Lade Daten...
11.06.2012
Schrift:
-
+

Montreal-Sieger Hamilton

Genie und Wahnsinn des Herrn Motzki

Aus Montreal berichtet Ralf Bach
GP von Kanada: Sieben unterschiedliche Sieger
Fotos
AP

Im Auto top, neben der Piste ein Flop: Bei keinem Formel-1-Piloten geht die Schere zwischen Fahrtalent und Image weiter auseinander als bei Lewis Hamilton. In Kanada zeigte er, warum McLaren trotz aller Eskapaden mit ihm verlängern will.

Die hohen Asphalttemperaturen sorgten bei den Ingenieuren und Fahrern vor dem Großen Preis von Kanada für Nervosität: Keiner konnte genau abschätzen, welche Fahrzeugabstimmung die beste für das Rennen wäre. Wenn keiner was richtig weiß, ist der pure Renninstinkt des Fahrers gefragt, das reine Talent wird zum Erfolgsfaktor. Davon hat Montreal-Sieger Lewis Hamilton zur Genüge.

Er beschreibt das so: "Ich liebe den Kurs von Montreal. Das Auto rutscht mehr als woanders, das gefällt mir. Es erinnert mich an meine Gokartzeit." Hamilton feierte in Kanada seinen ersten Saisonerfolg, als siebter Sieger im siebten Rennen." Dass er so nebenbei seit dem Wochenende auch noch mit zwei Punkten Vorsprung vor Fernando Alonso und drei vor Weltmeister Sebastian Vettel die WM anführt, hat mit seiner fahrerischen Weiterentwicklung zu tun. In allen Rennen 2012 fuhr er in die Punkte. Ausrutscher und Kollisionen wie in der vergangenen Saison leistete er sich noch keine.

Seine Unfallliste 2011 war lang: In Monaco kollidierte er mit Felipe Massa, Jaime Alguersuari und Pastor Maldonado; in Kanada mit Jenson Button und Mark Webber; in Ungarn nach einem Dreher und anschließendem, rücksichtslosem Wendemanöver fast mit Paul di Resta; in Spa in der Qualifikation mit Maldonado und im Rennen mit Kamui Kobayashi; in Singapur rempelte er wieder Massa weg, der ihm anschließend an den Kragen ging. Kein Fahrer hatte 2011 mehr Kollisionen. Und immer fühlte sich Hamilton als Opfer, nie als Täter.

Fahrerisch zu einer festen Größe geworden

Mittlerweile gibt er sich geläutert: "Vergangene Saison war wirklich schwierig. Im Winter ging ich in mich und schwor mir, jetzt alles besser zu machen." Soll heißen: den Kampfhahn zu Hause lassen, besser den schlauen Fuchs rauskehren und beim Kampf um eine Kurve mal zurückstecken. Hamilton, das Naturtalent mit Hang zum Übersteuern, ist in diesem Jahr fahrerisch zu einer festen Größe geworden. Das ist die goldene Seite der Medaille.

Es gibt aber noch eine andere: Die dunkle Seite, die Teams wie Red Bull und Ferrari davon abhält, an eine Verpflichtung Hamiltons zu denken. Intern wird der Brite bei McLaren nur "Motzki" genannt, weil er rummosert und sich aufführt wie eine Diva. Fest steht: Ende dieser Saison läuft sein Vertrag bei McLaren aus. Das Team würde gerne mit ihm verlängern, bisher weigerte sich Hamilton aber, einen neuen Vertrag zu unterschreiben.

Dass der britische Rennstall ihm nicht schon längst den Laufpass gegeben hat, liegt einzig an Hamiltons Gasfuß. Intern knistert es gewaltig. Hamilton mag zwar der schnellere sein, doch Teamkollege Jenson Button hat McLaren nicht nur durch seine nette Art überzeugt, sondern auch durch sein analytisches Denken, Team und Auto voranzubringen. Motzki Hamilton dagegen sagt unverblümt: "Im Qualifying ist der Fahrer gefragt, im Rennen eher Strategie und Können des Teams." Anders ausgedrückt: Ich bin gut, das Team aber versagt, weil es aus Hamiltons drei Pole-Positions nur einen Sieg generieren konnte.

