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Wissenschaft

IQ

Kann man seine Intelligenz fördern?

Intelligenz gilt als eines der erstrebenswerten Merkmale in unserer Gesellschaft. Aber wie ermittelt man sie? Und lässt sie sich fördern?

Van Santen & Bolleurs
Von
Dienstag, 22.08.2017   12:00 Uhr

Ein ganz normaler Partyabend, Bildungsbürger beim Small Talk: "Ich habe meinen Sohn jetzt auf Hochbegabung getestet", sagt ein Vater. "Er ist in der Schule immer schneller fertig als die anderen, zappelt herum, da hat sein Klassenlehrer mir dazu geraten." Stolz erzählt der Mann, dass er erst zu Hause einen Test mit seinem Achtjährigen gemacht, dann einen Termin in einer Beratungsstelle vereinbart habe. "Diese Beratungsstelle fanden wir nicht so gut", mischt sich ein anderer Gast ein. Sein Sohn habe schon mit einem Jahr gesprochen, mit fünf allein lesen gelernt und als Neunjähriger mit Chemiebaukästen für Teenager experimentiert. "Jetzt überlegen wir, ob wir ihn auf ein Internat für Hochbegabte schicken sollen." Schweigen. Da kann der andere Vater nicht mithalten.

Intelligenz gilt als eines der erstrebenswerten Merkmale in unserer Gesellschaft, als wichtiger Indikator dafür, ob jemand Erfolg, Wohlstand und einen hohen Sozialstatus erreicht. Welch enorme Bedeutung ihr zugemessen wird, verrät sich in der geradezu verzweifelten Hoffnung vieler Eltern darauf, möglichst hochbegabten Nachwuchs zu haben, aber auch in den kostspieligen Versuchen, weniger begabte Sprösslinge mit Nachhilfe und Sommerkursen auf intellektuelle Leistung zu trimmen. Intelligenzversprechen kurbeln in vielen Branchen den Absatz an: Die Lebensmittelindustrie wirbt für Beeren-Nüsse-Mischungen als "Brainfood"; Softwarehäuser preisen digitale Spiele als unbedingt IQ-steigernd an.

Nur: Was ist eigentlich Intelligenz? Worin drückt sie sich aus? Lässt sie sich überhaupt fördern? Wie verlässlich ist ihre Messung in IQ-Tests - und wie hoch ist ihr Einfluss auf den Erfolg im Leben wirklich?

Trotz des hohen Interesses daran, bei sich oder seinen Kindern möglichst viel aus den vorhandenen Anlagen herauszuholen, herrscht doch oft Unklarheit darüber, was es mit der Intelligenz genau auf sich hat.

Was ist Intelligenz?

Intelligenz sei "Power", so hat es vor Jahrzehnten der amerikanische Experimentalpsychologe Edwin Boring formuliert - ganz einfach Leistung also, im physikalischen Sinne: die Menge an Arbeit, die in einer bestimmten Zeit erbracht werden kann.

Dem Einwand, dass man auch langsam zum Ziel gelangen könne, hielt Boring entgegen: selbstverständlich. Mit der Zeit kommen alle an. Weniger intelligent zu sein, bedeutet letztlich nur, mit weniger Power zu denken. Alle geistig gesunden Kinder können irgendwann lesen - nur brauchen die einen dafür ein Jahr, während die schnellsten schon nach Wochen flüssig buchstabieren.

Worin Borings Power besteht, können Kognitionsforscher heute präzisieren: Sie beruht auf der Kapazität des Arbeitsgedächtnisses und seiner Verarbeitungsgeschwindigkeit. Intelligentere Menschen können schneller Wissen aus dem Arbeitsgedächtnis abrufen, mehr Informationen dort speichern und zugleich irrelevante Informationen hemmen, um das Gedächtnis nicht zu verstopfen. Außerdem wiegen sie rascher Alternativen gegeneinander ab und wechseln bei Bedarf ihre Ziele.

Intelligenz lässt sich deshalb so schwer fassen, weil sie relativ ist. Sie lässt sich nicht absolut, sondern nur im Vergleich zu der anderer Menschen messen - und das eben auch nicht medizinisch wie Blutdruck oder Hörvermögen. Trotzdem haben sich international führende Forscher auf eine Definition geeinigt: "Intelligenz ist eine sehr generelle geistige Kompetenz, zu der die Fähigkeit gehört zu schlussfolgern, zu planen, Probleme zu lösen, abstrakt zu denken, komplexe Ideen zu verstehen, schnell zu lernen und von Erfahrungen zu lernen."

