30.05.2010
Großer Preis der Türkei
Ein Bulle sieht rot
Von Birger HamannSie konnten es nicht fassen: Kollektiv schlugen die Verantwortlichen am Red-Bull-Kommandostand die Hände über dem Kopf zusammen und fluchten. Es war die 40. Runde beim Großen Preis der Türkei, Mark Webber und Sebastian Vettel fuhren bis dahin einem Red-Bull-Doppelsieg entgegen, dem zweiten in Folge. Immer wieder hielt das Duo des österreichischen Rennstalls erfolgreich den Angriffen von McLaren-Pilot Lewis Hamilton stand, Webber an der Spitze, Vettel dahinter, Runde für Runde.
Doch dann wird einer der beiden Bullen plötzlich wild.
Am Ende einer Geraden setzt Vettel zum Überholmanöver an, will links an Webber vorbei. Beide sind nahezu gleich auf, rasen mit hoher Geschwindigkeit auf eine Linkskurve zu - und dann passiert es. Vettel zieht seinen Boliden einen Tick nach rechts. Er kracht seinem Teamkollegen in die Seite, beide kommen von der Piste ab. Während Webber mit einem ramponierten Frontflügel seine Fahrt fortsetzen kann, ist das Rennen für Vettel gelaufen. Frust statt Jubel, Auslaufzone statt Podest, Rang fünf in der Fahrerwertung statt WM-Führung. Von eigenen Fehlern will Vettel anschließend aber nichts wissen.
"Wenn man die Bilder sieht, ist es eindeutig, dass Mark die Schuld hat. Ich hatte die Möglichkeit zum Überholen und war auf der inneren Seite", sagte der 22-Jährige. War er in dieser Situation vielleicht etwas übereifrig? "Ich habe einfach versucht, meine Chance zu nutzen." Ob er einen Fehler gemacht habe? "Wir fahren Rennen und sind hier, um gegeneinander zu fahren." Was die abfällige Geste in Richtung Webber nach dem Crash zu bedeuten hatte? "Das war eine typische Handbewegung, die Autofahrer halt machen."
Lauda: "Sebastian war zu aggressiv unterwegs"
Vettel war stinksauer auf seinen Teamkollegen. Und angeblich hatte es intern sogar eine Anweisung gegeben, dass der Australier Vettel passieren lassen sollte, was Webbers Renningenieur seinem Schützling wiederum nicht mitgeteilt haben soll. Dennoch sagte der dreimalige Formel-1-Weltmeister Niki Lauda: "Sebastian war zu aggressiv unterwegs. Das Risiko ist von ihm ausgegangen."
Dass Vettel später Rückendeckung von seinem Team erhielt, änderte an dem Desaster wenig. "Mark hat Sebastian keinen Platz gelassen", urteilte Red-Bull-Rennstallchef Christian Horner. "Mark hätte dieses Manöver nie machen dürfen", pflichtete Red-Bulls Motorsportbeauftragter Helmut Marko bei. Webbers Renningenieur habe dem Australier nicht mitgeteilt, dass er dem schnelleren Vettel, dem zudem Hamilton Druck von hinten machte, Platz machen sollte.
Wie ein teaminternes Duell an der Spitze auch aussehen kann, ohne sich gegenseitig von der Piste zu katapultieren und das eigene Team in kollektive Schockstarre zu versetzten, demonstrierten acht Runden nach dem Red-Bull-Crash Hamilton und Weltmeister Jenson Button in ihren McLaren. Erst überholte Button furios, wenige Kurven später konterte Hamilton spektakulär.
Die beiden Briten feierten wie schon Mitte April in China schließlich einen McLaren-Doppelsieg, dieses Mal nur in umgekehrter Reihenfolge: Hamilton lag in Istanbul am Ende vor Button. In der Fahrerwertung liegt Button hingegen mit nun 88 Punkten noch immer vier Zähler vor seinem drittplatziertzen Teamkollegen auf Rang zwei. Weiter in Front: Webber mit 93 Punkten, der wegen seines lädierten Frontflügels als einziger Top-Ten-Fahrer einen zweiten Boxenstopp einlegen musste und dennoch mit einem beruhigenden Vorsprung von etwa sieben Sekunden auf Mercedes-Pilot Michael Schumacher als Dritter ins Ziel und damit aufs Podium kam.
Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Formel 1
Später diskutierten alle über die Kollision der roten Bullen, die eigentliche Botschaft des Rennens geriet durch den spektakulären Crash aber in den Hintergrund: die Erkenntnis, dass die Formel 1 derzeit eine Zwei-Klassen-Gesellschaft ist.
Es war bemerkenswert, mit welcher Leichtigkeit Red Bull und McLaren der Konkurrenz schon wenige Runden nach dem Start enteilt waren. Nach knapp der Hälfte des Rennens hatte das Spitzen-Quartett rund 20 Sekunden Vorsprung, kurz vor dem Red-Bull-Drama war es mehr als eine halbe Minute. Weder Schumacher und Nico Rosberg im Mercedes noch die beiden Ferrari-Piloten Fernando Alonso und Felipe Massa hatten in Istanbul den Hauch einer Chance.
Kein Wunder, die McLaren sind immer auf langen Geraden sehr schnell, der Red Bull hat in den Kurven Vorteile. Die vier Boliden sind herausragend. Mal liegt der eine vorn, mal der andere, aber meistens gilt: Der Rest des Feldes kann nur staunen - und kaum folgen. Das war in der Türkei nicht anders als in Spanien, China, Malaysia oder Australien. Sieben von 19 Formel-1-Rennen sind absolviert, und nur einmal gewann nicht ein Pilot von McLaren oder Red Bull: Es war das erste Saisonrennen in Bahrain, als Ferrari einen Doppelsieg feierte. Doch mittlerweile sind die roten Boliden aus Italien nur noch die Besten vom Rest.
In der Teamwertung liegen McLaren (172 Punkte) und Red Bull (171) Kopf an Kopf, bei den Fahrern sieht die Dominanz mit Webber, Button und Hamilton an der Spitze ähnlich aus. Einzige Ausnahme: Alonso auf Platz vier ist einen Rang und einen Punkt vor Vettel, der jetzt wütend die Strecke als großer Verlierer des Tages verließ.
Weitaus besser gelaunt war da schon Michael Schumacher, der mit Platz vier sein bestes Saisonergebnis erreichte. "Man darf dieses Rennen durchaus als Fortschritt sehen", sagte er. Besser hätte Schumacher die Diskrepanz zwischen Top-Teams und Mitfahrer nicht beschreiben können. Er hatte am Ende mehr als 30 Sekunden Rückstand auf Sieger Hamilton.

