10.07.2011
Großer Preis von Großbritannien
Die Formel-1-Polizei hilft Ferrari beim Jubeln
Von Ralf Bach, SilverstoneMichael Schumacher hatte keine Zweifel. Er ist lange genug dabei, um zu wissen, wie er Regeländerungen der Motorsportbehörde Fia mitten in der Saison zu bewerten hat. "Wenn überhaupt, hat Ferrari davon profitiert", sagte Schumacher cool. Was der Mercedes-Pilot meinte: Ferrari profitierte am meisten vom Streit um die so genannten angeblasenen Diffusoren. Nur so ist der Ferrari-Sieg von Fernando Alonso beim Großen Preis von Großbritannien in Silverstone zu bewerten.
Noch vor zwei Wochen war der Spanier in Valencia klar von Red Bull und Vettel geschlagen worden. In Silverstone hingegen fuhr Alonso mit über 16 Sekunden Vorsprung vor Sebastian Vettel über der Zielinie. Das Wunder hatte aber nicht in der Ferrari-Fabrik seinen Ursprung, sondern am grünen Tisch der Fia. Ferrari gibt das selbst zu. Technikchef Pat Fry strahlte schon nach dem Qualifying: "Woran das liegt? An den Weiterentwicklungen des Autos und natürlich an den Änderungen des Motorenmappings."
Die Vorgeschichte: In Silverstone wurde es Red Bull am Freitag noch erlaubt, 50 Prozent der Abgase weiterzuleiten, obwohl der Fahrer vom Gas geht. Am Samstag ruderte die Fia zurück und erlaubte dem Team und seinem Motorenhersteller Renault nur noch, zehn Prozent in den Diffusor am Heck seines Rennwagens zu blasen, um zusätzliche Fahrzeughaftung zu gewinnen. Red Bull fühlte sich benachteiligt. Denn Ferrari, mit gleichem System fahrend wie Red Bull, durfte das Doppelte an der Luft, also 20 Prozent, unter das Heck leiten. "Wir arbeiten mit dem, was uns die Fia zugesteht", drückt es Ferrari-Technikchef Fry aus.
Ferrari forderte bei der Fia Änderungen
Fest steht: Von der Regeländerung profitierte Ferrari am meisten. SPIEGEL ONLINE erfuhr: Bei Toro Rosso, die als Ferrari-Kunde das gleiche System fahren wie das Team aus Maranello, konnte man weniger als 50 Prozent der Abgase weiterleiten, als es noch keine Beschränkung der Abgasmenge gab. Soll heißen: Das Ferrari-System war einfach zu schlecht. Deshalb machten die Italiener bei der Fia Druck, um das System ganz oder fast ganz verbieten zu lassen. Das machte den Ferrari nicht schneller, bremste aber die Konkurrenz drastisch ein.
Mercedes-GP-Teamchef Ross Brawn versucht den Nebel im Regelchaos zu lichten. Doch selbst der gewiefte und erfahrene Techniker gibt zu: "Es ist sehr schwer zu unterscheiden, ob ein Motor sein Auspuffsystem dazu hat, um reine Motoreigenschaften zu bedienen oder als aerodynamisches Hilfsmittel entwickelt worden ist." Was Brawn meint: Red Bull hat sein Auspuffsystem konstruiert, um zusätzlichen Abtrieb zu erreichen - durch Anblasen des hinteren Diffusors. Aber auch dazu, um durch Luft Systeme wie Bremsen zu kühlen.
Nicht nur deshalb sei es so schwierig, die Technik zu beurteilen. Ex-Mercedes-Motorenkonstrukteur Mario Illien erklärt: "Renault und Ferrari arbeiten mit Drosselklappen im Motor, Mercedes mit einem so genannten Walzenschieber. Man muss die beiden Systeme verschieden einordnen." Gibt die Fia beiden Motoren die Erlaubnis, weiterhin zehn Prozent Auspuffgase herauszublasen, obwohl der Fahrer vom Gas geht, "hätte das Renault-System einen Nachteil", so Illien.
Beim nächsten Rennen gibt es die nächste Änderung
Deshalb wird es ab dem Großen Preis von Deutschland am 24. Juli wieder eine Änderung geben. Alle zwölf Teams sind sich jetzt einig, dass man zu der Regel zurückkehren wird, die man beim GP von Europa am 26. Juni in Valencia angewandt hat. Das war die Bedingung der Motorsportbehörde Fia. Die "Formel-1-Polizei" hatte die Lösung für den Streit den Teams übertragen. Kurz gefasst heißt das: Das "freie" Blasen aus dem Auspuff ist wieder erlaubt, wenn die Motorsteuerung von Qualifying und Rennen gleich ist.
In Silverstone durften die Renault-Teams wie Red Bull und die drei Mercedes-Teams nur zehn Prozent der Auspuffgase nutzen, die von Ferrari-Motoren ausgestatten Teams Ferrari, Sauber und Toro Rosso 20 Prozent. Zwei Teams hatten sich in Silverstone noch dem "Valencia-Kompromiss" widersetzt: Ferrari und Sauber. Beide werden jetzt aber ihre Unterschrift geben. "Damit ist die Sache klar", sagte Mercedes-GP-Teamchef Ross Brawn. Brawn ist nebenbei Vorsitzender der technischen Kommission aller Teams.
Für Sebastian Vettel bedeutet das bei seinem Heimrennen am Nürburgring: Der Nachteil, den die Fia ihm und seinem Red-Bull-Team in Silverstone beschert hat, ist wieder weg. Ferraris Vorteil ebenfalls. "Eine gute Nachricht", sagt Vettel. Red-Bull-Teamchef Christian Horner blickt wieder optimistisch nach vorne. "Jetzt können wir endlich einen Schlussstrich unter das leidige Thema ziehen."
Denn der Red Bull wird mit der "Valencia-Einstellung" wieder etwa vier Zehntel pro Runde schneller fahren können als in Silverstone. So schätzt das jedenfalls Red-Bull-Designer Adrian Newey ein. Ferrari, so scheint es, sollte sich nicht so schnell ans Siegen gewöhnen.