Möglicherweise gibt es noch andere Arten von Intelligenz: emotionale, soziale, praktische. Die Fähigkeit, logisch denken zu können, ist nur ein Persönlichkeitsmerkmal unter vielen. Über den Charakter oder gar den Wert eines Menschen sagt Intelligenz rein gar nichts aus. Aber sie ist tatsächlich so relevant, wie ehrgeizige Eltern vermuten. Die gemessene Intelligenz kann sehr gut schulischen und beruflichen Erfolg vorhersagen - dazu noch Gesundheit und sogar Glück.

Welche Relevanz hat ein hoher IQ?

"Intelligenz ist das, was Tests testen", stellte Edwin Boring 1923 fest. So sarkastisch diese Definition klang - nach dem Motto: neuer Test, neuer IQ -, so ernst hatte der Intelligenzforscher sie gemeint. Was seine Zunft untersuchte, war real und stabil. "Wiederhole den Test", schrieb er, "und die Kandidaten können beim besten Willen der Welt nicht ihre Ergebnisse großartig verändern."

1998 werteten zwei US-Psychologen die Daten von 42.000 Personen in 515 verschiedenen Jobs aus. Sie errechneten einen ausgesprochen hohen Zusammenhang zwischen Intelligenz und den Indikatoren für berufliche Leistungsfähigkeit - im Statistikdeutsch der Psychologie ausgedrückt, wurde eine Korrelation von r=.5 erreicht. Sie erreicht damit eine der höchsten Validitäten nicht nur in der Psychologie, sondern auch verglichen mit solchen in der Medizin. Ganz klar gilt: je intelligenter, desto erfolgreicher im Job - und zwar über die gesamte Berufsspanne hinweg. Metaanalysen aus Europa haben diesen Zusammenhang mehrfach bestätigt.

Auch die Korrelation zwischen dem Abschneiden bei IQ-Tests und in der Schule ist eindeutig bewiesen. Am stärksten schlägt sich hohe Intelligenz auf Grundschulzeugnisse aus. Das liegt an einem statistischen Effekt: Je höher die Bildungsinstitution, desto mehr ähneln sich die Intelligenzniveaus ihrer Schüler. Während in der Grundschule noch Kinder aller Begabungsstufen gemeinsam lernen, sortieren die weiterführenden Schulen die Kinder nach Lernerfolg und somit Intelligenz. Dies muss man berücksichtigen, wenn Studien unter Studenten zeigen, dass andere Faktoren bei ihnen mehr zum Erfolg beitragen, etwa Selbstdisziplin oder der Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Da Studenten sich in der Höhe ihrer Intelligenz ähneln, kommen IQ-Unterschiede unter ihnen weniger zum Tragen. An der Uni schlagen die Fleißigen die Faulen.

Es wurde auch geprüft, wie stark der sozioökonomische Status der Elternhäuser mit Erfolg oder Misserfolg im Studium korreliert. Ergebnis einer Metastudie von 2007 mit allen weltweit dazu verfügbaren Daten aus vorherigen Untersuchungen: Ja, Herkunft hat einen Einfluss, aber zum Glück nur einen geringen - deutlich unter dem der Intelligenz.

Intelligenz ist sogar für die Gesundheit von Bedeutung. Da manche Länder IQ-Tests seit den Zwanzigerjahren schon bei Kindern großflächig eingesetzt haben, konnten Forscher später analysieren, welche Teilnehmer in welchem Alter gestorben waren und woran. Der auf diesem Feld führende schottische Forscher Ian Deary stellte die Hauptbefunde zusammen. Danach verhielten sich intelligentere Menschen gesundheitsbewusster: Sie tranken weniger Alkohol, rauchten weniger, machten mehr Sport und ernährten sich besser. Sie starben seltener an Herz- und Lungenkrankheiten sowie Leiden des Magen-Darm-Bereichs - und kamen sogar weniger oft bei Autounfällen ums Leben.

