26.11.2012
Dritter WM-Titel in der Formel 1
Cooler Vettel bezwingt das Chaos von São Paulo
Aus São Paulo berichtet Ralf BachAlles, was in einem Formel-1-Rennen schiefgehen kann, was an Pleiten, Pech und Pannen zusammenkommen kann, widerfuhr Sebastian Vettel am Sonntag in São Paulo. Vettel verpatzte den Start, wurde in einen Crash verwickelt, drehte sich und war plötzlich Letzter. Sein Funk fiel aus, sein Team wählte die falschen Reifen, insgesamt dreimal. Sein Auto wurde beschädigt, bei einem Stopp klemmte ein Hinterrad. "Es ist alles passiert, was man sich vorstellen konnte", sagte Red-Bull-Teamchef Christian Horner.
Vettel aber trotzte allen Widerständen und Unwägbarkeiten - und durfte schließlich ein Happy End bejubeln. Nach seinem sechsten Platz feierte Vettel seinen dritten WM-Titel in Folge. Er ist damit auf einem Niveau mit den Formel-1-Legenden Ayrton Senna, Nelson Piquet, Niki Lauda und Jack Brabham, die auch dreimal Weltmeister geworden sind. Nur Alain Prost (4 Titel), Juan-Manuel Fangio (5) und Michael Schumacher (7) sind öfter Weltmeister geworden.
Und so fiel es Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko nach dem Rennen und dem erneuten Triumph nicht schwer, die wichtigste von Vettels Fähigkeiten zu betonen: "Er gibt nie auf und behält selbst im größten Chaos noch einen kühlen Kopf. Diese Ruhe strahlt sogar auf unser Team ab." Marko hielt eine Lobeshymne auf seinen Schützling, es war eine angebrachte Huldigung: "Sebastian wird unter Druck immer stärker und steigert sich noch mal in der zweiten Saisonhälfte, wenn es um die Entscheidung geht. Das geht nur, wenn man mental so unglaublich stark ist wie Vettel. Letztendlich wird ein Titel im Kopf entschieden."
Diese Zielstrebigkeit und das Selbstvertrauen waren Vettel nicht angeboren, er musste beides entwickeln. Den entscheidenden Schritt vom talentierten Fahrer zum Champion machte Vettel 2010 in Monza. Gefühlt hatte er damals gerade den Tiefpunkt seines Rennfahrer-Daseins erlebt. Von den internationalen Medien war er wegen seines Unfalls mit Jenson Button ein Rennen zuvor hart angegangen worden.
Vor zwei Jahren stand Vettel vor dem seelischen Knockout
Und dann stellte ihm ein Berichterstatter nach einem enttäuschenden siebten Platz in der Qualifikation auch noch die Frage, ob er jetzt für seinen Teamkollegen Mark Webber fahren werde. Vettel stand kurz vor dem seelischen Knockout. Noch am selben Abend traf er sich mit seinem Vater und Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost zum Abendessen im Fahrerlager. Die Strategie von Tost: Mit einem Gespräch über Vettels ersten Sieg in Monza 2008 positive Gefühle schaffen und die aktuell bremsenden Zweifel vertreiben.
Tost spielte den Seelenklempner - und hatte Erfolg. Am Renntag war Vettel wie ausgewechselt, fuhr bis auf Platz vier vor und das bis dahin beste Rennen seiner Karriere. Anschließend war er auf dem Weg zu seinem ersten Titel nicht einmal mehr von einem Motorschaden in Korea zu stoppen. Diese mentale Stärke zieht sich seitdem durch Vettels Karriere. "Ich habe mir zwar keine Lebenstaktik zurechtgelegt", sagt er, "aber ich denke, dass man nie den Spaß an dem, was man macht, verlieren sollte. Die beste Taktik ist, sich topfit zu halten, an seine Fähigkeiten immer zu 100 Prozent zu glauben und immer seinen eigenen Weg zu gehen - in jedem Bereich des Lebens."
Bestes aufgelegt war Vettel auch in São Paulo, als nach dem Triumph die Anspannung entwich und der Deutsche befreit jubelte. Und es dürfte nicht seine letzte Feier gewesen sein. Wohin der Weg des jüngsten Dreifach-Weltmeisters aller Zeiten noch führt, ist offen. Aber sein Mentor Gerhard Berger glaubt: "Als Fangio fünfmal Weltmeister wurde, glaubte jeder, das würde keiner mehr erreichen können. Dann kam Michael Schumacher und legte diese Latte nochmal etwas höher. Jetzt ist Sebastian auf dem besten Weg, diese noch vor kurzem als schier unüberwindbare Hürde geltende Barriere zu überwinden." Denn: Vettel ist gerade einmal 25 Jahre alt.

