08.11.2011
Die gefährdete Generation
Kleine Machiavellisten
Von Jochen Brenner
Cybermobbing: Beleidigende Kommentare auf der Internetseite iShareGossip
"Das eigentliche Drama bei Mobbing ist, dass Kinder zum Teil aus kalter Berechnung über Monate oder sogar Jahre hinweg Mitschüler schikanieren, ohne dass die Schule reagiert", sagt Mustafa Jannan. "Was in den Kindern vorgeht, die Opfer von Mobbing sind, können sich die wenigsten von uns auch nur annähernd vorstellen."
Jannan war 19 Jahre lang Lehrer und Vertrauensmann an einem Gymnasium, jetzt ist er Mitarbeiter im Regionalen Bildungsbüro Olpe. Er bietet Schulen Aufklärung an, und oft muss er aufgeregten Eltern von Mobbing-Opfern aus ihrer ersten Schockstarre helfen.
Franks Mutter handelte instinktiv mit den Mitteln einer Frau, die sich zu wehren weiß. Und machte damit zunächst alles schlimmer. "Ich rate Eltern, sich in ihrer Emotionalität so weit wie möglich zurückzunehmen", sagt Jannan. "Ein wutschnaubender Vater kann ein Kind durchaus verstören, wenn es ihn noch nie so erlebt hat. Man sollte versuchen, ruhig zu bleiben und aufmerksam zuzuhören. Manchmal hilft ein Spaziergang, um die Dinge zu lösen." Unbedingt vermeiden solle man einen überstürzten Anruf bei den Eltern der Täter. Diese seien mit der Situation häufig selbst überfordert und stellten sich dann reflexartig vor ihr Kind. "Eine Lösung des Problems wird damit meist unmöglich, da die Situation eskaliert", berichtet Jannan aus der Praxis.
Jannan rät Eltern,
- nicht mit den Eltern der Täter zu sprechen;
- nicht mit den Tätern zu sprechen - die hören nur heraus: Mein Kind kann sich selbst nicht wehren;
- Gespräche mit dem Lehrer ohne das Kind zu führen;
- dem eigenen Kind keine Schuld zuzuweisen und ihm nicht zu Gegengewalt zu raten - der Konflikt könnte sich noch ausweiten;
- eine Strafanzeige bei der Polizei nur als letztes Mittel ins Kalkül zu ziehen - meist verlässt der Täter die Schule nicht, dann belastet eine Anzeige das gemeinsame Weiterleben.
"Vielen Eltern imponiert ihr durchsetzungsfreudiges Kind"
Mechthild Schäfer geht in ihrer wissenschaftlichen Analyse des Mobbings nüchterner vor, und sie spricht aus, was dessen Hochkonjunktur erklären könnte: "Vielen Eltern imponiert ihr durchsetzungsfreudiges Kind." Darauf müssten sich die Eltern von Opfern einstellen.
Schäfer ist Privatdozentin am Fachbereich für Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität in München und hat das Thema Mobbing zum Hauptberuf gemacht. "Aggression", sagt sie, "ist oft das Ergebnis früher Sozialisation." Im Klartext: Die Eltern sind am mobbenden Kind keinesfalls unbeteiligt. "Wir beobachten eine strategische Blindheit gegenüber dem eigenen Kind, wenn es sich unmöglich verhält." Auch sie rät deshalb vom Kontakt zu den Täter-Eltern ab: "Den Frust kann man sich sparen."
Schäfer zeichnet ein Bild vom jugendlichen Mobber, der "bi-strategisch" vorgehe: prosozial im öffentlichen Schulleben und zu Hause und aggressiv, wenn es in der Klasse um seine Interessen geht. "Diese Schüler sind oft kognitiv und emotional sehr kompetent, so dass sie von Eltern und Lehrern schlicht unterschätzt werden. Niemand traut ihnen dieses Doppelspiel zu."
Die Psychologin Schäfer und der Ex-Lehrer Jannan haben in ihrer Arbeit mit Mobbern ein Täterbild entwickelt, das Außenstehenden bisweilen radikal erscheint. Es zeigt Täter, die mit soziopathischen Zügen ihre Umwelt um den Finger wickeln und gleichzeitig ihre Machtgelüste ausleben. "Es ist mitunter verstörend, wie die Täter mit kaltem Herzen nach ihren Opfern suchen", sagt Jannan, und Mechthild Schäfer nennt sie "die kleinen Machiavellisten": "Es geht beim Mobbing um Macht und Überlegenheit. Die Degradierung eines geeigneten Opfers ist ein Weg dorthin."