Fazit: Menschen leben länger, je höher ihr IQ ist. Das liegt nicht allein an ihrem gesunden Verhalten, sondern ist nachweislich auch genetisch bedingt.

Eine Studie des University College London zeigte 2012, dass Klügere auch glücklicher sind. Kein Wunder: Intelligenz schützt nachweislich vor traumatischen Erfahrungen wie langer Arbeitslosigkeit, ungewollter Schwangerschaft und, vor allem, einem kümmerlichen Einkommen.

Menschen mit einem IQ unter 75 haben sogar ein siebenfach höheres Risiko, für Straftaten verurteilt zu werden, als Personen mit einem IQ über 125, fand die US-Psychologin Linda Gottfredson 1997 heraus. Dabei sind klügere wahrscheinlich nicht die besseren Menschen, sondern nur geschickter darin, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Immerhin, einen Nachteil hat hohe Intelligenz: Hochbegabte sind häufiger kurzsichtig als durchschnittlich begabte Menschen.

Wissenschaftlich nicht belegt ist dagegen das Vorurteil, Intelligenzbestien seien seltsame Nerds. Dies gilt höchstens für die winzige Gruppe von Menschen mit einer herausragenden Inselbegabung, etwa in Mathematik. Unter ihnen gibt es einige wenige mit autistischen Zügen. Bei gewöhnlichen Hochbegabten macht sich der IQ dagegen im Umgang meistens nicht bemerkbar.

Ian Deary konnte aufgrund einer spektakulären Untersuchung auch mit einer guten Nachricht aufwarten. Er legte einer Stichprobe von 77-jährigen Schotten den gleichen IQ-Test vor, den diese schon als Elfjährige absolviert hatten. Heraus kam eine fantastische Übereinstimmung - die Korrelation lag bei r=.72 - zwischen deren IQ als Kinder und als Erwachsene. Das heißt zwar nicht, dass wir im Alter gleich schnell denken können wie in der Jugend - die Reaktionsgeschwindigkeit nimmt messbar ab. Aber die relative Intelligenz gegenüber Gleichaltrigen bleibt stabil.

Was messen Intelligenztests?

Jahrtausendelang kam der Mensch nicht auf die Idee, seine Intelligenz zu messen. Die Frage danach, wie schlau jemand genau ist, wurde erst relevant, als soziale Schichten zunehmend durchlässiger wurden, was Begabten erstmals einen Aufstieg ermöglichte. Dazu musste eine allgemeine Schulbildung kommen, die wirklich alle Kinder erreichte - und eine Wissenschaft wie die Psychologie, die Instrumente zur Untersuchung des menschlichen Geistes entwickelte.

Der erste Intelligenztest wurde denn auch auf Geheiß eines Erziehungsministers entwickelt, um Kinder identifizieren zu können, die im normalen Schulunterricht nicht mitkamen. Das war in Frankreich, und die Psychologen Alfred Binet und Théodore Simon lieferten dem Minister um 1905 das gewünschte Produkt. Ihr Test war ein sensationeller Erfolg. Auf der ganzen Welt sind seither Dutzende Fragebatterien in der Tradition des Binet-Tests entstanden. Armeen vieler Länder, von den großen USA bis zu den kleinen Niederlanden, ließen bald jeden neuen Rekrutenjahrgang auf IQ testen.

Wichtig ist: Ein einziger IQ-Test kann nie sicher Intelligenz messen, schon allein deshalb nicht, weil das Ergebnis von der Tagesform abhängt. Wen die eigene kognitive Leistungsfähigkeit interessiert, der sollte sich unter Aufsicht von Experten am besten Tests verschiedenen Designs stellen.

Für Kinder aus bildungsfernen Haushalten empfehlen Lernforscher einen Matrizentest, etwa wenn unklar ist, ob am Ende der Grundschule eine Gymnasialempfehlung ausgesprochen werden soll. Dieser Test funktioniert statt mit Sprache mit geometrischen Formen. Kulturunabhängig sind die Matrizen dennoch nicht, wie die Forschung gezeigt hat: In der Lebenswelt von Indianerkindern im Regenwald kommen keine regelmäßigen Kreise, Dreiecke oder Quadrate vor.