Hamilton der Star, nicht das Team

Hamilton hätte völlig den Bezug zur Realität verloren, heißt es. Selbst Landsleute unter Fahrerkollegen lästern: "Der redet mit keinem mehr und ist völlig abgehoben." Seine Zukunft scheint deshalb nicht so sicher, wie er glaubt: Bei Mercedes hat er verbrannte Erde hinterlassen. Zu viele Absprachen mit dem Konzern hat er gebrochen. "Bloß nicht zu Mercedes, das bringt nur Chaos", sagt ein Mercedes-Insider zum Thema Hamilton. Bei Ferrari könnte Superstar Fernando Alonso den Riegel vorschieben. Der hat dort das Sagen. Red Bull wäre 2013 eine Variante, wenn Monaco-Sieger Mark Webber aufhört. Vettel könnte man mit dem Motzki aber dann vergrämen.

Das Elend fing damit an, dass Hamilton Englands angebliches PR-Genie Simon Fuller Anfang 2011 als Manager engagierte. Fuller kümmerte sich vorher schon um andere Stars wie die Spice Girls, Schauspieler Michael Caine oder Sportgrößen wie David Beckham und Andy Murray. Fullers größtes Ziel: Er will Hamilton als Superstar in den USA platzieren. Er redete ihm ein, so heißt es bei McLaren, dass Hamilton der Star sei, nicht das Team.

