31.10.2007
Fächerreport
Betörender Duft
Von Daniel SteinvorthAlles begann mit Asterix und Kleopatra. Es folgten Geschichtsbücher. Dann, mit 16, reiste Maren Schentuleit zum ersten Mal nach Ägypten. Sie stand vor den Pyramiden von Gizeh, ihr stockte der Atem, sie war wie gelähmt vor Glück. Nach der Schule gab es nur noch eins: Sie wollte die Hochkultur der alten Ägypter studieren. Um jeden Preis. Auch als der Berufsberater blass wurde.
"Meine Eltern haben mich unterstützt, sonst hätte ich es nicht geschafft", sagt die 33-jährige Ägyptologin heute und rät jedem potentiellen Studienanfänger, von "leidenschaftlichem Idealismus" ergriffen zu sein. "Wer das nicht hat, ist verloren. Die Jobaussichten für Ägyptologen sind äußerst schwierig. Man muss schon absolut sicher sein, was man tut."
Schentuleit war sich sicher. Sie stürzte sich in ihr Studium, entzifferte Hieroglyphen, analysierte Gräber- und Tempelinschriften, promovierte über eine "demotische Papyrussammlung". 2004 bewarb sie sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Göttingen - und bekam die Stelle. Seitdem bringt sie einer Handvoll Studenten am Seminar für Ägyptologie und Koptologie die Geheimnisse antiker Sprachen und Schriften bei: Alt-, Mittel- und Neuägyptisch, Demotisch - und Koptisch, das Idiom ägyptischer Christen, das im Mittelalter vom Arabischen verdrängt wurde.
"Wenn Ägyptologie ein Orchideenfach ist, dann ist Koptologie eine Orchidee in der Orchidee", schwärmt sie. Obwohl, eines Tages könnten die ersten Jobangebote aus Kairo kommen, weil dort immer mehr koptische Christen ihre kulturellen Wurzeln erforschen, so Schentuleit: "Da sprechen viele nicht mehr nur im Gottesdienst, sondern auch im Alltag Koptisch. Wer weiß, vielleicht brauchen die irgendwann eine gutausgebildete Koptologin aus Göttingen."
Es schwingt zumeist Respekt und Faszination mit, aber auch Mitleid oder elterliche Besorgnis, wenn von den Klein- und Kleinstfächern in Deutschland die Rede ist: den Orchideenfächern. Es sind vor allem Geisteswissenschaften wie Bohemistik, Byzantinistik oder Tibetologie, aber auch naturwissenschaftliche Disziplinen wie Mineralogie oder angewandte Kernphysik, die oft nur von einem Professor vertreten werden und manchmal einstellige Studentenzahlen haben. Kleinode, mit denen sich Hochschulen schmücken? Oder verzichtbare Anhängsel? Vielen droht jedenfalls der Rotstift. Einige teilen sogar das Schicksal manch echter Orchideenart: Sie sind vom Aussterben bedroht.
Gewächse seien dies, "von betörendem Duft und fremdartiger Schönheit", so ein emeritierter Ägyptologie-Professor, der sich nach Jahrzehnten reicher Forschung in den neunziger Jahren plötzlich anhören musste, ein "dekoratives, aber nutzloses und teures" Fach zu vertreten. Schließlich, so das Mantra vieler Bildungspolitiker, solle sich die Hochschule eng am Bedarf von Wirtschaft und Arbeitsmarkt orientieren. Wie aber lässt sich der volkswirtschaftliche Nutzen eines Pharaonenforschers berechnen?
"Das ist schwer bis unmöglich", gibt Ulrich Meyer-Doerpinghaus von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) zu, "darüber können sich nur die betroffenen Fächer selbst Gedanken machen." Mit Drittmitteln und hohen Studierendenzahlen - den traditionellen Förderkriterien - könnten die kleinen Fächer jedenfalls nicht um Aufmerksamkeit buhlen.
Passend zum "Jahr der Geisteswissenschaften" - einer mit 64 Millionen Euro dotierten Kampagne des Bundesbildungsministeriums - will die HRK deswegen eine Rote Liste der bedrohten Disziplinen erstellen. "Manchem Landespolitiker ist gar nicht bewusst, welche Schätze er in seinen Universitäten beherbergt", so Meyer-Doerpinghaus, "da wurde in der Vergangenheit häufig viel zu schnell gekürzt und gestrichen."
Von "Orchideenfächern" will Meyer-Doerpinghaus im Übrigen nicht reden, das habe doch etwas Abwertendes. Schließlich seien die kleinen Fächer alles andere als nutzlos: "Sie tragen bei zum Verständnis von Kulturen, sie transportieren wichtige Wissensbestände. Das darf nicht verlorengehen."
Alexander Riehle weicht oft aus, wenn er nach seinem Studium gefragt wird. Nicht, weil es ihm unangenehm wäre. Doch eine halbe Stunde lang zu erklären, was für ein eigenartiges Fach das ist, das ihn fesselt, gefragt zu werden, ob er denn verrückt sei, und wie es sei, unter der Brücke zu schlafen, ist ihm häufig zu qualvoll. Manchmal ertappt er sich sogar dabei, wie er einer Kommilitonin auf die Schnelle "ich mach BWL" antwortet. Damit hätte der 25-jährige Münchner allerdings kaum eine Magisterarbeit über die Grabrede eines byzantinischen Gelehrten aus dem 15. Jahrhundert schreiben können.
"Mir ist oft die Frage gestellt worden, warum ich mich für Byzantinistik entschieden habe. Aber wenn ich mal arbeitslos sein sollte, kann ich wenigstens sagen: Ich habe studiert, was mir Spaß gemacht hat. Und ich hab's voll getroffen, es war genau die richtige Wahl."