Es gibt aber auch gute Gründe gegen IQ-Tests bei Kindern. Blitzmerker könnten sich auf dem Ergebnis ausruhen, weniger Begabte dagegen komplett entmutigt fühlen. Fleiß und Einsatz können im Ergebnis aber manchen IQ-Unterschied eindeutig wettmachen, wie das Forscherteam Elsbeth Stern aus Zürich und Aljoscha Neubauer aus Graz eindrucksvoll bezeugt. Die beiden empfehlen Personalchefs, bei der Besetzung einer Stelle demjenigen Kandidaten den Vorzug zu geben, der nachweislich Erfahrung und Expertise für die Position mitbringt - auch wenn dessen IQ geringer ist als der einer Mitbewerberin ohne Erfahrung.

Die meisten IQ-Tests bestehen aus verschiedenen Aufgabentypen oder "Subtests". Darin werden sprachliche Fähigkeiten etwa über Analogien getestet ("dunkel zu hell ist wie nass zu ?"). Es gibt den Typ "Gemeinsamkeiten finden" ("Welches Wort passt nicht in die Reihe Tisch, Stuhl, Vogel, Schrank, Bett?"), Aufgaben zum Wortschatz sowie zum mathematischen und räumlich visuellen Denken. Zu Letzterem gehören Bilder mit Würfeln, die im Geist gedreht werden müssen, oder Abbildungen geometrischer Elemente, die zusammengesetzt Figuren ergeben. Bei den Tests läuft stets die Uhr.

Die Anzahl der von der Testperson gelösten Aufgaben werden mit einem an einer großen, repräsentativen Stichprobe gemessenen Mittelwert verglichen. Diese Stichprobe erfasst Gleichaltrige, mit deren Ergebnis das individuelle Resultat in Beziehung gesetzt wird.

Über den Vergleich mit dem Mittelwert wird der Intelligenzquotient errechnet. Ein Beispiel: Wenn alle getesteten Zwölfjährigen im Mittel 58 von insgesamt 79 Aufgaben richtig lösen, Klara aber 7 mehr geschafft hat, dann hat sie einen IQ von 115. Ihre 7 extra gelösten Aufgaben entsprechen einer sogenannten Standardabweichung: eine Maßeinheit, die beschreibt, um wie viel höher oder niedriger als das Mittelmaß man liegt. In diesem Test läge die Standardabweichung bei 7 Aufgaben. Anna, die 14 Aufgaben mehr als im Mittel gelöst hat, käme auf einen IQ von 130. Die Rechnung geht so: Klara liegt mit ihrem Ergebnis eine Standardabweichung (sprich: 15 Punkte) über dem Mittelwert von 100, auf den alle Tests stets genormt werden. Also: 100 plus 15 macht einen IQ von 115. Bei Anna wären es zwei Standardabweichungen: zweimal 15 macht 30, zusammen mit 100 sind das 130.

DER SPIEGEL

Der IQ folgt der sogenannten Normalverteilung: Die meisten Menschen gruppieren sich um den Mittelwert 100. Knapp 70 Prozent der Bevölkerung liegt zwischen 85 und 115 IQ-Punkten.

Nur rund zwei Prozent der Bevölkerung kommen auf weniger als 70 IQ-Punkte. Genauso wenige erreichen das Merkmal Hochbegabung, für das ein IQ ab 130 Richtwert ist.

So unterschiedlich die Aufgabentypen sind, sie erfordern überwiegend dieselben kognitiven Fähigkeiten. Dies stellte der britische Psychologe Charles Spearman schon 1904 fest: Ihm fiel auf, dass die meisten Menschen in den verschiedenen Teilbereichen - sprachlich, mathematisch, räumlich-visuell - zwar nicht gleich gut abgeschnitten haben, aber doch auffällig ähnlich gut. Daraus folgerte Spearman, dass es eine gemeinsame Intelligenzressource geben müsste, auf die alle Teilleistungen zurückgreifen. Er nannte sie "g" für "general factor".

Andere Theorien nennen diesen allgemeinen Faktor auch die "fluide" (flüssige) im Gegensatz zur "kristallinen" (verfestigten) Intelligenz - diejenige, die auf Wissen und Erfahrung zurückgreift. Viele Intelligenztests rekurrieren auf beide Bereiche. Bei Kindern kommt mehr die fluide Intelligenz zum Tragen, im Alter gewinnt die kristalline an Bedeutung. Insbesondere der Wortschatz, ein guter Indikator für die kristalline Intelligenz, wächst lange an und bleibt oft bis ins hohe Alter erhalten.

