26.11.2012
F1-Weltmeister Vettel
Wechseln!
Von Birger HamannIrgendwann wird die große Party vorbei sein. Dann sind die Champagnerflaschen geleert und die Pflichttermine absolviert, das Leben wird wieder etwas normaler sein, wenn so etwas für einen Formel-1-Weltmeister überhaupt möglich ist. Und dann, in einem Moment der Ruhe, wird sich Sebastian Vettel nach seinem dritten WM-Titel in Folge fragen: Was nun?
Eigentlich ist die Antwort einfach: Urlaub, Tests, Weihnachten, Tests, Saisonstart. Aber bei der Frage geht es um mehr. Darum, wie aus Vettel, einem der großen Piloten der Formel-1-Geschichte, einer der ganz großen Piloten der Formel-1-Geschichte werden kann. Und der 25-Jährige wird wissen, dass dieser Schritt bei Red Bull fast unmöglich ist. Um in den Club um Michael Schumacher und Ayrton Senna aufzusteigen, muss Vettel mit einem Traditionsrennstall Weltmeister werden. Er muss wechseln.
"Damit beschäftige ich mich noch gar nicht", hatte Vettel die Gerüchte im Oktober kommentiert, er werde zu Ferrari gehen. Das war nicht die ganze Wahrheit, denn zu diesem Zeitpunkt hatte sich Vettel längst mit den Italienern unterhalten. Nichts Konkretes, ein kleiner Flirt, die Positionen abklären. Aber machen wir uns nichts vor: Natürlich beschäftigt sich Vettel längst mit dem Thema Wechsel.
Würde man eine Formel-1-Karriere auf dem Reißbrett planen, heraus käme das bisherige Leben von Sebastian Vettel. Vom Kartsport in kürzester Zeit über die Formel BMW und Formel 3 in die Formel 1. Dort ist er bis heute der jüngste Sieger eines Qualifyings, der jüngste Sieger eines Grand Prix und der jüngste Weltmeister. Und weil er seinen Titel anschließend zweimal verteidigte, ist er natürlich auch jüngster Doppel- und Dreifach-Weltmeister.
Vettels sportliche Biografie ist makellos. Und in Gefahr, langweilig zu werden.
Um es deutlich zu sagen: Vettel ist ein hervorragender Formel-1-Pilot, ein positiv Wahnsinniger, der völlig auf den Erfolg fokussiert ist und verdient dreimal in Folge Weltmeister wurde. Aber, und das muss man ebenso deutlich sagen, Vettel hat auch das beste Auto vom besten Team zur Verfügung gestellt bekommen. Und das ging nur, weil Geld bei Red Bull scheinbar keine Rolle spielt. Diesem Rennstall, der das Gegenteil von Tradition ist, der erst seit 2005 in der Formel 1 dabei ist und aus dem Boden gestampft wurde mit den Milliarden von Dietrich Mateschitz.
Die These mag kühn sein, aber: Mit so einem Auto und so einem Team hätten auch Piloten wie Fernando Alonso, Lewis Hamilton oder Kimi Räikkönnen, die fahrerisch auf einem Level mit Vettel liegen, WM-Titel geholt.
Daher nochmal: Was nun, Vettel?
Es ist die Frage, die sich auch Michael Schumacher 1995 stellte, als er zum zweiten Mal in Folge Weltmeister im Benetton-Renault geworden war, sich für einen Wechsel entschied - und damit für den Bruch in seiner Karriere. Schumacher ging damals zu Ferrari, einem Rennstall, der außer Tradition nicht mehr viel vorzuweisen hatte. Fast fünf Jahre dauerte es damals, bis Schumacher das Team auf Erfolg getrimmt hatte und 2000 endlich am Ziel war: der erste WM-Titel für die stolze Scuderia seit 1979. Fünfmal in Folge wurde er anschließend mit Ferrari Weltmeister und damit zum bis heute erfolgreichsten Formel-1-Piloten der Geschichte.
Ferrari, McLaren, Mercedes: Es waren diese Rennställe, bei denen aus großen Fahrern ganz große Fahrer wurden. Weil die Kombination Weltmeister und Team mit Tradition Superstars schafft und die Massen elektrisiert. Juan Manuel Fangio (Weltmeister mit Ferrari und Mercdes) war der erste, später Niki Lauda (Ferrari und McLaren), auch Alain Prost (McLaren) und natürlich Senna (McLaren) und Schumacher. Vettel gibt zu: "Marken wie Ferrari und Mercedes üben auf jeden Piloten einen Reiz aus."
Die Frage ist nicht, ob Vettel eines Tages für einen der traditionsreichen Rennställe fahren wird, sondern wann er wechselt. Nicht in der kommenden Saison, so viel ist klar. Vettels Vertrag bei Red Bull läuft noch bis Ende 2014, Alonsos Kontrakt bei Ferrari sogar bis 2016, und bei Mercedes nimmt Lewis Hamilton im kommenden Jahr den Platz von Schumacher ein. Ein Wechsel Vettels wäre daher frühestens zur Saison 2014 möglich, wahrscheinlich ist er aber erst 2015. Denn Red Bull hat - natürlich - kein Interesse daran, Vettel vorzeitig ziehen zu lassen.
"Sebastian hat einen kugelsicheren Vertrag bei uns bis einschließlich 2014. Es gibt weder eine Option noch irgendwelche Ausstiegsklauseln", sagte Helmut Marko der "Sport Bild". Der Red-Bull-Motorsportchef weiß aber auch: "Mercedes wollte Sebastian schon 2009 haben. Es ist doch logisch, dass sie es auch weiterhin versuchen werden."
Doch Marko sieht sein Team im Werben um Vettel nicht chancenlos und fragt: "Wenn wir auch 2014 ein Auto bauen, das vorne mitfahren kann - warum sollte Sebastian uns dann verlassen?"
Weil Vettel bei Red Bull kein ganz Großer der Formel-1-Geschichte werden kann.