Hamilton scheint davon mittlerweile überzeugt.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
1. Wenn man sich den
markus1907 11.06.2012
Artikel so durchliest, dann weiß man auch, warum ein David Backham in die USA gegangen ist und fußballerisch sehr kleine Brötchen backt. So ist das manchmal, wenn man sich auf die Meinung des Managers und nicht auf seine eigenen [...]
Artikel so durchliest, dann weiß man auch, warum ein David Backham in die USA gegangen ist und fußballerisch sehr kleine Brötchen backt. So ist das manchmal, wenn man sich auf die Meinung des Managers und nicht auf seine eigenen Stärken verlässt. Ich hoffe, dass Hamilton nicht genauso endet. Er hat wirklich ein sehr großes Talent.Nunka. Das hatte Backham aber auch. Leider gehörte er nie wirklich zu den ganz großen Fußballern.
2. @markus907
geemani 11.06.2012
das stimmt so nicht ganz. --> hamilton wird doch auch von seiner (älteren) ehemals superstar freundin geleitet. er will ja mit ihr zusammen so weltweit bekannt und "superstar in" wie eben grade die beckhams. Die haben [...]
das stimmt so nicht ganz. --> hamilton wird doch auch von seiner (älteren) ehemals superstar freundin geleitet. er will ja mit ihr zusammen so weltweit bekannt und "superstar in" wie eben grade die beckhams. Die haben es ja geschafft, trotz nicht mehr super fussball und ohne musik erfolgreich, smart und superstar zu sein. meiner meinung nach ist david auch seiner frau zuliebe in die usa gegangen; sie wollte da karrieremäßig fuss fassen und hat es auch geschafft. da muss der kleine lewis noch viel tun, um es in diese art von bekanntheit und superstar sein zu schaffen. bis jetzt ist er nur ein verwöhntes supertalent im auto. er fährt sicher ab und zu besser als andere, aber der rest stimmt einfach nicht bei ihm. da kam dann noch seine scherzinger freundin genau zum falschen zeitpunkt und hat ihm letztlich 2011 als fahrer geklaut.. naja wie man sich bettet,..... ....
3. Recht hat er.
tuobob 11.06.2012
Zitat: "Motzki Hamilton dagegen sagt unverblümt: "Im Qualifying ist der Fahrer gefragt, im Rennen eher Strategie und Können des Teams." Anders ausgedrückt: Ich bin gut, das Team aber versagt, weil es aus Hamiltons [...]
Zitat: "Motzki Hamilton dagegen sagt unverblümt: "Im Qualifying ist der Fahrer gefragt, im Rennen eher Strategie und Können des Teams." Anders ausgedrückt: Ich bin gut, das Team aber versagt, weil es aus Hamiltons drei Pole-Positions nur einen Sieg generieren konnte." Damit hat er nur die Wahrheit gesagt. Und das Opfer Syndrom ("Die anderen sind schuld") kennen wir doch schon von Schumi, der auch gerne mal jemandem hinten rein fährt und sich dann beschwert.
4. Weder Genie, noch Wahnsinn
Sapientia 11.06.2012
Sondern ein nur mit riesigem Aufwand zu steuernedes Talent, welches nie eine andere Welt als die des Motorsports kennenlernte, weil der Herr Papa reich werden wollte, dem dabei die Mama abhanden kam, der mit einem großen Maß [...]
Zitat von sysopIm Auto top, neben der Piste ein Flop: Bei keinem Formel-1-Piloten geht die Schere zwischen Fahrtalent und Image weiter auseinander als bei Lewis Hamilton. In Kanada zeigte er, warum McLaren trotz aller Eskapaden mit ihm verlängern will. Formel 1: Montreal-Sieger Lewis Hamilton - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/formel1/0,1518,838050,00.html)
Sondern ein nur mit riesigem Aufwand zu steuernedes Talent, welches nie eine andere Welt als die des Motorsports kennenlernte, weil der Herr Papa reich werden wollte, dem dabei die Mama abhanden kam, der mit einem großen Maß an Unsicherheit ausgestattet blieb und dies mit immer wieder variierendem Körperschmuck kompensiert, ohne es zu bemerken. Daneben ist er ein typisches Kind der unteren englischen Gesellschaft, welche oben ankommen will, aber unten feststeckt. Aber er ist sehr, sehr schnell und dafür ist er dort wo wir ihn sehen dürfen
5.
Xan1973 11.06.2012
Auch McLaren hätte Hamilton schon aussortiert, wenn er nicht das Ziehkind von Ron Dennis wäre. Aber ich denke es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das Team nicht mehr von dem auf der Nase herumtanzen lässt. Er ist sicher [...]
Zitat von sysopIm Auto top, neben der Piste ein Flop: Bei keinem Formel-1-Piloten geht die Schere zwischen Fahrtalent und Image weiter auseinander als bei Lewis Hamilton. In Kanada zeigte er, warum McLaren trotz aller Eskapaden mit ihm verlängern will.
Auch McLaren hätte Hamilton schon aussortiert, wenn er nicht das Ziehkind von Ron Dennis wäre. Aber ich denke es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das Team nicht mehr von dem auf der Nase herumtanzen lässt. Er ist sicher ein super Fahrer und hat seine Qualitäten, aber inzwischen hat er es sich mit so ziemlich jedem versaut, dem er jemals über den Weg gelaufen ist. Die Stimmung im Team kann man manchmal schon aus den Funksprüchen mit seiner Crew heraushören. Die Antworten die sein Renningenieur da teilweise bekommt wenn er ihm helfen will, sind nur mühsam verklausulierte Varianten von "Lass mich in Ruhe du Vollidiot". Sowas leistete sich nicht mal ein Alonso zu seinen bekanntermaßen durchwachsenen McLaren-Zeiten - und der war die Petze schlechthin. Inzwischen hat aber selbst der angefangen zu denken bevor er den Mund aufmacht.

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

MEHR IM INTERNET

Verwandte Themen

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter RSS
alles zum Thema Großer Preis von Kanada
RSS
Top

© SPIEGEL ONLINE 2013 Alle Rechte vorbehalten