Spearmans Theorie ist seitdem durch eine Flut von Untersuchungen bestätigt worden: Es gibt, ganz klar, eine allgemeine Intelligenz, die immer wirksam wird, wenn wir mental Probleme lösen, wenn wir lernen, schreiben, analysieren, rechnen. Und diese Intelligenz, also der G-Faktor, hat eine deutlich höhere Erblichkeit als die eher spezifischen Fähigkeiten. Neuropsychologen konnten messen, welche Gehirneigenschaften Personen mit hohem G-Faktor auszeichnet - sie wissen dagegen nicht genau, welche strukturellen Eigenschaften Gehirne von ausgemachten Sprach- oder Mathegenies haben.

Die Erforschung der Intelligenz ist eine mehr als hundertjährige Erfolgsgeschichte der Psychologie. Eine enorme Fülle von Studien aus den vergangenen 20 Jahren bestätigt eindrucksvoll die Aussagefähigkeit von Intelligenztests: Sie gehören zu den besten diagnostischen Instrumenten der Psychologie.

Dennoch herrscht selbst bei vielen Psychologen erstaunliche Skepsis gegenüber dem IQ. Zwei eigentlich eng verwandte Zweige - die Begabungsforscher und die Intelligenzforscher - ignorierten sich hartnäckig gegenseitig, klagt der österreichische Psychologe Aljoscha Neubauer, eine der international führenden Kapazitäten auf beiden Gebieten. Begabungsforscher würden Studien zur Bedeutung des IQ missachten, und Intelligenzforscher scherten sich wenig um Begabungsfaktoren wie Selbstdisziplin, Durchhaltevermögen oder Motivation.

DER SPIEGEL

Wie entwickelt sich Intelligenz?

Schule ist für die Entwicklung von Intelligenz das, was für Pflanzen Licht, Wasser und Nährstoffe sind. Zwar gilt der genetische Bauplan des menschlichen Hirns seit 40.000 Jahren als nahezu unverändert. Erst vor 5000 Jahren entstanden dann Schriftsysteme und, allmählich, numerische Symbole. Dank ihres enormen Lernvermögens können Kinder heute in wenigen Jahren an Bildungsinstitutionen aufnehmen, was die Menschheit in Jahrtausenden entwickelt hat.

Der Umgang mit Symbolsystemen wiederum schulte die Fähigkeit zur Abstraktion. Analphabeten verstehen typischerweise nicht, wie sie folgendes Rätsel lösen sollen: "Auf der Insel Konu tragen alle unverheirateten Frauen Blumen im Haar. Ila trägt eine Blume im Haar. Hat Ila einen Ehemann?" Sie antworten dann Dinge wie: "Woher soll ich das wissen? Ich war nie auf Konu und kenne Ila nicht." Forscher sehen gerade den Schrifterwerb in der Grundschule als Grund dafür an, dass sich schon nach dem ersten Schuljahr bei vielen Kindern ein für die weitere Entwicklung aussagekräftiger IQ testen lässt. Das Experimentieren mit grammatikalisch richtigen, aber unwahren Sätzen wie "Nachts scheint die Sonne" fördere abstraktes Denken.

Intelligenz ist in hohem Maße erblich, wie Zwillings- und Adoptionsstudien zeigen. Eine der berühmtesten Studien stammt aus Minnesota. Dortige Forscher errechneten anhand von 330 eineiigen Zwillingspaaren, von denen 56 nicht gemeinsam aufgewachsen waren, die Erblichkeit verschiedener Persönlichkeitsmerkmale. Für den IQ maßen sie eine Heritabilität von 75 Prozent. Das bedeutet, dass die gemessenen Intelligenzwerte der genetisch identischen Geschwister im Schnitt um etwa 15 IQ-Punkte voneinander abwich - diesen Unterschied mussten Umweltfaktoren bewirkt haben.

Inzwischen geht man je nach Studie und Alter der Getesteten davon aus, dass die Erblichkeit der Intelligenz bei 50 bis 70 Prozent liegt. Faustregel: Je höher das Alter, desto mehr setzen sich die Gene durch.

