichen Ort stattgefunden haben, was den Gedanken nahelegt, dass der Mönch die biblische Zahl 12 vollmachen wollte. Artus' Benehmen am geografisch verschwommenen Mount Badon schürt zusätzlich den Eindruck einer mit spärlichen Faktenkrümeln versehenen Fantasiegeschichte: 960 Feinde tötete er angeblich mit eigener Hand.

Die Namen der zwölf Schlachten sind so interpretierbar, dass die Fachleute sie ganz unterschiedlich und in ganz Britannien lokalisiert haben. Wer fantasievoll zwischen den Zeilen liest, kann Artus als Reitergeneral oder als Admiral der Flotte identifizieren, als einen Vertreter des römisch-heidnischen Britanniens oder des Christentums. Aus den spärlichen Angaben eine keltische Kampagne nationaler Befreiung unter Artus' Führung zu basteln, stelle jedenfalls einen "Quantensprung der Fantasie" dar, findet der Historiker Norman Davies.

Dabei sympathisiert dessen "Geschichte der Britischen Inseln" (1999) durchaus mit den Anliegen ethnischer und sprachlicher Minderheiten. Vor 900 Jahren aber gerieten die Kelten unter kulturellen Druck. Die Normannen hatten England erobert und mit der Unterwerfung der Einheimischen begonnen. Ihrer Sache keineswegs sicher, hielten sie nach Gruppen Ausschau, die als gemeinsames Feindbild für die französisch sprechende Oberschicht und die englischsprachige Bevölkerung taugten.

Und so beschrieben von den 1120er Jahren an, so hat es John Gillingham rekonstruiert, "französisch sprechende Intellektuelle wie der Historiker Wilhelm von Malmesbury die keltischen Nachbarn als Barbaren". Das neue Klischee von den Volksgruppen im Westen als unzivilisierter Abschaum sollte sich tief in der Psyche der Engländer verankern - jahrhundertelange Unterdrückung von Kornen, Walisern und Iren war die Folge.

Was aber mit einem in den keltischen Volkssagen verwurzelten Helden? Ignorieren ließ sich der berühmte "König Arthur" jedenfalls nicht. Mönche aus dem französischen Laon berichteten von einer Reise durch Südengland im Jahre 1113: Dauernd seien ihnen markante größere Hügel oder Felsvorsprünge gezeigt worden, die Namen wie "Arthurs Sitz" oder "Arthurs Ofen" trugen. Selbst für die Gäste aus den Stammlanden des neuen Regimes führte an Artus kein Weg vorbei.

Die Lösung war so einfach wie genial: Der keltische Vorkämpfer gegen die angelsächsischen Eindringlinge wurde kurzerhand von den normannischen Eroberern als strahlendes Vorbild adoptiert. Den heiklen Auftrag erledigte ausgerechnet ein walisischer Kirchenmann: Geoffrey aus Monmouth im Südosten von Wales. Der Kanonikus an einem Oxforder Gotteshaus verfasste 1136 die "Geschichte der Könige Britanniens", gestützt angeblich unter anderem auf keltisch-walisische Quellen.

Hätte es im Mittelalter Buchhandlungen gegeben, wäre Geoffreys Produkt im Romansektor, Unterabteilung Fantasy, gelandet. Die britische Monarchie wird auf den sagenhaften Trojaner Brutus zurückgeführt, welcher dereinst von Kleinasien in den kalten Nordwesten Europas gereist sein soll. Im Mittelpunkt des Werkes aber steht König Arthur. Geoffrey fügt der Liste von Schlachten erstmals eine Lebensgeschichte hinzu. Er macht Artus zum unehelichen Sohn des Britenkönigs Uther Pendragon und Igerna, der Herzogin von Cornwall. Uther habe sich zum Zweck des illegalen Beischlafs in Tintagel von Merlin so verzaubern lassen, dass er Herzog Gorlois ähnelte, die Ehre der Mutter sei also gewahrt geblieben.

Arthur erbt den Thron. Geoffrey schildert ihn als einen Ausbund an liebenswürdiger Großzügigkeit, Mut, militärischer Fortune und Höflichkeit. Er besiegt die Sachsen, erobert Schottland, Irland und Island, später auch noch Norwegen, Dänemark und Gallien. Erst sein verräterischer Neffe Modred bringt den Helden zu Fall: In der letzten von drei Schlachten fällt Modred, fügt Artus aber selbst schwere Verletzungen bei. Man bringt ihn auf die Insel Avalon zur Rekonvaleszenz. Und wenn er nicht gestorben ist, lebt er dort noch heute.

Kritische Geschichtsschreiber wie Wilhelm von Newbury distanzierten sich schon im 12. Jahrhundert von Geoffreys schamloser Propaganda für seine anglonormannischen Auftraggeber, bis heute traut die Fachwelt dem Mönch von Monmouth nicht über den Weg. Das liegt vielleicht nicht zuletzt an Geoffreys sensationellem Erfolg: Binnen Kurzem kursierten Abschriften, bald auch Übersetzungen seines Werkes in ganz Westeuropa, Artus bewegte die Gemüter.

Dilettanten ebenso wie Hochbegabte plagiierten Geoffrey, schmückten die Sage mit immer neuen Details aus: dem Schwert im Felsen, dem Königshof Camelot, dem Heiligen Gral. Der runde Tisch kommt zum ersten Mal in Wace' Übertragung ins Normannisch-Französische vor. Chrétien de Troyes (1140 bis 1190), der Pionier des höfischen Romans, schreibt über Lancelot und Perceval (Parzival), andere Schriftsteller bringen Tristan ins Spiel.

Artus' Hof wird zum Schauplatz für die Heldentaten und psychologischen Verirrungen anderer, der Held selbst gerät mehr und mehr zur Randfigur im Schatten, seiner keltischen Wurzeln beraubt.

Wie wirkmächtig dieser Artus aber wurde und bis heute bleibt, lässt sich in Tintagel nachvollziehen. Wenige Meter von den Ausgrabungen entfernt, die Artus' angeblicher Lebenszeit gelten, stehen die Ruinen einer Burg aus dem 13. Jahrhundert. Richard, Graf von Cornwall, durch umfangreichen Landbesitz der reichste Mann Englands, ließ sie sich um 1230 bauen.

Vernünftige Gründe wie die Abwehr feindlicher Heerscharen gab es dafür keine. "Es ging ihm ums Prestige und die Assoziation mit der Sage", glaubt der Archäologe Scutt. Und bis heute strömen die Besucher nach Tintagel - Artus forever.

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