Dies sind aber nur statistische Werte; sie bedeuten nicht, dass bei jedem Erwachsenen Gene zu 70 Prozent für die Intelligenz verantwortlich sind. Auch weiß man nicht, welche Gene die Intelligenz steuern. Es sind Hunderte und damit zu viele, als dass man die intelligenzbestimmenden Genomabschnitte auf absehbare Zeit wird identifizieren können.

Die Zeiten, in denen Umwelt und Biologie als strikt getrennte Sphären gesehen wurden und Forscher erbittert darüber stritten, wessen Anteil an der menschlichen Entwicklung größer sei, sind vorbei. "Nature via nurture", Natur durch Umwelt, lautet heute die Formel: Die Umwelt schafft die Voraussetzung für die Entfaltung der Gene, die Gene wiederum gestalten die Umwelt mit.

Für die Umwelt gilt: Je besser die Schulen der Kinder sind, desto mehr können sich ihre Anlagen durchsetzen. Dazu zählt maßgeblich die Dauer des Schulbesuchs. Mit jedem Schuljahr wächst die Intelligenz im Schnitt um 5,6 IQ-Punkte, errechnete der Chemnitzer Entwicklungspsychologe Heiner Rindermann 2011. Zwar spielt bei diesem Zuwachs auch das steigende Lebensalter eine Rolle - aber die Beschulungsdauer beeinflusst den IQ doppelt so stark, wie israelische Forscher nachwiesen.

Die Dauer des Schulbesuchs verliert ab dem Teenageralter an Relevanz für die Intelligenzentwicklung. Mit spätestens 19 Jahren ist nicht nur der Mensch, sondern auch sein IQ ausgewachsen, er lässt sich dann nicht mehr steigern. Mit den Jahrzehnten sinkt der IQ sogar ganz allmählich, weil die Schnelligkeit, mit der die grauen Zellen Informationen weitergeben, etwas nachlässt.

Lässt sich Intelligenz fördern?

Eine gute Schule wird alle Schüler klüger machen - aber nicht alle gleich klug. Zumal die Gene eben auch die Umwelt formen: Begabteren Kindern gelingt es schon in der Kita, die Erzieherinnen mehr für sich zu gewinnen, um die eigene Wissbegier zu befriedigen. Später suchen sie sich dann intellektuell herausfordernde Freunde und Ausbildungen.

Im ersten Lebensjahr stellen die Gene wenig Anforderungen an die Umwelt. Alle Menschen kommen mit einem Instinkt für Sprache und Zahlen zur Welt. Für die Entwicklung der Intelligenz reicht es völlig, wenn Eltern und Babysitter mit den Kindern sprechen, singen, ihnen Zuwendung schenken.

Kinder aus sozialen Brennpunkten werden allerdings oft im Kindergartenalter schon abgehängt, weil sie offenbar aus Angst ständig für Störreize offen bleiben, wie Helen Neville von der Universität Oregon zeigen konnte. Für Nevilles Experiment wurden zwei Gruppen von Kindern spannende Geschichten vorgelesen. Die eine stammte aus ärmeren Stadtteilen, die andere aus besseren Gegenden. Die Lesestimme erreichte die Kinder nur über ein Ohr, über das andere wurde ihnen irgendwann eine zweite Geschichte eingespielt. Gleichzeitig wurden die Gehirnströme der kleinen Zuhörer im EEG-Labor gemessen. Ergebnis: Die Kinder aus "schwierigen Verhältnissen" ließen sich schneller ablenken. Unbeschwerte Mittelschichtskinder, folgerte Neville, können sich besser konzentrieren. Sie hat Programme entwickelt, in denen Eltern aus Brennpunktgegenden einen weniger bedrohlichen Kommunikationsstil mit dem Nachwuchs lernen.

Von gezielter vorschulischer Förderung aber, etwa durch Chinesischkurse, raten viele Experten ab - auch die Zürcher Lernforscherin Elsbeth Stern. Dazu sei die Schule später der bessere Ort. Sogar Unterricht bei einem schlechten Lehrer fördere den Intellekt. Intelligenz hält die Expertin für eine eher "robuste Persönlichkeitseigenschaft".

Das heißt: Wenn die Anlagen da sind, werden sie sich in einer wissensgetriebenen, hoch entwickelten Gesellschaft auch entfalten. Und falls nicht, dann nützt es auch nichts, sich und den Nachwuchs verrückt zu machen. Stern: "Man darf nie erwarten, aus einem Kind etwas herausholen zu können, was nicht in ihm drin ist."

Auch Erwachsene können ihre grauen Zellen noch fördern. Die Forschung weiß allerdings vor allem, was die kognitive Leistungsfähigkeit jenseits der Teenjahre eher nicht steigern wird: nämlich Sudoku, Kreuzworträtsel oder Gehirnjogging-Programme. Sport hat nachgewiesenermaßen einen positiven Einfluss aufs Gehirn - sowie das Erlernen neuer Fähigkeiten: Italienisch, Bridge, Fechten. Am besten, glauben Experten, sei eine Kombination aus Bewegung und Wissenserwerb. Also Spanischlernen auf dem Hometrainer!

Intellekt, Gefühle und Motivation

"Intelligenz ohne Ehrgeiz ist wie ein Vogel ohne Flügel." Dieses Diktum wird dem katalanischen Maler Salvador Dalí zugeschrieben. Zutreffend ist es allemal: Intelligenz allein bewegt nichts, wenn nicht emotionale Qualitäten wie Neugier oder Begeisterung den Geist anfachen.

Eine andere Frage ist, ob diese Qualitäten sich selbst schon zu einer Art "Intelligenz" summieren. In den vergangenen 20 Jahren haben eine Fülle von Studien und Ratgebern für eine Inflation des Intelligenzbegriffs gesorgt. Postuliert werden eine soziale, emotionale, sinnliche, motorische, musikalische und, na klar, eine sexuelle Intelligenz. Insbesondere die 1995 durch den Bestseller des US-Journalisten Daniel Goleman populär gewordene "emotionale Intelligenz" nährt eine Beraterindustrie mit Milliardenumsätzen.

Zweifellos sind Fähigkeiten in diesen Bereichen überaus wichtig. Einfühlungsvermögen, Temperament, Humor und motorisches Geschick prägen den Charakter mindestens so stark wie der Intellekt. Auch sie beeinflussen Glück und Erfolg .

Van Santen & Bolleurs

Aber sollte man diese Kompetenzen wirklich Intelligenzen nennen? Die Uneinigkeit, die Forscher bei der Definition von kognitiver Intelligenz anfangs hatten, ist heute bei vergleichsweise modernen Konzepten wie der "sozialen Intelligenz" noch deutlich stärker. Tests, die das sogenannte emotionale Wissen erfassen sollen, liefern häufig wenig Belastbares. Schließlich beruhen sie darauf, dass entweder die Testperson sich selbst beurteilt oder externe Experten ihre emotionalen Qualitäten einschätzen sollen.

Die jüngste Forschung zu emotionaler Intelligenz macht aus der Not eine Tugend und hat ein Modell namens "mixed EI" entworfen: gemischte emotionale Intelligenz.

Dieser Mix rekrutiert sich aus vielen psychologischen Konstrukten: Gewissenhaftigkeit, Extrovertiertheit, Selbstwirksamkeit, emotionale Stabilität und sogar klassische kognitive Intelligenz. "Wie bei Großmutters Gemüsesuppe", frotzelt der Marburger Hochbegabungsexperte Detlef Rost, "wird bei den 'Mixed'-Modellen alles, was im Garten der Intelligenz, Wahrnehmung und Emotionen wächst, zu einem Brei verarbeitet."

Das Urteil der Intelligenzforscher Stern und Neubauer fällt milder aus. "Obwohl diese neueren, alternativen Intelligenzmodelle mehrheitlich bislang kaum den Ansprüchen an eine wissenschaftliche Theorie genügen", schreiben sie, "erscheinen einige der in diesen Modellen postulierten Fähigkeiten aus der Sichtweise einer empirischen Psychologie interessant und untersuchenswert."

Für wichtiger als Intelligenz hält der Neurowissenschaftler Henning Beck nicht emotionale Kompetenz, sondern Kreativität. Sein Appell: unbedingt verrückten Einfällen nachgehen, mutig Fehler zulassen und in Gedanken abschweifen. Den Kreativen gehört die Zukunft.

Aus SPIEGEL WISSEN 4/2017

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